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Jüdische Presse · 1929-10-04 · 41 (4.10.1929) · page 3

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Journal
Jüdische Presse
Volume
15 (1929)
Issue
41 (4.10.1929)
Date
1929-10-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 41 Seite 3 JÜDISCHE PRESSE 41■#’ p1llllllllllllllllll]|||||||llllllll1ll!]|lllllllllllllllllllll]lllllll!lllllllllllllllll״lllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllii!illlllllllllllllllll!llllllllllllllll:lllllllllllllllllllllllllllllllllllllll״llli | Perückenschöpfungen Othmar Schiff | S Wien, I.> Kärntnerring 6 Gegenüber dem Hotel Bristol — Telephon U-41-3-62 Ein Besuch bei Kommerzialrat Othmar Schiff. Ein lebhaftes Kommen und Gehen eines eieganten internationalen Publikums in den Ateliers der Perückenwerkstätte des Kommerzialrates O t hmar Schiff. Begrüßungen von Damen — da in französischer, dort in englischer Sprache. Aus fernstcn Ländern strömen Damen herbei, um vom Meister Othmar Schiff die individuellste Perücke zu bekommen. Und jede fühlt schwellend, daß sie nun verschönt, verjüngt das Atelier verläßt. Denn mit staunenswertem Scharfblicke hat der Meister in wenigen Sekunden das Charakteristische eines jeden Kopfes herausgefunden und mit unfehlbarer Sicherheit die zum Gesichte passendste Perücke bestimmt. Aber so kolossal groß das Meer der Angestellt.e'11 von Othmar Schiff auch ist, muß jede Arbeit dennoch schließlich seine strenge Zensur passieren. Denn Othmar Schiff achtet aufs peinlichste darauf, daß sein wohlerworbener Weltruf nicht etwa durch minderwertige Arbeit geschmälert werde. Ist es ja doch!seit Jahrzehnten bekannt, daß von Othmar Schiff die geschmackvollsten, modernsten und in Material besten Perücken geliefert werden, die aber trotz ihrer hohen Qualität und erstklassigen Ausführung dennoch recht preiswert sind. Für den Weltruf Othmar Schiffs spricht auch die Tatsache, daß der Meister heuer von den Friseuren und Perückenmachern der Vereinigt e n Staaten Nordamerikas die Einladung erhielt, auf ihrem Kongresse, der im September in Detroit stattgefunden hat, einen Vortrag zu halten. Othmar Schiff war jedoch, infolge Ueberhäufuug mit Arbeit, nicht in der Lage, dieser höchst, ehrenvollen Einladung Folge zu leisten. Kommerzialrat Othmar Schiff begibt sich in den nächsten Tagön auf eine längere Studienreise nach Paris. Wie seit Jahren gibt der weltberühmte Perückenkünstler auch heuer in diesem Blatte unseren geschätzten Leserinnen zum Jahreswechsel in einigen Modellen hieinit kleine Proben aus der Fülle seiner .entzückenden- Schöpfungen auf dem _ . Gebiete ־;der •Perückenmode. - E...... sxs יה׳ m '1 Ss ׳w /.>. ׳-׳-:״•׳ •m/ 88388*■־##''׳,*<•־׳?»^»'w ■ ini Am 6. September jährte sich der Tag, an dem vor zweihundert Jahren Moses Mendelssohn in Dessau geboren wurde. Ueberall in der Welt wurden aus diesem Anlasse Gedenkfeiern abgehalten. In der O r t h o# doxie ist das Urteil über Mendelssohns literarisches und praktisches Wirken geteilt, je nach der Stellung, welche die einzelnen Richtungen in der Orthodoxie zu dem Pro# blern!״Thora im Derech#Erez" einnehmen. Das Urteil des Gha^ssam Sopher über Mendelssohn ist bekannt. In seinem Testamente heißt es: ״Uwisefre ,Remad‘ al tisch# Iechu jad,“ in deutscher Uebcrsetzung: ״An den Büchern des Rabbi Moses Dessau rührt nicht an“. Diesem Urteil hat sich die osteuropäische Orthodoxie restlos angeschlos# sen. Die westeuropäische Orthodoxie schwankt in ihrer Stellungnahme. Wohlgemut kommt am Schlüsse einer größeren Studie in dem jüngsten Heft seines ״J e s c h u# run“ zu folgendem Ergebnis: Moses Mendelssohn bleibt bei allen großen Ver# diensfen, die er sich um das Judentum erworben, bei aller Verehrung, die wir ihm zollen müssen, um der Reinheit seiner Gesinnung willen und der Lauterkeit seines Cha# rakters, für das thoratreue Judentum eine ephemere Er# scheinung. Für das thoratreue Judentum, soweit es von der Idee beherrscht ist, daß die Religion und im besonderen unsere Religion im Mittelpunkt des Denkens und Füh# lens stehen muß, auch das profane Leben in allen seinen Betätigungen mit ihrem Inhalt zu erfüllen hat. Anders für die thoratreue Judenheit; sie ist ein Teil der Gesamtjudenheit und mit dieser interessiert an der Frei# heit des Menschen, an der Befreiung vom schändenden Drucke, mit dem die Versagung der Menschenrechte Leib und Seele verkümmern ließen. Für die Erringung der Emanzipation; die ein Gut an sich ist, hat freilich Moses Mendelssohn unsterbliche Verdienste. Sie liegen nicht in der positiven Arbeit für sein Volk, er hat für sein Volk nicht gelitten und gekämpft. Doch er hat in zäher Arbeit an seinen Charaktereigenschaften sich zu einer Gestalt gebildet, die unsere Weisheit und Einsicht ward in . den Augen der Völker. Der wirksamste Philosoph und be# liebteste Schriftsteller seiner Zeit ein Jude und ein frommer Jude! Günstige Umstände kamen ihm zu Hilfe, die Zeit war reif für die Revolution der Geister, für die Befreiung des Menschen, wie sie in der französi* sehen Revolution zur Tat werden sollte und damit für die Freiheit der Juden. Aber Mendelssohns Persönlichkeit bot doch in dem Kampfe eine treffliche Waffe. Das spezifisch Jüdische an ihm, die Uneigennützigkeit, die edle Menschenliebe, die Abgeklärtheit der Weisen, die ja auch Spinoza zu einer fast singulären Erscheinung in der Geschichte der neueren Philosophie stempeln, sie konnten das Muster abgeben für Lessings Nathan den Weisen, das Hohelied von der Größe des verkannten und verachteten Juden. . . Und wenn wir den Tiefstand der profanen und der jüdischen Bildung berücksichtigen,. der noch-zwei Men# schenalter nach Mendelssohn in - der Masse auch der deutschen Judenheit festzustellen ist — äußerst instruktiv sind hier die von Heinrich Löwe herausgegebenen Lebens# erinnerungen A. I. Heymanns — dann werden wir die Wirkung, die von Mendelssohns Lehren und Schriften äusgeht, nicht hoch genug einschätzen können. Für die Ausartungen, die unter dem Einfluß der zu plötzlich ein# setzenden Emanzipation und der philosophisch und dich# terisch stürmisch vordringenden Romantik, der Gefühls# religion Schleiermachers, der spekulativen Systeme ’ eines Schelling, des Kampfrufes zurück zum Mittelalter, zur protestantischen oder katholischen Taufe oder unter der Nachwirkung der seichten Aufklärung zu Reformen im Kultus, zum Abfall vom Gesetz führten, ist die an Gärungen so reiche Zeit und nicht die Persönlichkeit Moses Mendelssohns verantwortlich zu machen. Aber ein F ii h r e r ׳jאל הי1ל (־ in die innere Halle des Tempels, in das ureigenste Geheimnis der Religion und nun gar der jüdischen Religion, wie sie das thora# treue Judentum bekennt und befolgt, ist er nie gewesen und kann er noch weniger unserer Zeit sein. Ein sehr interessantes Zeugnis dafür, wie bedin# gungslos Mendelssohns Wirken im thoratreuen Judentum in Deutschland noch vor einigen' Jahrzehnten anerkannt wurde, haben wir in den Gedenkreden und Aufsätzen, die anläßlich seines hundertjährigen Todestages in den füh# renden Organen veröffentlicht wurden. Der ״Israelit“, der ״Jeschurun“ und die ״Jüdische Presse“ bringen Leitartikel, die alle mit kleinen Nuancie# rungen den gleichen Inhalt haben: Mendelssohn ist derjenige, der als das erste große Muster gelten darf, wie man Thora und Derech Erez, das Studium der jüdischen Lehre und treues Festhalten an der Tradition in prakti# scher Betätigung des jüdischen Religionsgesetzes mit weltlicher Bildung vereinigt. ״Mendelssohns Persönlichkeit war . . . eine so mächtige, daß noch nach seinem Tode, als die Massen# taufen in Berlin anfingen epidemisch zu werden, er vielen als derjenige dastand, der es zeigte, wie man als from# mer Jude teilnehmen könne an der Bildung der Zeiten und wie man als frommer oder, wie man heute sagen LLOYD RIEST1MO & i Direkte Linie TRIEST-JAFFA und retour Abfahrten jeden zweiten Donnerstag 8 Uhr abends. || Fahrtdauer unter Berührung von Brindisi bloß 5l/a Tage Fahrpreise: I. Kl. Lst 22.-.-, II. Kl. Lst. 15.-.—, III. KJ. Lst. 5.-.- inklusive Kabine und Verpflegung. Eine Fahrt Triest-Jaffa—Haifa und zurück kostet in der IU. Klasse inklusive Kabine und Ver־ pflegung bloß österr, S 345.—. Für Gesellschaftsreisen besondere Ermäßigung! Auskünfte: Lloyd Triestino, Wien, I. Kärntnerring 6 §j Tel. U-46-0-53, U-46-0-54, U-46-0-55. würde, als orthodoxer Jude Wissenschaft und Judentum vereinigen und sich die Achtung seiner christlichen Mit# bürger erwerben könne. So läßt sich Marcus Lehmann (״Israelit“ Jahrg. 1886 I S. 4 Sp. 1 f.) vernehmen. ״Plündert Jahre sind verflossen, seitdem einer der edelsten Söhne des Hauses Israel seine irdische Pilger# fahrt beendigt . . . seitdem Moses Mendelssohn . . . ein# gesammelt worden ist zu seinen Genossen, den Gerechten und Tugendhaften im Gefilde der Seligen. Sein Gedacht# nis lebt aber unvergessen im Kreise der Sterblichen. Sie weihen ihm, der Weisesten Einem, den Zoll׳ der Dank# barkeit und der Verehrung ob des unvergänglich Guten, das er gewirkt, ob der Saat des Heiles, die er eingestreut in die Furchen des Ackers der Menschheit, auf welchem dereinst die herrliche Frucht der allverbreiteten ungetrüb# ten Erkenntnis der Wahrheit erblühen wird an dem ent# zückenden, ewig dauernden, längst verheißenen Morgen, den sein Auge vorahnend geschaut, nach dem sein Herz sich gesehnt . . . Wahrlich, Moses Mendelssohn zählt zu den Erlesenen und Hochbegnadeten, deren Leben und Wirken ausschließlich und bewußt der Beförderung dieses wahrhaftigen Heiles gewidmet gewesen. (״Jeschurun“ Jahr# gang 1885 S. 833. Sp. 1 und 2.). Und der Dithyrambus schließt: ״Uns aber bleibe Mendelssohn stets' der große •und edle Jude, dem wir ewig dankbar sind für das, was er uns geleistet: die Aneignung der allgemeinen Bildung, die Achtung des jüdischen Namens, die Vertretung des ganzen Judentums nach außen und innen, das erhabene Vorbild eines echt jüdischen gesetzestreuen Wandels und einer innigen, opferbereiten Ueberzeugung für das ganze ungeschmälerte biblisch#rabbinische Judentum Pland in Pland mit umfassendstem Wissen und tiefer Erkenntnis auf allen Gebieten der Wissenschaft.“ (״.Teschurun“ Jahr# gang 1885 S. 839 Sp. 1.) Der Jahrgang des ״Jeschurun“, in dem wir dieses lesen, ist zwar von Julius Plirsch, dem Sohne Samson Raphael Hirschs herausgegeben. Aber diese Sätze sind zu Lebzeiten des großen Vaters ge# schrieben. Und Esriel Hildesheimer schließt seinen Vortrag, über Moses Mendelssohn (abgedruckt in der von seinen Sohne Hirsch Hildesheimer herausgegebenen ״Jüdischen Presse‘, Jahrg. 1886 Nr. 1 und 2) mit den Worten: ״Da# rum soll der heutige Tag uns eine erneute Mahnung sein, in unserem Denken dem Beispiele Moses Mendlssohn zu folgen und seine großen Lehren nicht nur uns selbst tief ins Herz zu graben und zur Richtschnur zu machen im praktischen Lehen, sondern dieselbe Gesinnung auch in unseren Kindern und Kindeskindern zu warten und zu pflegen“ (Seite 1־^ Sp. 1). Ein zeitgenössisches Urteil von orthodoxer Seite über Mendelssohn entnehmen wir einem überaus interessanten, in der ״Jüdisch־liberalen Zeitung“, Berlin, veröffentlichten Aufsatz des Prof. Dr. Eugen Wölbe. Da heißt es unter anderem: Wie ein großer Teil der deutschen — und nament# lieh der polnischen und böhmischen — Juden die auf ihre kulturelle Vervollkommnung und Veredelung abzielen־ den Bestrebungen des Berliner Philosophen aufnahm,, zeigt das Schreiben eines Rabbiners an einen Freund über den ״Verfall des Judentums“. Dieser Brief ist in dem Werke ״Der Weltbürger oder deutsche Annalen der Menschheit und Unmenscheit“ (Zürich 1792) abgedruckt Sein Haupt# inhalt ist die folgende Charakteristik Mendelssohns und seines Lebenswerkes: ״In Berlin trat ein Heuchler unter der Larve der

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