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Jüdische Presse · 1928-05-18 · 19 (18.5.1928) · page 3

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Journal
Jüdische Presse
Volume
14 (1928)
Issue
19 (18.5.1928)
Date
1928-05-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 19 JÜDISCHE PRESSE Seite 131 denn e3 ist: erstensS stärker als der Zahnstein, lockert und entfernt ihn vom ge־ fährdeten Zahnschmelz. Wie für die Umwandlung der jüdischen Religionsgemeinschaft in der Tschecho- Slowakei in eine ״Minderheitsnatiönalität“ agitiert wird. Das zionistische Echo des Beschlusses der Wiener Kultusgemeinde. Von unserer Bratislavaer •Redaktion. Wir Juden haben bekanntlich viele gute Freunde, sehr gute, ja sogar übergute Freunde.!Diese guten Freunde haben jahraus, jahrein keine andere Sorge, als uns Juden zu ■beglücken, uns vor allem mit all den Segnungen zu beglücken, die wir in unserer Verbohrtheit und politischen Kurzsichtigkeit nicht genügend zu würdigen wissen. Was draußen in der Wielt der Menschheit so viel Heil und Segen gestiftet, so viel .Glück und Wohlfahrt gebracht hat, was den Geist und Sinn der Menschen und der Völker gehoben und veredelt hat, das soll und muß auch uns armen, sp'ätgcboreuen, unerfahrenen Juden zuteil werden, ob wir wollen oder nicht. Wir sind doch bekanntlich das jüngste und dümmste unter den Völkern dieser •Erdkugel und finden in unserer erlebnislosen!kurzen Geschichte .nicht die geringste Anleitung darüber, was uns frommt und taugt. Unsere ■g,uten Freunde müssen uns wohlwollend unter ihre bewährte und aufrichtig gemeinte Vormundschaft nehmen, um uns all dessen teilhaftig werden zu lassen, was sich!bei ihnen selber als der höchste Gipfel ■menschlichen Lebensgliiekes erwiesen hat. Die neueste dieser Bescherungen ist die — nationale Leidenschaft. Und die große politische Forderung,־ die sich für uns daraus ergeben soll, ist die — iMinderheitsnationalität! Zeigt sich speziell bei uns Juden in der Tschechoslowakei kein Verständnis für dieses große Glück und sind es höchstens nur ■die ■paar Dutzend zionistischer Advokaten und ihre Nachäffer, als gerade der ׳Kreis jener Juden, die — wie sattsam bekannt — täglich und stündlich vom Fluidum jüdischen Denkens und •Fiihlens, jüdischen Wissens durchdrungen sind, ■die eine solche׳ empor zum Höchsten weisende jüdische ■politische ״Minderheitsnationalität“ für sich und uns alle reklamieren, so ist dies nur ein Anspiorn für unsere guten, alten Freunde, erst recht nichts unversucht zu lassen, um uns in ■ihre minder.heitsnationale beseligende Fürsorge zu nehmen. Hier ein ■Beispiel ■für!viel e, wie der Gedanke der ״Mi11׳derbeitsnati011alität“ uns vertraut gemacht werden soll* Dreihundert Jahre einer Wiener Judenfamilie. ׳ i Von L. Moses. (Schluß.) Eine Tochter des eben genannten, als Chassid bekannten;Bunim Schlesinger war mit einem Sohne des ganz besonders gelehrten und frommen David Hirsch W 0 1 f1) namens Benzion Wolf verheiratet. Eine Tochter des R. Simcha Bunim Güns war Reizei, die Gattin des R. Salomon Salman Ullmann, des Rabbiners von Mako, der als Sohn des berühmten R. Schaiom Charif-Ullmann2) in ■Lackenbach und Verfasser des 1854 in Wien ■erschienenen Werkes יריעות שלמה bekannt ist. Eine andere Tochter war Rebeka, die Frau des R. Jehuda Modern in Preßburg, eine andere war mit Nordechai Grünwald in Preßburg verheiratet und schließlich wenden wir uns nun dem Sohne des R. Simcha Bunim zu, ■der in der Folge' die größte Bedeutung erlangen und mit seinem Hause verknüpfen sollte, Josef Sc hie- Singer. Im Verlaufe unserer, nunmehr schon über mehr als zwei Jahrhunderte sich erstreckenden Darstellung ) Von diesem David Hirsch Wiolf, ■einem der letzten Mattersdorfer Juden, die ״Haubenbrettl“ und Stremei trugen, erzählt Gelles im Jahrbuch f. ■jüd. Volkskunde 1924-25, daß er am Sabbatausgang ■das Wasser ausschütten ließ, damit nicht von Sabbat ■etwas für die Woche zubereitet ■werde. a) S. ״Jiid. Presse“ vom 13. und 20. März 1925. Da •ist die große und berühmte jüdische K u 1 t u sgehl ein dö ■Von Wieli. Sie iät £wär hür eilte ,yR 111tusgemeinde, also ein organischer!Bestandteil der jüdischen R 6Li g i 0 n s gemeihschaft, also genätt das Ge- ■geriteil von dem, was gemeiniglich unter politischer ״Rationalität“ ■und nationaler ״Minderheit“ in politischem und friedensvertraglichem Sinn gemeint ist. Das tut aber nichts Zur Sache. Auch sie ■kann in ihr Gegenteil verwandelt werden, wenn es dem politischen Ideal der Umwandlung ■des Judentums in eine!Minderheitsnationalität und der Herein- Zerrung des Judentums in der Tschechoslowakei in den Kampf der Nationalitäten irgendwie förderlich erscheint. Die Wiener Kultusgemeinde leidet Not; die Erhaltung ihrer großen!Institutionen erfordert Unsummen, denen die Tragkraft der Mitglieder nur schwer gewachsen ist. Deshalb ■und auch aus Gründen des ■Prestiges, der v e r f a s s u׳ n g smäßigen Gleichheit aller Konfessionen will sie den Bundesstaat und die Stadt Wien um Beisteuer im gleichen Verhältnis, wie sie den anderen Konfessionett geleistet wird, angehen. Die ZiOniste!n von Wien, die bei jeder auftauchenden Angelegenheit ihr politisch-nationales Süp'plein kochen wollen, verlangten ursprünglich, daß dieses Ansuchen an Staat und Stadt mit großer n a t i 0denn es ist 4׳:*' i aweiteKS 5 weicher als der Zahn- Schmelz, poliert ihn perlenweiß und י* erhöht so seine natürliche Schönheit. na 1-politischer Aufmachung unter Berufung auf Friedensvertrag und ■Minderheitsrecht usw., w!ie es schon so die zionistische Art und die zionistische Politik erfordert, gestellt werden soll. Davon wollte natürlich die ׳Kultusgemeinde nichts wissen. Sie beschloß!jetzt, das Ansuchen mit der Motivierung zu stellen, wie. es bisher Ln allen Ländem der Welt mit gutem, Erfolg, geschehen war. Die Wiener ״Neue Freie Presse“ vom 13. Mai brachte hierüber folgenden Bericht: 1000 Schilling betragenden Dotation für die der Heranbild'üfig vbii Rabbinern gewidmete Hoch&cfiüie, däs israelitischtheologische Seminar, während ■im Budget des Bundes für •die katholischen Kultusbedürfnisse außer der Dotation aus deii sogenannten!Kirchehfonds noch ein Zuschuß ■zur Kongruä von bedeutender Höhe enthalten ist und auch die protestantischen 'Religionsbedürfnissc mit , einem Verhältnismäßig hohen Betrag im Budget ׳bedacht sind* ganz abgesehen! davon, daß überdies für die evangelische Kirche eine eigene staatliche ׳Stelle, der Oberkirchenrat, besteht, au dessen Spitze sich ein Beamter ■im Range eines Sektionschefs befindet.!Seit mehreren Jahren wurde dieses ungleiche Verhalten des Staates gegenüber den einzelnen Religionsgesellschäften zum Gegenstand eingehender Erörterungen innerhalb des Vorstandes der Wiener ■israelitischen Kultusgemeinde gemacht, weil damit einer höheren und immer mehr steigenden Belastung der jüdischen Bürger gegenüber den Angehörigen anderer Konfessionen ■verbunden ist. Von zionistischer Seite war anfänglich vorgeschlagen worden; unter Berufung auf die ßestimmungen ■aes Friedensvertrages von S ai n t-G e rm a i n über die Rechte der Minoritäten mit einer solchen Forderung an den •Bund heranzutreten. Diese Konstruktion wurde jedoch fallen gelassen. Es gewann vielmehr die Anschauung die Oberhand, daß es durchaus hinreiche, sich auf die Bestimmungen des Staatsgrundgesetzes über die Gleichheit aller Bürger zu stützen. Bekanntlich ■ist die seinerzeit beantragte!Konstituierung von katholischen Pfarr- und Religionsgemeinden. die gleich den anderen Religionsgcrneinschäften die!Lasten der eigenen religiösen!Bedürfnisse zu tragen hätten, nicht durchgeführt worden.. Unabhängig von der erwähnten, auf reine Kultus- Bedürfnisse sich beziehenden Aktion besteht ■die Absicht, an die Gemeinde Wiien heranzutreten, damit sie der Wiener israelitischen •Kultusgemeinde für die sozialen und!karitativen Lasten, die sie in großem Umfang auf sich genommen hat, einen Beitrag leiste.“ Man sieht, daß für die Agitation zur Deklaration des Judentums in der Tschechoslowakei ■dabei ni!cht das allergeringste herausspringt. Und dennoch bringt der in Prag erscheinende ungarische ״P r a g a i Magyar Hirlap“ vom selben Tage es zuwege, ■diese Aktion der Wiener ׳Kultusgerneinde so umzumodcln, daß ■die ungarisch lesenden Juden der Tschechoslowakei sich an der Wiener Judenschaft ein!Beispiel nehmen könnten, schleunigst auch für sich — nach dem Wunsche der Zionisten —die jüdische ״Minderheitsnationalität“ zu erstreben. ׳So werden geflissentlich falsche ■Nachrichten in die Welt gesetzt, um ■den Eindruck zu erwecken, als •ob ■nicht nur die Wiener Juden, sondern auch die Judenschaft des Deutschen Reiches •die Staatsbeihilfe zur Erhaltung ihrer konfessionellen Bedürfnisse auf Grund des ״Minder- ■heitsrechtes“ erhalten hätten, die den Nationalitäten in Forderung der israelitischen Kultusgemeinden nach einer staatlichen Dotation. ln der letzten Sitzung des Vorstandes der Wiener ׳israelitischen Kultusgerneinde wurde auf Antrag des Vize- Präsidenten Dr. Jakob 0 r 11 s t e i n einstimmig beschlossen, gemeinsam;mit■ sämtlichen ׳Kultusgemeinden aller Bundesländer an den Bund die Forderung zu richten, ■im entsprechenden Verhältnis zu den •staatlichen ׳Leistungen für die Kultusbedürfnisse ■der anderen! Konfessionen auch den Juden staatliche Zuwendungen und Begünstigungen für ihre Kultuszweoke zu ■gewähren. Schon in •den nächsten Tagen wird ■diesbezüglich von zuständiger Seite an den Bundeskanzler, vielleicht auch an den Präsidenten ■des Nationalrates herangetreten werden■. Zur Begründung dieser Forderung wurde darauf hingewiesen, •daß es für die jüdische Religion keinerlei wie immer geartete staatliche Zuschüsse gebe, außer der etwa haben wir mehrere Angehörige ■der Familie Schle- Singer kennen gelernt, die als Kaufleute Hervorragendes leisteten, die Vermögen erwarben und oft auch wieder •verloren, in jedem •Falle aber auch auf dem Gebiete des jüdischen religiösen Wissens über den zu ihrer Zeit recht beträchtlichen Durchschnitt hinausragten und als Führer und Wohltäter ihrer Gemeinden ihrem Namen unvergänglichen Ruhm sicherten. Wir sahen später aber auch Söhne dieser Familie, die ihr Leben ausschließlich der jüdischen Wissenschaft weihten und mehr der Not als dem eigenen Triebe gehorchend, ׳bezahlte •Stellungen bekleideten. In Josef Schlesinger aber, einem Manne, der mit beiden" Füßen im merkantilistisch-industrialisierten 19. Jahrhundert stand, finden wir endlich einen Mann, ■der gewissermaßen תורה mit דרך ארץ vereint, 1indem er ein ,Unternehmen ׳gründet, das׳ mit moderneu kaufmännischen Methoden תורה und ענודה in die •Masse ■trägt. Der מוכר ספרים (Buchhändler) ist eigentlich eine sehr ׳junge Erscheinung im jüdischen Leben, da erst im 18. Jahrhundert in Amsterdam und Frankfurt a. M. die ersten Vertreter dieses Standes auf traten, denen später in Krakau, Prag (Landau und Pascheies) und Wien (Knöpfelmacher, Lippe, und Anton Schmied) folgten. ׳Aber ׳erst Josef ׳Schlesinger, der 1804 in Mattersdorf geboren war und nach der üblichen talmudischen Studienzeit in Preßburg als Korrektor gearbeitet .hatte, sollte diesem Geschäftszweig zu einer früher ungeahnten ׳Blüte verhelfen. Ursprünglieh hätte Josef Schlesinger auf den Wunsch des denn es Ist ML csrgCTeffas.t fäulnisverhütend und aro mafisch, reinigt sehäumend den Mund unef gibt ihm duftende Frische. in sich und gründete schon in Preßburg einen kleinen Buchhandel. Er war mit Fradl Rodesch, der Tochter des R. Abraham Mosche Kalischer und der Sara, Tochter des Posener Oberrabbiners Akiba Eger, verheiratet und •verlegte im Jahre 1858, •also vor nun siebzig Jahren, nachdem ihm der bekannte Hofwechsler Ignaz ■Deutsch eine Konzession verschafft hatte, das;Geschäft nach Wien, wo es sich zuerst im Hause ״Küss’ den ■Pfennig“ (Adlergasse, Innere Stadt), von dem schon oben die Rede war, befand. Von Wien aus sollte sein Geschäft ■in einer förmlichen Monopol- Stellung bald fast die ganze damalige Monarchie mit Betbüchern der verschiedensten Typen, Machsorim und allen sonstigen Ritualien, versorgen, da Josef Schlesinger das •Prinzip ■der Massenerzeugung und des Massenvertriebes auch auf dieses Gebiet anzuwenden wußte. Josef ■Schlesinger selbst betätigte sich, da das Gelehrtenblut von seinen Ahnen her ihn immer wieder zum ״Lernen“ abseits vom Geschäftsbetrieb drängte, nicht einmal besonders im Geschäfte und überließ ׳die Führung seiner Frau*) und seinem Sohne Akiba. Das Geschäft tibersiedelte später in •das Haus ״Am Bergl“, in dem sich jetzt das von Moses Hirschler ׳aus Preßburg, dem Gatten der Tochter Josef Schlesingers, namens Glücke], gegründete’ Ritualiengeschäft der Firma Flirschler befindet. Die anderen Kinder Josef Schlesingers waren ׳Bunim, Reizei Weiß, Rosa Sommer, die Gattin eines Sohnes des R. Samuel Sommer, der zehn Jahre in Güssing (Burgenland) und dann in Papa als Rabbiner gewirkt חתם סופר ebenfalls Rabbiner werden sollen; er fühlte aber keine große Neigung zu diesem Stande l) Starb 16• Elul 5635 1875 im 63. Lebensjahre: •Grabinschrift bei Kuns'tadt,

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