Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 13 (1927)
- Issue
- 7 (18.2.1927)
- Date
- 1927-02-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 7 JÜDISCHE PRESSE Seite 49 Telephon 74-2-26 Telephon 74-2-26 \Ä5äGH9 I■« CirdbGIt 12 demTrattnerhof) Diese neueröffnete, grösste und modernste Werkstätte für Haararbeiten u. Schönheitspflege erzeugt Perücken, Scheitel u. Transformationen, für deren allererste Qualität der internationale Meister Karl Schiroky ieder Dame persönlich haftet. Unsere Einf Uhrungsprelse sind sensationell billig I Ein unverbindlicher Besuch zeigt Ihnen die schönsten BubiperUcken . . von S 75 aufw. die schönsten Transformationen von S 35 aufw. dieselben mit Scheitel . . . . von S 45 aufw. und werden Ihnen für Reinigen, Wasserwellen u. Reparieren Ihrer alten Perücken die billigsten Preise berechnet. Wir färben auch Ihr Haar auf jede gewünschte Farbe mit Original Henne und dauerweilen dasselbe nach dem aller־ neuesten Mayersdien Verfahren unter iedweder Garantie. 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Mütter verschmähen es nicht, bei festlichen und nicht festlichen Anlässen sich vor ihren jugendlichen, nach ihrem Muster gekleideten Töchtern in unzüchtigen, die Schamhaftigkeit verletzenden Toiletten zu zeigen. Was soll aus den Töchtern werden, deren Mütter gemeinsam mit ihnen jeder Keuschheit hohnsprechenden Tanzfreuden huldigen. Können solche Vorbilder veredelnd, versittlichend wirken? Sind sie nicht vielmehr geeignet, anstatt Hemmungen gegen Versuchungen zu schaffen, alle besseren Anschauungen über Sitte und Sittlichkeit zu veralteten, lächerlichen Vorurteilen zu. stempeln? Die alten, jüdischen Erziehungsprinzipien werden überall, wo die Ehrfurcht vor den Lehren der Thora herrscht, einen Damm!gegen gewisse moderne Lebensanschauungen bilden. Jüdische Eltern, die, von dem Schlagwort betört, man müsse mit der Zeit gehen* an diesen Er- Ziehungsprinzipien rütteln ließen, würden wahrlich vergebens zu ihrer Entschuldigung auf den Weltkrieg sich berufen. Nur sie allein wären die Schuldtragenden. a. Was geht in der Aguda vor? Wir .setzen in unserer heutigen Nummer die bereits vorige Woche angekündigte Serie von Zuschriften seitens der Aktionisten und ihrer Gegner fort, ohne einstweilen zu der Sache meritorisch Stellung zu nehmen. Agudisierung. Von einem Aktivisten. ״Alle das Judentum betreffenden Fragen im Geiste der Thora zu lösen“, verpflichtet die Devise der Agudas Jisroel ihre sämtlichen Bekenner. Zur. Aguda gehört jeder, dem die Thora Lebensinhalt und Daseinszweck bedeutet. Ist es bis heute noch nicht gelungen, diese große Masse — es handelt sich um 70 Prozent der Gesamtjudenheit — organisatorisch zusammenzufassen, so liegt die Ursache in mehr oder minder gut erklärlichen und entschuldbaren Mängeln von seiten der Leitung. Es ist momentan nicht opportun, auf hervorragende Leistungen einzelner Landesorganisationen und der Zentralleitung hinzuweisen, weil diese die bestehenden Fehler nicht wettmachen. Es sei aber vorderhand nur von der österreichischen Landesorganisation gesprochen, deren Erfolge bloß auf eine anerkennenswerte Tradition zurückreichen. Es waren glänzende Ansätze da — heute bemerken wir nur Rudimente. Die Landesorganisationen sind aber das Rückgrat der Weltorganisation, und darum müssen faule Glieder entfernt werden, auch wenn die Operation Blut kostet. Wir müssen gewisse persönliche Rücksichten im Interesse der guten Sache zurückstellen und müssen unnachsichtig zur Verbesserung schreiten. Im folgenden will ich ein kurzes Programm entwerfen, das ich meinen aktivistischen Gesinnungsfreunden zum Studium empfehlen will. Da wir vorderhand ohne Namensnennung an die. Oeffentlichkeit treten, um jederlei persönliche Beeinflussung zu vermeiden, schreibe ich unter Pseudonym und betone, daß diese Ausführungen nicht das offizielle Programm der österreichischen Aktivisten, sondern meine rein individuellen Ansichten beinhalten. Entwurf eines Agudaprogramms für Oesterreich. I. Organisation. In Wien allein leben 60.000 glaubenstreue Juden und in der Provinz mindestens 25.000. Sie müssen zusammengefaßt werden durch a) eine geeignete Tagespresse, b) periodische und sporadische Druckschriften, c) Volks- und Gruppenversammlungen. Hiedurch muß jeder einzelne nicht bloß mit Zweck und Zielen der Aguda vertraut, sondern auch mit verantwortlich gemacht werden. Es muß ihm klar werden, daß ohne ״Agudisierung des öffentlichen und privaten Lebens“ sein und seiner Kinder religiöses Kulturleben maßlos gefährdet, wird. Er muß über jede Phase, jede Aktion unterrichtet sein, muß mitsprechen, muß mitwirken können. Sein Solidaritätsgefühl muß so ausgeprägt sein, daß er bei jeder Sache schlankweg — dabei sein muß. II. P o 1 i t i k. » 60.000 Agudisten in Wien allein und 25.000 in der Provinz bedeuten wohlorganisiert und aktiv arbeitend eine große Macht. Sie können selbständig und unbeeinflußt vom leidigen Parteipaktieren ihren Willen kundgeben und Forderungen aufstellen. Sie bilden eine nicht mehr zu negligierende Macht bei den Wahlen für National- und Gemeinderat. Sie können eine genügende Anzahl Vertreter in die Kultusgemeinde entsenden, die dafür Sorge tragen, daß deren Institutionen vor allem für den Kultus — also für religiöse Zwecke — da sind. Sache dieser Aguda- Vertreter wäre es, für geeigneten, würdigen R e 1 i g i o n sunterricht in,den Volks- und Bürgerschulen, für Mikwoausj einwandfreies Kaschruth in den Wohlfahrtsinstitutionen, Förderung der Thoralehranstalten und deren Zöglinge zu sorgen. III. Allgemeine Arbeiten. 1. Zusammenfassung sämtlicher Thoralehranstalten. unter eine geistige und wirtschaftliche Leitung. 2. Ausbildung von Bachurim. 3. Einführung der von den Jeschiwoth zurückkehrenden Bachurim ins Wirtschaftsleben. 4. Erziehung der Mädchen. 5. Wirtschaftsschutz für schabboshaltende Gewerbetreibende und Angestellte. 6. Ermöglichung der staatlichen Arbcitslosenfürsorge für Schabboshaltende. 7. Weitgehende soziale Fürsorgemaßnahmen. 8. Gründung von rituellen Erholungsheimen für den Mittelstand. •9. Schaffung von Kultursektionen. 10. Schaffung geeigneter Literatur. 11. Energische Mitarbeit am Keren Hatauroh und für Erez Jisroel. 12. Maßnahmen zur Paralysicrung der zersetzenden Einflüsse nationalistischer Strömungen. IV. D u r c h f ü h r u n g. 1. Die Generalversammlung wähle eine leistungsfähige und arbeitswillige Leitung. 2. Diese schaffe sich für die einzelnen Ressorts, eventuell nach Bezirken geschiedene Sektionen. 3. Sie richte ein Sekretariat mit erstklassigen Beamten ein, dem die technische Durchführung, Kontrolle und Herstellung der notwendigen Verbindung der einzelnen Sektionen obliegt. 4. Die finanziellen Mittel werden durch die einzelnen Sektionen aufgebracht. Daß selbst letzteres trotz der herr- ״ sehenden wirtschaftlichen Depression möglich ist, beweist eine kürzlich eingeleitetc Sammelaktion für die palästinensischen Schulen, die ungeahnte Perspektiven für die Opferfähigkeit der österreichischen Judenheit für ihr durch umsichtige Führung begreiflich gemachte Arbeiten cröffnete. Gemorh. ״Wer zersetzt wen?“ Unter diesem Titel befaßt sich ein Anonymus mit dem Aktivistenkomitee der Wiener Aguda. Wir wollen uns darauf beschränken, sachlich zu entgegnen und nicht in den Sarkasmus des Artikelschreibers verfallen. . Wir kennen den Schreiber des Artikels nicht, müssen aber annehmen, daß er in einem echtjüdischen , Orte wohnt, wo man keinen Liberalismus, keinen Zionisrnus und wie alle die areligiösen jüdischen Organisationen heißen, kennt, wo er nicht in Berührung kommt mit einer entsittlichten Umwelt, kurzum in einem Orte, wo es ausschließlich und allein ein Thorajudentum gibt und alles sich dem Gesetze G-tte׳s beugt. Wir bekennen, wir beneiden Herrn ״ch“ — so zeichnet der Anonymus — darob. Wohl wäre uns, auch wir könnten von uns sagen, wir müssen nicht befürchten, daß unsere Kinder von dem areligiösen Zeitgeist, von der Unmoral unserer Tage infisziert, ja zersetzt werden. Wir, die wiir die verheerenden Wirkungen der genannten Kreise, von denen uns geistig Welten trennen, in deren Umgebung zu leben wir jedoch gezwungen sind, kennen, wir müssen uns der drohenden Gefahren für das Judentum bewußt werden und sie abzu- : wenden suchen, wollen wir uns nicht an uns selber versündigen. ■Herr ״ch“ fragt weiter, wozu wir denn unbedingt einen Abgeordneten im Reichsrat etc. haben wollen. Wer hat diese denn verlangt? Was wir wollen, das ist Einflußgewinnen auf eine uns genehme politische Partei, um uns; an sie zu wenden, wenn uns in Prägen der Existenz unseres Judentums Schwierigkeiten entgegengesetzt werden, wenn z. B. unsere Kinder gezwungen werden sollen, in der Schule mechalel schabbos zu sein, wenn es sich um die Frage der Sonntagsruhe handelt usw. Hiezu müssen wir aber eine geschlossene Masse bilden, um die Möglichkeit: zu haben,!unserer Forderung Geltung zu verschaffen. Wie oft hat sich zum Beispiel die -deutsche ״Freie Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums“ mit Erfolg in Lebensfragen des orthodoxen Judentums an die Zen-t trumsfraktion des Reichstages gewendet? Wollen wir in solchen Fällen — die G־tt von uns fernhalten möge — von Erfolg begleitet sein, so müssen auch wir uns eben organisieren und den politischen Machtfaktor Tepräsentieren, der wir auch wirklich sind. Sie, lieber ■Herr ״ch“, fragen nun weiter nach dem Programm. Sie haben recht mit dieser Frage, und Ihre berechtigte Neugierde wird wohl in aller Kürze befriedigt werden. Aber wenn Sie das ganze erste Zirkular der Aktivisten so genau studiert hätten wie den Teil, der sich Rabbi Samuel Keil Halewi — Verfasser des 1-מחצית השקל Von Rabbiner G. Löwy, Levoca (Leutschau), Slowakei. (3. Fortsetzung.) Welch hohe!Meinung überhaupt Rabbi Samuel über den ״Frankfurter Bocher“, Rabbi Moses Sofer, hatte, beweist auch folgende Begebenheit, die aber auch von der hehren, idealen Gesinnung, von dem außerordentlichen Seelenadel de!S ״Frankfurter Bochers“ glänzendes Zeugnis ablegt, gleichzeitig aber auch davon, mit welch überaus großer (Hochachtung und Wertschätzung dieser, selbst in seinem vorgerückten Alter, auf der Höhe seiner glänzenden Laufbahn, als allgemein gefeierter Rabbiner zu Preßburg, als leitendes Oberhaupt seiner weltberühmt gewordenen Jeschiba-h, des Rabbi Samuel gedachte. Ein angesehener reicher Mann aus Nikolsburg wandte sich an Rabbi Samuel, der auch außerhalb der Stadt Boskowitz großes Ansehen!und Vertrauen genossen hatte, mit der Bitte, er möge für seine in jeder Beziehung geratene Tochter einen entsprechenden Talmudjünger zum Ehegatten empfehlen; und wenn er auch in der Lage sei, seiner Tochter eine ansehnliche Mitgift mitzugeben und auch sonst für seinen Schwiegersohn materiell zu sorgen, so sei doch sein sehnlichster Wunsch, daß ,sein zukünftiger Eidam die Rabbinatssfelle verwalte, die bereits in Aussicht genommen sei. Rabbi Samuel schickte daraufhin seinen jugendlichen geliebten Freund, den ״Frankfurter Bocher“, zur Brautschau nach Nikolsbürg, wo er über einen Samstag verblieb. Da dieser schon damals einen Namen von gutem Klang hatte, besuchten ihn die vornehmen Talmudgelehrten und jüdischen Weisen, um mit ihm talmudischen Gedankenaustausch zu!pflegen. Natürlich hatte Rabbi Moses Sofer mit seinem ganzen Wesen!und Benehmen, mit seinem überraschend reichen Wissen die Herzen aller im Sturm erobert. Als jedoch im Laufe des Tagos ihm von dem betreffenden reichen Mann eröffnet wurde, daß er nach seiner Heirat ein in Bereitschaft stehendes Rabbinat zu übernehmen hätte, ließ der ״Frankfurter Bocher“ die Angelegenheit vollständig fallen. Bei seiner Rückkehr nach Boskowitz suchte er das Bess-Hamidrasch (Lehrhaus) des Rabbi Samuel a!uf, als dieser gerade seinen gewohnten täglichen Schiur (Lehrvortrag) vor seinen zahlreichen Talmidim (Schülern) abgehalten hatte. Als Rabbi Samuel den ״Frankfurter Bocher“ bemerkte, fragte er ihn nur ganz kurz mit einem talmudischen Terminus: מאי הוי עלה? (etwa: wie ist die Sache verblieben?), worauf Rabbi Moses Sofer noch kürzer antwortete: לאו (nein; nichts wird daraus). Rabbi Samuel wußte nun genau den Grund, warum und woran diese Heiratsangelegenheit gescheitert sei; weil eben Rabbi Moses Sofer in seiner tiefinncisten Frömmigkeit gegen den Gedanken sich sträubte, von seinem Thorawissen auch nur mittelbar irgend einen materiellen Nutzen zu ziehen. Doch Rabbi Samuel, mit seinem prophetisehen Blick -in die Zukunft schauend, sprach gelassen das große Wort aus: Der H, g. s. E. wollte in seiner Gnadenfülle aus mir durchaus einen Rabbiner machen; mir ist es geglückt, mich dessen zu entschlagen; Euch wird dies jedoch nicht gelingen; umsonst sträubt Ihr Euch dagegen; Ihr müsset Raw werden.! Wenn dann in späterer Folge der inzwischen zur allseitig anerkannten rabbinischen Autorität gelangte Rabbi Moses Sofer (Chassam Sofer) diese Episode aus seinen Jugendjahren in Preßburg seinen Schülern zu erzählen pflegte, fügte er mit Resignation in den Willen G-ttes, aber mit grenzenloser Verehrung auf Rabbi Samuel hindeutend,!die Worte hinzu: Schaut nun,, wie der ״verhängnisvolle Ausspruch“ eines so großen Zaddik (!der des Rabbi Samuel) nicht spurlos verhallt; ich mußte ein Raw! werden. Diese Begebenheit ist aber auch nach einer anderen Seite hin beachtenswert; sie zeigt nun wiederum unseren Rabbi Samuel lichtumflossen in seiner religiös-sittlichen Hoheit, die menschliche, allzu menschliche Schwächen abzustreifen vermag. Wie vom großen Hillel der Talmud rühmend hervorhebt, so erkannte und a n erkannte auch bei ihm alle Welt: (שכל מעשיו לשם שמים (ביצה ט״ו , daß a 11 e seine Taten getragen waren von heiligem Ernst, von ernster Heiligkeit, die keinen anderen Daseinszweck kennt, als den heiligen Willen unseres Schöpfers nach der Weisung der heiligen Thora zu!erfüllen. Auf unserem Rabbi Samuel ruhte sichtlich der רוח הקודש heilige Geist; der unsere Triebe in Zucht.haltende Geist der heiligen Thora durchdrang jede Fuge seines Herzens, regte und bewegte sich in ihm, läuterte seine Gedanken, lenkte seinen Willen, leitete seine Handlungen, und darum war er frei von jeder finsteren Voreingenommenheit, frei von jedem blinden