Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 10 (1924)
- Issue
- 46 (14.11.1924)
- Date
- 1924-11-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 304 JÜDISCHE PRESSE. Nr. 46 widmet diesem edlen Zweck monatlich 57 Millionen ungar. Kronen und Üat f(ir die Versorgung <Jer Pfleglinge mit .\yäsct1e un<^ Sommerkleidern separat 50 tyfillione^i gesendet. Durch diese hochherzige Beihilfe ist die Leitung der Fürsorgeintitution in die Lage veretzt, ads die Rettung dieser ^/aisen bezweckende Werk fortzusetzen, Leitung besteht aus den führenden Männern der Orthodoxie und Neologie, die in dieser Angelegenheit einverständlich vorgehen. Ein Teil der orthodoxen Knaben-Kriegswaisen wircj in dem in ß a 1 k a n y (Komitat Szaboles) errichteten ortsodoxen Kriegswaisenhause erzogen. Die sich zum ausschliesslichen mim לימוד eignenden Pf,eglinge besuchen daselbst teils die Talmud - Thora־ ׳ Schule» teils die ישיבה» die übrigen werden zu Gewerbe* treibenden erzogen, geniessen aber dabei täglichen Unterrieht in חומש«רש״י, ג״ך, דינים usw. Der Erfolg ist in beiden Kategorien ein höchst zufriedenstellender. A—ch. Zeitgeist und Judentum. Ein Vortrag von Dr. Nathan Birnbaum. I!m überfüllten Saale des Hotel Continental sprach Dr. Nathan Birnbaum zum Thema ״Zeit- S e i s t u n d J 11׳ d e n t u m“, das wie kein anderes geeignet ist, den suchenden jungen Juden zum Nachdenken und ■zum Erkennen zu veranlassen. Im Eingang seines gedankenschweren Vortrages gab Dr. Birnbaum kurze Erklärungen der grundlegenden ׳Begriffe, auf denen sieh sein Referat aufbauen sollte: Zeit, sagte er geistvoll, ist flüssige Ewigkeit und Geist, das ist tätige Ewigkeit. Woraus ■folgt, dass der Zeitgeist mit all dem nichts zu tun hat. Was ist der Geist unserer Zeit? Er lässt sich nicht so leicht in einem Gedanken zusammenfassen. Vielleicht .kommen!wir ihm am nächsten, wenn wir die grellste Losung der Zeit, das Sohlagwort von der Vorherrschaft des Individuums näher besehen. Es bedeutet nicht mehr und nicht weniger als die Vergött’lichung des Individuums. Es predigt die Auflehnung gegen die Sittlichkeit, gegen die Religion, gegen G־tt. Wie stellt sich das Judentum zu dieser Rebellion gegen die Grundgesetze des Weltgeschehens? Viele schreien, die Juden seien die stärksten Träger dieses Aufstandes des Unglaubens gegen G־tt. Ich habe zwar die Juden, die so denken, nicht gezählt, es sind sicherlich leider allzuviel« unter ihnen. •Aber den Judengegnern können wir entgegenhalten: Wo haben wir das gelernt? Haben w i r das mitgebracht? Sind das die Grundsätze unserer Thora? Haben wir nach solchen Lehren;z!we!itausend Jahre gelebt? Wo haben wir also das alles gelernt? Bei Euch! Das Judentum hat diese Verirrungen des Zeitgeistes niemals ernst genommen und wird es niemals ׳ernst nehmen. Denn der Jude hat gegenüber den Be- Strebungen und Methoden des Zeitgeistes nur die eine Antwort: Man kann nicht bauen ohne Boden, es gibt nichts Neues, das sich nicht auf Vergangenheit stützt. Man darf niemals vergessen, dass alles Leben, alle Geschichte sich auf den von G-tt gesetzten Weltkategonien aufbaut, auf den Ewigkeitskategorien Staat und Volk. יז»י• ssjy Humid ■r■ ״■iw■ Nun ist aber ,das Judentum die klassische Religion des Sittenges'etzes. Ausserhalb ' dieses Sittengesetzes gibt es nicht Freiheit, sondern wilde Ungezüge'ltheit. Der Mensch ist nicht da, um sich auszuleben, sondern um zu leben, um G-ttes Welt zu erkennen . . . Eine der gangbarsten Lügen des Zeitgeistes ■ist es, wenn behauptet wird,!dass Religion und Kultur verschiedene Dinge seien, lim Gegenteil: Kultur wächst aus Religion heraus, niemals ■hat sich ein Volk ausserhalb seiner Religion Kultur geschaffen. K u 11 u r i s t eben nichts anderes als €i׳n 1Exponent der Religion. Es giibt!keine schöpferische Kraft im Menschen als die Kraft, die ׳er von oben empfangen hat. die Kraft, G-tt zu erkennen: die R e 1 i g i 0 n. Das Judentum ist keine Bekehrungsreligion, sondern eine 1Beispielsreligion. Das Judentum ist!lediglich auseriwählt, eine Rolle zu spielen im furchtbaren religiösen Menschheitsdrama, in das sich Generation um Generation hineinbegibt. Das Judentum ist deshalb ohne religiöse Eorimung seines Lebens undenkbar. D a h e r sind auch 1die Formen me h r a 1 s K1 ei n h e i t e n u n ■d K 1 ■e i n ig k e i t e n. Zugegeben, sie wären es:!was heisst denn ״das Kleine“? Besteht nicht alles, selbst die grösste, älteste, (wertvollste Kultur aus unendlich vielen, aneinandergehäuften Kleinheiten, Kleinigkeiten? Auch 1Kleinheiten sind ein Beweis der Ewigkeit and deshalb haben sich unsere Weisen mit eben diesen Kleinigkeiten ihr ganzes Leben lang abgegeben. Nun hat aber die!jüdische Religion ganz besondere Formen. Denn die ■historische Aufgabe der jüdischen Form, des jüdisehen Gesetzes ist es, in jeder Minute unseres Lebens uns an G-tt zu ■erinnern. Dies ist ■der sichere Boden, von dem aus!wir die wühlende Arbeit ■des Zeitgeistes innerhalb und ausserhalb unserer Reihen ׳bekämpfen wollen und niederringen müssen. Es erübrigt sich zu bemerken, ■dass der nicht allzuleicht erfassbare Vortrag von den!zumeist jugendlichen Zuhörern mit jubelndem Beifall auf genommen wurde. Mag auch diese oder jene Formuliel Tausende Juden lesen die ״Jüdische Presse“ Wenn Sie daher jüdische Kunden oder jüdische Gäste gewinnen wollen, so verlangen Sie sofort den unverbindlichen Besuch unseres Vertreters, der Ihnen einen Eostenvoranschlag über ein Inserat machen und den Text packend und wirksam kostenlos abfassen wird. Timg Dr. Birnbaums diskutierbar sein, dass er in jenappe» Ztjjgen verstanden ■hat, das geistige Ringen zwischen Zeitgeist und Judentum aufzpzei!^en, ist ein Verdienst, ■dessen Auswirkungen noch unüberselibar sind. R. W. Jacjj WahlscWacJß. Auf dem papierenen Trümmerfeld der Wahlschlacht vom 9. November findet der Kriegskorrespondent so manche Reste, die wert sind, für die Zukunft aufgehoben zu werden. Nicht mir aus musealen Interessen, sondern als Erinnerung und Mahnung für die gewählten Kandidaten, die bekanntlich in hohem Masse an Vergesslichkeit leiden. Für uns haben hauptsächlich jene Parteien Interesse, die mit einem religiösen Programm in die Wahlbewegung eingetreten sind. Die Kandidaten der ״Vereinigten glaubenstreuen Judenschaft“ sind durchwegs gewählt worden. Sie sind nebst der sozialen Gruppe die einzigen, die diesmal keine Enttäuschung erlebt haben. Dass sie diesen Erfolg dem Kompromiss verdanken, das sie mit den Altliberalen und Zionisten geschlossen haben, trübt ihre Freude nicht. Ja, man könnte sagen, dass das Kompromiss für sie eine freudige Ueberraschung gebracht hat. Die Ueberraschung nämlich, wie lebendig das Gefühl für die Selbständigkeit der Orthodoxie noch ist. Dass die eigene gesinnungsgenössische Presse über die ״kompromittierten“ Kandidaten der selbständigen Orthodoxie herfiel, ist ein erquickendes Zeichen dafür, dass die Presse der selbständigen Orthodoxie frei von jeder Einseitigkeit ist. Doch lehrreicher noch war;zu beobachten, wie lebendig das Gefühl für die Selbständigkeit der Orthodoxie in jenem Lager ist, das bis jetzt fast seine ganze intellektuelle Begabung und moralische Potenz in dem Versuch verbraucht hat, die Zulässigkeit und Notwendigkeit des gemeinsamen Weges auf allen Strecken jüdischer Lebensbetätigung auch mit nicht Thoratreuen nachzuweisen. Wahrlich: Kein Anhänger der selbständigen Orthodoxie hatte in den letzten Wochen köstlichere Stunden als in den Wählerversammlungen des religiösen Blocks erlebt. Es war ein erlesener Genuss, von den Disim Misrachi ergrauten Trägern der einseitigsten ziplin und Unterordnung auf einmal von der kurzen Freiheit berausch"!, in den höchsten Tönen das Lob der Selbständigkeit zu "hören. Die Jugend hat den Mund noch voller genommen. Sie glaubte, Keulenschlage auf den Rücken der im Kampfe für die Selbständigkeit der Orthodoxie ergrauten Führer zu versetzen. Sie wurden von diesen als Liebkosung empfunden. Das Bewusstsein, dass selbst in diesen für die selbständige Orthodoxie bereits für verloren geglaubten Kreisen noch ein letztes Gefühl für die Orthodoxie lebt, ist eine Erkenntnis, die mit dem Kompromiss nicht allzu teuer erkauft ist. Diese Erkenntnis ist nicht nur für die kompromittierten Führer der selbständigen Orthodoxie wertvoll. Wir schätzen diese Erkenntnis so hoch ein, dass wir die vielen, vielen Millionen, mit denen der ״Religiöse Block“ die ihm von vornherein zugebilligten zwei Mandate in so freigiebiger Weise überzahlt hat, als nicht zu hohen Preis für diese Erkenntnis halten. Wahrlieh, würde der ״Religiöse Block“ die zwei Mandate, die er jetzt mit einer geradezu amerikanischen Propaganda in Wort und Schrift und mit einem Aufgebot aller Kräfte erreicht hat, auf dem Wege eines Kompromisses entgegengenommen haben, so würde gerade dieser einzige Erfolg der ganzen Wahlbewegung, wie tief nämlich das repräsentiert, da der Jude in seiner Weltfremdheit versäumte, sich häuslich einzurichten und bei der Verteilung der Güter zu spät kam. Und spät am Abend noch empfängt mich bei der Heimkehr von einem Spaziergange durch die Felder das Geräusch von Stimmen, das von den im Wirtshause beim Weinglas ausruhenden Bauern herrührt, und gleich daneben im gleichmässigen Tonfall des Talmud- Studiums die wehmütig und doch auch so zuversichtlich zugleich klingende Stimme Jakobs... II. Der 9. Ab. Seit Wochen sehen die Männer jüdischer aus als sonst, da sie zum Zeichen der Trauer den Bart nicht scheren, und die meisten dieser Männer sehen dabei auch ästhetisch würdiger aus, da mit den jüdischen Gesichtszügen der Bart nun einmal besser harmoniert als die Bartlosigkeit. Eine der vielen Modetorheiten unserer Zeit ist es, dass jedermann bis ins Alter gerne über das Gesicht eines Jünglings verfügen möchte, als bedeutete es — wenn es auch möglich wäre — gar so ein Glück, ewig jung zu sein. Dem gesetzestreuen Juden aber steht es am wenigsten an, zu wünschen, ein Dorian Gray zu sein, ihm ist das ganze Leben bloss Vorbereitung zum Eintritt in eine Welt der Wahrheit und darum ist ihm auch äusserlich wahrnehmbares Fortschreiten in der Vollendung am ehesten angemessen. Mit den Lederschuhen ist heute aller Hochmut abgestreift und bei aller konventionell-gedankenlosen Uebung schimmert doch ein Fünkchen ehrliehen Schmerzes über unseres Volkes unendliches Leid und die Schuld, die die Erlösung hindert, I durch. Nach der Klage um das Vergangene besuche ich mit vielen anderen den Friedhof, der hier bezeichnend ״der gute Ort״ genannt wird. Und in der Tat kann nichts so in Einklang mit der Stimmung des Tages stehen, wie das Dahinschlendern zwischen den fast endlosen Reihen älterer und neuerer Grabsteine auf diesem ungeheuren Gräberfelde. Juden aus allen Teilen Europas, von Amsterdam bis tief nach Russland hinein, haben hier eine gemeinsame Ruhestätte gefunden. Eine Menge interessanter Gräber ist auf diesem Felde vereint. Die Gräber gelehrter Rabbiner, wie des R. Arje Leb Schotten- Frankfurt, des R. Nathan Nate Schotten, des Rabb. Jissaschar Bär Bloch, R. Simcha Bunom Eger-Güns (eines Bruders des berühmten R. Akiba Eger), des R. Samuel Ehrenfeld, des Grossvaters des jetzigen Rabbiners, der Dajanim R. Aron Singer, R. David Kohn und R. Gabriel Müller und noch vieler anderer Männer, deren Namen in Israel immer gesegnet sein werden, befinden, sich hier. Aber auch die Frauenwelt hat da bemerkenswerte Vertreterinnen, wie die zwei ״Newietes״, denen prophetisehe Gaben nachgerühmt wurden; eine Enkelin des bekannten Prager Ab-Beth-Din R. Meier Fischei; eine Tochter Isak Arnsteins, des Stammvaters der bekannten Wiener Bankiersfamilie, die im Jahre 1759 verstorbene Vogl Arnstein, Frau <Jes Simon Pressbürg, dessen Tante, Sara de Geldern, Heinrich I Heines Urgrossmutter war; eine Tochter Leb Leij desdorfers aus Wien und noch viele andere. I Ein Teil der Inschriften dieses Friedhofes ist I durch meinen Freund Gellis bereits kopiert und I gelangt demnächst zusammen mit den gleichfalls durch Gellis gesammelten Liedern, Anekdoten und sonstigen Denkwürdigkeiten aus Mattersdorf im heurigen Jahrgange des von Rabbiner Dr. D. Grünwald herausgegebenen Jahrbuches für jüdische Volkskunde zur Veröffentlichung. Es war, was die Lieder, Sagen, Anekdoten usw. anbelangt, höchste Zeit, dass sie der Vergessenheit entrissen wurden, da immer mehr die paar noch überlebenden Träger ihrer Tradition dahinschwinden, aber auch die Grabsteininschriften werden im Laufe der Jahre nicht leichter zu entziffern. Auch ich habe einige Inschriften kopiert, deren schlichte Demut oft kaum ahnen lässt, welche Grösse unter ihnen verborgen liegt. Diese Demut hebt sich wohltuend ab von den oft sehr ruhmredigen Steinen aus jüngster Zeit. Freilich ist auch hier mancher Stein ohne besonders viel Gefühl für sprachliche Reinheit geschrieben; mancher ״Meir“, der in Mattersdorf oft Meirem genannt wurde, wurde zum מהרם gesternpelt, den der mit dem lokalen Brauch nicht genügend Bekannte sonst nur etwa in der Zusammensetzung ״Meharam Asch1‘ kennt, und auf einem Stein sah ich sogar als Herkunftsort צעהלים angegeben als eine Art hebräischer Rücktranskription der missverstandenen hebräischen Bezeichnung צלם für den Ort Deutschkreuz. Unsäglich rührend ist es aber zu sehen, wie sogar hier die ewige Hoffnung unseres Volkes seinen Tod bezwingt, denn fast überall, wo auf einer Mazewah der Herkunftsort eines Toten an- ■■ _aus dauergewelltem ■J7 Cfe MB Naturhaar, garantiert ■ VI II vlmVll unsichtbar im Tragen, rm₪m₪mmmmmmmmm₪₪₪mam₪₪mmmmm₪₪m liefert kurzfristig Rudolf SCHIFF Wien» 1• Bezirk, K ärntnerStrasse 8 (!pichst dem Stefeneplsts, am die Ecke)