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Jüdische Presse · 1923-04-20 · 16 (20.4.1923) · page 2

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Journal
Jüdische Presse
Volume
9 (1923)
Issue
16 (20.4.1923)
Date
1923-04-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 96 JÜDISCHE PRESSE Nr. 16 möchte fast sagen objektive Eigenart. Diese Worte des Lord Qrey sollen nicht vergessen werden. Er drang nicht darauf, dass die englische Regierung unverzüglich eine neue Deklaration über ihre Palästina- Politik erlasse, wie es die antisemitischen Lords getan haben; das wäre ja offener Wortbruch. Aber die Regierung möge sie erwägen, revidieren, und in einem geeigneten Augenblick die Gelegenheit ergreifen, die Verpflichtungen loszuwerden. In der diplomatischen Welt gibt es ja Situationen genug, wo ohne Gefährdung des Gentlemancharakters dies, und dies muss Lord Grey besser wissen, möglich ist. Wenn wir nun noch die Antwort des Kolonienstaatssekre'tärs, des Herzogs von Devonshire, hinzunehmen, die von vorsichtiger Zurückhaltung war, so können wir die Ernüchterung uns vorstellen, die diese Oberhausdebatte in all jenen Kreisen hervorrufen muss, die die englische Politik als den festesten Stützpunkt der jüdischen Zukunft betrachteten und die Balfour-Deklaration als den Anbruch der messianischen Zeit mit Schofartönen begrüssten. Es wird allmählich selbst den hartnäckigsten Verkündern der englischen' Messianität klar werden, dass die jüdische Zukunft nur auf der jüdischen Vergangenheit, auf den ewigen Fundamenten des Judentums, erstehen kann. In dieser Ewigkeit kann die Politik, die selbst bei solch einer Grossmacht wie England, unentrinnbar dem Wandel der Zeit und der Ereignisse unterworfen ist, nicht viel bedeuten. Aus demselben Grunde kann die thoratreue Judcnheit, die ihr Denken und Fühlen von den ewigen Idealen der Thora und Tradition lenken zu lassen gewohnt ist, nicht viel von dem Aufbauwillen jener erhoffen, die ihr Streben nach Palästina von nationalen Gefühlen leiten lassen. Der moderne Nationalismus ist ein Produkt der neuen Zeit und wird mit dem Wandel der Zeit seine Triebkraft, seine Potenz, verlieren. Aufgebaut wird Palästina nur von jenen Kräften, die dem ewigen Judentum entspringen, und es wird jene, die von diesem ewigen Judentum nicht lassen wollen, mit zähem, ewigem, unbesiegbarem Willen ausstatten, dass sie allem Wandel und allem Wechsel der Zeit trotzen. Nicht die momentane Politik einer Grossmacht, nicht irgend eine moderne Idee, bürgen für ein jüdisches Palästina, sondern die ewigen jüdischen Gesetze, die in der Lehre und in den treuen Söhnen des jüdischen Volkes leben. Daher .glauben wir, dass nur die thoratreue Judenheit die Möglichkeit hat, das jüdische Palästina aufzubauen, daher sagen wir, dass die selbständige thoratreue Judcnheit jtUe heilige Pflicht hat, sich und Erez Irael für ewige Zukunft bereitzustellen. P-K. Die jüdische Politik in Polen. Als im November vorigen Jahres gelegentlich der Sejmwahlen in Polen 34 Juden gewählt wurden, feierte sowohl die jüdische Presse in Polen, als noch mehr diejenige des Auslandes, diesen Erfolg als einen grossen Sieg und es wurden hinsichtlich der Zukunft der Juden die allergünstigsten Horoskope gestellt. Bloss an dieser Stelle wurde darauf hingewiesen, dass es sich bestenfalls um einen Pyrrhussieg handelt. Hätten die Juden ihren Besitzstand aus eigener Kraft wesentlich vermehrt, was bei einem solidarischen Vorgehen aller jüdischen Parteien ab- 'solut der Fall gewesen wäre, dann würden sie schon leraft ihrer Zahl im Sejm eine wichtige Rolle spielen und die Interessen der Juden in Polen mit viel grösserem Erfolg als im gesetzgebenden Sejm vertreten können. Die unbegreifliche Politik des Herrn Grünbaum aber, der sich nicht damit begnügen will, allein da, ohne Verwandte und Gönner, für ihn sprach nur seine Gelehrsamkeit und geistige Ueberlegenheit, so wie die Autorität des Oberrabbiners, der unerschütterlich bei seiner Ueberzeugung verharrte, dass dem Würdigsten die Würde zufallen müsse. Es kam zwischen dem Oberrabbiner und dem Vorstande in dieser Frage zu einer Meinungsverschiedenheit, über die schliesslich das Gutachten dreier grosser, anerkannter Rabbiner abverlangt werden sollte. Es war dies der Oberlandesrabbiner Rabbi Mordechai Bennet, der Pressburger Oberrrabbiner Rabbi Moses Sofer und der Oberrabbiner Philipp Büchler aus Szügy. Alle drei sprachen sich für Rabbi Juda Aszod aus, und vor diesem übereinstimmenden Gutachten beugte sich natürlich der Vorstand mit der gebührenden Achtung. Interessant ist eine Stelle in dem Gutachten des Oberlandesrabbiners, in der er von seinem einstigen Schüler mit besonderem Nachdruckhervorhebt: „Rabbi Juda Aszod ist bewandert in den Ritualien wie Rabbi Jochannan und in Rechtsfragen gleich Rabbi Nachman." Es waren dies bekanntlich zwei der hervorragendsten Schulhäupter, die der Talmud kennt. Mit nicht geringer Bewunderung war in dem Gutachten des Pressburger Oberrabbiners die talmudische Grösse Rabbi Juda Aszöds gewürdigt. (Fortsetzung folgt.) ein Führer der Juden zu sein, sondern unbedingt „grosse Politik" machen und ein „Führer der Nationalitätenminderheiten" zu werden den Ehrgeiz hegt, diese Politik muss dazu führen, dass der Wahlerfolg der Juden eine Verschlechterung ihrer Position zur Folge haben wird. Dadurch, dass sich die Juden mit den anderen nationalen Minderheiten vereinigt und eine gemeinsame Liste aufgestellt haben, sind sie — zu Unrecht — als „Feinde Polens" gestempelt worden, sie würden alle polnischen Parteien gegen sich haben und ihre numerische Stärke würde ihnen wenig Nutzen bringen, da sich keine polnische Partei bereit finden würde, mit dem Jüdischen Klub zusammenzugehen, um sich nicht dem Vorwurf auszusetzen, mit den „Feinden" gemeinsame Sache zu machen. All dies ist bereits vor Monaten vorausgesagt worden und leider haben diese Voraussagen sehr bald ihre vollste Bestätigung gefunden. Dem Jüdischen Klub stehen sämtliche polnischen Parteien wie eine geschlossene Phalanx gegenüber. Der Block der nationalen Minderheiten ist schon in den ersten Wochen auseinandergefallen, die Deutschen, Ukrainer und Weissrussen haben ohne weiters den Weg zu den Polen gefunden. Nur die Juden sind als „Feinde" von jeder Mitarbeit ausgeschlossen geblieben. Des Jüdischen Klubs wegen ist das Schlagwort von der „polnischen Majorität" geprägt worden. Die Linksparteien, die zusammen mit den nationalen Minoritäten zahlenmässig stark genug wären, eine feste Majorität und eine Regierung zu bilden, konnten dies bisher nicht bewerkstelligen, da sich keine polnische Partei dazu entschliessen kann, den Jüdischen Klub in eine Kombinat on zu ziehen, und so ist die einzige Möglichkeit für eine, parlamentarische Regierung nur eine Koalition zwischen der Rechten und der bäuerlichen Witospartei, die beide hinsichtlich des Antisemitismus einander nichts vorgeben. Was eine solche Regierung für die Juden zu bedeuten haben wird, das kann man sich leicht vorstellen. Die Abneigung der polnischen Parteien und der Rfcgierungkreise den Juden gegenüber ist so gross, dass der Ministerpräsident Sikorski, der ja gewissermassen ein Linkskabinett gebildet hat, und der sich hauptsächlich auf die Linksgruppen stützt, es sich absichtlich angelegen sein Hess, in seiner Programmrede die Juden in heftiger Weise anzugreifen, um es ihnen unmöglich zu machen, für die Regierung zu stimmen. Es war dies eine Art „Blamier' mich nicht und grüss' mich nicht unter den Linden", nur dass da die zweite Hälfte des Verses ausbleü^ Man mag nun über den Antisemitismus der'polnischen Parteien wie immer denken, es ist klar, dass eine solche Lage für die Juden für die Dauer höchst peinlich und gefährlich sein muss. Die Mitglieder des Jüdischen Klubs kämpfen mit anerkennenswerter Energie für die Interessen ihrer Mandanten. Sie halten Reden, unterbreiten Interpellationen, bringen Anträge ein, machen Zwischenrufe und bleiben keinem Angriff auf die Juden die Antwort schuldig. Allerdings, so rühmenswert diese Haltung auch sein mag, der parlamentarische Kampf kann nie das Ziel, sondern nur ein M i 11 e 1 zum Ziele sein. Wenn jeder jüdische Antrag niedergestimmt, jede jüdische Rede verhöhnt, jede jüdische Interpellation zurückgewiesen wird, so können alle Anstrengungen keinen Erfolg erreichen. Mit blossen Demonstrationen kann den 4 Millionen Juden nicht geholfen sein. Anträge, die nicht angenommen werden, Reden, die keine Resonanz finden, Interpellationen, die erfolglos bleiben, müssen aber für die Dauer zu blossen Demonstrationen herabsinken. Die ernsten Elemente unter den jüdischen Abgeordneten sind sich über die Unhaltbarkeit dieser Sachlage klar und streben eine Remedur an. Nicht bloss die orthodoxen Mitglieder des Sejm, sondern auch der Obmann des Jüdischen Klubs, der Zionist Dr. Thon, vertreten den Standpunkt, dass sich der Klub aus der bisherigen Taktik losreissen und eine Annäherung an die polnischen Parteien, beziehungsweise an die Regierung, suchen muss. Schliesslich war der Minoritätenblock bloss für die Wahlaktion gebildet worden und die Juden haben heute gar kein Interesse, sich für die Deutschen, Ukrainer und Weissrussen, die sie bei der ersten Gelegenheit im Stiche gelassen haben, die Finger zu verbrennen. Die Sache ist natürlich nicht so einfach und es wird viel Geschicklichkeit erforderlich sein, um einen solchen Ausgleich mit den Polen herbeizuführen, ohne die jüdische Ehre und die jüdischen Interessen preiszugeben. Immerhin müsste zumindest ein solcher Versuch gemacht werden. Da aber kommt Herr Grünbaum und will von seiner eigenartigen Ideologie nicht ein Jota opfern. Trotz aller Erfahrungen steht er unerschütterlich auf dem Standpunkt, die Juden als „Demokraten" „dürften" (?) die nationalen Minderheiten nicht ihrem Schicksal überlassen und müssten weiterhin für die nationalen Rechte der Minoritäten kämpfen. Schon hat Grünbaum zum Zeichen seines Protestes gegen das Ventilieren der neuen Taktik des Jüdischen Klubs seine Stelle als Mitglied des Präsidiums niedergelegt und schon agitiert er in Zeitungsartikeln mit seinem ganzen Phrasengeschwulst dagegen. Dass diese Politik wahnwitzig ist, muss jedem Kenner der Verhältnisse einleuchten. Man bedenke, die Deutschen, Ukrainer und Weissrussen sind längst ihre eigenen Wege gegangen und kümmern sich keinen Pfifferling um die Juden. Diese aber sollen weiter einem Phantom nachjagen, weil dies die „Demokratie" des Herrn Grünbaum verlangt. Es stünde traurig um die Zukunft der Juden in Polen, falls ihre Politik sich von solchen Phrasen leiten lassen sollte. Es müsste dafür gesorgt werden, dass die Bäume des Herrn Grünbaum nicht in den Himmel wachsen. Politik ist die Kunst, das Erreichbare anzustreben. H a z o f e h. Die Wahlen in den gesetzgebenden Rat in Palästina und ihre Lehren für die Orthodoxie. Die Wahlen in den gesetzgebenden Rat für Palästina sind abgeschlossen. Unter den Gewählten finden wir 79 Juden. Hievon in Jerusalem alcin 30. Es soll an dieser Stelle von der allgemeinen politischen Bedeutung der Wahlen nicht gesprochen werden. Wir wollen vor allem die innerjüdische Bedeutung dieser Wahlen beleuchten. Unter den 30 Jerusalcmern gibt es 17, die in ihren religiösen Anschauungen radikal gesinnt sind und die jüdische Gemeinschaft wie die Entwicklung der jüdischen Heimstätte von jeder Beeinflussung seitens des überlieferten Gesetzes freihalten möchten. Es gelang ihnen somit, die Majorität zu erreichen, obwohl der überwiegende Grossteil der jüdischen Bewohner Jerusalems der Thora und Tradition der Väter treu ergeben ist; aber nicht nur der überwiegende Grossteil der jüdischen Bevölkerung, sondern auch die Majorität der jüdischen Stimmberechtigten, die an dieser ersten Wahl in den gesetzgebenden Rat sich fast vollzählig beteiligt haben, ist als durchaus konservativ und thoratreu anzusprechen. Bei dieser Sachlage lohnt es sich nun, sich mit der Frage zu beschäftigen, wieso es kommt, dass die Majorität der gewählten Kandidaten der jüdischen Religion feindselig oder im besten Falle neutral gegenübersteht. Die Antwort auf diese Frage zu finden, ist nicht allzu schwer. Den einflussreichen Führern des Zionismus ist es in Palästina gelungen, die Juden unter verschiedenen Gesichtspunkten zu organisieren und die religiöse Weltanschauung nicht als Organisationsprinzip aufkommen zu lassen. Verschiedene Schlagworte, wie „Religion ist Privatsache", „Die Thora darf nicht zu Politik herabgewürdigt werden", „Die Verhältnisse im Lande erheischen eine Einheit ohne Betonung Her Untersvhiede", haben es mit sich gebracht, dass die thoratreue Judenheit in verschiedene Lager zerschlagen, in verschiedenen Parteien organisiert ist. Da bei den Wahlen in den gesetzgebenden Rat die Parteien mit gebundenen Listen in den Wahlkampf eintraten, hat nun die Parteidisziplin von den thoratreuen Juden das Opfer verlangt und, wie leider das Wahlresultat zeigt, auch bekommen, dass sie Kandidaten wählen, welche nicht mehr auf dem Boden einer jüdischen religiösen Weltanschauung stehen. Die einzige Gruppe, die in Erez Israel mit der Parole in den Wahlkampf ging, „Thoratreue, wählet nur Thoratreue", war Agudas J i s r o e 1, deren unermüdlicher Arbeit es zu danken ist, dass die Zahl der thoratreuen Vertreter nicht noch geringer ausgefallen ist. Allein Agudas Jisroel war trotz ihrer Parole, die geeignet war, alle Thoratreuen ohne Parteiunterschied zu einem einheitichen Wahlblock zusammenzubringen, isoliert geblieben. Infolge des arabischen Wahlboykotts ist es noch nicht bestimmt, ob der gesetzgebende Rat überhaupt zusammentreten wird. Für uns aber ist einmal die Tatsache bestimmt, dass trotz der Beteiligung aller Schichten der jüdischen Bevölkerung Erez Israels die areligiösen Elemente die Majorität der jüdischen Stimmen errungen haben. Es ist dies eine Niederlage, die einzugestehen die Pflicht eines jeden ernsten, um die jüdische Zukunft Palästinas besorgten Jehudi ist. Wenn unlängst im englischen Oberhaus ein Lord nach der religiösen Weltanschauung der eingewanderten Chaluzim gefragt hat, so geben ihm die Wahlresultate in Palästina eine bedeutend klarere Antwort, als der Unterstaatssekretär für die Kolonien es getan hat. Sie werden jetzt vor aller Welt die Tatsache dokumentieren, dass die Majorität der gewählten jüdischen Vertreter in den wichtigsten obersten „Gesetzgebenden Rat" nicht mehr auf dem Boden der jüdischen Tradition steht, und die Entwicklung und Gestaltung der jüdischen Zukunft nicht mehr vom Thoragesetz beeinflusst wissen will. Dies ist das traurige Resultat der ersten Wahlen in den gesetzgebenden Rat in Palästina, wohlbemerkt, bei einer überwiegenden thoratreu orientierten Majorität der jüdischen Bevölkerung in Palästina. So traurig dieses Resultat an und für sich ist, hoffen wir doch, dass es einen guten Erfolg haben wird. Es wird mehr als 100 Propagandareden die Augen der politisch

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