Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 9 (1923)
- Issue
- 16 (20.4.1923)
- Date
- 1923-04-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16 JÜDISCHE PRESSE Seite 97 unreifen thoratreuen Massen öffnen und ihnen mit unbezwingbarer Eindringlichkeit ins Herz rufen: „Thoratreue, lasset euch nicht von verschiedenen Schlagworten verleiten, organisiert euch selbständig auf Grundlage eurer religiösen Ueberzeugung!" Aufgaben der Agudas Jisroel in Erez Jisroel. (Schluss.) Der Zustrom des jüdischen Elementes nach Erez Jisrael ist unaufhaltsam, durch das von G. beschlossene Schicksal unseres Volkes im Sturm der weltgeschichtlichen Ereignisse unabwendbar bestimmt, und dies drückt auch der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung des Landes unserer Väter den Stempel auf. Wenn man Erez Jisrael nicht zum Massengrabe verhungerter und verkommener jüdischer Kinder machen will, müssen Existenzmöglichkeiten hier geschaffen werden, Möglichkeiten des Broterwerbes, um den Vertriebenen, Verfolgten und vom Schicksal Gepeitschten einen Platz zu sichern, wo sie ihr Haupt nach so vielen Bitternissen, verarmt und verwaist, endlich ruhig hinlegen können. Und G. kann es nicht anders wollen, dass dies geschehe, und da erwächst nun die immense Pflicht Mud Aufgabe aller Juden, die mit Herz und Seele an unserer heiligen Emunah, an unserer Thora Hakdoschah hängen, die mit vollem göttlichen Vertrauen auf die Bestimmung unseres Volkes hinblicken, Erez Jisrael, den Makom peletah, den gehetzten und gepeitschten jüdischen Brüdern zu einem Makom Hakodesch zu machen, der jedem Arbeit suchenden, Arbeit findenden Jehudi in Erez Jirsael auch die Gelegenheit, das Bewusstsein der Pflicht bietet, im Sinne und Geiste unserer alten, heiligen Thorat Moscheh Misinaj zu leben. Der verzweifelte, fast leidenschaftlich-wilde Kampf von Tausenden jüdischer Kinder um das tägliche Brot, um eine ehrliche Existenz, bringt leider viele von dem Wege, der zur Erhaltung, zur Erweckung des jüdischen Gedankens führt, ab, und das ist hier in Erez Israel viel trauriger, von weit katastrophaleren Folgen begleitet, als im Chuz laarez. Viele jüdische Familienväter und junge Leute, die von der Agudah ausgerüstet und mt Geldmitteln versehen nach Erez Jisrael kamen, inussten, da jnan ihnen hier keine weitere Arbeitsgelegenheit bieten konnte, bei Institutionen und Kewuzoth des anderen Lagers Schutz und Unterstützung suchen und sind dem Geiste der Agudah, dem Geiste des gesetzestreuen Judentums, entfremdet geworden; so erging es auch vielen Hunderten, die frommen, glaubenstreuen Familien entstammen, aus glaubenstreuer Sphäre mit den besten Vorsätzen nach Erez Jisrael kamen. Ausgeflogene, verirrte Vögel, können niemals mit schönen, noch so wahren Worten an einen Ort gesammelt werden, wenn man ihnen nicht Körner und Brotsamen streut. Unter diesen Auspizien, nach genauer Prüfung und in Erkenntnis der Lage und der sich logischerweise entwickelnden bevorstehenden Verhältnisse sind wir an das schwierige, aber für das jüdische Leben und gesetzestreue Streben unabwendbar notwendige Werk der Sammlung und Organiserung der Anscheh Emunah geschritten, jener Juden, die mit Herz und Hand an dem Bau der Heimstätte des jüdisch-göttlichen Geistes in Erez Jisrael mitarbeiten wollen, den willenlos auf Abwege geratenen, den Weg zu Gottes Gesetzesheiligtum bahnen und den im Geiste unserer Thora lebenden die Last des Lebens, den Kampf mit der Versuchung erleichtern wollen. Wenn heute die Welt von dem Wahlspruche des „Binjam Haarez" in allen Tonarten widerhallt, so will die Agudas Jisrael zu dem Binjan des geistigen Mikdasch, zum Aufbau jenes Zion schreiten, von welchem das Wort Gottes ausgeht . . . Der Umstand, dass die Institutionen der praktischen Palästinaarbeit der nicht auf der Basis der Thora unbedingt stellenden Organisation teils schon Schiffbruch erlitten, teils zu versagen drohen, lässt eben an das gesetztreue, Erez Jisrael liebende Judentum mit energischerem, unausweichlichem Imperativ die Aufgabe herantreten, jetzt, eben jetzt in diesem dem Judentum im allgemeinen und dem Jischuw Haarez im besonderen so kritischen Momente ans Werk zu schreiten und mit allen zu Gebote stehenden Kräften und Mitteln die moralische, ethische und real-materielle Fundierung der in Erez Jisrael bereits ansässigen und hier noch Zuflucht suchenden Juden stützen und fördern zu helfen. Nur das kann den wahren Kidusch Haschern bringen, selbst in den wankenden Kreisen das Bewusstsein, die Erkenntnis erwecken, dass: „Im Haschern lo jiwneh bajith, . . ." dass jedes Aufbauwerk in Erez Jisrael, das die heiligen Traditionen unseres Volkes und „Dath Moscheh Misinaj" negligiert, schon in sich den Keim der Unnahbarkeit, des Zerfalles trägt. Der Stillstand der Agudas Jisrael Aktion in Erez Jisrael, die anhaltende Passivität unserer Organisation auf dem Gebiete der wirtschaftlichen Arbeit hier, hat leider den Gedanken der Agudas sowohl in Jeruscholajim, als auch in Jaffa, den geistigen und wirtschaftlichen Zentren des Landes brachgelegt. Wenn wir es ehrlich mit unserem Werke meinen, wollen wir den Mut aufbringen, der Wahrheit klar ins Auge zu sehen. Selbst bei manchen itreng glaubenstreuen Männern, die unserem Gedanken früher unbedingte Gefolgschaft leisteten, haben wir Opposition gefunden, mit Berufung darauf, dass wir Darbenden und unter dem Drucke der wirtschaftlichen Krise Stehenden mit olossen Worten, aber leeren Händen kommen. Die gesetzestreuen Juden hier wollen endlich Taten sehen, mit denen man ihnen in dem harten Kimpie ums Brot unter die Arme greift, sie nicht niederorecheu lässt. \ lele, die sich zu den Prinzipien der Agudah bekennen und ihr seinerzeit hier Gefolgschaft leisteten, wertvolle Elemente der hiesigen Judenschaft, sind durch Berufs- und . existenzielle Verhältnisse mit der herrschenden Strömung so engagiert, dass sie sich jeder Aktion, die den Kampf mit der herrschenden Stimmung bedeuten könnte, ferne halten . . . In Jeruscholajim ist es den Bestrebungen des Delegierten, die Agudah zu beleben, gelungen, die alte Agudah- Organisation wieder auf die Füsse zu stellen, was in einer gut besuchten Assifah zum Ausdruck kam. Hier wurde die Neubelebung und stramme Organisierung der Agudah-Exekutive für P a 1 ä s t i n a beschlussweise ausgesprochen, wie auch die Gründung der Institution des „Bekah legulgoleth". Die „Bekah"-Einzahlung (1 Shilling pro Jahr und Kopf) soll das Bindeglied der sich über die ganze Welt erstreckenden Agudah-Organisation sein; gleichzeitig der Grundstock zur Deckung der unabwendbaren Organisations- und Betriebskosten. Wir müssen uns die mit riesigem, die ganze Welt umspannendem Apparat betriebene „Shekel-Propaganda" vor Augen halten, wie es gemacht und wie es — nicht gemacht werden soll, um den grossen moralischen und materiellen Wert dieses altjüdischen Kopfsteuer-Systems richtig einschätzen zu können. Es müssen alle Mittel der Propaganda in Anwendung gebracht werden, um die Wichtigkeit, die belebende Wirkung des „Bekah" für die Festigung, Erhaltung und Ausdehnung der Agudah-Idee allen gesetzestreuen Juden zum Bewusstsein zu bringen. Es ist dies, wie wir es im jenseitigen Lager der Palästina-Arbeit sehen, ein Hatiptpfeiler, auf den sich der Aufbau einer bedeutenden Organisation stützt. Die Schwierigkeiten und Widerwärtigkeiten, mit denen die Agudah-Arbeit selbst in der bereits bestehenden, numerisch starken jeruscholajimer Lokalorganisation zu kämpfen hat, lassen eine harte ernste Mahnung an das glaubenstreue Judentum herantreten, das jetzt, eben jetzt, endlich mit tatsächlichen Arbeiten begonnen werden muss, dass es jetzt — um das Ganze geht . . . Es lässt sich nicht leugnen, dass in ganz Erez Jisrael der keimfähige Same für die Agudah-Idee reichlich vorhanden ist, doch ohne rationelle Bearbeitung dieses Bodens, ohne nährende Bewässerung kann dieser Same nie fruchtbringend emporschiessen. Die als eine elementare Lebensbedingung der Agudas Jisrael im allgemeinen unausweichliche, grundlegende und erhaltende Palästina-Arbeit verteilt sich dermassen, dass von Jeruscholajim, der geistigen und politischen Zentrale, die ideale geistige Arbeit, von Jaffa, dem kommerziellen Zentrum die praktisch-reale Arbeit ausgehen müssten. Und just in letztcrem Punkte stehen wir hier beim Anfange des Anfanges, denn was vor zwei Jahren organisatorisch hier bereits erzielt war, ist durch das Ausbleiben belebender Kräfte, durch den vollkommenen Mangel praktischer, das Interesse der jüdischen Masse anregender, fesselnder Arbeit verkümmert und zersetzt worden. Von dem Bewusstsein durchdrungen, dass nur durch ein praktisches Lebenszeichen der Agudah diese hier Wurzel fassen kann, haben Raw Slonim und Herr Michael Halpern mit Mühe und materiellen Opfern ein Beth Marpeh vorläufig als Ambulatorium ins Leben gerufen und die Leitung desselben einen tüchtigen Arzt, Herrn Dr. Kanturovits übertragen. Die mit bescheidensten Mitteln geschaffene erste Institution der Agudah in Jaffa ist nun da, als eine Zufluchtsstätte der ärmsten Kranken, ohne jedoch die notwendigsten materiellen Hilfsquellen zu besitzen, um ihrer Aufgabe gerecht werden, dem Namen der Aguda Ehre zu machen können. Dabei wären in jüdischem, glaubenstreuem Geiste geleitete Schulen für die Kinder, Arbeiterheime, Beschäftigungswerkstätten, Arbeiterküchen von nicht geringer Notwendigkeit, um frommen jüdischen Kindern und Männern geistige und leibliche Zufluchtsstätten zu bieten und auch solchen, die den Weg zu einem Leben im Geiste der Tora wieder suchen, diesen Weg zu ebnen____ Es ist tröstend und ermunternd zugleich, dass sich eine Schar begeisterter Männer, dem neuerlichen Weckrufe des Herrn Cahane folgend, zusammengetan hat, um liier in Jaffa eine Agudah-Organisation wieder aufzurichten, um hier eine Exekutive der Agudah-Weltorganisation ins Leben rufen zu helfen. Dieser Aktion darf nun aber die tatkräftigste reale Unterstützung der berufenen Faktoren im Chuz Laarez nicht vorenthalten werden. Erez Israel ist, da hier gar nicht produziert wird und durch den Warenimport die Barmittel stetig ins Ausland wandern, ein armes Land, wo selbst die scheinbar „Wohlhabenden" einen harten Kampf um die Existenz zu bestehen haben. Der Gedanke nun, die Mittel für eine Agudah-Arbeit hier im Lande aufbringen zu können, ist illusorisch und würde schwere Enttäuschungen bringen. Alle hier bestehenden gemeinnützigen Anstalten und Institutionen, ja selbst gewerbliche Unternehmungen, sind auf effektive Unterstützung oder Förderung aus dem Auslände angewiesen. Die Augen aller, die eine Festigung und Ausbreitung der Agudah in Erez Jisrael mit Freuden begrüssen, sind nun nach den Agudah-Zentralen im Chuz Laarez gerichtet. Alle stimmen darin überein, dass eine würdige dem hohen, heiligen Berufe entsprechende Aguda-Organisation in Erez Jisrael sich nur um eine disziplinisch arbeitende Exekutivkanzlei kristalisieren kann, die auf Leistungen und Schöpfungen hinweisen kann, welche die Aufmerksamkeit und Achtung der Bevölkerung und öffentlichen Faktoren herausfordern. Nicht immer sind es Spenden und Schenkungen, welche die Gründung und Erhaltung solcher Anstalten und Institutionen ermöglichen, die den Namen der Agudas Jisrael hier führen sollten. Es gib eine Reihe von Institutionen — man sieht dies bei den Schöpfungen des jenseitigen Lagers — die, wenn sie einmal gegründet und in Gang gebracht wurden, sich selbst erhalten, ja sogar Ueberschüsse abwerfen. Für diese Schöpfungen müssten bloss Darlehen resp. Vorschüse in Barmitteln oder Maschinen, Materialien beschafft werden. Die in massgebenden Agudakreisen längst lebende Idee einer auf Basis des amerikanischen „Bons"-Systems oder Aktien zu gründenden Bank zur Gründung und Förderung von Bau-, Kolonisations- oder Industrieunternehmungen, zur Unterstützung Gewerbetreibender würde nicht bloss belebend und stärkend auf das jüdische Leben in Erez Jisrael wirken, nicht bloss ein gigantisches Werk sein, auf das jeder Anhänger der Agudas Jisrael mit Stolz hinweisen könnte, sie würde auch mit Gottes Hilfe jene Früchte tragen, die zur Erweiterung und Vergrösserung der Palästinaarbeit unter der Fahne der Agudas Jisrael beitragen und anregen würde und jedes spöttische Lächeln, jede Angeiferung müsste auf den Lippen jener ersterben, die ein jüdisches Palästina ohne Judentum, auch mit religiösen und sozialen Desparados aufbauen zu können glauben . . . Bis zur Verwirklichung eines solchen grossen Werkes können als Vorläufer und Vorarbeiter manche Institutionen schon jetzt geschaffen werden, die bescheidenere Mittel erfordern, ebenfalls verhältnismässig produktiv und fruktifizierend sind und dann vom Bankinstitut aufgesaugt diesem angegliedert werden könnten. Mehr denn je gilt das Wort: „Wer zur rechten Zeit gibt, gibt doppelt!" und nie war es die rechtere, die psychologisch geeinetere Zeit für die Agudas Jisrael hier in Erez Jisrael mit realen, aber von jüdischen Geiste durchwehten Schöpfungen hervorzutreten, als eben jetzt und das schönste Werk,, die wohlmeinendste Rettung bleibt vergebens,, wenn sie den richtigen Moment versäumt, wenn sie auf den Trümmer dessen zu bauen beginnen will, was sie erstrebt hat, was sie hätte erhalten sollen . . . Des halb ergeht von allen im Geiste unserer heiligen Thora lebenden und seine Erstarkung des glaubenstreuen Judentums in Erez Jigrael anstrebenden Anhängern des Agudahgedankens der Ruf, die Mahnung an die massgebenden Faktoren der Agudah-Weltorganisation und an alle Baale Emunah im Chuz Laarez, mit Eile und Energie daran zu schreiten, um endlich in Erez Jisrael ein zentrales Forum der Exekutive zu schaffen, welche hier in Erez Jisrael die Propaganda, die heilige Werbearbeit für das Lager der Gesetzestreuen systematisch leitet und betreibt, allen in Thora und Awodah lebenden Juden wirksame Interessenförderung bieten, die Agitation und Wühlarbeit der Gesetzesverächter schwächt und den Boden vorbereitet zur grossen, wahrhaft jüdischen Palästinaarbeit der Agudath Jisrael 1* Kidusch Haschern ... P. P. O. Nach der Aguda-Tagung. (Breslauer Brief.) Als der verewigte Vorsitzende der Breslauer Aguda-Ortsgruppe dem Zentrairat in Wien den Vorschlag machte, die Aguda- Tagung in Breslau stattfit den zu lassen, Hess er sich dabei von dem Gedanken leiten, den jüdischen Geist, der ja bekanntlich, in Breslau durch allerhand Kompromisse mit den Gegnern de« überlieferten Judentums gelitten hatte, 2U heben und den Standpunkt des unverfälschten und darum alle Kompromisse ausschliessenden orthodoxen Judentums zu stärken. In der Tat hat nun auch die Aguda-Tagung in Breslau diesbezüglich eine erfreuliche Wirkung gehabt und reiche Erfolge gezeitigt. Die Gedäule Thauroh, die Breslau, wenn auch nur wenige Tage, in ihrer Mitte beherbergen konnte, haben auf die Breslauer Judenheit einen tiefen Eindruck gemacht. Ganz besonders sei erwähnt, dass die Vertreter der slowakischen Orthodoxie, die ja bekanntlich das Bollwerk prin?ipienfester Glaubenstreue bilden, insbesondere aber Herr Oberrabbiner Weber aus Pystian, mit ihrem Auftreten einen mächtigen Widerha.ll gefunden haben. Unter solchen Umständen hat das jüdische Leben in Breslau in der letzten Zeit einen kolossalen Aufschwung genommen. Die Zahl der Schiurim ist im beständigen Steigen begriffen, und werden dieselben von einer grossen Anzahl Bale-batim und Bachurim besucht. Erwähnt sei besonders die Gründung einer Ze'ire-Emune Jisroelgruppe der hier ansässigen jungen Ostjuden. Bis zur Breslauer Tagung bestand ein ähnlicher Verein, Machsikeh Hadas, der auch Misrachisten in seiner Mitte hatte. Dieses Zusammengehen mit. den Misrachisten hat sich aber als ausserordentlich schädigend für das Interesse des glaubenstreuen Judentums erwiesen, da die dem Verein angehörigen Misrachisten dem Zionismus Vorschub geleistet haben. Hierin ist nun eine gründliche Klärung geschaffen worden. Die Vereinigung hat sich" nunmehr unter Ausschluss der Misrachisten auf der Basis der Aguda neuorganisiert, während die ihr bisher angehörigen Misrachisten sich allmählich zum absoluten Zionismus hin verzogen haben. Die Zelre-Emune-Jisroel haben seit der kurzen Zeit ihres Bestehens Erspriessliches für die jüdische Sache geleistet. Erwähnt sei noch schliesslich der weitere Ausbau der seit einigen Jahren hier bestehenden jüdischen Schule, um deren Entwicklung sich Herr Kurt Schneller, ein Vorkämpfer des orthodoxen Gedankens, grosse Verdienste erworben hat. •y achi-sorach. Das goldene Kalb. Der Blätterwald rauscht. Weitzmanns amerikanische Reise gibt den zionistischen Blättern Anlass in ihren Spalten nach der üede der jüngsten Monate Pioblerne?.u erörtern. Sehr ernste Probleme. Die Zusammensetzung der Jewish Agency, Zionistcnkongress oder Weltkongress, Notablenwirtschaft oder Demokratie, amerikanischer Geschäftszionismus oder nationales Auferstehen und dergleichen mehr. Anlass zu diesen neuen Problemstellungen gaben die verschiedenen Aeusserungen des Herrn Weitzmann, die er von der geeignetesten Estrade für solche Ankündigungen, von Palästina aus, getan hat. Die Szenerie ist ausgezeichnet. Eine amerikanische Propagandareise kann heutzutage gar nicht besser eingeleitet werden, als wenn, man vor-Antritt der Reise in Palästina eine Absage an die Demokratie, an den nationalen Enthusiasmus macht. Der Erfolg blieb tatsächlich nicht aus.. Die Verbeugung vor prornjnenten Persönlichkeiten, die in der jüdischen Agentur Aufnahme finden sollen, die Betonung der Notwendigkeit einer Fachmännerwirtschaft haben ihre Wirkung getan. Tatsächlich hat eine Annäherung zwischen Weitzmann und Brandeis stattgefunden. Brandeis, der mit Rücksicht auf sein" vordringliches Interesse für das Wetter von Weitzmann vor einiger Zeit als erledigt erklärt worden ist, soll jetzt, kost es was es wolle, gewonnen werden. Scheinbar hat jetzt Herr Weitzmann selbst mehr Verständnis für die Witterung. Wir finden all' dies für selbstsverständlich, denn ohne Geld bricht das Palästinawerk zusammen. Das nur bis zur Hälfte gedeckte Budget der letzten Monate hat bereits einen grossen Schaden angerichtet. Wenn man das Geld benötigt, muss man sich vor dem Wunsch und Willen der Geldmänner verbeugen. Wundersam ist nur das Rauschen des zionistischen Blätterwaldes, das den Rythmus des Tanzes um das goldene Kalb übertönen und die überaus klare und für jedermann verständliche Tatsache in das Halbdunkel von zweifelhaften Probleinen hüllen will. Dabei sind solche Enuntiationen und Ankündigungen nichts Neues. War Misrachi an den Kongressen turbulent, ungebärdig, so hat man eine Enuntiation gemacht. Man hat sich vor der Thora verbeugt und damit war die Sache erledigt. Die Anhänger der breiten Demokratie der nationalen Belebung können trotz der Aeusserungen Weitzmanns ruhig sein, es waren dies bloss Verbeugungen vor dem amerikanischen Dollar. Ihre Aufregung ist unerklärlich. Oder sollte vielleicht, der amerikanische Geldsack nicht so leicht zu düpieren sein? Scheinbar muss der Tanz um das goldene Kalb viel ernster genommen werden, als die Verbeugung vor dem Sinaigesetz. Die Soimtagsgeineinde. Es dürfte nicht unbekannt sein, dass es Glieder des jüdischen Volkes gibt, die ihre religiösen Bedürfnisse nur durch einen wöchentlichen Sonntagsgottesdienst, selbstverständlich nicht in einer Kirche, sondern jn einer Synagoge, befriedigen zu können glauben. Nicht nur in Amerika, im Lande der unbeschränkten Möglichkeiten, gibt es sowas, sondern auch in Europa; unter anderem auch in Berlin. Diese Sonntagsgemeinde verzichtet nebst dem Vergnügen eines feierlichen Sonntagsgottesdienstes auch auf die Zugehörigkeit zu der grossen Berliner jüdischen Gemeinde nicht. So eine Berliner Grossgemeinde ist neutral genug, allen „Richtungen" gerecht zu werden. Das Ideal dieser Berliner Grossgemeinde ist es, nebst der ehrbaren. Gruppe der frommen „Gemeindeorthodoxen" mit ihrer konservativen Synagoge und streng koscherer Fleischbank auch die ehrenwerten Anhänger der Sonntagssynagoge mit ihrer äussersten Reform zu beherbergen. Selbstverständlich berühren sich die Extreme nicht ohne Reibung, nicht ohne Krisen heraufzubeschwören. Doch so eine neutralisierte Gemeindeverwaltung ist erfahren genug, solche Krisen zu beschwören. Eine Formel lässt sich ja immer finden. So wurde auch die jüngste Krise in der Berliner Grossgemeinde beigelegt. Die Sonntagsgemeind* soll Konzessionen gemacht haben auf dem Gebiete der hebräischen Sprache, hingegen wurde ihnen ihr Sonntagsvergnügen nicht genommen. Also steht die Berliner Grossgemeinde mit ihren Orthodoxen, Konservativen, gemässigten Reformern und Ultra-Reformern in friedlicher Harmonie zum Preis Gottes da. . .i' ft: H * .# . .,*f »;,1 -V; ■'»'-