Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 7 (1921)
- Issue
- 2 (14.1.1921)
- Date
- 1921-01-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 JÜDISCHE PRESSE Nr. 2 Der litauische Jude hat sich seit uralten Zeiten nicht bloß durch aufrichtige, innige Frömmigkeit, sondern auch durch eifriges Studium der Thora ausgezeichnet, das ihn veredelte, seine Denkfähigkeiten entwickelte, seinen geistigen Horizont erweiterte und vom engherzigen Fanatismus verschonte. Der litauische Jude war in den letzten Jahrhunderten das, was die spanischen Juden im Mittelalter waren, der edelste jüdische Tipus. Als solcher bewährte er sich im Umgange mit dem gleich ihm von den im Lande herrschenden polnischen Adel und in dessen Dienste stehenden katholischen Klerus hart bedrückten litauischen Bauer, welcher gemeiniglich die Landbevölkerung ausmachte. Zwischen den, die überwiegende, oft ausschließliche städtische Bevölkerung bildenden Juden entwickelte sich nach und nach ein intimes, freundschaftliches Verhältnis. Beide hatten einen gemeinsamen Bedrücker, den polnischen Adel, der auf seine Privilegien pochend, auf den Juden und oft nicht mehr auf den Litauer, der für ihn nichts als „Bidla", Thier, war, verächtlich herabschaute und beide nach Kräften aussaugte. Als Leidensgenossen gewannen Juden und Litauer für einander Sympathie, dies um so mehr, als sie ökonomisch auf einander angewiesen waren. Der städtische Jude verschaffte dem ländlichen litauischen Bauer seinen bescheidenen industriellen Bedarf und kaufte von ihm seine Bodenprodukte. Dieser Handel wurde meist äußerst solid betrieben. Der gemeiniglich sehr arme und in seinen Bedürfnissen höchst anspruchlose Jude begnügte sich mit einem sehr bescheidenen Gewinne. Das wußte der verständige litauische Bauer ganz gut und zog es vor, seine nötigen Einkäufe in der Stadt beim jüdischen als bei einem polnischen Krämer zu machen. Diese gegenseitigen freundschaftlichen Beziehungen zwischen Juden und Litauern haben sich schon bei den Wahlen in die russische Reichsduma erwiesen. Es war ganz selbstverständlich, daß die litauischen Wähler ihre Stimmen für den jüdischen Kandidaten gaben, und die jüdischen Wähler für den litauischen Kandidaten stimmten. Diesen Beziehungen sind die jüdischen Politiker in Litauen treu geblieben. Sie schlössen sich ohne weiteres Bedenken eng an die Litauer an und unterstützten nach Kräften ihre politischen Bestrebungen. An einen geschulten Literatenstand, welcher für den neu sich bildenden Staat so unentbehrlich ist, noch so armen Litauer, war auf die intellektuell weiter vorgeschrittenen Juden wesentlich angewiesen, dies um so mehr, als aus begreiflichen Gründen die Litauer höchst ungern die polnische Intelligenz, zu der sie wohlberechtigtes Mißtrauen hegten, zu Staatszwecken ausnutzen durften. So entstanden intime Beziehungen zwischen den Leitern der litauischen Politik und den jüdischen Politikern, vornehmlich zu Herrn Dr. Rachmilewitz, der auch das Litauische gut beherrscht und als Großkaufmann dem jungen Staate bedeutende Dienste leisten konnte, weswegen er auch sofort nach Konsolidierung des litauischen Staates zum Vizeminister für Handel und Gewerbe ernannt wurde. In dieser Eigenschaft war es ihm sich, den ihm seitens der Wagneustadtler Gemeinde offerierten Rabbinerposten ohneweiteres anzutreten. Da entstand in Mattersdorf ein Feuer, welches so schnell um sich griff, daß in der kürzesten Zeit außer der Synagoge die ganze Stadt in Schutt und Asche gelegt wurde. Da zeigte sich die Großmut Sofers. Er erklärte, daß er die unglückliche arme Gemeinde nicht in Stich lassen wolle, sondern vielmehr Sorge tragen werde, durch Aufrufe zu Sammlungen der Gemeinde im In- und Auslande nützlich zn werden. Rabbi Moses hat Wort gehalten und dadurch sich die Gemeinde zum Danke verpflichtet. Neun Jahre leitete Rabbi Moses die Mattersdorfer Gemeinde. Als der große Preßburger Rabbi Mschulam Tystmenitz mit dem Tode abging, wollte die Gemeinde zwischen Rabbi Akiba Aiger, Rabbi Baruch Frenkel und Rabbi Salom Charit' wählen. Da sagte ein angesehener Mann, welcher Sofer zufällig in Mattersdorf kennen gelernt: Wozu sollen wir in fernem Lande suchen, das Gute liegt so nah, und er erzählte, von welch guten Eigenschaften Rabbi Moses Sofer ausgezeichnet sei und welch riesige Kenntnisse derselbe besitzt. Gleichzeitig erinnerte sich der Gemeindevorsteher, daß Rabbi Mschulam Tystmenitz dem „Chassam Sofer" anläßlich dessen Besuche eine große besondere Ehre zuteil werden ließ, und bald war man einig, Rabbi Moses zum Preßburger Rabbiner zu wählen. Zu jener Zeit gab es in Preßburg große Talmudisten, die sich gleich nach Erscheinen „Chassam Sofers" mit demselben in Pilpulim einließen; doch bald erkannten dieselben, wie überlegen ihnen der „Aschkenasy„ sei. 55G2 hielt Rabbi Moses seinen Einzug in Preßburg, wo er mit Jubel empfangen wurde. Die Freude wurde leider kurze Zeit darauf getrübt. Die Gattin des Rabbiners starb nach kurzer Krankheit. Noch waren die sieben Trauertage nicht verstrichen, kam zu Händen von Rabbi Moses Sofer ein Brief von Rabbi Akiba Aiger, worin letzterer einen der besten Talmud-Jünger Preßburgs für seine Tochter zum Gatten wünschte. Rabbi Moses nicht schwer engere politische Beziehungen zwischen den Litauern und Juden anzubahnen und die jüdische Autonomie in Litauen durchzusetzen. Als streng orthodoxer Jude war er auch tolerant genug zum Minister für jüdische Angelegenheiten, den in religiöser Hinsicht einen diamentralen Standpunkt einnehmenden Zionisten, aber politisch gewandten Dr. Soloweitzig in Vorschlag zu bringen und für ihn bei seinen politischen Freunden Propaganda zu machen, in der Voraussetzung, daß letzterer das auf seine Loyalität gesetztes Vertrauen betätigen und mindestens tolerant gegen die kulturellen Interessen der Orthodoxie, welche die bei weitem überwiegende Majorität der Juden Litauens bilden, bleiben und nicht die Interessen seiner Partei bevorzugen wird. In derselben Ueberzeugung willigte die Orthodoxie im Projekt von der Bildung eines jüdischen Nationalrates ein, welcher die Leitung sämtlicher Interessen der litauischen Juden in Händen haben soll. Leider mußte bald die Orthodoxie eine schmerzliche Enttäuschung erfahren. Ungeachtet ihrer bei weitem überwiegenden Majorität auf der allgemeinen Ktalos-Versammlung wurde zum Präsidenten des Nationalrates nicht ihr Repräsentant Dr. Rachmilewitz, sondern, dank der Gewandtheit der Zionisten ihr Parteimann, Herr Rechtsanwalt Rosenbaum gewählt. Somit sind die beiden höchsten Posten nach innen und nach außen den Zionisten zugefallen. Jedoch wurde als erster Gehilfe des Präsidenten immerhin Di*. Rachmilewitz und als zweiter Gehilfe der Demokrat Rechtsanwalt Finkelstein, welcher Vertreter einer verschwindend winzigen Minorität ist, gewählt. (Wie bekannt, haben sich die sozialistischen Parteien an besagtem Kongreß nicht beteiligt.) Es vergingen aber kaum einige Monate, als die Zionisten den Antrag eingebracht und durchgesetzt, daß beide Gehilfen des Präsidenten gleichgestellt werden sollen, um so den bescheidenen Einfluß der Orthodoxie zu schwächen. Aber auch damit sich nichjt zufriedengebend, haben die Zionisten mit dem so wichtigen Posteu des Generalsekretärs des Nationalrates einen ausgesprochenen Parteimann betraut, dagegen die Forderung der Orthodoxie, auf den Posten des zweiten Sekretärs einen von ihrer Partei zu ernennen, abgelehnt, um auch diesen Posten für ihre Partei zu bewahren. Es verdient hervorgehoben zu werden, daß die Leiter sämtlicher Sektionen des jüdischen Ministeriums fast ausschließlich Zionisten sind und kein einziger Orthodoxe dort hat Anstellung finden können. All diese empfindlichen Zurücksetzungen ließ die Orthodoxie in ihrer bewährten Friedensliebe ruhig über sich ergehen, um die einheitliche Leitung der politischen und ökonomischen Interessen nicht zu stören, welche doch ihre prinzipielle Ueberzeugung nicht streifen. Um so energischer und entschiedener beharrte die Orthodoxie, daß mit der Leitung der kulturellen Sektion, wo das Schulwesen den ersten Platz einnimmt, ein bewährter Schulmann ihrer Partei, Herr Dr. Deutschländer betraut werden soll, welcher als Leiter des jüdischen Schulwesens im litauischen zeigte den Brief dem alten Rabbinats-Assessor Rabbi Daniel Proßnitz, der, ohne viel zu überlegen, sprach: „Ich kenne in der ganzen Khila keinen feineren Bocher, als den Rabbe." Rabbi Akiba wurde so Schwiegervater Moses. Aus dieser Ehe sind drei Söhne und vier Töchter hervorgegangen. Im Jahre 5600 Sukoth Nacht hatte der ältere Sohn Chassam Sofers, der selige hochwürdige Rabbi Abraham Samuel Benjamin einen Traum, in welchem er seinen erhabenen vielgeliebten Vater sterben sah. — Von diesem Moment ging der treue Sohn mit gebrochenem Herzen herum, war niedergeschlagen und verschmähte Speise und Trank. Am ersten Tage Sukoth hatte Rabbi Moses Hagbe in der großen Schule, da zerriß das Sofer Thora beinahe und Rabbi Moses fiel, von bösen Ahnungen ergriffen, rücklings. Am ersten Tag Ohol Hamoed fiel er auf das Krankenlager und seine Schmerzen nahmen überhand. Hoschanah Rabba Nacht waren die Gemeindevorsteher bei ihm bis zum frühen Morgen. Rabbi Moses raffte sich auf und ging in die Synagoge, die er aber alsbald, überwältigt von Schmerzen, verlassen mußte. Sein Schames, auf den er sich stützte, tröstete ihn, doch er sprach: „Rosch Hoschanah und Jom-Kiper hat man mein Gebet erhört, heute aber bin ich durchgefallen." •— Als sich sein Zustand merklich verschlimmerte, fragte man ihn, ob man seinen Namen verändern solle (Schinii Sem); er erwiderte: „Noch Zeit." Schimchas Thora gingen die Vorsteher und Frommen der Gemeinde auf den Friedhof und verrichteten dort Gebete für den kranken Rabbi. An demselben Tage wurde Rabbi Moses als „Chassan Thora" aufgerufen und er. schenkte zwölf Pfund Kerzen für die Schule. Dann segnete er seine Familie und die gesamte Gemeinde. (Wsos Habrocho.) Herzergreifend war die Szene, als Moses seinem ältesten Sohne den Segen spendete. Er legte seine Hände auf dessen Haupt und sprach: „Dein Großvater Akiba steht zu deiner Rechten, Mhar-Sesach zu deiner Linken und als Dritter im Bunde wird meine Wenigkeit nicht fehlen." Als ihm sein Sohn, für den Segen dankend, die Hände Ministerium der Volksaufklärung und durch mehrjährige erfolgreiche Tätigkeit im gesamten Schulwesen des Ostens durch eminente Korrektheit und Loyalität anderen Richtungen gegenüber sich einen ehrenvollenNamen erworben hat. Diese eben allgemein rühmlichst anerkannten Eigenschaften des Herrn Dr. Deutschländer waren für seine in Vorschlag gebrachte Wahl entscheidend, so daß auch die Zionisten ihre Zustimmung nicht verweigern konnten. Allem Anscheine nach, diese Nachgiebigkeit bereuend, wollen nun die Zionisten auch diesen Posten der Orthodoxie entziehen, indem sie beschlossen haben, einen Parteigenossen Herrn Doktor Deutschländer an die Seite zu stellen, wohl wissend, daß er ein solches Mißtrauensvotum sich keineswegs wird gefallen lassen und es vorziehen dürfte sich zurückzuziehen. Ermutigt durch die Nachgiebigkeit und Friedensliebe der Orthodoxie, die jedem Hader möglichst aus dem Wege geht, damit es nicht zu so einer ernsten Zeit, wie die gegenwärtige, zu einem öffentlichen Chilul haschem käme, fährt der Nationalrat fort, die heiligsten Interessen der Orthodoxie zu verletzen So hat er neulich den Talmudthoras in Keim und Plungjan und dem einzigen Cheder der „Agudas Jisroel" in Kowno die ihnen gebührende Unterstützung gesperrt, aus dem Grunde, weil er das Programm für die allgemeinen Lehrfächer dieser Lehranstalten nicht als ausreichend fand, während der Nationalist Aviederholt ausdrücklich sich verpflichtet hat, in die inneren kulturellen Angelegenheiten der Parteien sich nicht hineinzumischen und die Feststellung der Schulprogramme jeder Parteileitung anheimzustellen. Ungeachtet dieser zugestandenen Verpflichtung hört der Nationalrat nicht auf, seine Pression auf die Orthodoxie auszuübeu und ist unablässig bemüht, besonders auf pädagogischem Gebiet seine prinzipielle Tendenz ihr aufzubürden, die darin besteht, zu gunsten der allgemeinen Lehrfächer den Unterricht in den jüdischen Lehrfächern auf ein Minimum zu reduzieren, wogegen die Leiter der „Achdus" und „Zeirei-:JisraelK energisch zu protestieren sich genötigt sahen. Es würde zu weit führen, wollte ich auf das parteiliche Verfahren des Nationalrates gegenüber der Orthodoxie näher eingehen. Es dürfte wohl der oben angeführten Tatsachen genügen, um das Untolerante, geradezu empörende Verhalten des Nationalrates gegen die Orthodoxie in das richtige Licht zu stellen. Wenn das so weiter fortgesetzt wird, wird der Orthodoxie nichts übrig bleiben, wenn auch mit sehr schwerem Herzen, aus dem Nationalrat auszutreten, und auf die ganze Autonomie zu verzichten. Die litauisch-jüdische Orthodoxie ist sehr arm an kriegserfahrenen und kampfgewandten Kräften. Zu dem ist sie zu schwach organisiert, sie muß daher im offenen Kampfe mit ihren kräftig organisierten und zu den in ihren Kriegswaffen meist unwählerischen zionistischen und bundistischen Gegnern ohne weiteres unterliegen, obgleich sie die bei weitem überwiegende Majorität der jüdischen Bevölkerung Litauens bildet. küßte, sprach er: „Diese dich segnenden Hände sind nicht die Hände deines Vaters." Die Sonne neigte sich zu ihrem Untergange und warf ihre letzten goldenen Strahlen abschiednehmend in das Sterbezimmer des Verklärten. Da lag der Marschall der Thora wie ein sterbender Feldherr, der in voller Uniform sterben wollte und mit zitternder Stimme seine Rabbinermütze verlangte. Man entsprach seinem Wunsche. Das blasse, von weißem, wallenden Barte eingerahmte Gesicht kontrastierte so geisterhaft gegen das Pelzwerk. Um sein Bett standen seine drei Söhne, die Vornehmsten der Gemeinde, die Vorstände der heiligen Brüderschaft, sowie sein erster Rabbinats-Assessor Daniel Proßnitz und der Gemeindenotar Mendl Cohn. Im Lehrsaal unter seinem Zimmer rezitierten die Talmud-Schüler f die Psalmen. In allen Synagogen, die Tag und Nacht geöffnet waren, wurden für die Rettung des Rabbi Gebete verrichtet und auf der Straße vor dem Rabbinate stand dichtgedrängt eine ungeheure Volksmenge beisammen, die mit verstörten Gesichtern auf Nachrichten von dem Sterbelager warteten. Gegen Abend sagte der Rabbi lächelnd: „Es freut mich denn doch, daß ich an der Krankheit aller Gelehrten sterbe." Er verlangte hierauf frische Wäsche und sagte: „Richtet mir mein Bett mit völlig neuem, noch nie gebrauchten Leinen her, denn ich werde es nicht mehr verlassen." Darauf schlief er ein. Gegen Morgen beeilten sich die Mitglieder der Chewra Kadischa, welche ihn im Verscheiden glaubten, mit lauter Stimme die Sterbegebete, aus dem Maawor Jabok anzustimmen. In diesem Momente erhob sich der Kranke und rief ihnen iürnend zu: „Zieht euch zurück und laßt mich über Thora nachdenken, ich werde euch schon rufen, wenn es Zeit ist!'" Einige Minuten später verlangte er, daß man den Gottesdienst abhalte, legte die Gebetriemen an und war noch „Oleh Thora.fc Dann legte er die Gebetriemen ab uud sagte seinem Leibdiener: „Ich schenke sie dir, denn ich werde sie nicht mehr brauben." Eine kleine Pause verstrich, als er plötzlich zu einem seiner anwesenden Schüler sagte: „Gehe hinaus, denn du bist ein Priester!"