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Jüdische Presse · 1921-01-14 · 2 (14.1.1921) · page 3

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Journal
Jüdische Presse
Volume
7 (1921)
Issue
2 (14.1.1921)
Date
1921-01-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 2 JÜDISCHE PRESSE Seite 11 Zu dem fürchterlichen Chilul haschem innerlichen Bruderzwiste gesellt sich somit noch die voraussichtliche Niederlage. Ist es demnach nicht weit ratsamer, sich von jedem inneren Kampfe, innerer Zwistigkeit sich fernzuhalten und friedlich aus dem Nationalrat auszuscheiden, als seine Macht über sich anerkennen, diese als schweres, das' jüdische Bewußtsein tief beleidigendes Joch des deprimierenden jüdischen Golus sich gefallen zu lassen. Wir erachten diese ehrlich gemeinte, im Interesse der Einigkeit und des Friedens gemachten Warnung, für geboten, so lange es noch nicht zu spät ist. Möge der Nationalrat in die Bahnen der objektiven Unparteilichkeit und Korrektheit einlenken, daß es zu einem öffentlichen Chilul haschem, zu offenkundigem Perud halwowos nicht komme. Die Orthodoxie hat mit dieser rechtzeitigen Warnung ihre Pflicht p-etan. Die Schuld ihres etwaigen Austrittes aus dem Nationalrat fällt somit ganz und gar auf gegnerische Seite. __ Das Deback der jüdisch-nationalen £ande$- politik in der Slowakei. (Zur Tagung der Vereinigten Jüdischen Partei in P i e s t a n y.) Das waren einfach Orgien der Gesinnungslosigkeit, was die sogenannte „Vereinigte (?) Jüdische Parteia an ihrer Jahresversammlung produziert hat. Rufen wir uns doch einmal in Erinnerung zurück, wer diesen „Frca'k" von einer Parteibildung eigentlich geschaffen hat. Max Brod war der Spiritus rector der ganzen Campagne der ,V. J. P." Mit dem weißblauen Banner in der Rechten und den Sechszack in der Linken durchzog er die Slowakei und forderte den Schwur auf Zion und das jüdische Minoritätsrecht. Wer Waren die Exponenten der ganzen Wahlkampagne und wer die Kandidaten — anders als die Unterführer des Zionismus! Und da liest man mit einem Male verblüfft, daß der letzthin stattgefundene Parteitag der „Vereinigten" Jüdischen Parteien" sich gegen den Zionismus gewendet hat. Der Führer. der Neutraer Neologengemeinde, welche gegenwärtig den höchsten Gletscher der slowakischen Assimilation darstellt, beherrschte die Stimmung und die Herren Zionisten-Unterführer saßen und schwiegen. Die Stimmung einer in Liquidation befindlichen G. m. b. H. lag über die ehrenwerte Versammlung. Der Rabbiner von Skalitz forderte die Ausschaltung der jüdisch-nationalen Landespolitik — ohne Widerspruch—' ohne Zustimmung! Ein anderer die Perhorreszierung des Zionismus — ohne Widerspruch — ohne Zustimmung. Man saß nämlich und wartete auf die — Schlußkurse. Denn eine Börse und nichts anderes waren diese V. J. P.-Versammlungen immer gewesen, wo man mit Mandaten handelte. Zum Schlüsse verflaute sich der Zionismus stark, die orthodoxe Valuta haussierte andauernd, das jüdische Minoritätsrecht sah aus wie die österreichische Krone, die assimilatorische Valuta rückte überraschender Weise wie die ungarische an die vorletzte Stelle. Man faßte daher einstimmig die Resolution, daß die „Vereinigte Jüdische Partei" ausschließlich nur soziale und wirtschaftliche Interessen des J n d e n t u m e s zu verfechten habe, daß das Parteiorgan (das bis jetzt auch offizielles Organ der Zionisten war) über den Parteien zu stehen habe, warf die Zionisten aus dem Präsidium und wählte zum Führer — niemanden. Tatsache! Die Präsidentenstelle wurde nicht gehandelt. Die zwei Witze- Präsesstellen fanden nur zu höchst reduzierten Notierungen Absatz. Nagy-Bicse, bisher nur als Mehl-Emporium bekannt, ist nun der Sitz des Führers der Vereinigten, (mit Ausnahme der Orthodoxen) jüdischen, (mit Ausnahme der Zionisten) Parteien (mit Ausnahme der Misrachisten) des gesamten (mit Ausnahme der Poalezionisten) slowakischen Judentumes (mit Ausnahme der Assimilanten) geworden. Der Oberrabbiner von.Verbo gab den Friedensengel, jedenfalls die dankbarste seiner bisherigen Rollen. Es wurde eine Gleichzeitig wendete er sich zur heiligen Bruderschaft and begann mit lauter Stimme selber das Schmah- Israel anzustimmen. Schreckensbleich und zitternd, stimmten alle Anwesenden mit ein und das Sterbegebet pflanzte sich bis auf die Strasse fort, wo es von tausend Menschen weinend niitgebetet wurde. Nochmals erklang das Schmah-Israel von den Lippen des Sterbenden, aber nur leise und schwach, so daß es kaum von den Nächststehenden mehr vernommen wurde, beim dritten Male aber bewegten sich nur mehr seine Lippen, er streckte die Hände unter die Decke und schloß die Augen, der größte Jude seiner Zeit war nicht mehr. Das Begräbnis des Chassam Sofer wurde in feierlicher Weise veranstaltet. 46 Rabbiner begleiteten den Leichenzug, von denen 3 8 an seinem Grabe einen Nachruf sprachen, so daß die Zeremonie am Friedhof von 9 Uhr morgens bis zum Untergang der Sonne dauerte. Der Zug wurde von dem sechsspännigen Leichenwagen eröffnet, welchem unmittelbar die Gemeindevorsteher folgten, die dem Verstorbenen seine sämtlichen Werke nachtrugen. Hierauf folgten die Söhne des Verblichenen uud die verwaiste Schar seiner Schüler, der sich in dichten Haufen die trauernde Gemeinde anschloß. Chassam Sofer starb Donnerstag, den 25. Tischri, des Jahres 5600 (1839) im Alter von 77 Jahren, nachdem er den Ehrensitzstuhl des Preßburger Rabbinates achtunddreißig Jahre lang sich selbst zum Ruhme, der Khile Preßburg zum Heil und Segen, seiner Geburtsstadt Frankfurt zur schönsten Ehre, dem gesamten Judentum zum Nutzen und Frommen und dem Worte G-ttes, der heiligen Thora zur Förderung, bekleidet hat. Israels Zelte sind über den ganzen Erdball zerstreut, aber so entlegen ist keines, daß der Name des Chassam Sofer nicht hingedrungen, daß das Bild des Rabbi Moses Schreiber aus Preßburg nicht bekannt wäre. Viele Jahre sind hingegangen; aber noch heute hält das orthodoxe Judentum an diesem Chossam, an diesem heiligen Bundessiegel fest. Kommission eingesetzt, um mit der Orthodoxie zu verhandeln. Wir wissen wahrhaftig nicht worüber! Für soziahvirtschaftliche Fragen, denen die „V. J. P.Ä nunmehr allein gewidmet sein soll, gibt es weitaus bessere Organisationen und für Paßangelegenheiten und dergleichen muß doch keine eigene Landesorganisation gegründet werden. Die Lage der „V. J. P.u, die mit schweren finanziellen Nöten kämpft, wäre nach all diesem eine verzwickte, wenn es nicht einen wohlerprobtcn Ausweg gäbe: man hält die Beschlüsse der Delegiertenversammlung einfach nicht. Die „Jüdische Volkszeitung" war wieder Gegenstand herber Kritik. Der bisherige Redakteur (Misrachist) scheidet naturgemäß zufolge des Beschlusses, daß das Blatt weder zionistisch noch national-jüdisch orientiert sein darf und an seine Stelle ist — ratet wer? — ein Redakteur der ,Wiener Morgenzeitung" berufen worden, einer der radikalsten Verfechter des jüdischen Minoritätsrechtes und des Jungzionismus. Damit ist eigentlich die Wiener „Jüdische Zeitung" nach Bratislava übersiedelt. Das wird kaum die Annäherung an die Orthodoxie fördern und der Volksverband geht unaufhaltsam seinem Schicksale zu, einfach die Kanzlei der neologen und status quo-Gemeinden der Slowakei zu werden. Selbst in diesem Falle muß eine gründliche Aenderung der Leitung eintreten, deren bisherige Heldentaten der Verewigung eines Dichters harren, dem das komische Epos liegt. Das wabre Gesiebt der miticlstandsüiicbcn Jlffaire. Gewiß fällt die Tätigkeit des Joint eigentlich nicht in die Kompetenzen und die Agenden der Kultusgemeinde Wien. Nichtsdestoweniger sehen wir uns veranlaßt, anläßlich einzelner Vorkommnisse aus der jüngsten Zeit, an denen der Joint sicherlich vollkommen unschuldig ist, eine ganz bescheidene Anfrage an die Vertreter der Orthodoxie der Wiener Kultusgemeinde zu richten. Letzteren Endes gibt es ungeschriebene Pflichten für die Kultusgemeinde gegenüber dem Joint. Sie stellen das Mindeste dar an Aeußerung der unermeßlichen Dankesschuld, welche die Wiener israelitische Bevölkerung gegenüber dem Joint hat. Soweit die Kultusgemeinde dazu in der Lage ist, ist es ihre heilige Aufgabe, dafür zu sorgen, daß jeder Vorwurf gegen die großherzigen Intentionen des Joint behoben wird. Es liegt gewiß in der Absicht unserer amerikanischen Glaubensgenossen, daß ihre Wohltaten jedem ohne Unterschied der Anschauung zugute kommen. Das Unrecht beginnt n dem Augenblicke, in welchem die nun einmal in der Wiener Kultusgemeinde vorhandenen Differenzen auch zur Differenzierung unter den Empfängern Veranlassung geben. Es wäre Pflicht der Kultusgemeinde gewesen, mit aller Energie dafür einzutreten, daß die mit den Geldern und Mitteln des Joint unterhaltenen Küchen jedem zugänglich sind. Wir hätten von allen Organen der Kultusgemeinde erwartet, daß sie in diesem Punkte Großzügigkeit an den Tag legen und mit aller nur möglichen Klarheit und Deutlichkeit dafür Sorge tragen, daß die Ritualität der Küchen über jeden Zweifel erhaben ist. Wir gestehen gern zu, daß der Ansatz zu diesem Mitwirken vorhanden war bis zum ersten Konfliktsfall. Wenn Seiner Ehrwürden Herrn Rabbiner Fürst die rituelle Aufsicht der Mittelstandsküchen übertragen wurde, so hätte das in einer Form geschehen müssen, welche die Kompetenzen des Herrn Rabbiners vollkommen klargestellt hätte. Nachdem wohl auch die erbittertsten Gegner des Herrn Rabbiners in der Kultusgemeinde die Ehrlichkeit seines Wollens nicht zu bezweifeln wagen, so ist es ein widriges Schauspiel sondergleichen, daß gelegentlich einer rituellen Entscheidung und eines rituellen Verlangens des Herrn Rabbiners plötzlich die ganze Haltlosigkeit und Wirkungslosigkeit der ihm übertragenen Rechte in Erscheinung tritt. Wir verlangen von den orthodoxen Vertretern innerhalb der Kultusgemeinde, daß sie an geeigneter Stelle das Skandalöse der Tatsache, daß Interna der Wiener Kultusgemeinde die edlen Absichten des Joint durchkreuzen, darlegen. U. A. w. g. BILANZ. (Eine Vision.) Durch die Straßen trüb und düster, Kaum verhüllt von morschen Lumpen, Schleichet müde, langsam, kraftlos, Schwankend, tastend, ängstlich suchend Halt an jedem Mauervorsprung Ein gedrückter, alter Jude — Alt geworden nur durch Leiden Doch noch jung an Lebensjahren —. Und sein Schritt wird immer matter, Und sein Auge immer trüber, In dem Blicke lebt Verzweiflung, Zitternd flüstern seine Lippen, Krampfhaft schließen sich die Hände, Die das Nehmen nicht gewohnt sind. Endlich sinkt er ganz zur Erde. Und auf seinen welken Zügen Hebet an ein grausig Ringen, Ringen mit dem Todesengel, Der erlösend ihm will nahen. Mählich löset sich die Starre In dem gramdurchfurchten Antlitz. Mählich gleitet er hinüber In ein zärtlich lockend Traumland. Und zum Klagen, und zum Segen Schürzen sich des Greises Lippen. Leise erst, dann immer lauter Tönt des Scheidegrußes'Kunde, Dringt hinaus in öde Straßen, Dringt hinein in stolze Häuser, Klingt hinaus in weite Fernen, Klingt hinein in stolze Herzen. — Also sprach er traumverloren: Nicht von meinem bitt'ren Leide Will ich sterbend Kunde bringen, Will nicht träumen von den Träumen, Die ich einst in jungen Jahren Mit dem Leben hab' verbunden. Will nicht klagen, daß am Wege, Als ich flüchtend vorwärts eilte Mir die Kinder sind gestorben, Schöne, gute, junge Kinder. Will nicht klagen, daß der Flüchtling Nirgends fand die Ruhestätte, Daß er lieblos ward getrieben Ohne Scheu durch alle Lande. Will nicht klagen, daß die Gattin, Strahlend einst in Jugendschöne, Jetzt verhärmt und ohne Obdach, Kaum bedeckt die welken Glieder, Aengstlich meiner Heimkehr harret, Meiner Heimkehr in den Winkel Unter feuchten Brückenpfeilern. Segnend, mahnend möcht ich scheiden. Mahnend euch, ihr guten Brüder, Fragend euch, ihr guten Schwestern. Wenn der Herr in seiner Güte Mild und liebreich euch geführet. Wenn er euch ins Haus gesandt hat Erdengut in reicher Fülle, Sterbend kündet euch der Bruder Daß es willig euch gegönnt sei. Sterbend möcht ich betend segnen Euer Haus und eure Habe. Aber Eines — und da hob sich Seine Stimme bis zum Himmel, Und die Tränen wurden Blitze Züngelnd um die stolzen Häuser, Und das Reden ward ein Brausen, Daß die Engel schüchtern lauschten — Aber Eines muß ich fragen: Habt den Zehnten ihr gegeben? Habt ihr Maaser nicht vergessen? AVenn in euren stummen Büchern Zahlen sich zu Zahlen fügen, Wenn Bilanz ihr habt geschlossen Steht nicht doch ein Posten offen? Ist nicht Gut, das Armen eigen, Noch in eurer Hand verschlossen? Wißt ihr, wieviel langsam sterben Weil sie auf den Maaser warten? Wißt ihr, wieviel still sich härmen, Weil des Zehnten sie entraten? Wißt ihr, wieviel glücklich wären Wenn ihr eure Pflicht erfülltet, Eure Pflicht, die stets gewesen Judas Stolz zu allen Zeiten? Und wenn groß des Maaser Summe, Lasset dies euch nicht verdrießen. Seied stolz und froh und glücklich, Daß so vieles ihr könnt reichen. Ich beschwör' euch, Bruder und Schwester, Euretwegen seied standhaft, Ob des Glückes eures Hauses. Ob des Glückes eurer Kinder, Ob der Reinheit eurer Habe, Um des heiligen Namens willen. Also sprach der alte Jude Und die Augen brachen mählich, Und das Träumen ward zum Schlafen Und das Schlafen ward zum Sterben. Da, noch einmal regten zuckend Sich die müden, dünnen Lippen. Und es klang ein leises Flüstern: Habt — ihr — Maaser — nicht'— vergessen? P. K.

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