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Jüdische Presse · 1921-01-14 · 2 (14.1.1921) · page 1

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Journal
Jüdische Presse
Volume
7 (1921)
Issue
2 (14.1.1921)
Date
1921-01-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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JÜDISCHE PRESSE („JÜDISCHE KORRESPONDENZ") ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion und Administration: Wiea, IL, Malzgasse 12 a. - Telephon Nr. 49.054. Tschechoslowakei: Bratislava, Tarnergasse. 14. Erscheint jeden Freitag. — Redaktionsschluß: Für Artikel Montag, für Nachrichten ^Dienstag. Ahonnementspreise: Ganzjährig: Für Osterreich und Ungarn d.-ö.K160- —, TschechoslowakeiKc. 60- DeutschlandMk.60«-, Schweiz Frcs. 10*—, Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire, England 10 Shilling, Rumänien 30 Lei, Jugoslawien 20 Dinar. Einzelnummer d.-ö. E 3 —, Kc. 1*20. Inseraten - Preis: Ganze Seite K 3000* — , halbe Seite K 1500 —, viertel Seite K 800-—, achtel Seite K 400*-, sechzehnte! Seite K 250«—. Bei Wiederholung entsprechender Rabatt. Nr. 2 Wien-Bratislava, 14. Jänner 1921 ♦a'snn &aw n rroDDjna " nn .ts» I 7. Jahrg. fernwirkuttg. Viel zu wenig bei dem Geschehen an der Judenheit wurden bisher die Vorgänge berichtet, welche der prophetischen Verheißung: ..Denn siehe da, ich helfe dir aus den Fernen" (Jeremia 46, 18) entsprechen. Zum ersten Male war es ein schlichte]* Knecht, welcher den Atem anhielt, als ihm eine Ahnung von den geheimnisvollen Zusammenhangen aufging, welche die Geschichte Israels in ihrem Gesamtbild darstellen, es war Elieser Bei der Beobachtung des Tims von Rebekka. Deutlicher schon weist das Zeugnislied, welches Moses sprach, auf diese Innenwelt hin, wenn er das geschichtliche Werden der Welt nach der Fügung des Allmächtigen als eine Folge der besonderen Fürsorge für Israel lehrt. (Er stellet die Grenzen der Völker nach der Zahl der Kinder Israels.) Und wer weiß zu ermessen, wie sehr die Geschichte des jüdischen Volkes mitbestimmt wurde durch den großen Einschlag fremden Volkes, welches sich ihm bei dem Auszug aus Aegypten anschloß. All diese Momente sollte man sich klar vor Augen halten, wenn man wieder einmal vor einem Wendepunkt der Weltgeschichte steht. Es ist gar nicht abzusehen, welchen Einfluß all diese Wandlungen und Wendungen haben werden, welche Keimansätze von Fernwirkungen hier geborgen sind, deren Ausdruck vielleicht erst sehr spät Epigonen wahrnehmen. Wehe dem, der mit täppischer Hand in dieses feine Gewinnst eingreift; da wird mancher Faden zerrissen, der dann mit seinem Ende wie suchend durch die Lüfte schwebt, und spätere Geschlechte werden diesen Riß bedauern. Noch ist alles im wogenden Werden, doch Eines ist mit ziemlicher Sicherheit schon zu erkennen. Dem häßlichen, sinnlosen, rücksichtslosen Hasten nach Erwei'b, dem gierenden* ruhelosen, brutalen Rennen nach Genuß entspricht denn doch, für den Eingeweihten sichtbar, ein sehr ernstes, bedächtiges Suchen nach Ewigkeitswerten in diesem zwischen Hunger und Ueberfluß pendelnden Menschenleben, nach einem Ideal, oder, noch nüchterner gesagt, nach einer Idee, nach einem gedanklichen Inhalt dieses dem äußeren Anschein nach üblen Bildes der Verwesung und des Sterbens. Es gibt Suchende in größerer Anzahl, als man glaubt. Man erkennt schon in weiteren Kreisen, daß der gekünstelte Versuch des Menschenwitzes, Völkergrenzen nach rein materiellen Interessen zu erstellen, in der Erstellung dieser Grenzen wahres Glück der Menschheit schonungslos zu mißachten, mißlungen ist, und man sucht — noch nicht in den Kabinetten der Mächte, aber im Bereich der einzigen Macht der Welt — zu erraten, wie man in dieses Werden eine neue Ahnung des Glückes bringen kann. Wenn nun das jüdische Volk in seiner Gesamtheit die Aufgabe übernehmen würde, dieser materiellen Welt eine Welt des Ideellen lebend entgegenzustellen, so wäre das ein wunderbares, großes Werk. An die Spitze der Suchenden müßten die Juden treten, müßten zeigen, wie man unter Verzichtleistung auf lockenden, gleißenden Gewinn, auf lockenden, totbringenden Genuß sich in den Dienst einer höheren Welt stellt. Das müßte sowohl in dem*Leben des Einzelnen zum Ausdruck kommen, wie auch in der Art und Weise, wie man die in der Thora verbürgten Forderungen Judas an die Welt präsentiert. Daraus kann nicht Segen werden, wenn man Judas Wünsche und Notwendigkeiten in den brodelnden Hexenkessel der Augenblickstollheiten einer erregten, in ihrem Innersten aufgerüttelten Welt wirft. Wenn Agudas Jisroel es gelänge, auch die Gegenwartsaufgabe im 'Lichte der Thora erschauen zu lassen, dann hätte sie der ganzen Menschheit einen großen Dienst geleistet. Dann würde jüdisches Wollen der Kristallisationspunkt sein, um den sich alles ansetzt, was nach einer besseren und reineren Gestaltung der Welt sich sehnt. Aus den Fernen des wahren Friedens würde dann die Hilfe winken und spätere Ge- -schleehter- Büreten daiüs<,^i ^Beginn , .einer öiücjfesr epoche der Menschheit dankerfüllt auf unser Wollen zurückführen. Doch, so fragt man, wo bleibt die Gegenwart mit ihren stürmischen Forderungen? Ist es recht, ist es zu verantworten, diesen sich zu verschließen? Den also Fragenden antwortet Koheleth (XI, 1): Wirf dein Brot auf das Wasser, denn du wirst es wiederfinden im Werden der Tage. Das Suchen nach dem Ideal, oder du als Jude brauchst ja nicht zu suchen, brauchst ja nur übernommenes Ideal zu bewähren, macht dich so stark, so unwiderstehlich, daß du selbst aus sturmgepeitschten Wogen dein Boot, dein Leben wiederfindest. Die Fernwirkung deines Wollens zum Guten ist so mächtig, daß es die Wogen sähftigt und du dir und der Welt, das Glück erkämpfst. Nur groß mußt du bleiben und Großes am Maßstab der Ewigkeit messen. ' P. K. Der ßationalrat und die Orthodoxie in Litauen. (Von unserem Korrespondenten.) Der einzige glückliche WTinkel auf der weiten Erde, wo Juden eine vom Staate, wenn auch noch immer nicht nach allen Formalitäten der Legislatur, aber doch faktisch gewährte innere Autonomie besitzen, ist das kleine Ländchen Litauen mit ihrer 167.000 starken jüdischen Bevölkerung. Dieser neue, erst nach dem abgeschlossenen Brester Frieden sich gebildete Randstaat des früheren Rußland, hat sich auffallender Weise gegen Juden so loyal betätigt, zu einer Zeit, wo im benachbarten Polen die Wogen des abscheulichsten mittelalterlichsten Antisemitismus himmelhoch brandeten, jüdische Heiligtümer, jüdische Ehre mit Füßen getreten, jüdisches Hab und Gut geplündert und zerstört wird. Und dabei sind , die Litauer mit den Polen seit Jahrhunderten nicht bloß kirchlich, als der römisch-katholischen Konfession angehörend, sondern auch politisch und ökonomisch eng verbunden und sogar innerlich verschmolzen. Wie mag es wohl zu erklären sein, daß gerade in ••dW^*^^'*^^^- Ä-.iftfiu'er ion £em#&$h;iK so ganz und gar auseinandergehen \ühd sogar eifle schnurstraks entgegengesetzte Politik verfolgen? Diese rätselhafte Erscheinung hat ihre tiefe Begründung einerseits im Charakter der litauischen Judenheit, andererseits im historischen Verhalten der Polen zu den Litauern und Juden. Rabbi ltlo$e$ Sofcr gt$. J\. lim Lebensbild für die Jugend. Von Wolf Kapaport (Przemysl). (Schluß.) Im Monate Siwan, Freitag abends. 5523 nach jüdischer Zeitrechnung, wurde in der damals hervorragenden Judenstadt in Frankfurt am Main dem frommen Gelehrten Rabbi Samuel Sofer von seinem Weibe Resel ein Sohn geboren, den er Moses nannte. Als Moses drei Jahre alt war, schickte ihn sein Vater in die Kinderschule, wohin ihn seine Mutter dreimal des Tages auf ihren Armen trug und von welcher sie ihn wieder abholte. Als Moses das fünfte Jahr erreicht hatte, zeigte er bereits außerordentliche Wißbegierde und große Fähigkeiten und einen besonderen Fleiß. Mit neun Jahren wurde Sofer zu dem berühmten Rabbi Nathan Adler gebracht, der sofort das Talent des Knaben erkannte und zu würdigen wußte. Zu jener Zeit kam der Verfasser des „Maren Cohen" nach Frankfurt, um sein Werk dem Drucke zu übergeben. Er wendete sich an Adler und bat, ihm den besten Schüler zur Verfügung zu stellen, der die Korrektur seines Werkes vorzunehmen geeignet sei. Da schickte ihm Adler den kleinen Sofer, worüber der Gaon unwillig wurde und dem unahnsehnlichen Knaben barsch die Türe wies. Aber Adler versicherte hernach, daß Moses vollkommen befähigt sei, die Ausbesserungen der Fehler usw. vorzunehmen, und der Verfasser des „Maren Cohen" übergab Moses das Werk zur Korrektur. In kurzer Zeit überbrachte Sofer das korrigierte Werk, und der Gaon war darüber ganz hingerissen. Als Moses zwölf Jahre zählte, hielt er bereits eine Drascha in Frankfurt, und da erlaubte er sich in bezug auf eine schwierige Talmudstelle eine Meinung zu äußern, die jener seines Großvaters des Mharscheschach, des Darmstädter Rabbiners, zuwiderlief. Der Vater Sofers ergrimmte hierüber, machte ihm bittere Vorwürfe über diese Arroganz und ohrfeigte ihn in Gegenwart von fremden Personen, Als der Gaon Adler diese Begebenheit erfuhr, verbot er Moses, von nun an mit seinem Vater zu verkehren. Moses gehorchte seinem hochverehrten Lehrer. Infolge der Familienzwistigeeiten ging sodann Sofer nach Mainz zum damaligen Oberrabbiner Scheyer. Dort ging es ihm die erste Zeit herzlich schlecht, er mußte, da er wenig Bekanntschaft hatte, mit Nahrungssorgen kämpfen. Er mehrte sein Wissen in Mainz, seine Qualitäten fanden große Anerkennung und er wurde .ein sogenannter Bochur Mschuchror, den, wie es damals üblich war, jeder Bräutigam des Ortes unterstützen mußte, und der auch nicht mehr die gewöhnlichen Bochurimdienste zu verrichten hatte. Obwohl es unserem Moses in Mainz gut ging, wurde er vom Heimweh ergriffen, er sehnte sich nach Rabbi Nathan Adler, und ohne viel zu überlegen, kehrte er bald nach Frankfurt zurück. Gerade war Adler im Begriffe nach Boskowitz zu reisen, um die Rabhinerstelle dort anzutreten. Rabbi Nathan hätte seinen Liebling gerne mit nach Boskowitz genommen, doch gab es Hindernisse und er mußte Moses zurücklassen. Allein Moses gürtete wie ein Held seine Lenden, raffte sich auf und trat die Reise nach Boskowitz, so mühselig dieselbe auch war, zu Fuß an. Einige Stationen vor Boskowitz erreichte er den Wagen seines Lehrers, der, tiefgerührt durch die beispiellose Anhänglichkeit des Schülers, denselben auf den Wagen nahm und in seiner Begleitung nach Boskowitz fuhr. Rabbi Nathan hatte Moses im Laufe der Zeit infolge seines Benehmens so sehr liebgewonnen, daß er sich kaum mehr von ihm zu trennen vermochte; doch gelangte Rabbi Nathan zur Erkenntnis, daß es denn doch bereits an der Zeit wäre, daß Moses eine Gattin heimführe. (Moses war nämlich schon zwanzig Jahre alt.) Zu diesem Behufe sendete er ihn nach Proßnitz zu Wolf Boskowitz. Dort verlobte sich Moses alsbald mit der Witwe Sarah Jerwitz. Adler war entschieden gegen diese Partie und er „redete" ihm ein schönes, junges, wohlhabendes Mädchen aus Frankfurt am Main. Doch Moses wollte die Witwe, der er die Ehe versprochen, nicht beschämen und kurze Zeit darauf heiratete er dieselbe. In Proßnitz studierte Moses beinahe Tag und Nacht. Samstag abends setzte er sich zur Gemara und lernte volle 2'4 Stünden. Sodann nahm er etwas Kaffee und Brot, schlief eine Nacht, dann ging es wieder von vorne an. Völle zwei Jahre nacheinander entwickelte er diese aufreibende Tätigkeit. Später war sein Schwager, der ihm anläßlich der Heirat vier Jahre Kost und Quartier versprochen, nicht mehr in der Lage, Wort zu halten und bittere Not kehrte im Hause Moses ein. Niedergedrückt durch die trostlose Lage, in der er sich befand, erinnerte er sich an die Gründer und Verfasser des Talmud und der Mischna. Er erinnerte sich, daß Hiilel ein einfacher Taglöhner, Akiba ein Holzhacker, Rabbi Meier ein Schreiber, Rabbi Josüä ben Levi ein Schneider, Ben Chalafta ein Gerber, Chilkya ein Ackersmann, Josa ein Bäcker und Chananya ein Schuster waren, und er nahm sich vor, um sein Leben zu fristen, sich irgendwie eine Arbeit und Beschäftigung zu verschaffen. Da zeigte sich mit einemmale ein Lichtstrahl in der Dunkelheit, es zeigte sich, daß der Hüter Israels nicht schläft, auch nicht schlummert und für seine Lieblinge sorgt. Es erschien plötzlich der Vorstand der Dresnitzer (Straßnitz) Gemeinde bei Moses und ersuchte ihn, die vakante Rabbinersteile in Dresnitz anzutreten. Noch weilte er nicht lange in Dresnitz, so kamen einige Gemeindevorsteher aus Mattersdorf in Ungarn und brachten ihm ihre Huldigungen dar. Vielen Bitten gelang es, daß sich Moses veranlaßt sah, die Dresnitzer Gemeinde, in der es ihm jnit ging, zu verlassen und nach Mattersdorf zu übersiedeln. Ein wahrer Festzug war es, als Moses in Mattersdorf in Begleitung der ihm entgegengekommenen Deputation seinen Einzug hielt. Blumen waren auf den Weg gestreut, den der Rabbi passierte, und der Jubel' der gesamten Gemeinde wollte kein Ende nehmen. Von vielen Seiten strömten Talmud-Jünger nach Mattersdorf, um dort das Wort G-ttes zu hören und aus der unversiegbaren reinen Quelle Sofers Lehre zu schöpfen, Einige Zeit darauf entstanden aber Streitigkeiten in der Gemeinde, die stets dem bescheidenen, friedliebenden Moses ein Dorn im Auge waren, und unser Rabbi entschloß

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