Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 20/36 (26.11.1920)
- Date
- 1920-11-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 2 JÜDISCHE PRESSE Nr. 20/36 heiligen Lande das heilige, nach Gesetz und Thora lebende jüdische Volk Erwerb und Existenz finde. Wir hoffen, daß der warme Appell, der von den bedeutendsten Lehrern, talmudischen Größen und Führern der thoratreuen Judenheit an die Jereim gerichtet wird, Erfolg findet und daß der Palästinafonds Keren Erez Israel der Agudas Jisroel von der thoratreuen Judenheit den großen Aufgaben gemäß kräftigst unterstützt werde. Briefweclwl zwischen Jfgudas Ji$roe1 und der Zionistischen Organisation. II. Die Arbeit in der Diaspora. Die Zentrale der Agudas Jisroel wandte sich betreffend des Zuaammenarbeitens sämtlicher jüdischer Vereine bei den Auswanderungsfragen an die zionistische Organisation: Zürich, 23. Mai 1919. An die zionistische Organisation in Kopenhagen. Sehr geehrte Herren! Die allgemeine Lage der Juden bei Kriegsende gibt. Anlaß zu Fragen, deren Tragweite und Folgen für die Regelung und Verbesserung des Lebens unseres Volkes in naher und ferner Zukunft sehr wichtig sind. Es ist daher die Pflicht aller großer Vereine, vom Bestreben beseelt zu sein, alle Kräfte zu vereinigen, um die Fragen nach Möglichkeit zu lösen. Zu den Fragen gehört diejenige der Auswanderung. Ihre Ausdehnung hat vor dem Kriege viele schwere, unüberwindliche Hindernisse gefordert. Durch die großen Drangsale, welche das Leben und Gut der Juden in allen Ländern betroffen hat, daß die Auswanderung noch größeren Umfang nehmen wird, zumal wenn die Grenzsperre zum Teil aufgehoben wird. Die Auswanderung wird dann in fürchterlicher Eile um sich greifen, sodaß der Zusammenbruch nahe ist, wenn f wir nicht in letzter Stunde alle unsere Kräfte aufwenden, die Frage systematisch und rationell zu ordnen. Wir. dürlen nicht unter allen Umständen die dazu erforderlichen Arbeiten, insbesondere die nötigen Beratungen und Schritte in den Ländern der Auswanderung, Durchreise und Niederlassung hinauszögern. Ohne Zweifel ' muß in erster Linie in den jüdischen Vereinen mit gemeinsamen Kräften zu diesen Aufgaben herangetreten werden. Zunächst muß wegen Art und Weise der gemeinsamen Arbeit der „Aguda", die durch ihre programmäßigen Anschauungen eine Vereinigung von Volksschichten ist, welche die Auswanderung am meisten interessieren, und deshalb verpflichtet ist, mit den erforderlichen Schritten der Klärung dieser Frage anzufangen, beraten werden. — Darum wenden wir uns an Sie, geehrte Herren, mit der Anfrage, ob Sie geneigt sind, dieses Problem gemeinsam mit uns zu lösen und sich an der einzuberufenden Versammlung zu diesem Ziele zu beteiligen. — Wir erhoffen Ihre Antwort und zeichnen mit aller Hochachtung Zentrale der Agudas Jisroel. Antw5rt der zionistischen Organisation : An die Zentrale der Agudas Jisroel in Zürich. Sehr geehrte Herren! Wir bestätigen Ihnen dankend den Empfang Ihres Schreibens vom 23. Mai, das wir an unsere Zentrale in London weitergegeben haben. HocbachtungsvoHKopenhagener Abt. der zion. Organisation. gez.: Rosenblatt. Kopenhagen, 8. Juli 1919. An die Zentrale der Agudas Jisroel in Zürich. Geehrte Herren! Wir kommen auf den Inhalt Ihres Schreibens vom 23. Mai, das, wie bereits mitgeteilt, wir nach London sandten, zurück. Gemäß dem Londoner Beschlüsse teilen wir Ihnen folgendes mit: Ihren Antrag, eine außerordentliche Versammlung zur Beratung der Auswanderung nach Erez-Israel haben sie (in London) gebührend geprüft. Sie erkennen die Notwendigkeit der gemeinsamen Arbeit aller Vereine und Organisationen, um den großen Aufgaben gerecht zu werden, an. Sie erachten audh die gemeinsamen Beratungen für unbedingt erforderlich, Sie glauben aber, daß die Beratung erst dann greifbare Erfolge haben kann, nachdem alle politischen Fragen durch den Friedensvertrag gelöst sind. Wenn der Zeitpnnkt hierzu geeignet sein wird, kommen wir auf die Angelegenheit zurück. Hochachtungsvoll Kopenhagener Abt. der zion. Organisation. gez.: Dr. Rosen Matt. Hierauf die Antwort der Agudas Jisroel: Zürich, 17. Juli 1919. An die zionistische Organisation in Loudon. Sehr geehrte Herren! Auf unser Schreiben an die Kopenhagener Abteilung Ihrer geehrten Organisation erhielten wir eine Antwort unter 8. d. M., mit Ihren Entschlüssen. Wir wenden uns unmittelbar an Sie mit unserer Erwiderung. Zunächst erlauben wir uns, Sie auf Ihr Mißverständnis unseres Briefes hinzuweisen: Wir haben nicht eine Versammlung wegen der Einwanderung in Erez- Israel, sondern hehufs Beratung der Mittel und Wege, wie man der schwebenden Gefahr, die aus der massenhaften Auswanderung zu entstehen droht, entgegentreten kann, beantragt. Es ist naheliegend, daß für eine solche Arbeit es nicht nötig ist, die Resolutionen der Friedensverhandlungen abzuwarten. Vielmehr müssen wir die Arbeit beschleunigen, um die Zeit nicht zu versäumen. Nach dieser Berichtigung können wir unseres Erachtens auf einen anderen Beschluß Ihrerseits betreffs unseres Schreibens vom 23. Mai, rechnen und wir hoffen auf Ihre Zustimmung, da die Regelung der Auswanderung auch Erez- Israel berührt, das nach Ihrer Ansicht vor der allzugroßen Zuwanderung geschützt werden muß. Hochachtungsvoll die Agudas Jisroel. Antwort des großen Komitees der zionistischen Organisation: London, 26. August 1919. An die Agudas Jisroel in Zürich. Geehrte Herren! Wir empfingen Ihr Schreiben vom 17, Juli, worin Sie erklären, daß Sie in Ihrem Schreiben vom 23 Mai an unsere Abt. in Kopenhagen den Antrag zu einer Versammlung nicht wegen der Auswanderung nach Erez-Israel, sondern um die allgemeine Auswanderung gestellt haben. Trotz Ihren Argumenten im Schreiben vom 17. Juli erachten wir die gegenwärtige Zeit für eine solche Versammlung für nicht geeignet. Die Auswanderung ist zweifellos eine wichtige Frage im Leben jes jüdischen Volkes; aber — . um die nationalen, politischen nd Ökonomischen Fragen, die damit verbunden sind, in genügender Weise zu lösen — erheischt es, daß die Kommission, die sich damit befaßt, mit strengster Vorsicht gewählt wird und sich zusammensetzt. In erster Linie muß der Ruf zu der Versammlung von Kreisen, die berechtigt sind, im Namen der breiten Volksmassen, die die Angelegenheit angeht, aufzutreten, ausgehen. In zweiter Reihe ist es erforderlich, daß diese Kommission den nötigen politischen Einfluß besitzt, um die gefaßten Beschlüsse auszuführen und das Volksvertrauen zu genießen. (Dieses Vertrauen ist im gewissen Grade davon abhängig, von welcher Organisation der Ruf zu der Versammlung und Einsetzung eines Komitees ausgegangen ist.) Es ist auch eine unumgängliche Bedingung, daß hinter den Vertretern die Teile des jüdischen Volkes, die die Sache interessiert und die Möglichkeit und den Willen besitzen, an der Versammlung teilzunehmen, stehen. Auf Grund dessen sind wir der Meinung, daß wir zuerst die zionistischen Organisationen und die jüdischen nationalen Räte in den verschiedenen Ländern oder die Ansichten der Vertreter aller nationalen Vereinigungen und Kongressen in dieser Angelegenheit befragen müssen. Alles dies in Betracht ziehend, erachten wir. daß eine Versammlung und Beratung auf Grund Ihrer Anträge unseren Anforderungen nicht entspricht. Hochachtungsvoll im Namen des arbeitenden Komitees der Zentrale der zionistischen Organisation. i gez. Jacobsohn. (Aus dem Haderech). Dr. losef $. Bloch. (Zu seinem 70. Geburtstage.) Das erste Wort sei der Glückwunsch dem rüstigen Kämpfer für die Ehre des Judentumes, der die Hoffnung enthält, Dr. Bloch noch lange Jahre in ungebrochener Kraft für das Wohl seiner Brüder wirken zu sehen. Ferne von der Stadt, dessen Judentum er zeitweilig 'allein geführt hat, feiert er in einem glücklicheren Milieu das Fest der Ueberschreitung der biblischen Altersgrenze. Auch ein Josef, der von den Brüdern in weite Ferne getrieben ward! New York kennt die kleinen Prokrustesrahmen nicht, mit welchen hier Persönlichkeiten gemessen werden. Wer sein Judentum geliebt und für dasselbe gewirkt hat, findet dort Liebe wieder und Wirkungskreis. Dr. Leon Kolb hat zu dieser Gelegenheit eine Festnummer der „Oesterreichischen Wochenschrift" herausgegeben. Außer dem Herausgeber haben Rabbiner Dr. Max Grunwald, Dr. Samuel Rappaport, Professor Samuel Krausz, Dr. Heinrich Loewe, Dr. I. M. Klimont, Professor Strack, Klotilde Benedikt und Dr. Heinrich Schreiber mitgewirkt'. Portraits, Bilder und Cartoons zieren das schöne Heft. Präsident ßyman$ über den jüdischen minoritätensefcutz. Der soeben zum Präsidenten der Völkeibundsversammlung in Genf gewählte belgische Delegierte Hymans hatte die Freundlichkeit, der Genfer R.-E.-F. Korrespondentin der „Jüd. Pressezentrale Zürich" eine kurze Unterredung zu gewähren. Auf die Frage, ob die besonders in Ungarn so sehr verfolgten Juden auf Hilfeleistung durch den Völkerbund hoffen dürften, erklärte Hymans in herzlichster Weise: „Gewiß, die Frege wird studiert und man wird sich bemühen, der jüdischen Minorität ebenso wie anderen religiösen Minoritäten zu ihrem Rechte zu verhelfen. Es ist Herr Golban von unserem Bureau, der sich diese Frage angelegen sein läßt und werden Sie von seiner Tätigkeit gewiß noch hören." Briefe Über Juden und Judentum. II. Die Neuordnung der amerikanischen Hilfe* Lieber Freund! Im Begriffe, die Fortsetzung meines letzten Briefes zu schreiben und dir den Beweis zu liefern, daß die großen diplomatischen Erfolge unserer Nationalisten in der Palästinasache höchst fragwürdiger Natur sind und daß diese ihre Arbeit ebenso problematischen Wert hat, wie ihre Leistungen hinsichtlich des sogenannten Minoritätsschutzes für die Juden in der Diaspora, daß die Orthodoxie sich also gar nicht so kleinmütig und kleinlaut zu verhalten hat — im Begriffe also, das angeschnittene Thema fortzuführen, erhalte ich dein gestriges Schreiben, in welchem du dich mit der geplanten und teilweise bereits beschlossenen Neuordnung der amerikanischen Hilfsaktion für die Juden in Mittel- und Osteuropa befaßt, die durch das „Joint Distribution Commitee" geführt wird. Du begrüßt diese Neuordnung und meinst, man sei endlich auf dem richtigen Weg. So leid es mir tut, muß ich dir aber auch da widersprechen. Ich erachte es deswegen für geboten, das Palästinaproblem für meinen nächsten Brief zu verschieben und mich heute mit der amerikanischen Hilfsaktion zu befassen. Du hast recht mit deiner Anerkennung für die Hilfe, die unsere Brüder in Amerika den Juden Mittel- und Osteuropas zuteil werden lassen. Das, was nach dieser Richtung geleistet wird, gehört zu den schönsten Aeußerungen des jüdischen Rachmonus-Gharakters. Unsere Weisen haben schon er- * Wir veröffentlichen den Artikel des langjährigen Leiters der „Jüdischen Korrespondenz", ohue uns gänzlich damit zu identifizieren. D. Red. klärt, der Ewige bereite für sein Volk Jisroel immer die Heilmittel vor, bevor die Krankheit einsetzt. Wer von uns hat es vergessen, mit welchen gemischten Gefühlen man es noch vor 20 Jahren in den balhabatischen jüdischen Kreisen gesehen hat, wenn ein Angehöriger einer „besseren" Familie nach Amerika ausgewandert ist. Man hiett dies für ein Unglück. Nun sehen wir, daß die Massenwanderung nach Amerika eine Fügung G-ttes war. Unsere dortigen Brüder sind reich und glücklich geworden, um in den Tagen, da die Juden Mittel- und Osteuropas in Not geraten, als Helfer zu erscheinen. An der großen Tragweite der jüdisch-amerikanischen Hilfe für ihre europäischen Brüder ändert die traurige Tatsache nichts, daß leider mit der Verteilung der Hilfsgelder vielfach Unfug getrieben wird und daß hiebei allzu oft parteipolitische Rücksichten den Ausschlag geben. Die Schuld lastet auf diejenigen, die es verstanden haben, die Leitung der Aktionen in die Hände zu bekommen. Unsere Brüder jenseits des Ozeans erhalten immer mehr Kenntnis von der Art und Weise, wie mit ihren Hilfsgeldern gewirtschaftet wird und drängen auf Remedur. In absehbarer Zeit dürfte es, wenn die Aufklärungsarbeit entsprechend fortgesetzt wird, besser werden. Wie dem aber auch sein mag, die Leistungen unserer amerikanischen Brüder verdienen die weitgehendste Anerkennung, sie sind vom Ewigen in das Land des Kolumbus geschickt worden, um ihren armen Brüdern in den Stunden der Not eine „Pleta gedaulo" sein zu können. Allein, wie leider bei jeder heilbringenden Aktion, so droht auch hier eine große Gefahr, indem Bestrebungen am Werke sind, der Hilfstätigkeit der amerikanischen Juden eine Richtung zu geben, die wohl an und für sich sehr löblichjst, aber angesichts der Verhältnisse absolut unangebracht sei und nach Möglichkeit verhütet werden müßte. In dieser Beziehung teile ich deine Zufriedenheit nicht und erachte es als meine Pflicht, dich rechtzeitig aufzuklären, damit die falsche Annahme nicht einreisse und weitere Kreise um sich ziehe. Du, wie viele aridere und auch sich unter ihnen, bist mit der bisherigen, sogenannten „raschen Hilfe" nicht zufrieden, denn sie züchtet einerseits das Schnorrertum und drückt das Selbstbewußtsein der breiten jüdischen Volksmassen herab, und wird nie imstande sein, das Danaiden-Faß zu füllen. Es werden Millionen und Abermillionen für die zeitweilige Hilfe, für regelmäßige und außerordentliche Unterstützungen ausgegeben, man verteilt Lebensmittel, Kleider usw. und steht immer an derselben Stelle. Die Armut wird nicht kleiner, die Zahl der Hilfesuchenden wächst, mit einem Worte: man gewinnt den Eindruck, das Geld unrationell zu verwenden, was umso bedauerlicher sei, weil man ja nicht weiß, wie lange der Geldstrom aus Amerika in der bisherigen Stärke fließen wird und man eines schönen Tages mit leeren Händen angesichts des furchtbaren Elends dastehen könnte. Es ist deswegen der Gedanke aufgetaucht, die „rasche Hilfe" abzubauen und mit einer „konstruktiven Hilfe" einzusetzen. Anstatt der bisherigen Unterstützungen soll den Bedürftigen der Wiederaufbau ihrer Existenzen ermöglicht werden. Auf diesem'Wege dürfte es möglich sein, nach und nach die Zahl der Hilfebedürftigen abzubauen und diesen die Wiederaufrichtung ihrer materiellen Selbständigkeit zu ermöglichen. Die Konferenz der „Joint"-Direktoren, die dieser Tage in Wien stattgefunden hat, soll sich auch in diesem Sinne ausgesprochen haben und du, lieber Freund, wie viele andere, begrüßen dies mit großer Freude und erblicken darin einen Schritt nach vorwärts auf dem Wege des Wiederaufbaues des mittel- und osteuropäischen Judentums. Laß dir aber, lieber Freund, sagen, daß deine Freude verfrüht ist und daß ich im Gegenteil in allen derartigen Beschlüssen eine große Gefahr für die Hilfsaktion erblicke, eine Gefahr, die das ganze Hilfswerk illusorisch zu machen droht und nur ganz beschränkten Kreisen zum Heil zu gereichen. Blicken wir der Sache klar ins Gesicht: so wenig das Verteilen von regelmäßigen oder zeitweiligen Unterstützungen gesund und praktisch ist, es ist eben das Wesen der richtigen Zeddokoh, dem Bedürftigen in der Not zu helfen. Trotz aller Mißstände bei den Leitungen gehen in der Regel nur wenige leer aus. Und wenn hie und da auch solche die Hilfe in Anspruch nehmen; die nicht darauf angewiesen sind, so tut das nichts zur Sache. Man darf der Unredlichen wegen die wirklich Bedürftigen nicht ihrem Schicksal überlassen. Das ist religiöse Vorschrift und jüdische Tradition. Wie wird es nun mit der konstruktiven Hilfe bestellt sein? Zunächst der bureaukratische Schimmel, der gewöhnlich Schneckenschritte macht und selbst dort, wo es sich um Kleinigkeiten handelt, Wochen und Monate bedarf, um zu einem Resultat zu gelangen. Diejenigen, die für die konstruktive Hilfe in Betracht kommen, werden so lange warten müssen, bis ihnen nicht mehr zu helfen sein wird. Dann kommt das Protektionswesen in Betracht, die Parteipolitik usw., die sich schon bei dem heutigen System furchtbar zu fühlen geben und beim neuen System Tür und Tor geöffnet finden. Es werden also vor allem diejenigen Hilfe erhalten, die es verstehen werden, sich