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Jüdische Presse · 1920-11-26 · 20/36 (26.11.1920) · page 3

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Journal
Jüdische Presse
Volume
6 (1920)
Issue
20/36 (26.11.1920)
Date
1920-11-26
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 20/36 JÜDISCHE PRESSE i Seite 3 die Sache zu „richten". Die Leitung ist oft gar nicht in der Lage, der Sache nachzugehen, Recherchenten, Hilfsorgane, Protektion, Interventionen bringen in der Kegel die Entscheidung. Dabei muß man bedenken, daß man selbst beim besten Willen außerstande sein wird, viele Petenten zu berücksichtigen. Bei den heutigen Verhältnissen in Mittel- und Osteuropa erfordert jede rekonstruktive Hilfe gewaltige Summen, die selbst der übermäßig hohe Stand der Dollarvaluta nicht decken kann. Im besten Falle wird einem kleinen Kreise geholfen werden können. Die Not der Massen — und darum handelt es sich in erster Reihe — wird weiter herrschen. Du wirst vielleicht sagen, daß das alles unbegründetes Mißtrauen und eine Unterschätzung der Tatkraft unserer amerikanischen Brüder ist. Nun denn, angenommen, daß ich zu pessimistisch bin, so sage mir im Ernst, ob denn bei der heutigen Lage in Mittel- und Osteuropa die Möglichkeit für eine großzügige konstruktive Hilfe überhaupt vorhanden ist. Die ganze Sache erinnert an die Wiederaufbauaktion der seinerzeitigen österreichischen Regierung für Galizien im Jahre 1916. Da wurde eine Wiederaufbaubank ins Leben gerufen, Kommissionen eingesetzt und Exposituren errichtet,' es wurden * DeutscftSsterreicb. Das Zentralbureau der Aguda. Die Adaptierungsarbeiten in den Lokalitäten des Zentralbureaus der Aguda (Malzgasse 12 a) sind beendet, und dank der Opferfähigkeit der leitenden Personen konnte der Vertretung des Thorajudentumes ein würdiges Heim bereitet werden. Neben dem großen Warteraume befinden sich die Schalter der Redaktion und der Administration der „Jüdischen Presse" und anstoßend der Expeditionsraum. Der Warteraum führt ferner in das Bureau der Aguda, in welchem mehrere Personen arbeiten. Daran schließt die Kanzlei des Sekretariates, von wo man in das schön ausgestattete Präsidialzimmer gelangt. Angrenzend befindet sich das große Sitzungszimmer, in welchem auch das Emigrationsbureau eingerichtet werden soll. Auch die Jugend verfügt über schöne Räumlichkeiten (Obere Donaustraße 69). Ein 300 bis 400 Personen fassender Versammlungsraum dient sonst als Leseraum, hieran schließt sich das Schiurzimmer und das Sekretariat mit Nebenräumen. Noch ist alles im Werden begriffen, aber die herrschende Arbeitslust und begeisterte Hingabe der Jugend sowie die Opferfähigkeit an Zeit und Mitteln, die von den älteren Führern bewiesen wird, macht die optimistischen Hoffnungen um den Erfolg der guten Sache rege. Die Palästinazentrale der Agudas Jisroel, unter Leitung Sr. Ehrwürden Herrn Rabbiner Josef Baumgarten, hat in Fortsetzung ihrer Aktion am 22. November wieder 84 Kriegsflüchtlinge aus Palästina in ihre Heimat zurückbefördert. Infolge des schlechten Standes der österreichischen Valuta hat dies eine größere finanzielle Anstrengung für die Palästinazentrale der Agudas Jisroel bedeutet, doch gelang es mit Hilfe der energischen Sammeltätigkeit, insbesondere des Hilfskomitees, der Palästinazentrale unter Leitung des Herrn Josef Brody und seitens der Palästinasektion der Jugendgruppe die hiezu nötige Summe, rund eine Million Kronen, aufzubringen. Die Flüchtlinge wurden nicht nur mit Kleidungsstücken nnd Lebensmitteln, sondern auch mit Näh- und Strickmaschinen ausgestattet, so daß diese, in die Heimat zurückgekehrt, eine Existenz gründen können. Der Transport war schon am 18. November, einwaggoniert, doch mußten die Flüchtlinge durch den ausgebrochenen Eisenbahnerstreik auf der Südbahnstrecke in die Stadt zurückbefördert werden und wurden im Schul lokale der Jessoda Thora, der Adaß Jisroel (Schiffschul), untergebracht und verpflegt. Die politischen Behörden haben auf Intervention der Polästinazentrale der Agudas Jisroel, trotz der strengen Handhabung der Ausweisung von Fremden, den Palästinaflüchtlingen gegenüber das weitmöglichste Entgegenkommen bewiesen. Wir kommen Raummangels halber erst in der nächsten Nummer ausführlicher auf diese Aktion zurück. Jahrzeitfeier. Aus Anlaß des Jahrzeittages des Rabbi Salman Spitzer s. z. G. wird am Vorabend des zweiten Chanukatages nach dem Maariw- Gebete im Beth-Hamidrasch der Adas Jisroel (Wien, IL, Große Schiffgasse 8) eine TWU abgehalten. CsclKcDoslowakei. Flüchtlingsaktion der Agudas Jisroel-Jugendgruppe in Bratislava. In Bratislava weilen seit August zahlreiche Flüchtlinge aus Polen, für welche die Aguda, respektive deren Flüchtlingskomitee , großzügige Hilfsaktionen eingeleitet hat — welche ' wir bereits kurz erwähnten. Ende Oktober wurden nun in Preßburg in Baracken, für welche der Joint die Verpflichtung der auch Kredite in die Hunderte von Millionen erteilt — aber da kam eine neue russische Offensive und das wenige, das für den Wiederaufbau geleistet wurde, ist wieder zerstört worden. In derselben Lage befindet sich heute ganz Mittel- und Osteuropa. Daß heute im Osten, in Polen, Litauen, der Ukraine usw. von einem Wiederaufbau keine Rede sein kann, braucht nicht erst betont zu werden. Die dortigen Juden sind ja keinen Tag ihres Lebens sicher. Vor wenigen Monaten standen die Rottruppen vor Warschau und Lemberg, es hat nicht viel gefehlt und sie wären bis Krakau und Posen, vielleicht noch weiter, vorgedrungen. Trotz des Vorfriedens kann sich die Situation wiederholen. Wie ist da von einer Wiederaufrichtung der materiellen Existenzen zu reden? Ist nicht jeder Heller, der da ausgegeben wird, „kemunoch al Keren hazwi"? — Aber auch in Mitteleuropa ist es nicht besser bestellt. Nehmen wir an, es wird in Wien mit einer konstruktiven Hilfsaktion eingesetzt, kann man voraussagen, daß diejenigen, denen man hier zum Wiederaufbau verhelfen will, tatsächlich auch hier aus politischen oder sozialen Gründen werden bleiben können? Dasselbe gilt für Ungarn, die Slowakei usw. Ueberall un- ' sichere Zustände, man sitzt wie auf einem Vulkan NACHRICHTEN. — wie kann man von einem Wiederaufbau auch nur reden? Und unter solchen Umständen die rasche Hilfe, die bei all ihren Mängeln doch Tausenden und Abertausenden Hilfe in der äußersten Not bringt, sie vor Hunger rettet und ihnen das Fristen des armen Lebens ermöglicht, abbauen und sich einer konstruktiven Hilfsaktion zuwenden, die äußerlich sehr schön anmutet, aber kaum durchführbar ist, das wäre geradezu eine Verletzung der primitivsten Zeddokohpflicht, eine Irreführung der Spender in Amerika, eine Beeinträchtigung der Massen beschränkten Kreisen zuliebe. Da muß rechtzeitig Einhalt getan werden. Pikuach-Nefesch zu verhüten, das ist eine der höchsten jüdischen und menschlichen Pflichten. Insolange die Verhältnisse eine großzügige Wiederaufbauaktion nicht gestatten — und das dürfte insolange der Fall sein, insolange die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse in Mittel- und Osteuropa keine Stabilisierung erfahren —, muß bei aller konstruktiver Hilfe an dem System der raschen Hilfe festgehalten werden, „we-en baudkin lemsaunaus"! Versorgung übernommen, über 300 Flüchtlinge konzentriert — nun war das Flüchtlingskomitee der Aguda vor neue große Aufgaben gestellt. Es mußte für Bekleidung, für Heizmaterial, für Lebensmittelzubußen für die nur notdürftigst versorgten Personen gesorgt werden. In Vertretung der Aguda-Jugendgruppe leitete Herr Alfred Rosenbaum in vorzüglichster Weise die Aktionen, ihm zur Seite standen von der Jugendgruppe noch die Herren Moritz Vogelmann, Heinrich Kohlmann, Ludwig Kastner, von der Ortsgruppe Herr Donnebaum. Ganz besonderes Lob verdienen die orthodoxen Mädchen, welche in einem ad-hoc gebildeten Komitee die Sammlung von Kleidern in der ganzen Stadt durchführten. Es seien hier namentlich erwähnt die Fräulein Irene Adler, Regine Danzig, Margit Fischhof, Ilona Fleischmann, Jolan Fleischmann, Lilly Kohlmann, Franzi Menczer, Julia Rosenbaum, Szerene Roth, Dora Ungar, Ida Ungar, Amalie Weisz, Frida Weisz, Kornelia Weisz. Die Leiterin der Sammelaktion erwarb sich ganz besondere Verdienste und das Fräulein Neufeld, welches die gesammelten Kleidungsstücke mit dem größten Eifer ordnete. Zirka 180 Personen wurden mehr oder minder vollkommen mit Wäsche oder Kleidung versorgt, so- 'wie Heizmaterial und Beleuchtungsmittel beigestellt. Eine Schuhreparaturwerkstätte wurde errichtet. Ahawat-Thora. Rabbiner Dr. Spira (Mährisch-Ostrau) trägt Samstag von 3—4 Uhr regelmäßig Vorträge im Schulchan- Aruch vor. Ungarn. Wohltätigkeit. Die Pester israelitische Gemeinde wird mit Rücksicht auf die entsetzliche Notlage der jüdischen Armen von November bis. Mai täglich 2000 Schalen Stippe und ebensoviel Brote austeilen. — Der Kohlengroßhändler Miklos, der an den Feiertagen bereits K 300.000 für wohltätige Zwecke gespendet hat, hat der israelitischen Gemeinde neuerdings fünf Waggon Kartoffel für Arme zugewendet. Wir bedürfen keiner Verzeihung". Bei der Einsetzung des neuen Obergespans in Szekszard erwiderte der neue Funktionär auf eine, die Zugehörigkeit zum Ungartum betonende Begrüßungsansprache des dortigen Rabbiners Dr. Matthias Rubinstein, daß er mit Freude vernehme, daß das Judentum sich nicht als besondere Rasse, sondern als zum Ungartum gehörig deklariere. So könne das Judentum auf Verzeihung rechnen. Dr. Rubinstein, ein Schüler der Preßburger Jeschiba, ripostierte sofort mit folgenden Worten: „Das Judentum bedarf keiner Verzeihung, da es nichts gesündigt hat. Die gesündigt haben, die haben sich selber aus der jüdischen Gemeinschaft ausgeschlossen und wir haben sie aus unserem Glauben, aus unseren Herzen ausgeschlossen." — Bela Kapy, der evangelische transdanubische Bischof, weilte dieser Tage auf seiner Rundreise in Nemeßzalök, wo ihn auch der Ortsrabbiner Eugen Deutsch an der Spitze einer jüdischen Deputation begrüßte. Bischof Kapy betonte in seiner Erwiderung, daß es das Judentum mit Recht schmerzen könne, wenn für die politischen Vergehen einzelner die Gesamtheit des Judentums leiden müsse. „Ich kenne die patriotischen Gefühle des Judentums, die in ihm steckenden Tugenden und moralischen Kräfte — fuhr der Kirchenfürst fort — doch ich tröste Sie, daß wie der biblische Jakob seinen Kopf auf einen harten Stein neigend dennoch träumte, daß die beglückenden Tore des Himmelszeltes sich ihm eröffnet hätten, auch seine Nachkommen —. wie hart auch Ihre Lage sei — auf den harten Steinen ruhig von einer schöneren, besseren und glücklicheren Zukunft träumen können. Und ich werde Alles aufbieten, um auch den Anbruch dieser Zeit zu fördern." („Jüd. Korr.") Deutschland. Gegen die antisemitische Hetze. Das Staatsministerium des Innern hat einen Erlaß gegen die Ausschreitungen des antisemitischen Mobs an den Regierungspräsidenten in Bayern herausgegeben. Der Erlaß hat folgenden Wortlaut: „Die Einladungen zu den Versammlungen der national-sozialistischen Arbeiterpartei sind in letzter Zeit wiederholt in einer Form ergangen, die aufreizend auf die Oeffentlichkeit wirken mußte. Auch die in den Versammlungen gegen das Judentum getriebene Agitation überschreitet erheblich die Grenzen. Es ergeht daher die Weisung, dafür Sorge zu tragen, daß die Plakate für solche Versammlungen stets einer gründlichen Prüfung unterzogen werden und daß darin alles ausgemerzt wird, was aufreizend wirken kann. Ferner ist dahin zu wirken, daß in den antisemitischen Versammlungen die aufreizende Agitation gegen das Judentum unterbleibt. Etwa trotzdem vorkommenden Ausschreitungen energisch entgegenzutreten." Polen. Das Recht der Minoritäten. Wie zu erwarten war, hat die Debatte über das Recht der Minoritäten zu solchen Tumulten geführt, daß der Gang der Verhandlungen gestört wurde. Von der linken Seite wurde Obstruktion gemacht. Es mußten endlich am 5. November 11 Deputierte aus dem S,aale verwiesen werden, darunter die jüdischen Deputierten Liebermann und Grünbaum. Die Sitzung schloß dann ohne Resultat. Hilfsaktion. Warschauer Zeitungen teilen mit, daß die Familie des Plotzker Märtyrers, des Rabbi Schapira, eine Witwe und sieben Kinder, in größter Not leben. Eine Hilfsaktion soll eingeleitet werden. Schweis. Emigration. In der Emigrationsfrage war man mit den zuständigen Stellen gemeinsam tätig und für die nächste Zukunft ist eine gemeinsame starke Organisation vorgesehen. Zangwill in der Schweiz. Der berühmte jüdischenglische Dichter Israel Zangwill weilt zurzeit mit Familie in Lausanne, wo er ein großes Werk beendigen will. Amerika. Harding über die Judenverfolgungen. Der Richter Gustave Hartman, Grandmaster der „Independent Brith Abram Loge14, veröffentlicht einen vom Präsidenten der Vereinigten Staaten, Harding, erhaltenen Brief über die Judenverfolgungen. In diesem Briefe heißt es: „Es ist erfreulich, daß Sie und ihre Genossen die Aufrichtigheit meiner Proteste gegen die Ausbrüche anerkennen, die sich gewöhnlich bis zur Geistesstörung steigern, was größtenteils die Ursache von Pogromen, Massakers und von anschuldigen Opfern ist. Ich gedenke nicht, die Schuldigen solcher Verbrechen zu rechtfertigen, wenn ich sie auch einer vorübergehenden Gemütsstörung zuschreibe, denn dies würde bedeuten, zugegeben, daß die Zivilisation, deren wir uns rühmen, ein bloßer Schein ist. Wir begehen einen beklagenswerten Fehltritt, wenn wir nicht genug wirkungsvoll Toleranz wie Gerechtigkeit, Sicherheit und Respekt für die Rechte der anderen im gleichen Maße wie Freiheit predigen. Und Während ich diese Ansichten allen Völkern gegenüber ohne Unterschied von Rasse und Glauben aufrechterhalte, bin ich besonders ernst in meinem Proteste gegen den Rückfall in die Barbarei in bezug auf die Behandlung der Juden in vielen Ländern, eines Volkes, das immer meine Bewunderung erzwang, durch sein Genie, seinen Fleiß, die Ausdauer, Geduld und Festigkeit wie auch, durch sein Leben voller Wohltätigkeit, Menschenliebe und Anhänglichkeit an den Gesetz^rj^- seines Wohnlandes." (Richter Gustave Plaiwän-^ .> U^#v V-V vtfi V

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