Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 20/36 (26.11.1920)
- Date
- 1920-11-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE PRESSE („JÜDISCHE KORRESPONDENZ") ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion nnd Administration: Wien, II. Bezirk, Malagasse Nr. 12 a. Tschechoslowakei: Bratislava, Tnrnergasse 14. Erscheint jeden Freitag. — Redaktionsschlnß: Für Artikel Montag, für Nachrichten Dienstag. Abonnementspreise: Ganzjährig: Für Österreich nnd Ungarn d.-ö. K120--, Tschechoslowakei Kc. 60--, Deutschland Mk. 60--, Schweiz Frcs. 10*—, Amerika 2 Dollar. Einzelnummer d.-ö. K 3 —, Ec. 1*20. Inseraten - Preis: Ganze Seite K 3000*—, halh Seite E 1500--, viertel Seite E 800*-, acht« Seite E 400«—, sechzehntel Seite E 250 —. Bei Wiederholung, entsprechender Rabatt. Nr. 20/36 Wien-Bratislava, 26. November 1920 x'Bm v& maoDjnB ~ m ,tj» 6. Jahrg. Aufruf. Gruß und Segen unseren jüdischen Brüdern allüberall! Der Ewige sei mit euch! Entsprechend dem Beschluß der Konferenz in Preßburg und der Nachkonferenz in Wien vereinbarte die Landes-Agudas-Zentrale in Wien, ihre Tätigkeit in Bezug auf Erez Israel zu erweitern, jede Art von Thora-Lehrstätten zu fördern und zu errichten, Siedlungen in die Wege zu leiten, Handwerkerschulen auf religiöser Grundlage zu gründen, im allgemeinen dort Raum zu schaffen für unsere Brüder, die religionstreu sind, zumal da sie nach Inhalt und Zahl den bedeutendsten Teil unseres Volkes darstellen. Deshalb begründete die Landes- Zentrale eine. besondere Sektion für alle Erez Israel betreffenden Angelegenheiten, deren Aufgabe es ist, sich ein klares Urteil zu bilden über alle Fragen, und diejenigen Voraussetzungen zu erfüllen, die unbedingt für den Wiederaufbau unseres Landes im Geiste der heiligen Lehre notwendig sind. Diese Zentrale wird sich mit systematischer Einordnung der Uebersiedlung beschäftigen und weitgehendste Förderung denen angedeihen lassen, die in unser heiliges Land zurückkehren, um sich dort eine Heimstätte zu schaffen in dem hehren Geiste unserer Ueberlieferung. Unsere Palästina-Zentrale ist ja zu dieser Aufgabe besonders berufen, da Wien in den letzten Jahren eine Zufluchtstätte wurde für alle, die dem Krieg und dem Umsturz entronnen waren und von denen viele bereit sind, selbstlos in das heilige Land zu ziehen, um dort Pionierdienste für unsere Religion zu leisten. Augenblicklich beschäftigen uns folgende brennende. Fragen: 1. Unterstützung des Thorastudiums und seiner Lehrer in materieller Hinsicht, unter weitgehendster Förderung durch die Weltorganisation der Aguda. 2. Ankauf und gerechte Verteilung von Grund und Boden, Anlegung von Siedelungen und industrieller Versuche sowie von gesicherten Stätten für das Kleingewerbe; dies alles unter Voraussetzung des Diktates unserer heiligen Lehre und gleichfalls im Zusammenhange mit der Gesamtarbeit für das heilige Land. 3. Als vordringlichste Vorbereitungsarbeit die Repatriierung der Armen, welche Notwendigkeiten des Krieges aus ihrer Heimat vertrieben hatten. All denen, die derzeit als Flüchtlinge in unserer Heimat weilen, muß baldigst Möglichkeit geschaffen werden, lebendigen Anteil an dem Aufbau Palästinas zu nehmen. Wir müssen ' es denen ermöglichen, ihnen die Heimkehr nach Ueberwindung aller religiösen Konflikte in die Wege zu leiten. Jüdische Brüder! Aus dem Osten schreit zu uns das Blut unserer gemordeten Brüder. Wien ist jüngst aufs neue geworden eine Zufluchtstätte versprengter Glieder der jüdischen Gesamtheit, welche Kriegs- und Nachkriegszeit aus der Heimat vertrieben, unter vollkommenem Verlust ihrer Habe. Unzählige fromme Flüchtlinge befinden sich in furchtbarer Not, ohne Dach, ohne Brot, ohne Geld; ihr einziges Ziel ist, sich einö bescheidene Lebensform zu gründen. Sie sind bereit, an unseren heiligen Stätten im Schweiße ihres Angesichtes zu arbeiten und ihr Letztes für unseren heiligen Glauben zu opfern. Da ist eine gewaltige Aufgabe für die Gesamtheit Israels entstanden und in diesem Augenblicke obliegt jedem Einzelnen von uns die heilige Pflicht, diesen armen, verstoßenen Brüdern beizustehen, von unserem Hab und Gut nach Kräften für sie zu leisten. Und so wendet sich die Palästina-Zentrale der Agudas Jisroel in Wien an euch alle jüdischen Kinder in solcher Zeit der schweren Not und erbittet von euch zu diesem Ende: 1. Gelöbnis beim Aufrufen zur Thora; 2. besondere Spenden, die jeder nach Kräften und Prüfung seiner Leistungsfähigkeit geben möge; 3. (Maaser min hamaaser) 1 Proz. des Reineinkommens bei jedem Geschäfte. Und also möge der Ewige euch segnen in frohem Gelingen bei all euren Werken und mögen wir gemeinsam däV Glücl^M Zion und Jerusalem in unseren Tagen. Palästina-Zentrale der Agudas Jisroel, Wien. Rabbiner Josef Baumgarten. Rabbiner Nuchem Mordchai Friedman n, Abraham Josef Hornstein. Jisruel Friedmann, Großrabbiner (Czortkow). Jizchok Majer H e s c h e I, Großrabbiner (Kopyczynce). Chaim David Mannessohn, Großrabbiner (Brody). Awruhom Jakob Friedmann, Großrabbiner (Sadagora). Moses Friedmann, Großrabbiner (Bojan). Mordcha Schloime Friedmann, Großrabbiner (Bojan). Mordcha Schülern Friedmann, Großrabbiner padagoi Abraham Mei-dnl Stein borg, Rabbiner (Brody). Maiei A r a k, Rabbiner (Buczacz). Chaim Jizchok Jeruchem, Rabbiner (Altsta't). Jeschaje F ü r « t, Rabbiner (Schiffschul, Wien) Benzion K a t z, Rabbiner (Borszczow). Jizchok Horawitz, Rabbiner (Bielkamen). Jehuda Leib Sternhell, Rabbiner (Bojan). Jisroel R a b i n, Rabbiner (Baligrod). Eilijohu Schmie] Wiesen, Rabbiner (Bobrka). Mordcha Aye Habermann, Rabbiner (Galigora). Jechiel Mechel Leiter. Rabbiner (Dunajow). Menachem Mendl A u g, Rabbiner (Delatyn). Jizchok Keimann, Rabbiner (Wisniowczyk). / Chaim H a g e r, Rabbiner (Zablotow). ' Nsiel M a i r s o h n, Rabbiner (Zserawink). Geraehon Hager, Rabbiner (Taust). Schmiel B abad* Rabbiner (Mikuliczyn). Elieser Lipe Gartenhaus, Rabbiner (Mikolajow). Mordcha Rosen, Rabbiner (Manasterzyska). Davvid Frankel, Rabbiner (Neptokowitz). Majer G o 11 e s m a n n, Rabbiner (Nowosielec). Chaim Buredi Höchberg, Rabbiner (Niznow). Majer G i n z b e r g, Rabbiner (Strozynetz). Zwi Gartenhaus, Rabbiner (Prochnik). Chaim G e 1 ei Uer, Rabbiner (Kitow). Zwi Z. A s c h k ena s y, Rabbiner (Knihine'bei Stanislaus). Jizchok Maier Har r, Rabbiner (Rozniow). * 'h)h Wir bringen in dieser Nummer die Uebersetzung des Aufrufes, welchen cuoJ Palästina-Zentrale de. Agudas Jisroel in Wien an die thoratreue Judenheii erlassen hat. Er ist von den in Wien weilenden bedeutendsten Großrabbinen und Rabbinen gezeichnet, er rd. ein warmer Appell an die thoratreue Judenhei oftLe Palästina-Zentral der Agudas Jisroel in Dun/ Ehrung ihrer großen Aufgaben mit aller Kraft zu m -*ff*7,en. Da dem jüdischen Volke die Möglichen ersieht, in Palästina eine ersprießliche aufbauende" Tätigkeit zu entfalten, will die thoratreue Judenheit keinen Augenblick verlieren, um mit allen Mitteln zu erstreben, den alten Boden Für das jüdische Volk und für unsere heilige Thora zurückzuerobern. Die erste Aufgabe, die mehr humanen Charakter hat, war die Rückbeförderung der Palästinenser Kriegsflüchtlinge. Der Palästina-Zentrale ist es gerade diese Woche gelungen, wieder einen Transport von 90 Personen in ihre Heimat zurückzubefördern. Bedeutend größer aber ist die Aufgabe, im heiligen Lande Lehrhäuser, Jeschiwos und Talmud Thoras zu errichten und zu ermöglichen, daß im Die Krise des amerikanischen [Judentums. Von S. Bettelheim, gew. Präsident der Federation of Hungarian Jews in America. Die meisten jüdischen Blätter wiedergeben einen Artikel des jetzigen Präsidenten des Verbandes der ungarischen Juden von Amerika, Dr. Samuel Büchler, in welchem die Nutzlosigkeit aller Protestartikel und -Versammlungen gegen die Pogrome in Osteuropa konstatiert wird; hingegen empfiehlt Dr. Büchler eine Massendeputation von 50.000 Juden nach Washington zu senden, welche die Forderung einer Intervention der amerikanischen Regierung zugunsten der verfolgten Juden zu überbringen hätten.* Die Nutzlosigkeit der allerdings mühelosen und billigen Protestversammlungen und -Artikel ist von uns von jeher betont worden und es ist bedauerlich genug, daß diese Erkenntnis erst in dem dritten Jahre nach dem großen Lemberger Progrom, der die Aera der nachkriegerischen Leiden des Judentums eröffnet hat, erworben wird, ohne aber noch in ihrer ganzen Konsequenz angewendet zu werden. Diese Kundgebungen in Wort und Schrift sind eine gedankenlose Nachahmung der politischen Methoden anderer Parteien oder Nationalitäten, bei-denen sie die Demonstration einer politischen Stärke bedeuten. Wenn wir, par exemple, den an der East side in * Derselbe Artikel empfiehlt auch den Zusammenschluß aller Landsmannschaften zu diesem Zwecke. Ein "solcher Zusammenschluß ist eigentlich schon anfangs 1917 geschehen. Die Föderationen der ungarischen, galizischan, rumänischen, orientalischen, bessarabischen, polnischen und ukrainischen Juden haben damals ein gemeinsames Komitee, bestehend aus den Präsidenten der Föderationen Dr. Neumann (Galizien), Karlinger (Polen), Lerner (Bessarabien), Gedalecia (Orient), Dr. Seff (Ukraine), Dr. Siegelstein (Rumänien) und mir, unter dem Vorsitze des Dr. Arnold Siegelstein, gegründet. Diese Union of Federation, welche noch im Mai 1917 bestanden hat, hatte auch beim jüdischen Kongreß und sogar im öffentlichen Leben eine gewisse Bedeutung erlangt. New York auftretenden Richter, Kongreßmann oder Senatskandidaten bestimmen wollen für seine Person gegen die Verfolgungen der Juden aufzutreten, so erreichen wir allerdings diesen Zweck mit einer Kundgebung, die den Willen der Wähler offenbart; auch nach der Wahl übt eine solche Versammlung auf alle diejenigen, die sich um jüdische Stimmen bewerben, einen Einfluß aus. Da bedeutet die Demonstration die Kundgebung einer Kraft. In der vorkriegerischen Zeit stand die Sache günstiger. Damals war „humanity, liberty and demoeraey" das große, populäre politische Schlagwort, und derjenige Staatsmann, der gegen den Antisemitismus aufgetreten war, legitimierte sich damit als ein würdiger Vertreter des real americanism. Allein es ist sowohl für das Judentum diesseits, als jenseits des Ozeans wichtig, festzustellen, daß dieser Geist, der old american spirit, mit dem Eintritte Amerikas in den Krieg gänzlich entwichen ist. Die amerikanische Gesellschaft, die nicht im Sozialismus steht, ist von einem bisher ungekannten nationalen Chauvinismus durchglüht, ein Zustand, der eine Vergiftung des Verhältnisses zu den Juden bedingt und sich besonders dem eingewanderten Elemente gegenüber fühlbar machen wird. Antisemitismus in Amerika würde aber ein Unglück für das Judentum der ganzen Welt bedeuten! ' Wir, die wir die Geschichte des Antisemitismus zuerst anfangs des 19. Jahrhunderts in Deutschland, in der zweiten Hälfte desselben Jahrhunderts in Oesterreich und in den letzten zwei Jahrzehnten in Ungarn empirisch erkannt haben, besitzen die Möglichkeit, das Recht und die Pflicht, unsere amerikanischen Brüder davor zu warnen, in unsere Fehler zu verfallen. In jener sagenhaften, antidiluvianischen Vorkriegszeit, wo das sogenannte, auch damals genug dehnbare europäische Gewissen den Pflichten der Humanität wenigstens noch eine theoretische Bedeutung eingeräumt hat, war der Irrtum — das war er immer — noch verzeihlich, daß ein schwaches, zersprengtes Volk, dessen Kundgebungen in Wort und Schrift durch keine wehrfähige, bodenständige Masse Respektierung erzwingen konnten, das Wunder der Rettung durch Beschwörungsformeln allein vollbringen könne. Was bedeutet aber dieser Appell in dieser g'ttlosesten aller Zeiten, wo gräßliche Häuptlinge, mit Millionen Skalps an ihren Gürteln, den Stolz der Nation bilden, wo die größte Untat der Menschheitsgeschichte, die Hungerfolter unschuldiger Millionen von Frauen und Kindern, mit Staatsauszeichnungen honoriert wird. Alle diese Tausende von Artikeln und Versammlungen waren klingendes Erz und tönende Schelle. Sie haben nichts erwirkt, als daß sie dem gefährlichen Bilbul von einem großen, internationalen, geheimen jüdischen Bund Nahrung geben. Dieses höchst gefährliche Märchen vom „Rate der Weisen von Zion" hat auch in Amerika Verbreitung gefunden, und kein anderer als der Pazifist Henry Ford hat sich der Propaganda des Antisemitismus und der Bekämpfung des „Rates der Weisen von Zion" gewidmet. Wir sehen es mit Bedauern, daß die jüdische Oeffentlichkeit in Amerika in unseren Irrtum verfällt, daß man ein solch uraltes, böses Uebel, wie den Antisemitismus, mit Sprüchlein beschwören, daß man den bösen Geist mit einem frommen Verslein einer Rede oder eines Artikels exorzisieren kann. Das Wichtigste, was das amerikanische Judentum gegen den sich in Europa hoffnungslos ausbreitenden Antisemitismus tun kann ist, ihn zu lokalisieren und Amerika vor dem Antisemitismus zu retten. Der Weg hiezu wäre, aus den Fehlern, welche bei der Bekämpfung des europäischen Antisemitismus gemacht wurden, wo man das Feuer mit dem Blasebalg löschen wollte, zu lernen. (Fortsetzung folgt.)