Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 4 (7.2.1919)
- Date
- 1919-02-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr, 4 «*»* tkantJkm m.twnt— w!f>1n1nr Me Otthodoxie für ״Jischub- Erez-JSrael". Ueber Einladung des Vorstandes der ״Adaß-JiSroel* (Schifffchul) fand Dienstag, den 24. Dezember 1918, um 6 Uhr abends. Im Mensa-Saale der .Einheit", Malzgaffe, eine große orthodoxe Versammlung statt zwecks Einleitung einer großzügigen Aktion für die Besiedlung Palästinas durch gtaudenstreüe Juden. Der Versammlung wohnte ein zahlreiches Publikum bei, darunter die orthodoxen Be^einsrabbiner Wiens, Herr Landesschulrat Kultusvorsteher Dr. M. Spitzer, Schriftsteller Dr. Natan Birnbaum, Obmann des Der. eines zur Wahrung der Jntereffen des orthodoxen Jußensums, Herr Bernhard Hosbauer, Vertreter des rSinai-VereineS.in Prag, Herr Markus Ungar, Herr Dr. M. W. Rappaport-Zürich, Herr Samuel Kohn-Lodz, die Redakteure Dr. Bloch, Max Hickl, Jakob KrauSz und Jonas Kreppe! usw. . / Die Versammlung wurde mit einer schwungvollen Ansprache Seiner Ehrwürden Herrn Schiffschulrabbiner S. Fürst eröffnet. In begeisterten und begeisternden Worten schilderte Seine Ehrwürden die große Bedeutung des Heilige« Landes für Jude« und Judentum. Jischub-Erez-JiSroel steht heute auf der Tagesordnung der ganzen jüdischen Volksgemeinschaft. ES hat aber nie eine Zeit gegeben, wo der Jischub des Heiligen Landes von der Tagesordnung des jüdischen Volkes verschwunden war. Vom Tempelberge zu Jerusalem aus pflegten zu Beginn eines jeden Monats Feuer auf» zuflammen, die den Juden in der Diaspora vom Hi» dusch-Hachaudesch Kunde gaben, von Berg zu Berg, bis in die weitesten Fernen waren diese Feuerzeichen Wegweiser für Israel im Goluth. Die Liebe und Anhänglichkeit zum Lande ihrer Hoffnung verstärkten das Band, das sie vereinigte, verlieh ihnen Kraft und Ausdauer in den finsteren Zeiten und Perioden, die sie durchleben mußten. Än Erez-JiSroel dachte der Jude Lei jeder Gelegenheit, für die Juden, die dorthin Wanderten, um ihr Leben in Thora und Awauda zu verbringen, flössen reichlich die Spenden, die »Nedarim und NedawauS". So soll denn auch der alte Gedanke an׳ Jischub- Erez-Jisroel, den schon der Schiffschulrabbiner S. Spitzer (secher Zadik liwroche!) nach den ersten Juden- Pogromen in Rußland propagierte, heute wieder aufgenommen werden. Dem alten Jischub soll ein neuer angeschloffen werden, aber ebenso wie der alte soll auch der neue Jischub ״al taharaS'hakaudesch" im Sinne und im Geiste unserer heiligen Thora eingeleitet und geführt werden. CS soll für die Juden im Heiligen Lande eine Heimstätte im Geiste der Thora errichtet werden, die dortselbst nicht als Flüchtlinge geduldet, sondern die ihr gebührende Stellung einnehmen sollen. Um diese Aktion in die-Wege zu leiten, haben wir uns heute versammelt, beschem Haschem wollen wir die Ar- Leit aufnehmen. (Stürmischer Beifall.) Hierauf ergriff Vorsitzender Hr. Dr. Reininger das Wort, dankte für das zahlreiche Erscheinen, welches LaS Interesse dokumentiert, das die Versammelten der erha- Venen Idee entgegenvringen, und das als Bürgschaft des Erfolges zu.bewerten ist. Die innige Begeisterung für Crez-Hakedauscho war stets wach in den Herzen der glaubenstreuen Juden, ebenso wie die Liebe zur Tho^ ra-hakedauscho. Wir wollen im Heiligen Lande eine Heimstätte für die Vertriebenen und Verfolgten errichten und schaffen. Wir wollen dort aber nicht bloß einen. Jischub von Juden, sondern einen jüdischen Jischub im wahren Sinne des Wortes aufrichten. Wir wollen das Heilige Land nicht als Geschenk eines Siegers nach einem blutigen Kriege erhalten, sondern im Sinne des Prophetenwortes: ״Bau bechail, we lau bekauach, ki im Loruchi", nicht mit. militärischer Macht, nicht mit phyfischer Kraft, sondern in meinem Geiste — so sprach der Herr der Heerscharen —, im Geiste der heiligen Thora. (Lebhafte Zustimmung.) Herr Wolf Pappenheim erstattete hierauf ein eingehendes Referat, in welchem er die Bedeutung und die Zwecke der Aktion ausführlich und allseitig beleuchtete. Für die Orthodoxie ist der Gedanke des Jischub keines- Wegs neu, und zwar nicht bloß des alten« sondern auch, des neuen. Waren es doch der berühmte Rabbiner Zwi Hirsch Kalischer und Rabbi Mia Gutmacher, sichraunom liwrocho, die zuerst die Anregung hiezu gaben, denen sich andere rabbinische Kapazitäten angeschloffen haben« viel früher; bevor man׳ etwas von dem moder. nen Zionismus wußte. GS ist auch, eine Mannte Tatfache, daß es der Schissschulrabbiner S. Spitzer fichraunau liwrocho war, der zu Beginn der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, nach den großen Judenverfolgungen in Rußland, die , Anregung zur Gründung eine» SolonisattonSvereineS gab, wobei er auch nichtorthodoxe Kreise heranzog, da es sich gleichzeitig um eine charitlive und soziale Angelegenheit handelte. Auch jetzt, da die OrShodoxie die Aktion unternimmt» wird ste die Mitwirkung Mer jüdischer Kreise anrufen. Wenn die Sache damals keine großen Fortschritte machen konnte, so war dies dem Umstande zuguschreibrn, daß man damals für di« großen jüdischen Mafien, die Rußland auf Knall und Kall verlassen mußten, eine dringende und unaufschiebbare Hilfe nötig fytffc, eine Kolonisation Palästinas im großen Maßstabe aber aus politischen «nd finanziellen Gründen unmöglich war. Erst dem Baron Rothschild, der hiefür unzählige Mil- Nonen zur Verfügung stellte, konnte eS nach mehreren Jahren und nach vielfachen Experimenten gelingen, die Grundlage für den Jischub zu schaffen. Der Orthodoxie, die seit jeher für die täglichen Bedürfniffe unzähliger Armer und Verlaffener zu sorgen hatte und hat, war es unmöglich derartige Summen, aufzubringen und sich auf Experimente einzulaffen, die Sache konnte sich deswegen zunächst nicht gehörig entwickeln. Die zionistische Partei hat sich mit der Gegenwartsarbeit nicht befaßt, sie hatte weder Zeit noch Mittel für all die Armen und Bedürftigen, die täglich an unseren Pforten klopfen, sie konzentrierte ihre ganze Arbeit auf die Sammlung des Nationalfonds, Schaffung verschiedener politischer und finanzieller Instrumente, um die Sache vorwärts zu bringen. Ihre Verdienste sollen entspre» chend anerkannt werden. Aber die Orthodoxie kann sich in religiöser Beziehung nicht mit allem einverstanden erklären, was zionistischerseits geschaffen wurde und wird und deswegen muß sie heute, da die Voraussetzungen für eine großzügige Arbeit gegeben sind, ihre eigenen Wege gehen. Die Kolonisation, die wir im Auge haben, mutz im Sinne und Geiste unserer heiligen Thora vor sich, gehen. ES darf in den Kolonien und in den Gemeinden nichts getan werden, waS den Vorschriften deS Schulchan-Aruch widerspricht. Bon zionistischer Sette ist bisher diesbezüglich keine klare Stellungnahme erfolgt. Die Zweigstelle der ״AgudaS-JiSroel" in der Schweiz hat sich vor einiger Zeit an das zionistische Aktionskomitee mit einer diesbezüglichen Anfrage gewendet. Die Antwort ist noch nicht veröffentlicht worden, aber wie verlautet, soll sie mehr ausweichend gehalten sein. In wirtschaftlicher Beziehung ist ein Zusammengehen und ein Einvernehmen sicherlich möglich und. wünschenSwert, in religiöser Beziehung müssen wir aber selbstandig-vorgehen und unsere Selbständigkeit unter allen Umständen wahren. , Redner schlägt schließlich die Wahl einer Kommission vor, die die Aktion in die Wege letten soll. Mit Begeisterung und Entschlossenheit Waffen wir an die Arbeit schreiten! (Lebhafter Beifall.) Herr Dr. Rappaporit (Zürich) referierte hierauf über die Einzelheiten des Jischub, wie seitens der Orthodoxie geplant ist. Er berichtete eingehend über die diesbezügliche Aktion in der Schweiz und brachte die Aufrufe und das Arbeitsprogramm, die dort ansgegeben wurden, zkr Verlesung. ES ergreift das Wort Herr Dr. Natan Birnbaum. Aus seinen mit Begeisterung äufgenommenen AuSführungen heben wir heraus: Wir müssen das Land vor einer Pest schützen, die gefährlicher als jede andere Seuche ist: vor ״Chillul-Haarez", vor Entweihung. Es droht dem Lande der Väter eine große Gefahr. Die moderne Kultur, die sich auf dem Wege von Aegypten nach Indien über Palästina bewege« wird, die Exponenten der englischen Kultur, die sich Art breitmachen dürften, sind eine schwere Bedrohung des unverfälschten ׳ jüdischen Geistes. Hüten wir uns davor, daß Jerusalem nicht ein Newhork, Berlin oder Paris wird. Wir haben schon genug mtt unseren eigenen Kulturexponenten. Wir brauchen keine nichtjüdischen Jude« in Palästina. Die glaubenstreue Judenfchaft mutz sich den Platz unter der Sonne Palästinas sichern, dort eine Heimstätte für Thora schaffen. (Großer Beifall.) Herr Markus Ungar (Prag) erklärt, es ist höchste Zeit, daß die Orthodoxie sich zur Palästinaarbeit meldet. ES ist Gefahr vorhanden, daß sie später nicht zum Worte gelangen könnte. Bei der Friedenskonferenz muß die Judenheit entsprechend vertreten sein. Wir müssen unsere Forderungen geltend machen. Wir sollten auch mit den anderen jüdischen Kreisen zusammengehen, ohne unsere Grundsätze preiszugeben. ' Herr Sch. Kohn (Lodz) stellt sich als radikaler Zio- «ist und glaubenstreuer Jude vor. Man solle das Men» schenmaterial, das nach Palästina dirigiert werde, ent» sprechend auswählen und vorbereiten, wöbeauch auf die physische Eignung geachtet werden müßte. Gr regt schließlich die Bildung jüdischer Turnvereine orthodoxer Richtung an. Herr Dre-ler spricht in ähnlichem Sinnen Herr Jakob PinkaS erklärt, unsere Parole muß heute Arbeit sein. Wr müssen rasch und energisch an hie Arbeit gehen. Borfitzender Herr Dr. Reininger bringt nun so!» gende Resolution zur Verlesung: ״Die heutige Versammlung beschließt, eine Kom- Mission zu wählen, welche mit den anderen orthodoxen Organisationen in Verbindung zu treten hat -weck» Besiedlung Palästinas mit glaubenStreuen Inden. Ferner beschließt die Versammlung die Gründung eine» Vereines zur Beschaffung der finanziellen Mittel für die Aktion." Herr Pinkas beantragt, daß die zu wählende Staat« Mission beauftragt werde, binnen, kurzem eine -wette Versammlung einzuberufen, um die Aussprache fortzusetzen. Die Resolution, sowie der Zusatzantrag Pinkas׳ werden angenommen. ES wird hierauf die Liste der KommiffionSmitglieder verlesen, die einstimmig akzeptiert wird. Der Vorsitzende bemerkt hiezu, daß die orthodoxen BereinSrabbiner selbstverständlich der Kom- Mission zugezogen und bei jeder wichtigen Entscheidung um Rat Und Meinungsäußerung gefragt würden. Hieraus wurde die Versammlung, die einen überaus würdigen und ernsten Verlauf nahm, geschloffen. Preffeschau. Die ״Jüdische Rundschau" bringt unter dem Titel ״Die Orthodoxie und der Kongreß" einen größeren Aufsatz, in welchem die Nmorientierung, die in letzter Zeit in der Orthodoxie plahgegriffen hat, erörtert wird. Die deutsch-jüdische Orthodoxie müßte in der jüdischen Kongreßbewegung zeigen, daß sie aus der Bejahung -es Volksgedankens die nötigen Konfequenzen ziehen will. Sie soll danach streben in der kommenden Konstituante des jüdischen Volkes, die der jüdische Weltkongreß darstellen soll, so vertreten zu sein, wie es ihrer Bedeutung und ihrem Anspruch innerhalb des jüdischen Lebens entspricht. Die jüdische Orthodoxie in den anderen Ländern hat sich bereits der Kongreßbewegung angeschlossen, nur scheint die deutsch» jüdische Orthodoxie sich zum Kongretzgedanken resev» viert zu verhalten. Die Orthodoxie faßt die jüdische Gemeinschaft nicht als Volk gleich allen anderen Völkern auf, sondern als einzigartiges und spezifisches Volk, dessen nationaler Grundsatz ihm in der Thora gegeben ist und herrscht in manchen orthodoxen Kreisen die Aufsassung, als ob die Reinhaltung dieser besonderen Art des jüdischen VolkSgedankenS. die Scheidung von den anderen Juden, die auf dem Boden des jüdischen VolkstumS stehen, verlange. Gegen diese Auffassung muß mit aller Energie Front gemacht werden. Es wäre absurd, wenn die Akzeptierung des jüdischen Volksgedankens der Orthodoxie ein Mittel sein sollte, die Einheit des jüdischen volkes zu verleugnen und eine neue Trennung innerhalb der jüdischen Gesamtheit vorzunehmen. Der VolkSgedanke als Mittel der Separation wäre der Gipfel der Verkehrtheit und eine Verzerrung dieses Gedankens, wie sie schlimmer nicht gedacht werden kann. Gs ist ein Irrtum, wenn man in orthodoxen Kreisen glaubt, Zionismus als solcher habe eine bestimmte andere fassung des jüdischen Volksgedankens, als die Orthodoxie. Für weite Kreise des Zionismus ist das jüdische Volk auch eine Gemeinschaft ganz besonderer Art. über alle Differenzen in der Konzeption des jüdischen Volkstums soll die unerschütterliche und unzerbrechliche Einheit des jüdischen Volkes bestehen. ES besteht kein Grund für den orthodoxen Juden, der das jüdisch Volkstum bejaht, sich gegen den Anschluß an den Zionismus zu wehren. Die Orthodoxie hat auch keinen Grund sich von der jüdischen Kongreßbewegung fernzuhalten, da doch diese Bewegung keine Partei, keine Organisation, sondern ein Zusammenschluß all derer ist, die sich zum jüdischen Volkstum bekennen, um eine Vertretung -es jüdischen Bolksintereffes in ^Deutschland und schließlich eine Repräsentanz des gesamten jüdischen Volkes in der gan» zen Welt zu schaffen. Das Abseitsstehen der jüdischen Orthodoxie Deutschlands von der Kongreßbewegung wäre eine unverantwortliche Sünde und würde zeigen, daß sie noch immer keine wahrhaft großzügige und gesunde national-jüdische Politik treiben will. AuS dem Geist und Wesen der jüdischen Tradition heraus ist die jüdische Orthodoxie verpflichtet, an allen positiven und großen Bewegungen innerhalb des Wischen Volkes mit allen Kräften Anteil zu nehmen. ׳ » * D,S erste tüdisch.pelitische To-blett i» deutscher . . Speeche. ' Ab IS. Jänner erscheint in Wien die ״Wiener Morgenzeitung" al» erste» Wifch-politische» Tagviatt in deutscher Sprache. Damit wird eine in weiten jüdi-