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Jüdische Volksstimme · 1919-02-07 · Heft 4 (7.2.1919) · page 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XX (1919)
Issue
Heft 4 (7.2.1919)
Date
1919-02-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
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4.זי* M, IM«Mt», m 1» DAWUHWU wB^niir «Me 3 fügtet: Herr Siegmund Aradin, Gablonz a. N' und Ausführungen des Herrn Dr. Seeligmann vollinhalt- Herr Dr. Fr. Lederer, Karlsbad. Der' Präsident eröffnte hierauf die Sitzung und erteilte als erstem Herrn Dr. Seeligmann, Komotau, das Wort. Herr Dr. Geeligmarm, Vertreter des ArbeitSauS. schusseS für jüdische VoNSangelegenheiten, Komotau, legte or allem die Notwendigkeit eines ZusammenschluffeS der Judenschaft nahe, insbesondere deshalb, da mit dem voraussichtlichen Sturze der Kultusgemeinde, die Judenfchast haltlos dastehen werde. Der jetzige Zeitpunkt sei hiefür sehr günstig, da noch keine Beschlüsse über, das. Schicksal der nordböhmischen Judenschaft seitens einer Regierung gefasst war. den find, und es unerlässlich wäre, bei Eintritt dieser Sachlage eine Vertretung der Judenschaft zu besitzen, die die Interessen der Judenschaft bei der Regierung zu Vertreten im Stande ist, und die verhindern kann, dass Nicht Üb« unsere Köpfe für uns nachteilige Beschlüsse gefasst werden. Nachdem nun die Notwendigkeit eines ZusammenschluffeS der Judenschaft in der jetzigen Zeit, erwiesen sei, handelt es sich um die Frage auf welcher Basis ein solcher Zusammenschluss erfolgen solle. 1. Die Kultusgemeinde, die in den letzten Zügen liegt, ist als religiöses Rechtsobjekt beim Staate unnröglich geworden. L. Die Zionistenvereine als solche stehen auf der Grundlage des Basier Programms, und sind als solche an der Organisation ienes ZufammenschlusseS au« Ihrer Mitte verhindert. 3. Das System des Nationalrates ist das einzig richtige. In welchen zwei Hauptpunkten soll nun das Wirken dieses Nationalrates liegen? 1. In der Anerkennung der Juden als Volk seiten, des Staates. L. In der völligen Gleichberechtigung, und Erlaugung der nationalen Autonomie. Nachdem Herr Dr. Seeligmann unter allgemein tosendem Beifall geschloffen hatte, eröffnete der Präsi dent die Debatte. Auf die Frage, was zur Gründung eines Arbeitsausschuffes für jüdische Bolksangelegenheiten ׳gerade in Kommotau führte, antwortete namens des obigen Ausschusses Herr Dr. Seeligmann, dass die Angriffe eines Kommotauer antisemitischen Blattes, die dortige Judenschaft veranlahte, sich zusammenzuschließen diesen Ausschuss zu gründen. Ferner verwies Herr Dr. Seeligmann in längeren Ausführungen auf das verdienstvolle Wirken des Ausschusses gegen die erwähnten Angriffe. Hierauf forderte der Präsident die Vertreter der einzelnen Kultusgemeinden, ferner die der zionistischen Vereine auf, ihre Auffassung über dieses Thema darzulegen. Zuerst ergriff Hekr Dr. Hirsch (Kultusgemeinde Komotau) das Wort,, und stimmte in längerer Rede den lich bei. Hierauf sprach Here Glau der namens der Kultusgemeinde Aussig- und gab in detailliert« Ausfüh» rung einige bemerkenswerte Ratschläge. Ferner sprach Herr Dr. Rix (Kultusgemeinde Trautenau), der ebenfalls die Gründung eines solchen Nationalroites aufs wärmste anempfahl, sowie die Ver» trat« einer Reihe anderer Kultusgemeinden, die alle erklärten, dass fie nichts gegen eine derartige Gründung einzuwenden haben. RamenS der Zionistischen Organisationen spra» chen die Herren: Dr. Seidemann, Teplitz; Dr. Kohn, Brüx; Dr. Led«er, Karlsbad; Dr. Altmann, Gablonz Dr. Eckstein, Bodenbach, zc. -- fich sämtliche wärmstenS für diesen Plan aus. In einer hierauf folengden kurzen Debatte stellte Herr M. D. Urabin, Gablonz a4 N., den Antrag, dass der Arbeitsausschuss für jüdische VolkSangelegenheit-m, Komotau, von dem ja die Initiative ausgehe, in den verschiedenen Städten Nordböhmens Versammlungen veranstalte, zu denen jeder Jude gelad enw«den solle und in denen über den Zvsammenschlnss der Juden be. raten werden solle, welcher Antrag unter allgemein« Billigung angenommen wurde- Ferner wurde einstimmig beschlossen, dass alle Anwesenden den Zusammenschluß der Judenschaft bei ihren Korporationen propagieren mögen. Hierauf ergriff der Präsident Herr D.r Margu» lies, Leitmerih, das Wort, und verlas unter allgemei» nem tosenden Beifall folgende Resolution: Der Vorsitzende konstatittt, als einstimmige Meinung der Versammlung,-dass es notwendig ist, da die bevorstehen» de Trennung von Kirche und Staat, die die Auflösung der jüd. KultuSgemeinde-Representanz mit fich bringen wird, einen Zusammenschluss der Judenschaft in den Weg zu leiten, um einen offiziellen B«treter der Ju» denschaft zu schaffen. Ferner spricht die Versammlung, dem,Arbeitsausschuss für jüdische VolkSangelegenheiken. in Komotau ihren Dank für das Ergreif ender Jnitia» tive in dieser wichtigen Angelegenheit auS. Hittauf hob der Präsident die Versammlung auf. Dr. Israel Hammer. Und am nächsten Tage da war ein grosses Fest im Lager. Der Hohenpriester nahm das ganze Gold, das der Wagen gebracht hatte, schmelzte es im Feuer und aus dem Guss formte er mit Meissel und Zirkel ein göttliches Kalb. Da sah das Volk den Gott mit leiblichen Augen, und grenzenlos war sein Jubel. Und der Priester baute einen Altar vor dem Gotte, und brachte die Opfer des Volkes dar, und die Freude war gross über alle Maassen. Und man atz und trank und belustigte sich auf verschiedene Weise. Die Frauen bildeten einen Kreis rings um das Kalb, und führten einen Retgen auf, und die Männer schlugen die Trommel dazu und bliesen die Schalmeien. Und plötzlich weicht alles erschreckt zurück und macht Platz: ein Mädchen wird sichtbar unter den Tanzenden ein wunderbar tanzendes Mädchen, tziehe, sie schwingt das Bein ipib bewegt Kopf und Körper bald leise wie» gend, bald pfeilschnell einherstürmend. Ihr Anblick macht jedes Herz erbeben und die Haare zu Berge stehen. Ist eS nicht Timna, die Jungfrau vom Hause Ger» son, aus dem Stamme Menaffe? Jetzt tanzt fie langsam und ruhig: das ist der Anfang ihr« Hoffnung, die ganze Grds steht in Blüte und auch ihr Herz ist voller Blumen; sie neigt den Kopf, und ihre Augen leuchten,: das ist der erste Kuß. Plötzlich dreht und windet sie fich wie eine Schlange — das ist der erste Schmerz; ein kalt« Wind fuhr üb« die Blumen und in ihr Herz. Bald schwebt sie wieder leicht dahin: sie hat noch den Ring! den Ring! den Ring! Ihr ganzes Leben, ihre ganze Seele mitsamt ihrem Erwählt«, haften an dem Ringe, und sie alle bilden nur einen einzigen Ring. Vach bewegt sie sich Wied« schwerfällig, wie Blei liegt es in ihren Gliedern und ihre GefichtSmuSkeln «starren: dir Hoffnung wird imm« schwäch«, imm« Die rumänische Judenfrage! AuS Kopenhagen kommt die freudige Botschaft, dass nach einem Dekret der rumänischen Regierung, wonach allen Fremden, die sich nicht selbst als AuSländer betrachten, mit Ausnahme der wegen Spionage, De׳ sertion, des Hochverrates verurteilten oder in Untersuchung" befindlichen Personen, das Heimatsrecht in Rumanien gegeben wird, der Neutralisation der Juden dortselbst nichts mehr im Wege steht. Die rumänische Regierung hat seit 60 Jahren gegen ihre jüdische Bevölkerung einen VernichtungskaMpf geführt und blieb der rumänische Jude während dies« ganzen Zeit — mit-den wenigen, nicht ins Gewicht fallenden Ausnah. men von Naturalisationen jüdischer Bürger, zu denen sich die Regierung in den letzten Jahrzehnten bequemte — rechtlos und vogelfrei. Die Juden Rumäniens haben eine Epoche unablässiger Verfolgungen und Bedrückungen durchgemacht, die bis in die allerjüngste Zeit hinein andauerten. Regelrechte Judenpogrome wurden in Rumänien abgehalten 16 oder 16 Jahre, bevor dieser Begriff russischer Prägung eine so unheimliche Berühmtheit in der ganzen Welt erlangt hat. Ein einzigartiges, verzwicktes, schlau ausgeklügeltes System von Gesetzen, die allem gesunden Menschenverstand und den primitivsten Forderungen der Gerechtigkeit Hohn sprechen, wurde eigens gegen die Juden ins Leben gerufen. Die Judenfrage in Rumänien war ein Schandfleck der Kultur und Zivilisation. Die Lage der Juden in Rumänien verschlimmerte sich vom Jahre 1866 ab immer mehr, so dass der Berliner Kongreß sich veranlasst sah, das Hebel abzuschaffen. Dies geschah durch die Unterzeichnung des berrühmten Artikels 44 des Berliner schwächer. Sie ist nur noch ein leises Stammeln: vielleicht, vielleicht, vielleicht . . . Und plötzlich rafft sie sich auf und hebt den Kopf hoch: das gibt sie nicht her! Nein! Das gibt fie nicht her! Und bald fliegt sie wie ein Pfeil rings um das Kalb: diesem Gotte gab sie daS Teuerste und das Letzte! Das Einzige, was sie beseD gab sie ihm, und er der» schlang, es! Und wie ein Sturmwind saust sie dahin und ihre Füße berühren kaum die Erde: verschyrunden ist der Schmerz, ihre Seele ist dahin, aber ihr Erwählt« ist in ihr, der Erwählte ist fort, aber der Ring ist da, der Ring ist fort, und das Leben ist da, nun ist auch daS Leben fort, nur Gott ist da —׳ und plötzlich schmelzen Seele und Geliebter mb Ring und Leben und Gott zusammen, und sie kann sie nicht mehr unterscheiden. Und der Tanz wird immer ausgelassen«, immer wilder. Der Schmerz hat aufgehört, ihr eigener Schm«z zu sein, und ward -um Schmerze all« Menschen, denn Gott nahm ihr ihn ab, und er ist doch der Gott des ganzen Erdreichs. D« Tanz wird imm« wilder, imm« zügellos«, und der Sturm wird imm« stärker, immer heftiger, und die Ausgelassenheit wird imm« gröss«, imm« maßlos« — und eine grosse Angst bemächtigt fich des ganzen VoWeS, und zitternd wirft es Trommel und Schalmei von sich und beginnt zu fliehen. Und Timna tanzt... Sie tanzt ohne Aufhören, ohne Ende. Auf ihre Lippen tritt weisser Schaum, ihre Glied« «lahmen, und plötzlich fällt sie zur Erde nied«. , . Und.als man sie von der Erde aufhob, war sie eine Leiche. Vertrages, wonach sich die sieben Signatarmächte, Eng» land, Deutschland, Oesterreich - Ungarn, Frankreichs Russland, Italien und die Türkei verpflichteten, Rumä» nienS Selbständigkeit nur unter der Bedingung anzu» erkennen, dass es seinen sämtlichen Staatsangehörigen ohne Unterschied des religiösen Glaubens und des Be» kenntniffeS, volle bürgerliche und politische Gleichheit zuerkenne. Die Bestimmung des Berliner Vertrages in der die Juden nicht ausdrücklich genannt sindwurde dadurch umgegangen, dass die Juden Rumäniens als «Fremde ohne bestimmte Staatszugehörigkeit" erklärt ° und die Naturalisation von Fremden an überaus erschwerende Bestimmungen, insbesondere an die Zustimmung beider Kammern für jeden einzelnen Fall ge» knüpft wurde. Unter der Wirkung dieses Rechtsbruchesblieben die Juden in Rumänien ganz recht- und schütz» los. Keine Maßnahme der Unterdrückung und künstli» chen Niederhaltung, keine Beschränkung und Einengung der politischen und bürgerlichen Rechte war der rumänischen Regierung «niedrigend und beschämend genug, um ihre jüdische Bevölkerung nicht bis zur Vernichtung zu quälen. DaS Judentum der ganzen Welt verfolgte Wachen AugeS die unerhörten Vorgänge in Rumänien undversuchte bei jeder sich bietenden Gelegenheit das ganze Gewicht seines Einflusses geltend zu machen, um die rumänische Regierung zu einer Aenderung ihrer Ju» denpolitik zu zwingen. All die großen Bemühungen de» gesamten Judentums sind bisher erfolglos geblieben. Erst der Weltkrieg hat in dies« Hinsicht grosse Aende» rungen nach sich gezogen. Politische Rücksichten find inr Wegfall gekommen ünd neue Losungen von Befreiung der unterdrückten Völker wurden verkündet. Rumänien ׳ fiel kurz nach Ausbruch der Revolution in Russland in die Gewalt der Zentralmächte, von denen das Ju» dentum der ganzen Welt mit der ganzen Kraft seine» Einflusses, die Durchführung der vollkommenen und tatsächlichen staatsbürgerlichen Gleichberechtigung der Juden Rumäniens forderte. Der am 7. Mai 1918 zwi» schen den Mittelmachten und Rumänien Unterzeichnete Bukarest« Friedensvertrag brachte aber trotz des in ihm enthaltenen 37. und 28. Artikels betreffs der Gleich» stellung der Religionsbekenntnisse in Rumänien, den dorttgen Juden nicht den gewünschten Erfolg. Die volle, tatsächliche Emanzipation der rumänischen Juden ift auSgeblieben und war die ganA jüdische Welt ent» täuscht. * § Inzwischen kam der Umsturz Oesterreich-Ungarn» und Deutschlands, worauf bald auch der Zerfall der Donaumonarchie folgte. Die Koalitionsmächte haberr die Bestimmungen des Bukarest« Friedensvertrage» nicht anerkannt und versprachen vttschiedenen Repräsentanten jüdischer Organisationen fich für die »nein» geschrankte HeimatSberechttgung der Juden in RunlL» nien einzusetzen. Die aus Kopenhagen eingelangte Meldung über die Erklärung des britischen Gesandten, dass die rumänisch» Judenfrage bereit»-«» gelöst betrachtet werden temv ist von grosser Wichtigkeit und Bedeutung. Die Menochenwürde unser« Brüder in Rumänien wird von nuw an gewahrt werden. ES beginnt für ein״׳ Zeit, die Befreiung vom VSMrigen Joche, eine Art Auferstehung. Hoffentlich ist jetzt für die Juden Ru» mänienS der heissersehnte. lang erwartete Moment der Freiheit gekommen.

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