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Jüdische Volksstimme · 1918-08-09 · Heft 17-18 (9.8.1918) · page 4

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIX (1918)
Issue
Heft 17-18 (9.8.1918)
Date
1918-08-09
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Sette 4 ״JS-ische BolkSstimmr" 17*18. Wahrung dagegen ein, daß neuerdings seit einer Reihe van Monaten in Wen und ganz Öfterreich unter Duldumy der Behörden eine systematische Wühlarbeit Platz gegriffen Ijat, die den offenkundigen Zrveck verfolgt, die christliche Bevölkerung Österreichs gegen die Juden zu ver- Hetzen und zu Ausschreitungen gegen dieselben hat in Westösterreich in den sogenannten deutschn Volkstagcn ihren Höhepunkt erreicht, in deren Verlaufe die in Massen anwesende Bevölkorung zu direkten Pogromen! gegen die Juden aufgefordert wurde, ein Beginine!:, das angesichts des in der Bevölkerung artgehäuften Zünd* stoffes fast zu unmittelbarem Erfolge geführt hatte. Gegenüber den in den antisemitischen Versmnni.lungen und in der antisemitischen Presse Wider die Juden im allgenreinen vvvgeibvachten unwahren, erdichteten und -entstelltem׳ Anklagen sieht sich die österreichische Judenschast veranlaßt, nachdrücklichst festzustellen: 1. Die österreichische Judenschaft in ihrer Gesanrtheit hat in diesem Kvi-eiM bisher gleich allen anderen Vaterlands- und kaisertreuen Bürgern dieses Staates bedingungslos und uneingeschränkt Gut und Blut geopfert: für Kriegsfürsorgezwecke und für die Bedürfnisse des Staates zur Kriegführung leistet sie weit über jedes Verhältnis. 2. Si-e hat in ihrer Masse durch die kriegerischen Verhältnisse materiell ungleich mehr gelitten׳ als andere Bsvölkerungskreise: aber auch ihre seelischen Leiden waren unverhältnismäßig größer, nicht u-ur, weil die Bevölkerung aller Schichten m maßloser Weise gegen die Juden verhetzt ist, sondern auch deshalb, Weil gewissenlose antisemitische Parteiführer des Hinterlandies nicht ohne Erfolg bemüht waren-, den Judenhaß ■iln die Armee zu verpflanzen, selbst bis i׳n di!e vorderste Fmer-lin-ie zu tragen, wo die Juden trotz ihrer Zurücksetzung Löben und Gesundheit für,das Vaterland aufs Spiel setzen und opfern. 3. Kriegsgewinin/e wurden von Nichtjuden in höherem Maße orziielt als von Juden: anderseits erreicht die Summe aller Verfehlungen, deren! einzelne Juden sich schuldig gemacht haben,!nicht im entferntestemim Verhältnis die Summe jener Vefehlu-ngen, deren Nichtjuden überführt wurden, ohne ׳daß daraus für die gesamte Konfessi-on oder Nation der Schuldigen seine verallgememernden Schlüffe gezoegn worden wären, Wie dies gegenüber -den Inden geschieht. 4. Die Judenschast Österreichs hat es stets im! tiefwurzelnder! Liebe und Treue zun! Vaterlande als ihre heiligste Pflicht angesehen!, alles zu unterlassen, was die Ruhe und den Frieden im Innern des Reiches zu stören geeignet wäre; niemals hat auch nur der Gedanke an einen Hochverrat, an ,ein Einverständnis mit dem Feinds in ihren Reihen, Eingang und Verbreit tung gefunden. Die Juden waren und sind ein staatsechaltendes Element von unbedingter Treue und haben einen Rechtsanspruch darauf, als solche behandelt zu werden. 5. Die Judenschast hält es unter ihrer Würde, sich ,gegen die bewußt lügnerischem, Anschuldigumgen zur Wehre zu setzen, welche die Juden in einem Zusammenhang mit beit umsinnigen, widerwärtigen Gerüchten der letzten Zeit bringen wvlle/n. Sie erblickt eine schwere Gefahr für den Staat darin, daß durch gewissemlose Hetzer in öffentlichen Versammlungen gleichzeitig mit Lohalitätskundgebungen aufreizende Kundgebungen geigen die Juden veranstaltet werden, daß hierdurch vor einer irregeteieten Bevölkerung Kaisertreue und Judenhaß idmtifiziert und die dynastischen Gefühle auf das schmählichste Profaniert werden. 6. Die österreichische Judenschast hält es für ihre patvotjsche Pflicht, im dieser schweren, für die Zukunft der Staaten׳ entscheidenden Zeit den Lenkern unseres Staatswesens die Lehren der Geschichte in Erinnerung zu rufen, daß überall in jedem Lande, die hemmungslose Duldung von Aufreizungen zum Haffe gegen eine bestimmte Nationalität oder Konfession in ihrer äußersten Konsequenz sich immer an dem Staatsgam-zen gerächt hat. Die von unverantwortlichen DenmgoKn versuchte und nicht nachdrücklich genug bekämpfte Hinüberleitung gärender Volksleiden schäften in eine Judenhetze ist ein für die allgemeine Staatsordnung höchst gefährliches Mittel, dessen vielleicht möglicher momentaner Esfekt in keinen: Verhältnisse steht zu seinen weiten unabsehbaren Folgen. 7. Die Judenschast Österreichs lehnt jede Verantwortung fiir die bei weiterer Duldung dieser Verhetzungen gegen die Juden unausbleiblichen Folgen ab und wird sich letzten Endes gezwungen sehen, sich zum Schutze ihrer eigenen Existenz, zur Nbwebr -de>r ihr drohenden Gefahr, zu organisieren." Eine Judendebatte im ungarischen Abgeordnetenhaus. V.. . ■.ן.ץג?׳ז■ •:•*־יי-ייך In der Sitzung des Abgeordnete -n- Hauses -erörterte Graf Stephan Tisza verschiedenc Bestimmungen des Militärversorgungsgesetzes rmd sagte dann mit bezug auf die Frage des Antifeinstismus, die ohne j-odon Zusaminenhang im Laufe der Debatte erwähnt worden war, er halte es für einen Fehler, ׳daß die Judenfrage aufs Tapet »gebracht wurde, weil er bett Antisemitismus mißbillige. Die Verallge» n!einerung sei ein Fehler. Redner könne Beispiele anführen, die -beweisen, daß gerade die Juden ehrlich und treu ihre Pflicht erfüllt haben. Der Grund des Übels liege darin, daß der größte Teil der wirtschaftlichen Zweige, die zu den mit dem Kriege zusammenhängenden Mißbrauchen am meisten Gelegenheit bieten, in den Händen der Judensind. Hut den Antis-emitismus zu beseitigen, müssen auch die Indien mitwirken! und andererseits muß die Regierung Maßnahmen treffen, damiit die Behörden bei der Anwendung der Gesetze und Verordnungen betreffend die Preistreiberei sich gewöhnen, größere Geldstrafen zu verhängen. Ministerpräsident Dr. Wekerle erwiderte darauf: Was die Frage des Antisemitismus betrifft, so fveuie ich mich, da!ß Graf Tisza sie richtig eingestellt bat. Die Juden selbst dürfen sich mit jenen Leuten nicht identifizieren. Sie tun es ׳auch nicht. Andererseits hat auch die Regierung in dieser Hinsicht Pflichten. Die Tegerung ist bestrebt, auf die öffentliche Meinung den entsprechenden Einfluß auszuüben, damit diese wegen Handlungen! einzelner nicht ganze Konfessionen verantwortlich mache. Die Regierung hat auch in anderer Hinsicht entsprechende Maßnahmen getroffen. Auf die Verschärfung der Strafen kann ich wohl keinen unmittelbaren Einfluß üben. Doch habe i chals Minister des Innern die Verwaltungsbehörden angewiesen, die!größte Strenge walten/ zu lassen. Auch müssen die Be- Hörden tunlichst -verfügen, daß die Gegenstände, mit denen Mißbrauch!getrieben worden ist, konfisziert werden. Ich muß zu meinem Bedauern feststellen, daß einzelneBehörden geradezu aus kon fessionellem Gesichtspunkte allzuweit gegangen sind und sich zu Schritten hinreißeini ließen, gegen die ich Verfügungen treffen muß. Solche Maßnahmen der Behörden dürfen in einem Rechtsstaate nicht geduldet werden. Man spricht stets von den Ga-lizianern und nennt 70.000 bis 80.000 Galizianer, die da leben sollen. (Zwischenruf: In Budapest ist keine Wohnung zu finden.) Ministerpräsident (fortfahrend): Nicht wegen den Galizianern. In Galizien herrschen Zustände, die die Rückbeförderung der Geflüchteten ermöglichen. Die Rückbeförderung ist auch iw Gange. Bei der Rückbefördernng gehen die Behörden mit der entsprechenden Strenge vor, doch dulde ich Atrocitäten nicht. Dann in einem Rechtsstaat sind Atrocitäten unzulässig. Die lästigen Freunden werden möglichst bald in die Heimat befördert. Ich gehe noch weiter; es werden alle'Maßnahmen getroffen, um die von diesen Leuten erzielten Gewinne besonders zu besteuern. Kunäfcüau. Verband der Angestellten der Wiener israelitischen Kultusgemeinde. Ein schon seit langem gehegter Wunsch der Angestellten der Wiener Kultusgemeinde ist durch die vor kurzem erfolgte Gründung des ״Verbandes der Angestellten der israelitischen Kultusgemeinde Wien" in Erfüllung gegangen. J׳m, Sinne der von der Stattbalterei genehmigten Statuten ist diese Organisation dazu berufen, die sozialen und wirtschaftlichen Interessen der Angestellten den Kultusgemeinde zu wahren und zu fördern/. Die gewählte Verbandsleitung hat im Einvernehmen mit dom einzelnen Sektiousleitungen bereits ein ausführliches Arbeitsprogramm ausgeavbeitet, dessen Durchfühvung geeignet erscheint, viele bisher bestehende Mängel in den Existenzbedingungen der Beamtenschaft zu beseitigen. Zu dem weiter unten folgenden Ergebnisse der Wahlen in die VerbandsleitMM sei bemerkt, daß zum Obmanne der Verbandsleitung Herr Rabbiner Dr. Grünwa-ld gewählt worden war, daß dieser jedoch die Delogierten ersuchte, von seiner Wahl abzusehen, warouf dann über seinen Vorschlag die weiterhm angeführten Personen in das Präsidium des Verbandes gewählt wurden. — In die Derbandsleitun/g wurden folgende Funktionäre gewählt: a) aus der Sektion dev Beamten: Mjunkt Jakob Krausz, Adjunkt Oskar Mautner, Oberoffizial Heinrich Holzer, Oberoffizial Moritz Ungar; >b) aus der Sektion dev Religionslher-er: Benjamin Fuchs, Hermann Ascher, Oberlehrer; -c) aus der Sektion der Synagogen/- sänger: Dr. Leo Lemport; 4) -aus der Sektion der Diener: Markus Lichtenstern, Elias Springer; e) aus der Sektion der Rabbiner: Dr. Max Grunwald; f) aus der Sektion -der Kantoren: -erster Kantor Matthias Mathyas; g) aus der Sektion/ der Schächter und Fleischbankaufseher: Bernhard WM. Düs Präsidium des Vereines -estzt sich wie folgt zusammen: Obmann: Jakob Kvausz; erestr Obmann-Stellertreder: Dr. Max Grunwald; zweiter Obmann-Stellvertreter: Benjamin Fuchs; Kaffavsrwalter: Oberoffizial Heinrich Holzer: Schriftführer: Qberoffizial Moritz Ungar; Rechnunigsrevisoren!: Oberoffizial Salo Lemberger, Offizial Richard׳ Kaiser. Eine landwirtschaftliche Schule in Österreich. Eime zionistische Gruppe plant die Errichtumg einer landwirtschaftlichen Schule in Öfterreich, die ׳der Ausbilldung junger Leute dienen soll, welche nach de/ny Krieg nach Palästina gehen, und dort ,in der Landwirtschaft tätig fein wollen.! Die Schule soll gegründet werden, wenn eiine genüg-ende Schülerzahl angemeldet ist. Es ergeht daher an jene, welche in eine solche Anstalt als Schüler einzutreten gedenken, der Aufruf, ihre Adressen mit Angabe des Alters, der Vorbildung, des,gegenwärtigen Berufes und der Zukunftsabsichten! sobald als möglich dem Zionistischen Büro in Wim, Pialästiina-Abteilung, Wien, 2. Bezirk, Zirkusgaffe 33, bekanntzugeben. Ein Fünfmillionenlegat für ein jüdisches Waisenhaus. In Arad starb vor kurzem im hohen Alter von 89 Jahren die Witwe -Eli.se Fischer, die in ihrem Testamente ihr mehr als fünf Millionen Kronen betragendes Vermögen, für jüdü sche V/ohlfahrtsanstal ten vermachte. Viereinhalb Millionen Kronen bestimmte sie für die Errichtnug eines jüdischen Mädchen-Waisenhauses in Arad und mehr als eirte halbe Million Kronen für die Errichtung einer Augenklinik in ihrer Heimat. Frau Fischer führte in den letzten Jahren ein sehr bescheidenes Leben, wohnte in einem einfachem Parbevrehaus, da sie, wie sie sich wiederholt äußerte, die Waisenkinder nicht durch ihr eigenes kostspieliges Leben in der Erbschaft verkürzen wollte. Zum Regierungswechsel ip Österreich. In ihrem Leitartikel vom 26. Juli äußert sich die ״Jüdische Zeitung" in Wien über den» Regierungswechsel in Österreich folgender- :näßen-: ״Daß Herr von Seidlev ursprünglich die aufrichtige Bestrebung gehabt hat, sich mit den Völkern auseinanderzusetzen und die Verfassung der wahren Struktur des Staates anzupaffen, hat er uns Juden gegenüber dadurch bewiesen, daß er einsichtig genug war, mit den Vertretern des jüdischen Volkes über die Forderungen des jüdischen Volkes zu verhandeln und sich über die tatsächliche Sachlage, welche durch allerlei lügenhafte Statistik verschleiert wird, zu informieren. So wie Seidler richtig erkannt hat, wird auch jede künftige österreichische Regierung erkennen müssen, daß man über Tatsachen nicht hinweg-

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