Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 11 (1931)
- Issue
- 34-35 (2.9.1931)
- Date
- 1931-09-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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gelingen tonnen, die aber, als eine echte Einheitsgemeinde, alle religiösen Richtungen betreut und weiß^. daß der Tempel nichts anderes wolle, als durch organische Kortentwicklung den Bestand des Judentums erhalten. — Rabbiner Dr. Max Dienemann (Offenbach), der den Allgemeinen deutschen Rabbiner-Verband vertrat, entzündete mrt em«.r Weiherede die Ewige Lampe: Llcht ist das Gebot Gottes, und als sein Symbol solle bicfe Lampe brennen, solange dieses Haus seiner heiligen Bestimmung drml. — Unter den Klängen des 8'u scii'orim, von der Jugend geleitet, wurden die Thorarollen hereingebracht, dann folgte die Festpredigt von Rabbiner Dr. Italiener. Wie nach der Legende Salomons Tempel über dem wieder lebendig gewordenen Herzen Adams sich erhob, so hat auch der Tempel-Verband zahllose Gemeinden der Judenheit in aller Welt wieder zum Leben erweckt. Dieser Zug zum Leben hin, der Drang aus der Enge in die Weite, sei, schon von den Propheten her, dem Judentum charakteristisch eigen, die Wiederbesinnung auf diesen prophetischen Wesenszug ist nufere geschichtliche Leistung und Aufgabe. — Tie tiefe und innige Rede hniterließ einen nachhaltigen Eindruck, ebenso auch das Gebet und der Segen, den Rabbiner Dr. Seligmann „für drese seinem Herzen so nahestehende Gemeinde" sprach. — Tie Jübelchöre des Psalm 150 in Emanuel Kirschners Komposition bildeten den Beschluß, dieser erhebenden Feier lieber den musikalischen Teil ist ferner zu berichten, daß Oberkantor Leon Kornrtzer, gleich bekannt und geschäht als Komponist wie als Sänger, für die Einweihung nicht nur die Mah tauwu-Komposition, sondern noch mehrere Chorwerke verfaßt hatte, die zuin Teil von ihm selbst gesungen, zum Teil unter Mitwirkung des Chores zu Gehör gebracht wurden. S'u sch'orim, Klänge, die gleichsam aus Quadern gefügt scheinen. Mächtiges Unisono, elementarste Intervalle, btc sich bei „Melech hakowod" zu einem beunruhigend fremdartigen Akkord teilen. Eine Solostimme jragt „Mi fet> melech hakowod?" Ter Chor antwortet in groß,er Steigerung, in Akkorden, btc insgesamt noch keine Lösung bringen. Tre Wiederholung des Textes führt auch zur Wiederholung der Vertonung, doch in einer höheren Tonart. Wieder fragt die Solostimme: „mi hu sei) melech hakomod?". und nun kommt endlich rn der Antwort auch die Lösung „donoj z'wooß,". mit einem mächtigen, reinen in höchster Lage erklingenden, wie cm strahlendes Licht wirtenden Akkord. Tann, tme von heiligen Schauern erbebend „hu melech haiowod". TaS Wort „feloh" wird in modernster, linearer Art vielfältig wiederholt und ninimt sein Thema vou dem darauf ,olgeuo?u „Sclstnia juroel", das vom Borbeter in der alten Tempelmclodie angestimmt, von der Genreinde brausend wiederholt wird. - Tas Solo wurde von Frau Sabine Kalter, der ersten an der Hamburger Oper, der weltberühmten Sängerin und warmherzigen Jüdin, mit ihrer unvergleichlich herrlichen Stimme gesungen. „Wnaur s'fillosi" von Kornitzer, aus seinem Werke „Rom 'mos El", seil seinem Erscheinen vor drei Jahren vielfach rm In- und Auslande bei Synagogenkonzerten gesungen. Vroline: Frau .Hertha Kahn, Altsolo: Frau Kalter. Tre Ausführung war rneisterhaft, von tiefstem Gefühl beseelt und ergreifend. Tann fügten sich dem musikalischen Teil noch ein: Ez chajjrm. in der alten, ewig jungen Vertonung von Salonron Sulzer, mit dem ergreifenden Kautorfoto „Haschiwenu", dem dre dazu komponierte vierstimmige Fuge „Chaddesch" von W. Würfel folgte. An der Orgelbank saß, Kurt Pickert, der in Hamburg berühmte Konzert-Organist, ein Meister seines 'Instruments. lZmn Nachmittag hatte das Hauskomitee unter dem Vorsitz der Frau Wütow eine kleine Feier im Gabriel- Rreßer-Saal veranstaltet. Allgemein wurde bedauert, daß der allverehrte Rabbiner Tr. Italiener abwesend sein mußte: wenige Tage vor der Einweihung ist ihm seine Mutter entrissen worden, und so war er sogleich nach dem Weihegottesdrenst wieder abgerevt. — Alfred Levy, Vorsitzender der Deutsch-Israelitischen Gemeinde, betonte in ferner Begrüßungsansprache die Ernheit der .Hamburger jüdischen Gesaintgemeindc. Tr. Abraham sprach von dem Wert des liberalen Gedankens, dessen Brennpunkt der Tempel werden wolle. Rabbiner Tr. Seligmmin toastete auf die Frauen; es fet uns Symbol, daß die erste gesellige Veranstaltung des Tempelverbandes von den Frauen und Müttern ausgeyt. Goetz (Berlin) überbrachte Glückwünsche der Vereinigung für das liberale Judentum; wie er selber Kind des Hamburger Tempels sei, so gehöre auch der Tempel-Verband mit besinnen, was Raabe war und was er heute noch sein kann. Man wird auch in dem einen oder andern speziell jüdischen Blatte seiner gedenken. Nicht immer, befürchte ich, im richtigen Sinn. Und warum? Nun, ganz einfach: Von wegen des Moses F r e u d e n st e i n. Viele Juden wissen, soweit es sich um Raabes Stellung zu Juden und Judentum und um jüdische Motive in seinen Werken handelt, nur von diesem, und ohne weiteres schließen sie von daher auf einen bei Raabe vorhandenen Antisemitismus. Das ist ein irrtümlicher Schluß. Denn ganz abgesehen davon, daß es, wie wir sehen werden, noch mehr und ganz andere jüdische Gestalten bei Raabe gibt, so ist bei einer objektiven, allem Künstlerischen allein angemessenen Betrachtungsweise die Konzeption eines an sich unsympathischen jüdischen Menschen noch lange kein Beweis für die Judenfeindschaft seines Schöpfers. Dies wäre nur dann der Fall, wenn dieses Unsympathische, mehr noch Inferiore des Mojes Freudenstein als ein Ausfluß und Ausdruck seiner Rasse, als ein dieser notwendig, wesensgesetzlich anhaftendes Merkmal hingestellt wäre. Dies aber geht aus keinem Worte hervor. Moses Freudenstein, — dem es an christlichen Gegenstücken durchaus nicht fehlt, und gerade aus den „höchsten Kreisen", man denke an den Baron von Glimmern aus „Abu Telfan" — ist kein solcher Mensch, w e i l er ein Jude ist, sondern es ist dieser Mensch, der nun zufällig ein Jude ist. Vielleicht auch nicht so ganz „zufällig". Aber gerade daß der Dichter dies sieht, daß er sich der Schicksal- Hastigkeit des Ghetto nicht verschließt, wie aus verschiedenen Andeutungen hervorgeht, sollte ihm jenen Borwurf fern halten. „In jenen vergangenen Tagen herrschte — vorzüglich in kleineren Städten und Ortschaften — noch eine Mißachtung der Juden, die man, so stark ausgeprägt, glücklicherweise heute nicht mehr findet. Die Alten wie die Jungen des Volkes Gottes hatten viel zu dulden von ihren christlichen Nachbarn; unendlich langsam ist das schauerliche „Hepphepp", welches so unsägliches Unheil anrichtete, verklungen in der Welt. Vorzüglich waren die Kinder unter den Kindem elend dran, und der kleine, gelbe, kränkliche Moses führte gewiß Liberale Synagoge Berlin. n Norden Oste» Westend Rauschchaschono» Gottesdienst: 1. Abend. Beginn 6.30 Ahr. Predigt: Dr. Plotke Dr. Mehler 1. Tag. Beginn 9.30 Ahr. Predigt: Dr. Andorn Dr. Swarsenski 2. Abend. Beginn 6.45 Uhr. Predigt: Dr. Andorn 2. Tag. Beginn 9.30 Uhr. Predigt: Dr. Salomonski De. Salkiner Freitag, den 18. 9., Norden und Westend 7.15 Uhr, Osten 7.30 Uhr. Predigt: Dr. Swarsenski Dr. Andorn Dr. Hirschberg Sonnabend, d. 19. 9. Norden, Beg. 10 Uhr. Dr. Swarsenski — — pel-Vorsitzende Heinrich Levy dankte noch einmal allen seinen Helfern und Mitarbeitern: setzt endlich sei der Weg gesunden, die Tempelgenretnde nicht nur zu den Hoher: Festtagen zusammenzuberusen — was man jahrzehntelang ersehnt, jetzt sei es gelungen, der Tempel fet eine wirkliche Gemeinde. Herr Levy dankte auch Herrn Rabbiner Tr. Italiener, Herrn Oberkantor Kornitzer, Chordingenten, Chor und Organisten. Es sprachen ferner Herr Balk, Kornitzer, Architekt Ascher, Lrsser, Flörsheim, und namens' des Schulverems und der Jugend Tr. Vers. Eine sinnvolle Aufführung verschönte die Feier, ein munteres Sprel der Bauleute, von Frau Tr. Italiener gedichtet und von lieben Mädels dargestellt. — Rabbiner Tr. Rreger, der frühere verdienstvolle Jugendbildner und Prediger des Tempels, war rm letzten Augenblick verhindert worden, nach Hamburg zu kommen; er hatte aus Stuttgart ein herzliches Telegramm geschickt, ebenso auch Rabbiner Dr. Baeck und Lehrer Wallach (Aachen). Besondere Freude löste ein Glückwunsch- Telegramm aus London aus: Elande Montefiore, Rabbi Tr. Mattuck und Lily Montagu begrüßten und beglückwünschen den Hamburger Tempel namens des Weltverbandes des liberalen Judentums und gaben damit dem Gefühl Ausdruck, daß alle Teilnehmer dieser von Herrn Daniel Münden geleiteten Feier aufs innigste beseelte. Gruß und Glückwunsch noch einmal der Muttergememde des liberalen Judentums; George Goetz. Jaum Kippnr- Gottcsdirnst: Kol nidre. Beginn 6.15 Uhr. Predigt: Dr.Mehlor Jaum Kippur. Beginn 16 Uhr. Predigt: Dr. Swarsenski Dr. Andorn Dr. Andorn Berlin. Jüdische Rekorm-Cemeinde. Sonntag, den 6. Septemver, vormittags 10 Uhr: 1. im Gotteshaus Johannisstraße 16, Predigt: Dr. Jelski; 2. im Logentempel, Kleistftraßr 10, Predigt: Dr. Lehmann. Gottesdienste an den hohen Feiertagen. Predigten: Neujahr Vorabend (Rofch haschanal, Freitag, den 11. September. 6.30 Uhr. Gotteshaus Johannisftratzr 16: Dr. Rvsenthal; Hochschule für Musik, Fasanenstratze Ecke Hardenbergstraße: Dr. Jelski; Rathaus Schöneberg, Rudolph Wilde-Platz: Dr. Lehmann. Neujahr vormittags (Rofch hafchana), Sonnabend, den 12. September, 10 Uhr. Johannisstraße: Dr. Lehmann; Hochschule: Dr. Rosenthal; Schöneberg: Dr. Jelski. Neujahr vormittags (Rofch hafchana), Sonntag, den 13. September, 10 Ahr. Johannisstraße: Dr. Jelski; Hochschule: Dr. Lehmann; Schöneberg: Dr. Rosenthal. Versöhnungsfest Vorabend (Jom Kippur), Sonntag, den 20. September, 6.15 Uhr. Johannisstraße: Dr. Lehmann; Hochschule: Dr. Jelski; Schöneberg: Dr. Rosenthal. Versöhnungsfest vormittags (Jom Kippur), Montag, den 21. September, 10 Uhr. Johannisstraße: Dr. Rosenthal; Hochschule: Dr. Lehmann: Schöneberg: Dr. Jelski. Versöhnungsfest nachmittags (Jom Kippur), Montag, den 21. September, 5.15 Uhr. Johannisstraße: Dr. Jelski; Hochschule: Dr. Rosenthal; Schöneberg: Dr. Lehmann. Der Jugendgottesdienst findet gleichzeitig mit den Bormitlagsgottesdienften statt: 1. im Betsaal Johannisstraße 16, 2. in der Aula Hardenbekgstraße 36, 3. im Bezirtsverordnetenfaal des Rathauses Schöneberg, Rudolph Wilde-Platz. Der Besuch der Jugendgottesdienstes ist auch für Kinder von Nichtmitgliedern unentgeltlich. Auskünfte und Eintrittskarten täglich 9—2 Uhr im Büro der Jüdischen Reform-Gemeinde, Johannisstraße 16, Telephon: D. 1, Norden 5150. . i Gottesdienste am Lrubhüttenfest, Schluß?est und Simchath Thora. Sonntag, den 27. September, vormittags 10 Uhr: Laubhüttenfest, Johannisstraße 16, Predigt: Dr. Rosenlhal; Kleiststraße 10, Predigt: Dr. Jelski. Sonnabend, den 3. Oktober, vormittags 10 Uhr: Laubhütten- Schlutzfest mit Seelenstier. Johannisstraße 16, Predigt: Dr. Lehmann. In der Kleiststraße findet an diesem Tage kein Gottesdienst statt. Sonntag, den 4. Oktober, vormittags 10 Uhr, Johannisstraße 18: Eesetzesfreude, Gottesdienst der Jugend, Ansprache: Alfred Hadra. In der Kleiststraße findet an diesem Tage kein Gottesdienst statt. dein Gesamtliberalismus Teutschlands und aller Welt ideell und organisatorisch zusammen. Für den Allgemeinen deutschen Rabbiner-Verband und die Vereinigung der liberalen Rabbiner Teutschlands sprach Tr. T i e n e nr a n n. Der Tem- Moses Gottfeld 60 Jahre Von Direktor Jonas Plaut. Es gab einmal eine Zeit, in der wackere Männer, der Sorgen um Erwerb enthoben oder des Amtes ledig, den Gemeindegeschäften völlig ungestört obliegen konnten. Heute gibt es kaum einen unter den Führern unserer Gemeinde, der nicht selbst geplagt ist von aufreibender Berufsarbeit und den schweren Sorgen des geschäftlichen Alltags. Dank darum, zehnfachen Dank diesen Männern und Frauen, in welchen: Lager sie auch innner stehen mögen. Möge insbesondere die Jugend auf sie sehen und das Ideale in ihnen verehren. Unter diesem Gesichtspunkte grüßen wir heute in aller Herzlichkeit unseren Freund Moses Gottfeld. Das jüdische Elend wohnt in seiner stärksten Ausprägung im Norden und Osten unserer Vaterstadt. Von allen, die in der Wohlfahrtspflege irgendwie tätig sind, wird neben den selbstverständlichen nrateriellen Opfern^ das Letzte an Nervenanspannung verlangt. Jeder neue Tag bringt für die Verantwortlichen neu» Sorgen; daneben quält die bange Frage: „Können wir uns der ständig steigenden Not auf die Dauer mit Aussicht auf Erfolg entgegenstemmen?" In solchen. Zeiten an entscheidender Stelle einen Mann zu wissen, der in nie erlahmender Arbeit, unpersönlicher Opserwitligkeit und seelischer Hingabe seinesgleichen sucht, ist Trost und Verheißung zugleich. Als der Nachfolger des verdienten Gustav Loesser gewählt werden sollte, gingen dieser Wahl lerder die üblichen parteipolitischen Kämpfe voraus. Aber von diesen ehemaligen Gegnern ist wohl heute niemand, der die Wahl Gottfelds znm Vorsitzenden des Bezirkes Prenzlauer Berg nicht als ein wahres Glück empfindet. Wenn wir heute des Sechzigjährigen in herzlichster Dankbarkeit gedenken, so sehen wir im Geiste eine Wallfahrt von Mühseligen und Beladenen, von siechen Männern, von unglücklichen Frauen und bedrängten Jugendlichen, die sich unseren Wünschen aus vollem Herzen anschließen — aber zunr ersten Mal bei ihm verschlossene Türen finden werden... Die Bescheidenheit dieses Mannes ist echt. Sie ergibt sich aus seiner Grundeinstellung zu menschlicher Arbeit und Leistung überhaupt, insbesorrdere. aber zur Wohlsahrtsarbeit, die nach seiner oft ausgesprochenen Meinung auch im besten Falle nur Stück- und Flickwerk sein kann. Es ist kein Zufall, daß der weiseste der Griechen auch der bescheidenste war. Je tiefer das Eindringen in die sozialen Fragen und das Miterleben der menschlichen Nöte, desto stummer der Mund, desto beredter aber das Auge, desto bewegter das Herz. So allein kommt man zur richtigen Abgrenzung der eigenen Persönlichkeit. Man muß sich klein fühlen, um Großes zu wirken. Dieses „in Schlichtheit wandeln" ist der charakteristische Zug im Wesen unseres Freundes. Gottfeld ist der Typus des neuzeitlichen religiös-liberalen Menschen, von ernster nnd tiefer Frömmigkeit erfüllt. Sein stärkstes aktives Interesse galt und gilt gottesdienstlichen Fragen. In der Schaffung und im Ausbau der liberalen Synagoge (und hier insbesondere als Vorsitzender der Synakein angenehmes Dasein in der Kröppelstraße." S o schreibt kein Judenfeind. Uni neben Moses stehen zudem sein Vater und die alte Amme als durchaus wohlwollend gesehene und durchaus nicht unsympathische, wenn auch streng jüdisch geprägte Gestalten. ... Es sind — mehr noch — in einigen Werken Raabes jüdische Erscheinungen Typen höchster reinster Menschlichkeit. Da ist die kleine reizende, eine seiner schönsten Erzählungen, „H o l l u n d e r b l ü t e". Sie spielt auf dem alten jüdischen Prager Friedhof. Der ehrwürdige „gute Ort" ist mit aller menschlichen Ergriffenheit erlebt und aller dichterischen Schönheit dargestellt. Im Mittelpunkt steht eine rührende Kindergestalt, ein kleines Judenmädchen, eine seiner schönsten dichterischsten Figuren, früh gereift und doch noch ganz Kind, beladen mit der ganzen Tragik, der ganzen Vergangenheit ihres Stammes, mit der sie sich in seelisch-mystischer Verbundenheit ganz eins fühlt, so eins, daß die Wurzeln ihres persönlichen Geschickes unmittelbar in jene versenkt erscheinen. Sie stirbt früh, es ist als ob jene Tragik sie nicht leben ließ. Da ist eine andere historische Erzählung, „Höxter und C o r o e y", wo wiederum neben eurem lieblichen, bereits von allem Leid seines Stammes umwitterten Kinde die vortrefflich und liebevoll gezeichnete Gestalt einer alten jüdischen Händlerin, der Kröppelleah, hervorragt. Mühselig und beladen ihr Lüben fristend, stets am Rande des Mgrundes, d. i. jeden Moment möglicher Judenverfolgungen lebend, fällt sie schließlich auch einer solchen zum Opfer, die der Dichter mit aller Deutlichkeit auf ihre psychologischen Voraussetzungen, die sich an politische Wirren anheftende Entladung niedrigster Instinkte, zurückführt. In eine ganz, ganz andere Sphäre endlich führt die Erzählung „Frau Salome". Hier erscheint eine im besten Sinne „modernd, mit allem Nachdruck auf ein höchstes Kulturniveau gestellte jüdische Frau, ein stolzer, selbständiger, in jeder Hinsicht überlegener 'Charakter, ihrem geistig hochstehenden christlichen Freunde durchaus ebenbürtig und von diesem ganz in diesem Sinne gewertet. Ein Charakter, aus dem man, wenn aus Moses Freudenstein die jüdische Inferiorität, mit mindAens dem gleichen Rechte die jüdische Ueberlegenheit und keinesfalls die nur intellektuelle folgern könnte. Es stehen uns nun aber ganz direkte persönliche Aussagen von Raabe selbst zur Verfügung. Nämlich: Nach einem Brief einer jüdischen Frau aus Stadtoldendorf vom 31. Januar 1903, in dem sie beklagt, daß „unser vielgeliebter Raabe neben den egoistischen und zynischen Moses Freudenstein keinen anständigen Menschen unserer 'Abstammung und unseres Bekenntnisses gestellt hat", antwortet ihr Raabe am 4. Februar: „Was aber den übrigen'Teil Ihrer freundlichen, aber doch vorwurfsvollen Zuschrift anbetrifft, so muß ich sagen, daß Sie mir Unrecht tun. Behandle ich nicht in meinem „Hungerpastor" den wirklichen Juden mit allem Respekt? Ist es meine Schuld, wenn Sie den Renegaten noch zu den Ihrigen rechnen?. Ich erlaube mir, Sie auf die Frau Salome (wie oben) im 3. Bande der Gesammelten Erzählungen aufmerksam zu machen. Vielleicht entschädigt die jüdische Dame dort Sie für Ihr Mißfallen an Herrn Moses Freudenstein, alias Dr. Theophil Stein. Auch aus „Höxter und Corvey" in demselben Bande können Sie wohl entnehmen, daß ich nicht zu den „Antisemiten" zu zählen bin, sondern wie unser Herrgott in seine Welt mein Licht in meiner Kunst leuchten lasse über Gerechte nnd Ungerechte. Juden haben in meinem Leben immer mit zu meinen besten Freunden und verständnisvollsten Lesern gehört und daran hat sich bis heute nichts geändert." Und an einen andern Kläger schreibt er: „Für mich hat der Renegat nichts mit dem rechten Israel zu tun und wird letzteres in dem Buche mit dem größtmöglichen Respekt behandelt. Die riesige Freude, Ihren aufgeregten Anklagebrief durch mich widerlegt zu haben, können lsie sich ruhig selber machen, wenn Sie sich ein weniges mehr in meiner Lebensarbeit Umsehen, und damit zu einem freundlicheren Verständnis meiner Stellung zu Ihren Stammes- und Gastgenossen kommen wollen. Mir steht das Motto aus dem Sophokles über meinem ganzen Lebenswerk, und die Juden sind dab-ei nicht am schlimmsten gefahren." Ich habe dem nichts mehr hinzuzufügeu.