Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 11 (1931)
- Issue
- 34-35 (2.9.1931)
- Date
- 1931-09-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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nicht genügend zu beachten, wie die Mitwelt über uns denkt. Die „Deutsche Allgemeine Zeitung", die etwa auf dem rechtesten Flügel der deutschen Bolkspartei steht, hat sich über das Ergebnis des Kongresses unmittelbar nach seinem Abschluß wie folgt geäußert: Die Krise des Zionismus wurde auf dem soeben in Basel abgeschlossenen siebzehnten Zionistenkongreß sichtbar. Dr. W eizmann, der zehn Jahre lang als Präsident der Zionistischen Organisation die Bewegung leitete, wurde in schärfster Weise wegen des Fiaskos seiner Politik kritisiert, hat seine Stellung niedergelegt und wird sie nicht wieder antreten. Bisher war es nur eine kleine Gruppe, die sogenannten Revisionisten, unter Führung von Jabotinski gewesen, die gegen die verwaschene, liberalistische Politik Weizmanns Sturm gelaufen waren; auf dem Baseler Kongreß aber zeigte sich, daß unter dem Eindruck der wachsenden Mißerfolge die Opposition gegen die bisherige Leitung der Bewegung angeschwollen ist. Die Balfour-Deklaratson hatte sich 1917 verpflichtet, Palästina zur nationalen rechtlich gesicherten Heimstätte der Juden zu machen. Tatsächlich ist aber die jüdische Einwanderung so langsam und unter so schweren Krisen und Rückfällen erfolgt, daß auch heute noch die Juden gegenüber der arabischen Bevölkerung eine bescheidene Minorität in dem (noch obendrein durch Abtrennung Transjordaniens) verkleinerten Palästina darstellen. Die Zionisten haben es nicht verstanden, sich den Arabern mit der Mentalität von Kolonisatoren entgegenzustellen und, gestützt auf ihre kulturelle, technische und finanzielle Ueberlegenheit, das Land.gemäß der Balfour-Deklaration zu einem von Juden beherrschten Staatswesen zu wandeln. Solche Herrenmentalität lag den Siedlern nicht, die größtenteils aus Ländern kamen, wo die Inden eine sozial gedrückte Schicht sind, die überdies utit demokratischen und sozialistischen Ideen infiziert war. So haben die Juden selbst sich mit dem arabischen „Menschenbruder" und „Rassenbruder" auf den Standpunkt der Parität gestellt, haben selbst die Forderung des,Jndenstaates durch diejenige des binatioualen Staates abgeschwächt, haben in ihrer Mehrheit die Gedanken der Selbstwehr verworfen und die Lösung der jüdisch-arabischen Konflikte voll opti- ' mistischen Vertrauens der britischen Verwaltung überlassen. Die Engländer aber ihrerseits waren enttäuscht von den langsamen Erfolgen der zionistischen Bewegung und ihrer geringen politischen Eigenkrast. So sind sie immer mehr von der Balfour-Deklaration abgerückt und zu einer araberfreundlichen Politik übergegangen, die in dem Palästiua- . Weißbuch von 1930 ihren Ausdruck .fand, freilich dann durch einen Brief MacDoualds an Weizmann ein wenig abgeschwächt wurde. Durch die Haftung der Engländer, durch die gegenwärtige finanzielle Krise und eigenes organisatorisches Versagen befindet sich der Zionismus gegenwärtig in einer kritischen Lage und besinnt sich daher auf die Fehler der Vergangenheit. Es fragt sich aber, ob für eine kraftvollere jüdische Realpolitik, wie sie heute von der Opposition gefordert wird, noch Möglichkeiten der 'Erfüllung gegeben sind, oder ob nicht dem politischen Ideal des Zionismus, der Schaffung eines palästinensischen Judenstaates, bereits durch das Anwachsen des arabischen Nationalgefühls in Palästina die Erhillungsmöglichkeiten entzogen sind. Den wirtschaftlichen Zionismus, die weitere Ansiedlung von Juden ohne politische Machtergreifung, wird England freilich auch weiterhin zu schützen wissen, weit er ihm ermöglicht, dieses ihm weltpolitisch wichtige Land mit jüdischem, statt mit englischem Geld zu einer europäischen Wirtschaftsstufe zu entwickeln. Den mit so großen politischen Hoffnungen ins Land gezogenen Siedlern aber wird wohl auf lange Sicht nichts anderes als das tragische Geschick übrig bleiben, sich in ein Staatswesen der arabischen Mehrheit einzufügen, statt in das Staatsleben eines europäischen Volkes. Die Schlußworte dieses Artikels mit den Ausführungen über die weltpolitische Bedeutung von Palästina für England treffen den entscheidenden Punkt. Damit der Tragödie nicht das Satyrspiel fehlt, sei aus eine Bemerkung einer führenden Schweizer Zeitung verwiesen. Sie berichtet über die Vorgänge in den stürmischen Nächten des Kongresses und sie erzählt, daß Jabotinski, der temperamentvolle Führer der Revisionisten, den jungen Mann, welcher die blanweiße zionistische Fahne herabgerissen hat, geküßt habe, daß dann aber die Fahne wieder von jungen Zionisten an den alten Platz gebracht worden ist und daß dafür die jungen Männer, welche diese Tat vollbrachten, von jungen zionistischen Mädchen geküßt worden sind. Die Zum Tode von Arthur Sakheim Wenn der Tod ein reich-erfülltes und arbeit-gesegnetes Dasein obschllcht, so bleibt der Mit- und Nachwelt die Genugtuung, daß wenigstens die Ernte bc§ Lebens in die Scheuer gebracht worden ist, daß die beschiedene Zeit genutzt wurde und Früchte getragen hat. Das Ableben Arthur Sakheirn's, des eine Woche vor seinem Tode noch völlig gesunden, auf der Höhe seines Lebens und Schaffens stehenden 46 jährigen Dichters und Regisseurs hat etwas ganz und gar Sinnloses, Niederschmetterndes und Trostloses! Sbier muß man aufs tiefste deprimiert mit dem Schicksal hadern und fassungslos trauern, daß eine erst beginnende Entwicklung, eine große inib berechtigte Hoffnung plötzlich zerstört worden ist! Arthur Sätheim war eine außerordentliche, vielseitige, geistig-überreiche Persönlichkeit, ein ungemein-fleißiger, schasfenslustiger Mensch, ein bedeutender Dichter und deutscher Literarhistoriker, ein Gelehrter und Philologe von hohen Graden, im Hauptberuf ein praktischer Theatermann, der als Regisseur und Dramaturg große Erfolge hatte, und nicht zuletzt war er ein begeisterter Jude, der sich Zeit seines Lebens mit jüdischen Problemen und Themen intensiv beschäftigte. Wären er nicht stets so unendlich! bescheiden und allem sich-in-Szene-setzen abhold gewesen, dann wäre der Äußere Ruhm dieses Mannes ungleich größer gewesen. Er entstammte einer altangesehenen Libauer Rabbinerfamilie. Tie Mutter aus einer Rigaer Rabbinersfamilie; also Gelehrtenkultur mütterlicher- und väterlicherseits. In Deutschland vollendete er, der schon mit 15 Jahren als Primus omnium sein. Abiturientenexamen gemacht und „nebenbei" die Talmud-Schule absolviert hatte, sein Studiurn. Seine g e r m a n r st i s ch e Tottorarbeit und seine schon als Student (1908) veröffentlichten Studien über E. T. A. Hoffmann erregten Aufsehen. Er hatte nichts von dem Wurzellosen und Geistlg-Opportunistischen mancher Ostjuden an sich, die plötzlich in deutscher Kultur aufgehen und ihre jüdische Herkunst vergessen machen möchten. Er war ja ebenso in Schweizer Zeitung schließt den Bericht mit der ironischen: Frage, wer von den Geküßten mehr zu beneiden fei. In der Zwischenzeit haben sich leider die wirtschaftlichen Verhältnisse ans der ganzen Welt noch mehr verschlechtert. Das bedeutet eine weitere Gefahr für das zionistische Budget. Die Tatsache, daß die englische Regierung zum Oberkommissar in Palästina einen Generäl ernannt hat, der dem Problem von Palästina unbekannt gegenübersteht, ist bezeichnend. An eine Verwirklichung seiner Politischen > Ideale kann der Zionismus heute weniger denken als je zuvor. Irgend etwas aber muß geschehen, um die Anbänger, denen man jahrelang ein Wunderbild vorgemalt' hat, in Bewegung zu halten und zu befriedigen. Alle Anzeichen weisen darauf hin, daß sich dies in einer stärkeren Aktivität im jüdischen Gemeindeleben Deutschlands auswirken wird. In der Bekämpfung dieser Gefahr liegen große Aufgaben für unsere Freunde in ganz Deutschland und vor allem in seiner führenden Gemeinde. Ae Tempel-Einweihung in Hamburg Am Sonnabend, 29. August, fand der Abschiedsgottesdienst in unserm lieben, alten Tempel in der Poolstraße statt; er war nicht öffentlich angesagt worden; trotzdem hatte sich eine zahlreiche Gemeinde eingefunden, in ihrer Mitte auch der Nestor der noch lebenden früheren Tempel-Rabbiner, Dr. Cäsar Selig mann aus Frankfurt a. M. — In schlichter, zu Herzen gehender Predigt gedachte der jetzt am Tempel wirkende Rabbiner Dr. Bruno Italiener seiner nicht mehr am Leben weilenden Amtsvorgänger,, der Rabbiner, die auf der Kanzel in der Poolstraße zur Tempelgemeinde gesprochen haben, 'ebenso der Kantoren, die in diesem Hause einst gewirkt, und schließlich der V o r st e h e t, die von hier aus die Geschicke der Tempelgenrerrrde geleitet haben. — In die Sabbat-Liturgie hatte man wegen des festlichen Anlasses einige Einlagen eingefügt. Durch diese Einlagen war der Abschiedsgottesdienst ganz unter das Zeichen des unvergeßlichen ehemaligen Tempel-Kantors Moritz H e n l e s gestellt worden. „Aus- und Einheben der Thora" bildeten das Rückgrat der Feier, und nach der Predigt erklang Henles W’Koroso.sochorti loch, die schönste Vertonung dieser wundervollen Prophetenworte und eine der schönsten Synagogen-Kompositionen der Welt, mit der die Gemeinde gleichsam Abschied von der Jugendzeit ihres Tempels nahm. Die Soli wurden von Krrla Müller und S. R o s e n bau m mit ihren schönen Stimmen gesungen. Wenig mehr als eine Stunde hat die schlichte Feier gedauert, dann schlossen sich die Pforten des .Hauses, das siebenundachtzig Jahre hindurch seiner hohen Bestinunung gedient hat, nun aber weichen muß zugunsten eines besseren, würdigeren und nicht in Hamburgs finsterster Aufruhrgegend liegenden neuen Tempels. Ein neuer Tempel ja, das ist das Haus in der Oberstraße, neu in seiner Bauart, neu in seiner Anlage, vereinigt doch dieser breit angelegte, wie aus drei ungeheuren fast schneeweißen Würfeln zusammengesetzte Bau, zu dessen Vorplatz eine ebenso breite Treppe hinaufführt, in sich Wochentags-Synagoge, Festtags-Synagoge, Religionsschule, Gesellschasts- und Versammlungsräume mit Bühne, Küchen- und Wirtschaftseinrichtung für größere Veranstaltungen, sowie schließlich Sitzungszimmer und Büros. Das Haus einerwahren, miteinander lebenden Gemeinde ist hier erstanden, das hatte dem Tempel bisher gefehlt, dieses Fehlen hatte ihm viel von seiner Wirkungskraft genommen, der neue Bau aber wird ihn zu einem jüdisch-liberalen Kulturzentrum machen. Mit den bescheidensten Mitteln hat man dies erreicht: noch nicht fünfhundertundfürrfzigtausend Mart (ohne den Preis für den Bauplatz) hat dieser würdige Bau gekostet, der auch hierin ein Vorbild für andere Synagogenbauten und Gemeinden sein kann. — Obwohl wegen der Schwere der Zeit hie Einweihung s f e i e r Sonntag, den 30. August, mittags 12 Uhr, nicht öffentlich war, hatte sich doch das Haus bis auf den letzten Platz gefüllt; es faßt 1200 Personen (gegen 650 des alten Hauses in der Poolstraße), keine Säule beeinträchtigt den Blick durch diesen schlichten, weihevollen, hellen und schönen Raum. — Als Vertreter des S e n a t s waren Senator Dr. Burchard-Motz sowie die Staatsräte Dr. Lippmaun und Dr. Struve erschienen, für die Bürgerschaft die Herren Dr. E i ch h o l z, Gartenamtmann Rosenbanm und Dr. Pardo, letzterer zugleich als Vertreter der P o r t u g i e s i s ch - j ü d i s ch e n G e m e i n d e. Die hamburgische Baubehörde war durch Baudirektor Ranck und Barrpolizeidirektor H e l l w e g vertreten, die Deutsch- Israelitische Gemeinde hatte zahlreiche Vertreter entsandt, u. a. den Vorsitzenden des Vorstandes Alfred Levy, den Vorsitzenden der Repräsentanten-Versammlunß Alfred Lisser, den Syndikus Dr. N. M. Nathan. Die „Vereinigung für das liberale Judentum" vertraten der Schreiber dieser Zeilen und der Vorsitzende der Hamburger Ortsgruppe, I. M. Valk. (Die Rabbiner der gemeinsam mit dem Tempel in der Deutsch-Israelitischen Gemeinde vereinigten Kult ns verbände, Deutsch-israelitischer Synagogen-Verband und Neue Dammthor-Synagoge, hatten auf Anfrage des Tempels erklärt, sie bäten darum, nicht eingeladen zu werden. Es ist dieselbe beklagenswerte Intoleranz innerhalb der Einheitsgemeinde, die in Berlin bei der Einweihung der Synagoge Prinzregentenstraße und auch sonst im Laufe der Geschichte des öfteren zu verzeichnen gewesen ist und die u. a. auch 1844 in dem in der vorigen Nummer abgedruckten Protokoll über die Einweihung des alten Tempels in der Poolstraße zu der Notiz geführt hat: „Indische und christliche Geistliche wurden nvcht bemerkt." Freilich können die Hamburger konservativen Rabbiner sich darauf berufen, daß sie ja nicht Rabbiner der Gemeinde, sondern, bei der eigenartigen Verfassung der Hamburger Judenschaft, nur Rabbiner ihres jeweiligen Kultnsverbandes sind. Um so mehr mag es dann als erfreulicher Fortschritt gebucht und dankbar anerkannt werden, daß Herr Rabbiner Dr. Holzer von der Neuen Dammthor-Synagoge ein herzliches Glückwunschschreiben au den Tempel-Verband gerichtet hat.) Die Feier begann mit einem von Oberkantor Leon K o r n r tz e r für die Einweihung komponierten Mah auwu. Tic Orgel, aus den: alten Tempel Poolstraße inach dem neuen übertragen, durch die berühmte Orgelbaufirma Sauer (Frankfurt a. O.) neu gestaltet und sehr glücklich intoniert, eröffnet mit dem schwungvollen, jubelnden Hauptthema: „Mah towu oholecho jaakow" in vollem Werk, dröhnenden, dennoch klaren glänzenden Tones das Vorspiel, das nach mehrfachen Abwandlungen des tzaupttbernas zu leisen Klängen übergeht zu dem Thema „Irr deiner reichen Gnade betrete ich dein Haus". Immer leiser wird das Klingen, um dann wieder in großer Steigerung zu dem Hauptthema zurückzukehren, in das nun die Stimme des Kantors mit demselben Thema die ersten Worte im neuen Tempel erklingen läßt: Mah towu oholecho jaakow. — Jubelnd'nimmt der Ehor den Gesang aus: „Wie schön sind deine Zelte Jaakow". Irr vollen, wunderbar abgeftimmten, jeder feinsten Nuance fähigen Klängen singt der Ehor unter der meisterhaften Leitung des Herrn Georg de Haas. — Nach einem Orgelzwischenspiel ertönt leise das zweite Thema „In. deiner reichen Gnade" und klingt wieder in voller Stärke aus bei beu Worten „Im Tempel deiner Heiligkeit". Nun das innige Kantorsolo „Adonoj ohawti", dem in deutscher Uebersetzung „O Ewiger, ich liebe deines Hauses Stätte", der Ehor folgt, der schließlich mit den Ansangsworten „Wie schön sind" zu dem Hauptthema zurückkehrt, um leise verhallend zu enden. Dann sprach als Vorsitzender der Baukommission Rechtsanwalt Tr. Siegfried Urias den Architekten den Dank aus: wie der Hamburger Tempel einst eine rreue Art des Gottesdienstes eingesührt habe, so nun, dank der Leistung uitb künstlerischen Inspiration der Herren Architekten, auch eine neue Art des Gottes haus e s; hier wie dort sei es die geschichtliche Aufgabe, das Judentum von dem rankenden Gestrüpp zu befreien, von dem er im Laufe einer dunklen Vergangenheit fesselnd und hindernd überwuchert worden war. Nun ober ser, wie auch dieser Raum zeige, Licht geworden und dieses Haus werde wieder die Verbindung des Judentums mit dem Leben Herstellen. — Architekt Tipl.-Jng. Felix Ascher legte den Schlußstein und gedachte oer zehn Monate langen Bauarbeit. Architekt Dipl.-Jng. Robert Friedmann sprach von der Liebe, die diesen Bau hervorgebracht, er dankte den Baubehörden und übergab die Schlüssel an den Vorsitzenden des Tempelverbandes, Herrn Heinrich Levy, der tresbewegt alle Mitglieder des Tempel-Verbandes willkommen hieß und seinen Dank auch dev Hamburgger Großgemeinde aussprach, ohne deren Hilfe dieses Werk nicht hätte deutscher Kultur erzogen, wie mit jüdischer Geistigkeit von Anfang an vertraut gemacht worden und beide geistigen Strömungen verbanden sich in ihm zu einer wundervoll-harmonischen Einheit. Verschiedene seiner Theaterstücke, Romane, Gedichtbände und Novellen atmen baltischen Erdgeruch, zeigen ferne innige Verwurzelung mit der sch wer- ,mutigen, horizontweiten Ostseelandschaft, in der er seine Jugend verbracht hatte. Gleich sein erster, wichtigerer Roman „Marion in Rot", der vor dein Kriege bei Georg Müller erschien, wurde em Erfolg. Viel Aphoristisches, Weltweises ist [n dieser zarten l'art pour l'art-Kunst. Das Erotische, ein Hauvtthema in dem feinsinnigen Buch, ist wundersam geadelt. Bekannter noch als die folgenden ausgezeichneten Gedichtbücher Sakheims wurden seine zahlreichen Aufsätze und Studien über nioderne Kunst und die moderne Theaterb e w e g u n g. Daraufhin wurde er als Regisseur an die Hamburger Kammerspiele berufen. Hier leistete er nun Hervorragendes, dabei stets bescheiden die Anonymität seiner eigenen Person wahrend; aber als Dramatiker und Bühnendichter wurde er doch rasch bekannt und machte ein: achtunggebretende Entwicklung durch. Seine ersten, auf verschiedenen deutschen Bühnen ausgesührten Komödien wie „Pilger und Spieler" und „Krisis im Gottesländchen" haben noch etwas Spielerisches an sich. Ein reizvolles' Gemisch von graziöser, etwas jüdisch-schnitzlerischer Schwermut und aphoristisch-zugespitzter Dialektik. Dabei immer wieder eine wundersamzarte und feinsinnige Behandlung alles Erotischen, die den Hauptreiz dieser wertvollen Bühnenwerke ausmacht. Bon diesen Erstttngsarbeiten bis zu den kraftvollen, wuchtigen, dramatisch-wirksamen Dramen wie „Haßßerg" und dem jiddischen Schauspiel „Der Zaddik" (1923), die starke Bühnenerfolge wurden, liegt eine bedeutsame Entwicklung. Max Reinhardt wollte den hochbegabten Regisseur und Dramatiker schon vor Jahren an seine Berliner Bühnen engagieren, Sakhemr folgte jedoch 1928 einem Rufe an das Theater in Frankfurt a. M. Er hoffte, wohl mit Recht, dort auch mehr Muße für seine reiche, literarische Tättgkeit zu sinden.! * Auch in Frankfurt hat Sätheim als Dramaturg und Regisseur Außerordentliches geleistet. Sehr umfangreich und verdienstvoll war seine Tätigkeit als Kultnrmittler und Uebersetzer. Er übersetzte aus dem Hebräischen, Italienischen, Französischen und Englischen. Seine Goldom- und Moliere-Bearbeitungen wurden berühmt. Tie Russen Sumbatow und Lermontow entdeckte und bearbeitete er für die deutsche Bühne. Desgleichen verschiedene jiddische Schriftsteller. Seine Verehrung und seine Liebe für alles Jüdisch- Geisuge hatte etwas Leidenschaftliches an sich. Sein ausgezeichnetes, kenntnisreiches Buch: „Das jüdische Element in der Weltliteratur" ist in dieser Zeitung seinerzeit ausführlich gewürdigt worden. Eine ganz plötzliche, tödlich-verlaufende Blinddarmentzündung hat dresem ungewöhnlichen Manne, der noch Großes geleistet hätte, nun ein jähes Ende bereitet. Unsere raschlebige, schnell vergessende und wirre Zeit hat für rein--geistige Größe zu wenig Verständnis und Würdigung übrig. Zu ttef ist unsere Epoche in wirtschaftliche Nöte verstrickt. Ter Dichter u"d Regisseur Arthur Sakheim aber dürfte nicht so rasch vergessen werden! Tr. Ludwig D a v id s o h n, Berlin. War Wilhelm Raabe Antisemit? Von Dr. Elise Dosen Heime r. Vorbemerkung: Ebenso wie Gustav Freytag wegen der Romanfigur Beitel Jtzig in „Soll und Haben" ist auch Wilhelm Raabe wegen des Moses Freudenstein oft fälschlich für einen Antisemiten gehalten worden. In Wirklichkeit war Raabe nichts weniger als Judenfeind; u. a. verband ihn eine innige Freundschaft mit dem jüdischen Philosophen Moritz Lazarus. Schriftleitung. Am 8. September ist der 100. Geburtstag Wilhelm Raabes. Man wird, wenn auch das heutige Lebensgefühl einem: so vornehmen, innerlich-stillen Dichter nicht allzu günstig ist, an diesem Tage nicht Vorbeigehen. Man wird sich