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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-09-17 · 38 (17.9.1930) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
38 (17.9.1930)
Date
1930-09-17
Page
– (sequence 6)
Language
German
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eine künstlerische Angelegenheit sein kann. Das innere Wesen des Baues muß vielmehr in dessen Erscheinung klar zum Ausdruck kommen. Die vornehmste Aufgabe des Architekten ist es daher, beit durch die gottesdienstliche Form (Liturgie) gebotenen Einrichtungen in würdigster und erschöpfendster Weise Rechnung zu tragen. Darüber hinaus aber ist der Sakralbau auch berufen, schon durch feinen inneren künstlerischen Gehalt eine weihevolle Stimmung auszulösen und den Raum mit jenem suggestiven Hauch ru erfüllen, der Herz und Gemüt der Andächtigen zu ergreifen und zu höheren Sphären religdösev Erbauung zu erheben vermag. Bekanntlich ist der „synagogale Kultbau" entsprechend der Verschiedenheit seiner gottesdienstlichen Form zu scheiden in Synagogen mit .orthodox-konjervativem" Ritus und solchen mrt ..liberalem" Ritus. Während die elftere Abart Ziel und Richtung durch eine im Wesentlichen aus altüberlieferten Formen und Gesetzen gebildeten Liturgie enthält, entfaltet der liberale Ritus dementgegen eine Liturgie, die sich erst aus einer Weiterentwickelung der überlieferten Einrichtungen in lebendiger Fühlungnahme mit den Fortschritten der Zeit herausgebildet hat. Als betonter Ausdruck eines liberalen Gottesdienstes gilt die Einführung des Orgeljpiels zur Unterstützung des Chorgesanges, sowie die hervorrageude Bedeutung der Predigt und Schriftauslegung im Rahmen der gottesdienstlichen Handlung. Aus diesen Eigenheiten des Gottesdienstes folgt für den Bau einer liberalen Synagoge eine möglichst zentrale Anordnung der Sitze, damit der Vortragende und die liturgischen Vorgänge von allen Plätzen aus gut gesehen und vernommen werden können. Es hat sich denn auch in den liberalen Synagogen durchweg die Anordnung eingeführt, den Ort der liturgischen Handlungen (Stellung des Thoraschreinüs, Vorbeterputtes und der Predigerkanzel) auf einen Punkt zu vereinigen, und diesen Mittelpunkt der gottesdienstlichen Handlungen (Almemor) auf eine erhöhte Estrade zu verlegen. Auch die Synagoge in der Prinzregentenstraße hat sich diese zweckmäßige Anordnung zu eigen gemacht. Sie hat aber noch eine ganz besondere Neuerung dadurch erfahren, daß die Apsis mit dem Allcrheiligsten durch einen eisernen, im Boden versenkbaren Vorhang von dem eigentlichen Versammlungsraum abgetrennt werden famt, um die Möglichkeit zu schaffen, diesen Versammlungsraum außerhalb des Gottesdienstes auch für profane Zwecke, Borträge und Veranstaltungen ernsten Charakters, zu verwenden. So neuartig .und umwälzend diese Einrichtung auf den ersteil Blick auch erscheinen mag, so kann sie ihre Berechtigung doch gerade aus dem Wesen der Synagoge in ihrer überlieferten Urform herleiten. Diente doch die antike Synagoge nicht nur als Bethaus mit den. Formen eines geregelten Gottesdienstes, sondern daneben auch, und vielfach sogar an erster Stelle, als Lehrstätte (Schule) und ganz allgemein auch als Versammlungsraum im Dienste der Gemeinde. Diese Einrichtung wird die Absicht, der sie ihr Entstehen verdankt, zur vollen Geltung bringen, wenn der Bau nicht nur an den Feiertagen seinen Zweck ganz erfüllt, wemr er vielmehr auch an gottesdienstfreien Tagen für die vorerwähnte Nebenbcstimmuilg zur Verfügung steht und damit als ein wichtiges und nützliches Mittel zur Hebung des Gemeindelebens in seinem Bezirke dienen kann. 3. Vaubeschreibung. Ter Bau erstreckt sich in einer Frontlänge von 60 Meter im Zuge der Prinzregentenstraße und greift in einer Tiefe von 56 Meter bis an die Hintere Nachbargrenze durch, zu beiden Seiten je einen geräumigen Hof mit gärtnerischen Anlagen zurücklassend. Tie Baumassen sind von innen nach außen entwickelt. Entsprechend tritt der Mitteltrakt mit dem eigentlichen Kultraum in sakraler Betonung und überragenden Abmessungen als Dominante tu die Erscheinung, während die beiden Seitenflügel, für profane Zwecke bestimmt, in geringeren Höhenabmessungen gehalten fiub. Tie getroffenen Raumdispositionen ergeben sich zwangsläufig durch die notwendige Orientierung des Betraumes. Tie Lage des Allerheiligsten war hiernach in der Hquptachse des Bauplatzes, nach Osten weisend, gegeben. Diese Stellung des Allerheiligsten an der rückliegenden Nachbargrenze bestimmte die weitere Raumanordnung. Von der Straße her tritt man durch eine höchstrebende Bogenstellung in die Vorhalle, von welcher zu beiden Seiten die Treppen zu den Emporen aufsteigen, während die Eingänge zu dem Hauptraum in der Achse des Eingangsportales angeordnet sind. Zunächst empfängt uns von hier aus eine weite Halle mit seitlich angeordneten Kleiderablagen. Diese Halle dient als Vorraum zum Synagogenraum und hat die Nebenbestimmung, als Versammlungsraum bei besonderen Gelegenheiten zu dienen. In der Hauptachse weiterschreitend, gelangen wir in den Hauptbetraum. Eine weite Halle in kreisrunder Grundrißform, mit einer breit gespannten Kuppel überwölbt, bietet) für 1000 feste Sitze Platz, die von überall her eine gute Sicht auf das Allerheiligste imb die Kanzel des Predigers gestatten. Ein breiter, an den Außenwänden umlaufender Gang isoliert die Plätze gegen die von den Außenmauern her eindringenden Luftströme und gewährt bequeme Zugänge zu den einzelnen Platzreihen. Diese freie Raumgestaltung ergab sich aus der Anordnung der Stützpfeiler des Gewölbes in der Weise, daß die Emporen konsolartig frei in den Raum hineinragen. Sie gestatten auch hier die gleichen Vorteile einer guten Sicht von allen Plätzen aus, wie jm Parterregeschoß. Die Anzahl der auf den Emporen untergebrachten Sitze beträgt wiederum 1000, so daß also im Ganzen 2000 Plätze vorhanden sind. Eine hervortretende dekorative Betonung hat die Synagoge durch die in Kunstverglasung hergestellten Fenster erhalten, die mit ihrem in goldigem Schein einfallenden Tageslicht so recht geschaffen sind, eine weihevolle Stimmung im Raum zu vermitteln. Bei der Ausgestaltung oes Aenßeren, sowie auch der Jnnenrciume war das Bestreben vorwaiteno, jeden unzulässigen Aufwand zu vermeiden und die beabsichtigte Wirkung einer sakralen und zugleich repräsentativen Erscheinung mit den einfachsten Mitteln herbeizusühren. So wurde von der Verwendung 'kostbarer Materialien Aü'tand genommen und der Gebrauch; edlen Gesteins lediglich ans tftit Ausbau oes „Allerheiligsten" beschränkt. Hier finden wir eine Marinorverkleidung aller Flächen, hier sind auch Kandelaber aus massiver Bronze ansgerichtet worden, und Vorhänge in edelster kunstgewerblicher Arbeit bilden einen beherrschenden Schmuck der heiligen Lade. Ter über der Sängerempore untergebrachte Orgelprospekt biioet einen wirkungsvolle^: Abschluß der Ostwand. Das aus 75 Registern bestehende Orgelwerk ist unter der Leitung hervorragender Fachmänner erstellt worden und wird für sich durch seinen kunstvollen Aufbau und seine umfassende Klangwirkung der Synagoge eine besondere Note verleihen. In zweckmäßiger Anordnung hat die Wochentagssynagoge und der Trausaal ihren Platz gesunden und eine ihrer Bedeutung entsprechend würdige Ausgestaltung erfahren. So hat der Synagogenban im Rahmen der verfügbaren Mittel und der gegebenen örtlichen Verhältnisse das oer Planung zugrundegelegte Raumprogramm in allen Teilen erfüllt. Die Synagoge ist fertig gestellt und soll demnächst durch den Akt der Weihe ihrer erhabenen Bestimmung zugeführt werden. Ter Bau wird aber seinen Zwecken, wie wir bereits aussühren konnten, erst dann in erschöpfender Weise gerecht werden, wenn es gelungen sein sollte, ihn nicht allein nach den Grundsätzen sachlicher Ueberlegung zu gestalten, sondern ihn auch mit so viel Stinunungsgchalt zu erfüllen, daß die räumlichen Eindrücke im Zusammenhang mit den verschiedenen Regungen der Seele zu einer harmonischen Einheit verbunden werden. Tann erst wird das geschaffene Werk in wahrem Sinne eine Stätte der Satnmlung und Erhebung sein und als eine ideale Lösung für den Bau eines Gotteshauses gelten können. Nachdenkliches zu den kommenden jüdischen Gemeindewahlen Tie „Süddeutschen Monatshefte" haben ihr Septemberheft als Sondernummer über das Thema „Tie Judenfrage" erscheinen lassen. Tie Tatsache, daß wohl zuw ersten Male an einer Veröffentlichung Inden und Antisemiten, zusammenarbeiten und die Namen der jüdischen und nichtjüdischen Mitarbeiter machen eine eingehende Würdigung der Schrift erforderlich. Sie soll in Kürze erfolgen. Hier aber verdienen einige Sätze festgehalten zu werden, die den zionistischen Beiträgen der Schrift entstammen. Ueber die zionistische Bewegung berichtet Israel Cohen, der Generalsekretär der zionistischen Weltorganisation in London. Er schreibt: „Die zionistische Bewegung erstrebt die Wiederaufrichtung des jüdischen nationalen Lebens in Palästina. Sie beruht auf der Ueberzeugung, daß die Juden eine Nation sind, die ihr Schicksal am besten durch Wiedererrichtung des Gemeinschaftslebens aus nationaler Grurwlage in dem Land ihrer Ahnen erfüllen wird und daß nur' auf diese Weise das Judentum vor dem gegenwärtig drohenden Zerfall bewahrt und einer dauernden und fortschreitenden Entwicklung zugeführt werden kann. Tiefe Bewegung bedeutet für das seit 2000 Jahren aus Palästina vertriebene jüdische Volk die erste organisierte Benutzung, seinem wechselvollen Schicksal, das zwischen Unterdrückung, Geduldetsein und Hin- und Hergetriebensein schwankte, ein Ende zu setzen durch die Erlangung des Status und der Würde einer Nation in dem Lande, von dem sein nationales Leben ausging." Wie wohl muß ein nichtjüdischer Deutscher das Heimatsrecht der deutschen Juden in Deutschland beurteilen, wenn er diese Sätze liest? Muß er nicht zu dem Ergebnis kommen, daß der Jude kein deutscher Bolksbruder sein kann? Ein zweiter Aufsatz von Gerhard Holdheim hat zum Thema: „Der Zionismus in Deutschland". Hier wird eine interessante Definition des zionistischen Volksbearisfs geliefert. Holdheim schreibt: „Das zionistische Programm begreift die Auffassung eines einheitlichen, ungeteilten Judentums auf nationaler Grundlage in sich. Kriterium des Judentums ist hiernach nicht ein religiöses Bekenntnis, sondern das Zusammengehörigkeitsgefühl einer Volksgemeinschaft, die, durch Gemeinsamkeiten des Blutes und der Geschichte verbunden, gewillt ist, ihre nationale Individualität zu erhalten. Ta nun die Juden, unter die Völker der Erde zerstreut, nirgends in der Welt ihr Schicksal in Freiheit gestalten können, will bei: Zionismus die Voraussetzungen schaffen, damit in der alten Voltsheimat Palästina das Judentum, frei von politischem Truck und gesichert gegen die auseinanderstrebenden Kräfte der Diaspora, als bodenständiges und wirtschaftlich normal gegliedertes Volk leben kann." Was würde wohl von jüdischer Seite gesagt werden, wenn ein nichtjüdischer Deutscher behaupten würde: ,,K r i - terium des Deutschtums ist das Zusammengehörigkeitsgefühl einer Volksgemeinschaft, die, durch Gemeinsamkeiten des Blutes und der Geschichte verbunden, gewillt ist, ihre nationale Individualität zu erhalten." Würde nicht von jüdischer Seite — und mit Recht — betont werden, daß Blut und Vvlksgemeiipchaft Begriffe sind, die keinen Zusammenhang besitzen? Würde nicht von jüdischer Seite betont werden, daß „nationale Individualität" durch Sprache, Heimatsliebe, Kulturverbundenheit, gewollte Schicksalsgemeinschast bestimmt wird, nicht aber durch „Gemeinsamkeiten des Blutes"? Tie zionistische Theorie bringt die Juden in ihren jetzigen .Heimatländern in eine unhaltbare Situation. Es gilt, ideologische Klarheit zu schaffen. Tie jüdischen Deutschen werden sich entscheiden müssen, ob sie sich national verbunden fühlen dem deutschen Volke, oder ob ihre nationale Zukunft von Palästina abhängig gemacht werden soll. Antwort aus diese Frage werden die jüdischen Gemeindewahlen zu geben haben, die in Preußen am 30. November stattfinden. An der Klärung dieser Fragen durch aktive Beteiligung an der Wahlarbeit mitzuwirken, sollte schon heute Pflicht eines jeden jüdischen Deutschen sein. Am Bau der Synagoge Prinzregentenstrasse beteiligte Firmen: Malerarbeiten Renovierung von Wohnungen, Geschäftslokalen, Treppenfluren und Fassaden Robert Gutheim Berlin W 50, Kulmbacher Str. 7 B 5 Barbarossa 6260 Bleiverglasung, Glasätzerei, Autoscheiben Glasversicherung, Spiegelglas belegt und unbelegt WILHELM IHARCUS Bauglaserei, Glasschleiferei, Spiegelmanufaktur,Reparaturen Berlin s 42, Alexandrinenstr. 97 Fernsprechamt: A 7 Dönhoff 6574 i Metallbedachungen in Zink, Kupfer, Blei, Aluminium, Sanitäre Anlagen. 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Verglasungen in der Synagoge Prinzregenten-Str. und der Jüdischen Schule Auguststr. wurden von mir ausgeführt 8271

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