Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-09-17 · 38 (17.9.1930) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
38 (17.9.1930)
Date
1930-09-17
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2613366-2614053-2614091--3719-2621342
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

10. Zahrgang Nummer 38 Wisch-liberale Zeitung Beilage 17.September19ZV . der Synagoge Vrluzregenlenslrabe in Lerlin Eine neue Pslegstätte liberalen Judentums ist in Berlin geschaffen worden. Am 16. September fand die Einweihung der neuen nach den Plänen von Regierungsbaumeister Beer erbauten Synagoge in der Prinzregentenstraße statt. Ter erste Eindruck, den ein Besuch dieses Gotteshauses vermittelt, ist der, daß hier ein architektonisches Werk geschaffen worden ist, das bald als vorbildlich für Synagogenbauten der ganzen Welt Anerkennung gefunden haben wird. Weit über 2000 Besucher saßt das Gotteshaus, und dennoch ist ein intimer Charakter gewahrt. Mit schlichtem Material ist ein Werk entstanden, das in der Würdigkeit des Ausdrucks und der ^grandiosen Gesamtwirkung stärker als irgend eine andere Synagoge Berlins erhebende Stimmung zu schassen geeignet ist. Möge dieses Gotteshaus, das in den Zeiten wirtschaftlicher Not entstanden ist, noch fernen Generationen künjden von dem' Geist fortschrittlichen deutschen Judentums. Möge es zu einer Stätte werden, von der aus jüdisch-religiöser Geist das Leben des Alltags durchtränkt. Die Limveihung Zu der eindrucksvollen Feier waren weit über 2000 Personen erschienen, von denen ein Teil keinen Einlaß mehr finden konnte. Nach einem Orgelpräludium hielt der Schöp'- ftr des Neubaus, Regierungsbaumeister Beer, eine Ansprache, in der er allen, die durch ihre Arbeit an der Errichtung der Synagoge mitgewirkt haben, Künstlern und Handwerkern, seinen Tank aussprach. „Soweit Menschenhand und Menschengeist zur Vollendung dieses 5) aus es beitragen konnten, ist es als vollendet anzusehen. Zum Gotteshaus aber kann es erst durch die Weihe werden, die ihm nun erteilt werden soll." Mit diesen Worten gab Regierungsbaumeifter Beer die Schlüssel des Hauses dem Borsitzenden des Gemeindevorstandes. Direktor Kareski beglückwünschte den Erbauer, dessen Formsinn und seelischer Vertiefung die jüdische Gemeinde schon so manchen schönen und stolzen Bau verdanke. Diese neue Synagoge aber sei als die Krönung des Werkes von Beer, als Höhepunkt seines Schaffens anzusehen. Leider sei es in diesem Augenblick nicht möglich, sich restlos Gedanken -de- Stolzes und der Freude hinzugeben. „Entscheidungen gerade der letzten Zeit werfen ihrm Schatten auch auf die heutige Festesfreude. Noch wissen wir nicht, welche Auswirkungen auf unsere Stellung und unser Leben diese Entscheidungen haben werden." Absolutes Zusammenstehen aller Menschen sei aber unbedingt nötig, um dieser schwierigen Lage Herr zu werden. Die jüdische Gemeinschaft werde auch diesmal allen Gefahren zum Trotz sich erhalten und, wie in früheren Zeiten, durch engen Zusammenschluß alle Zeitnöte überwinden. Schlicht wie das jüdische Gebet sei dieser Bau, aber auch ornamental und mächtig wie die jüdische Gedankenwelt. Aufgabe der Religionen werde es sein, die Schärfe der politischen Kämpfe zu überwinden. Eine Statte liberalen Judentums. Direktor Kareski übergab nun die Schlüssel dem Vorsitzenden des Synagogenvorstandes, Direktor Tr. h. c- Wilhelm Kleemann. Er führte aus: Namens des Synagogen-Vorstandes übernehme ich dieses neue stolze Gotteshaus in unsere Obhut. Ms im Jahre 1912 die Synagoge Fasanenstraße ihrer Bestimmung übergeben wurde, konnte der damalige Vertreter der Gemeindebehörde mit Stolz feststellen, daß hier die siebente große Gemeindesynagoge Berlins geschaffen worden war. Und da im jüdischen Leben der Zahl 7 eine besondere Bedeutung beigemessen wird, darf ich vielleicht darauf Hinweisen, daß wir heute uns anschicken, die 7. liberale Gemeindesynagoge einzuweihen. Möge dies ein günstiges Omen sein für das künftige Geschick dieses Hauses und seiner Besucher. Tie Gemeinde, die sich! um diesen neuen Tempel scharen tüitö, braucht nicht erst geschaffen zu werden. Sie ist bereits vorhanden und es ist für den Synagogenvorstand eine angenehme Pflicht, dem Verein „Liberale Synagoge Wilmersdorf", der in jahrelanger Tätigkeit in dieser Richtung gearbeitet hat, herzlichsten Tank anszusprechen. Es ist mir aber auch weiter Bedürfnis, der Schulbehörde, insbesondere dem Direktorium der Cecilienschnle, aufrichtig für die Gastfreundschaft zu danken, die er diesem Verein gewährt hat. Mit dem Versuch, Männer mit ihreu Fraueu, Brüder und Schwestern zusammen sitzen zu lassen, ist hier eine bedeutsame Neuerung geschaffen worden. Wie aber die Orgel, die im Jahre 1866 zum ersten Male in einer Berliner Gemeindesynagoge erklang, lebhafte Kämpfe ausgelöst hatte und doch im Laufe der Zeit für viele Mitglieder der Gemeinde zu einer Selbstverständlichkeit geworden ist, so wünsche und hoffe ich, daß auch diese Neuerung sich! eiubürgern und bewahren und ihre religiöse Wirkung erweisen möge. Jüdisch^liberaler Geist wird in diesem 'Hause walten. In neuzeitlichen Formen sollen die alten und zugleich! für alle Zukunft unvergänglichen jüdischen Werte ihren Ausdruck finden; sie sollen eine lebendige und glaubensstarte Gemeinde heranbilden, zu Ehren des ewigen Gottes und zur Ehre unseres Judentums. Kammergerrchtsrat Leo Wolfs, Präsident des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden, dankte der Jüdischen Gemeinde Berlin, die die Hälfte aller preußischen Juden umfaßt, für dieses neue Werk. Getreu dem jüdischen Spruche „Dm sollst Dich nicht trennen von der Gesamtheit" sei die jüdische Gemeinde Berlin stets fest zum Verband gestanden und habe so die Erhaltung kleinerer Gemeinden ermöglicht. Nach einem kurzen Ueberblick über die Leistungen der Jüdischen Gemeinde Berlin während ihres mehr als 200jährigen Bestandes gab Kammergerichtsrat Wolfs dem Wunsche Ausdruck, daß! die Jüdische Gemeinde Berlin sich auch in Zukunft vollkommener Wohlfahrt erfreuen möge. Nachdem der Chor unter Orgejbeglejtung einen Psalm von Lewandowsky zum Vortrag gebracht hatte, hielt Rabbiner Tr. Bergmann die Weiheansprache, in der ec das jüdische Gotteshaus als Stätte des Gebetes, des Bekenntnisses und der Belehrung charakterisierte und unter Zugrundelegung des Bibelwortes „Es werde Licht!" eine glücklichere Zukunft für Judentum und Menschheit herabflehte. In besonders feierlicher Weise wurden sodann die Thorarollen eingeholt. Rabbiner Dr. Baeck hielt die Festpredigt, in -er er im Anschluß, an den Satz „Wir stehen heute vor dir, Ewrger, unser Gott" in tiefgründiger Weise die religiöse Verknüpfung des einzelnen mit dem historischen Judentum und das Erlebnis Gottes in der Gegenwart behandelte. Mit dem von Chor. Orgel und Bläsern wiedergegebenen Psalm 150 von Lewandowsky schloßt die Feier. Sie war besonders weihevoll auchnoch gestaltet durch die Mitwirkung von Oberkantor G o l l a n i n, der mehrere Psalmen teils hebräisch teils deutsch in künstlerischer Vollendung zum Bortrag brachte. Der Feier hatten fast alle Mitglieder des Vorstandes und der Repräsentantenversammlung der Jüdischen Gemeinde, zahlreiche Synagogenvorstände, zahlreiche Mitglieder des Rabbinats und viele andere prominente Persönlichkeiten beigewohnt. Das bewegte Bild der aus dem neuen Gotteshause strömenden Menschenmenge wurde auch im Film sestgehalten. * * * Neubau der Synagoge pcinzregenken-Stratze 69-70 Von Alexander Beer, Regierungsbaumeister. 1. Baugeschichte. Als im Herbst 1915 das letzterstellte Gotteshaus der Jüdischen Gemeinde, die Synagoge am Kottbuser User, in feierlichster Weise eingeweiht und seiner Bestimmung übergeben wurde, lagen schon die Pläne für die Errichtung einer weiteren Kultstätte bereit. War die Kottbusser Ufer- Synagoge dem Gottesdienst mit konservativem Ritus gewidmet, so sollte dieses neue Haus in der Prinzregentenstrajßq dem liberalen Kult dienen. Tie Not der Zeit verhinderte jedoch vorerst den Beginn der Bauarbeiten, so dringend auch die Forderung nach der Erstellung dieser Synagoge erhoben wurde. Verschiedentlich geplante Versuche, durch Notbauten dem Mangel abzuhelsen, erwiesen sich als unzweckmäßig und mußten aufgegeben werden. Ter Zeitpunkt für die Errichtung eines Gotteshauses, das würdig seinem erhabenen Zweck und angemessen der großm jüdischen Gemeinde in die Erscheinung treten sollte, war erst gegeben, als die Gemeindebehörden in ihrer denkwürdigen Sitzung vom 3. April 1928 in einmütiger Beschlußfassung die von dem Verfasser neu ausgestellten Entwurs'spläne für den Bau einer Synagoge in der Prinz-, regentenstraße und die von der Synagogjenbaukommission angesorderteu Mittel im Betrage von 1,2 Millionen Reichsmark genehmigten. Dem Verfasser aber konnte für sein vollendetes Werk, die Synagoge Kottbusser Ufer, keine größere Anerkennung gezollt werden, als durch die Uebertragung der Planbearbeitung auch für diese bedeutsame Bauaustgabe an ihn. Mit der wertmäßigen Ausführung des Baues wurde im Sommer 1928 begonnen; im darauffolgenden Herbst, am 28. Oktober 1928, erfolgte in feierlichem Att die Versewknng einer Urkunde in die Grundmauern der Synagoge. Diese Urkunde hatte den folgenden Wortlaut: „Am 14. Cheschwan 5689 nach der jüdischen Zeitrechnung, d. i. am 28. Oktober 1928 nach bürgerlicher Zeitrechnung, ist der Grundstein zu dem Bau der Synagoge in der Pcinzregentenstraße 69/70 gelegt worden. Das Gelände wurde bereits im Jahre 1913 durch die Jüdische Gemeinde zu Berlin zu einem Preise von 205910 Mark erworben. Galt es dochder jüdischen Bevölkerung Wilmersdorfs und seiner Umgebung das dringend ersehnte Gotteshaus zu erbauen. Krieg und Not der Nachkriegszeit verhinderten bis jetzt die Ausführung des Baues. Nun soll es errichtet werden. Der Entwurf ist das Werk des Gemeindebanmeisters, Regierungsbaumeister Alexander Beer, in dessen Händen auch die Bauausführung liegt. Vorsitzender des Gemeindevorftandes ist zur Zeit Herr Kommerzienrat Gerson Simon, Vorsitzender der Repräsentantenversammlung ist Herr Geh. Sanitätsrat Dr. Julius Stern. Die Arbeiten der Synagogenbaükommission leitet das Mitglied des Gemeindevorstandes Herr Direktor Georg Kareski. Der Bau soll zu den hohen Feiertagen des Jahres 1929 vollendet sein. Möge dies Gotteshaus bis in die fernsten Zeiten seiner hehren und heftigen Bestimmung dienen! Vorstand der Jüdischen Gemeinde zu Berlin." Dem Fortschreiten der Bauarbeiten setzten sich zunächst keine Schwierigkeiten entgegen. Ernste Sorgen erfüllte die Bauleitung erst, als der Ausbau der Kuppel, welcher den Hauptraum in gewaltigen Dimensionen überwölbt, auf hochistrebenden Pfeilern ruhendzur Ausführung gelangte. Mit ihrem Durchmesser von rd. 30 Metern ist dieser Kuppelbau der größte, den die Stadt Berlin auszuweisen hat. Er stellte an die technischen Leistungen die allergrößten Ansordernngjen. Tie ständige strenge Kontrolle der Arbeiten seitens der öffentlichen Baubehörde boten der Bauleitung eine beruhigende Gewähr für eine in allen Teilen einwandfreie Her-, stellung dieses schwierigen Bauteiles. Wir müssen es als eine gute Vorbedeutung für den Fortbestand des auf festem Grunde errichteten Gotteshauses verzeichnen, daß diese für alle Beteiligten nicht unbedenL, lichen und Gefahr bergenden Arbeiten ohne Unfall zu Ende geführt werden konnten. Ter Arbeitsplan aber wurde durch diese langwierigen Ausführungen erheblich' durchbrochen. Tie programmäßig vorgesehene Fertigstellung des Baues erwies sich nicht mehr als durchführbar. Als der nächste, im Gemeindeinteresse liegende Termin für die Ingebrauchnahme der Synagoge kamen nunmehr erst die bevorstehenden hohen Feiertage in Betracht. Das Neujahrsfest also wird die erste Gelegenheit bieten, den vollendeten Bau auf die Zweckmäßigkeit seiner Einrichtungen zu prüfen, im besonderen Maße aber auch nach der Richtung hin, inwieweit es gelungen ist, oen Räumlichkeiten das durch ihre Bestimmung begründete Gepräge zu verleihen, insbesondere den Hauptsynagogenraum als eine Stätte der Andacht und Erbauung weihevoll und würdig.zur Geltung zu bringen. 2. Allgemeines über den fynagogalcn Kultbau. Soviel jüdische Kultbauten auch aus der Vergangenheit als Zeugen synagogaler Raumkunst in unsere Tage hinüberragen, wir suchen vergebens nach Bindegliedern in der künstlerischen Gestaltung, die sich durch die Jahrhunderte fortentwickelt, als Typen eines Synagogenbaues herausgebildet hätten. Nicht die in breiten Schichten vertretenen Liturgien, nicht das gemeinsame Glaubensbekenntnis ist Ausgangspunkt für die Entwicklung neuerer baulicher Gedanken und Gestaltungen gewesen, sondern die Eigenart der jeweils gegebenen örtlichen Verhältnisse und die allgemeinen Bedingungen der Umgebung. So hat der jüdische Kult einen eigenen charakteristischen Baustil nicht hervorbringen können; ein Umstand, der in der erstaunlichen Tatsache seinen Niederschlag findet, daß die überwiegende Mehrzahl aller Synagogen auf deutsche Boden von nicht jüdischen Baumeistern errichtet wurden. Wohl ringt eine jüngere Generation jüdischer Architekten in größter Anspannung nach Wertgeltung und sucht in neuartiger Formgebung dem Kultbau eine eigene künstlerische Note abzugewinnen. Ten hierbei zu Tage getretenen Baueycheinungen aber haftet der Mangel jedes modernen Phänomens an, die Schwäche der Vergänglichkeit und des zeitgebundenen Bestehens. Tie,e Versuche, die unter dem' Schlagworte der „neuen Sachlichkeit" sich durchzusetzen streben, leiden nur zu oft an Uebertreibungen und führen dann zwangsläufig zu einer verstandesgemäßen Ernüchterung. Tie größte Schwierigkeit bei der Planung eines Synagogenbaues liegt ja gerade darin, daß er niemals einseitig LOESER WOLFF ZENTRALE:BERLINW35 POTSDAMER.STR.24-25 Von lag zu Tag wächst der Kreis der kW Raucher Bernhard Loeser Sumatra-Sandblatt mit zartestem Havanna 30 Pf. Z L W-Zigarillos von 5 Pf» bis 12 Pf. Donna Lucia.20 Pf. Unario Cor. Aromaticos .. .25 Pf. Hauptfabrik....40 Pf. Alcana Corta ,»»»»»»»»,. 50 Pf. Raiszeichen Potentes.60 Pf. 593912

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.