Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 33 (13.8.1930)
- Date
- 1930-08-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Miljukow und Gutschkow, Revolverschüsse abgefeuert und dabei zahlreiche unbeteiligte und unschuldige Personen verletzt hatten. Als Verteidiger dieser als Nebenkläger figurierenden Personen standen der Norddeutsche Wolfgang Heine, der frühere preußische Justizminister und nachmalige Minister des Innern, und sein süddeutscher Kollege Ludwig Haas gemeinsam vor den Gerichtsschcanken und wetteiferten in der Entwicklung ihrer forensischen Fähigkeiten. Und sürioahr: wieder einmal wurde das Tribunal zur Szene. Eine Szene, auf der sich das ganze Drama des russischen Zusammenbruchs und der ihm folgenden bürgerlichen Aufstandsbewegung plastisch abrollte. Dank den einoringlichen und unablässigen Fragen der Verteidiger, insbesondere des guten Rußlandkenners Ludwig Haas erstanden alle Hauptakteure des gewaltigen Revolutionsschauspiels — die Zarin Alexandra Nikolajyona, Rasputin, der Verbrecher in der Heiligenkutte, der schwächliche Zar selbst, die Wyrubowa, gemeinjame Freundin des Zarenpaares, aber auch die Geitalteu der bürgerlichen Rebellen, Fürst Lwow, Kerenski, der Kadettenführer, Miljukow r^nd Gutschkow — bildhaft vor allen Teilnehmern dieser an Sensationen und Aufregungen nicht eben armen Gerichtsverhandlung. Fast jede Frühstückspause dieser langwierigen Schwurgerichtsverhandlung teilte ich mit einem per beiden Verteidiger, Wolfgang Heine, dem mir seit langer Zeit befreundeten und von mir hochverehrten Politiker, oder Ludwig Haas, dessen impulsives Wesen mir den bedeutenden Staatsmann, den unbeugsamen Demokraten, den scharfsinnigen Juristen, den tapferen Bekenner des „Alten Bundes" und den liebenswerten Menschen immer näher »nd näher brachten. Stunden, denen ich unvergeßliche geistige Anregung danke. Interessant war es zu sehen, wie bei den Plaidoyers die jdjou durch ihre Klrngfärbung volkstümlicher wirkende Mundart des Badensers rascher, nahezu stürmischer den Weg zu den Herzen der Geschworenen fand als die wohlüberlegten rechtlichen Ausführungen des stockpreußischen Juristen Wolfgang Heine. „Es floß ein brennendes Recht durch sein Herz." So heißt es bei Gerhart Hauptmann von „Florian Geyer". So mußte es auch vor: Ludwig Haas, gleichviel ob von dem Politiker oder dem Juristen, heißen. Ein aufrechter und aufrichtiger Mann und ein Kämpfer: nehmet alles und in allem! Einer von denen, deren die deutsche Republik so dringend bedarf, und deren sie so wenige besitzt. — Es bleibt eine offene Frage, ob auch dieser Vorkämpfer und Vertreter der demokratischen Idee als Weltanschauung Arm'in Arm mit dem Ordensmeister Mahraurr auch nur das nächste Jahrzehnt in seine Schranken gefordert hätte. Aber ... nur ein Narr wartet auf Antwort Gleichviel: uns will bedünken, der Genius mit der gesenkten Fackel sei in die Irre gegangen, als er den Weg zu diesen: noch nicht Sechzigjährigen einschlug. Deutschland konnte ihn gerade jetzt nicht entbehren. — Wir aber werde n ihn nicht vergessen. Mir persönlich aber wird die hohe Gestalt mit dem scharf geschnittenen Profil, den blitzenden Augen, dem südlich liebenswürdigen Typus und der scharfzüngigen Dialektik wohl nie aus dem Gedächtnis schwinden. Seine Freundschaft war ein Besitz, seine Verehrung ein Kleinod. Mit verdumeltenr Blick sehe ich auf sein nachträgliches Glückwunschtelegramm, für das ich ihm vielleicht — wahrscheinlich — zu spät ge-, dankt habe. In memoriam! Doris W i t t n e r. * Am Grabe von Ludwig Haas Unter massenhafter Beteiligung aller Kreise des öffentlichen Lebens in Baden und der jüdischen Gemeinde von Karlsruhe fand am Dienstag, den 5. August, 11 Uhr vormittags, die Bestattung des vor einigen Tagen verstorbenen Führers der deutschen Demokratie und ehemaligen badischen Innenministers, Reichstagsabgeordneten Tr. Ludwig Haas statt. Tie Ehrenwache stellte das Reichsbanner Schwarz-Rot- Gold. Kranz- und Blumeuspenden sandten der Reichsinnenminister, der Reichspräsident, das Badische Staatsministerium, die Stadt Karlsruhe, die demokratische Landtagsfraktion, die deutschdemokratische Parteiorganisation, die K.C.-Berbindung „Bavaria", der Altherrenveröand „Badenia", der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten, Offiziere, Unteroffiziere und Mann- : * : Gottesdienste - «erttn.vften. Liberale Synagoge Osten (Kaiserstraße 29,30). Freitag, 15. August, 7.30 Ahr abends. Gottesdienst. Predigt. BerNir-Norden. Liberale Synagoge Norde» (Schönhauser 15. August, 7.15 llhr abends, Gottesdienst. 16. August, vormittags 10 Ahr, Gottesdienst. Alle« 162). Freitag, Predigt. Sonnabend, Beklin-Westend. Der erste Gottesdienst nach den Ferien stndet am 29. August statt. Berlin-Wilmersdorf. Liberale Synagoge Wilmersdorf (Cecilienschule, Nikolsburger Platz). Freitag, 15. August, 7.15 Uhr abends, Gottesdienst. Predigt. Berlin. Jüdische Reform-Gemeinde. Gottesdienste am Sonntag, den 17. August. Zohannisstraße 16: vormittags 10 Uhr; Predigt: Dr. Jelski. Kleiststraße 10: vormittags 10 Uhr; Predigt: Dr. Lehmann. schäften des badischen Reserve-Jnsanterie-Regiments 238, der Vorstand der badischen Anwaltskammer, der badische Anwallverein, die badischen Richter und Staatsanwälte u. a. m. Stadtrabbiner Tr. Schiff (Karlsruhe) führte in seiner Trauerrede aus: lieber seinem Wirken habe das Motto des ersten deutschjüdischen Politikers, Gabriel Riesters, gestanden: „Wir wollen dem deutschen Vaterlande angehören!" Reichsinnenminister Tr. Joseph Wirth legte einen.Lroßen Lorbeerkranz mit schwarzrotgoldener Schleife nieder und führte aus, die deutsche Staatsreglernng widmet diesen Lorbeer d.em tapferen Soldaten, der als einer der Ersten freiwillig in die Feldschlacht gezogen sei, dem großen Patrioten, der rn den Stürmen der Revolution zur neuen Ordnung der Tinge beigetragen habe und dessen Verdienste um^diese Neuordnung historisch genannt werden dürften.. Am Sarge des großen deutschen Juden Ludwig Haas müsse man seine Stimme erheben zur Bitte und Beschwörung, daß angesichts des edlen und reinen Wirkens dieses Toten das Werk der Zersetzung durch Volksverhetzung eingestellt werde. Im Namen der Demokratischen Reichstags- und Landtagssraktion führte Reichsfinanzminister Dietrich aus: Wenn besonders in Baden die Umgestaltung des monarchistischen Staates zum republikanischen Staat ohne schwere Schädigung des Volksganzen geschehen sei, so sei das im wesentlichen ein Verdienst des Politikers und Menschen Ludwig Haas. Ein schwerer Verlust sei der Tod von Ludwig Haas auch für die neue Einheits-- und Sammelbewegung, für den neuen gegenwärtigen Kampf um die Republik. Im Namen des Bundesvorstandes, des Landesverbandes Baden-Pfalz und der Ortsgruppe Karlsruhe des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten sprach Rechtsanwalt Hugo Stein (Karlsruhes Worte der Trauer. Ludwig Haas habe den Kampf gegen die Verleumdung der jüdischen Frontsoldaten an hervorragender Stelle mitgcsührt, er, der alte Soldat, der sofort bei Kriegsbeginn zu der Fahne geeilt war und sich in der vordersten Schützenlinie bewährt hat. Tr. Ludwig Holländer, der mit Dr. Jacob Marx (Karlsruhe) den Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens vertrat, hielt eine tiefempfundene Gedenkrede: Haas hat uns gezeigt, wie ein Mensch in edelster Bereinigung das spekulativ Ausschauende mit dem positiv Gebundenen vermählen kann. Seine Liebe, seine Treue zum Väterglauben hat er auch irr verantwortungsvoller Stellung im besetzten Polen bewiesen. Unbeirrbar in der Wahrnehmung der deutschen Interessen halte er eirr warmes und starkes Empfinden für die Leiden und Nöte der polnischen Juden, deren Angelegenheiten ihm als Sachbearbeiter des Gouvernements Warschau unterstanden. Viele, viele Wochen, führte Tr. Holländer aus, war ich mit ihm in Warschau zusammerr und weiß, daß es heule Hunderttausende in Warschau geben wird, die in Tränen den letzten Weg unseres Ludwig Haas begleiten. Tie Liebe zum Vaterlande war ihm so, daß er nicht fragte, ob es gut, ob es weniger gut zu seinem Kinde ist. Er war geboren und gewachsen in dieser badischen heimatlichen Erde. Wollen wir sein Andenken ehren, so kann dies nur geschehen, wenrr wir immer an der Vollendung seiner Wünsche arbeiten in heiligster Erinnerung an diesen großen Vorkämpfer. 'vTipß Stoilwero^ billig, tdohlSchmackemJ nahrhaft. Am offenen Grabe sprachen noch Tr. Jacob Marx, Dr. Tavid Rothschild-Frankfurt a. M. im Namen des K.C., des Ältherrenverbandes „Badenia" und der Verbindung „Bavaria", Vertreter der badischen Anwaltskammer, der Richter und Staatsanwälte (Landgerichtsdirektor Mehl), der Logen und andere mehr. Aus den Gemeinden Berlin. (A imi Fries in a ir n 75 Fahr e.) Der Nestor der bculschcn Kantoren, Königricher Musikdirektor uni) Oberkantor Aron Friedmann in Berlin, feiert am 22. August 'in geistiger und körperlicher Frische den 75. Geburtstag. Dem verdienstvollen Jubilar ad mutlos annos alles Gute! Berlin. (Todesfall.! Am Donnerstag, den 7. August, verstarb in seiner Berliner Wohnung der in der gelehrten jüdischen Welt» als Talmudforschcr geschützte Herr Professor Dr. Eduard Baneth im Alter von 75 Jahren. Prof. Baneth war ein Sohn des 1871 verstorbenen berühmten Talmudisteir Jerachmiel Dob Baneth, Schülers des Rabbi Moses Sofer in Prehburg, und ein Enkel de» Talmudforfchers Ezechiel Baneth, der 1854 in Neutra als Rabbiner und Leiter der dortigen großen Jeschiwah starb. — Prof. Eduard Baneth besuchte die Jeschiwab in Preßburg, studierte dann in Berlin, war 1882 bis 1895 Rabbiner in strotoschin und war seit 1897 Dozent an der Hochschule für c»ie 'Wissenschaft des Judentums in Berlin, wo er talmudische Facher lehrte. 1919 erhielt er vom Preußischen Kultusministerium den Professor Titel. Bon seinen Werken sind zu nennen: „Samuel Hanagid als Staatsmann und Dichter", „Ursprung der Saddokäer und Boeihosäer", „Maimunis Kommentar zuin Traktat Abot", „Maimunis Neumondsberechnuug", ferner enre 1917 erschienenen poetisch-dramatische Bearbeitung des Hohen Liedes (Schic Haschirim) und eine Studie über soziale Motive in der rabbinischen Rechtspflege. — Die Beerdiguu^ fand am Freitag, den 8. August, nachmittags, auf oem silbischen Friedhof zu Weißeusee unter großer Beteiligung von jüdiswcn Gelehrten und Vertretern der Jüdischen Gemeinde statt. Berlin. (K a n t o r e u f o r 16 i 1 b u n g s f u r f u s.) Im Laufe K>cs Monats Juli fand in Berlin ein Kantorenforlbildungskursus statt, der voir einer größeren Anzahl von Kantoren aus dem Reiche besucht worden ist. Den wissenschaftlichen Teil bestritten Rabbiner Dr. Freimann, Berlin, und Musikschriststeller Eugen Drwison, der seit Jahrzehnten sur deir Beruf auch lehrend tätig ist. Beide Vortragenden gaben .aus Grund ihres großen Wissens eine Fülle von Anregungen in ihren Vorlesungen. Während Dr. Freimann insbesondere oas historische Moment der Entwicklung des Gottesdienstes und der Gebete behandelte, sprach Tawison über wichtige fachliche Fragen, insbesondere über die Stellungnahme des Kantors zur jüdischen Musik. Die Themen: „Das betende Ich im Singen und Sagen", „Die Bedeutung des Kantors innerhalb des Gottesdienstes" u. a. mehr, fanden selbstverständlich ein lebhaftes Echo. Irr praktischen Uebungen wurden alle Gebiete berührt, die den Beruf des Kantors umfassen. Oberkantor Davidsohn behandelte die Vortragsgestaltung von Kompositionen der drei Wallsahrtsseste. Ausgewählte Gebetstücke der .Hohen Festtage uitD deren traditionelle Weisen gaben, interessanteil Stoff für Improvisationen und zeigten, wie dem Beter der geistige Gehalt nahegebracht werden kann. Eine wertvolle Ergänzung hierzu bedeutete der Unterricht des Oberkantors Ahlbeck, der sich insbesondere mit hebräischen Uebungen und mit alttraditionellenr Chasonus der verschiedenen Riten befaßte. Oberkantor Gollanin gab wertvolle Hinweise für Stimmbildung und Kultur und wies insbesondere die Wege zum Selbststudium. Dank der Bereitwilligkeit des Preußischen Landesverbandes, der Berliner Jüdischen Gemeinde und einiger Interessenten war es möglich, fast sämtlichen Teilnehmern Reise- und Aufeuthaltszuschüsse zu gewähren. Bosen (Birkcnfelds. P e r s ö n l i che s.) Im Atrer von 82 Jahren 1 ist der langjährige Vorsteher unserer Gemeinde, Herr Leopold Braun, eine andere Stadt Preußens hatte. Aus einer Aufstellung der Bevölkerung des Königreichs Preußen vom Jahre 1728 ersehen wir, daß unter 1191 jüdischen Familien im gesamten Königreich allein 192 Judenfamilien in Halberstadt wohnterr, wozu noch in der Umgebung der Stadt 120 Familien kamen. Vergleichen wir nun diese große Zahl mit den jüdischen Einwohnern Berlins (180 Familien), von Magdeburg und Halle (50 Familien) und von der Provinz Preußen (nur 9 Familien), dann zeigt sich, daß gerade die Harzgegend von den brandenburgisch-preußischen Juden stärker besetzt war als die übrigen Provinzen. Nur im Westen, in Kleve und Mark, war um 1728 die jüdische Bevölkerung auch sehr groß (175 Familien). Auch im Jahre 1762 war die Gemeinde bedeutend. Wir erfahren in diesem Jahre aus einem Gemeindebuch, daß Halberstadt 151 Schutzjudensammen hatte." „Wenn wir uns sragen, warum die jüdische Gemeinde Halberstadt eine so große Bedeutung und Mrtgliederzahl erlangt hat, dann können verschiedene Gründe hierfür geltend gemacht werden. Allgemein ist für das starke Anwachsen in Berücksichtigung zu ziehen, daß gerade in jener Zeit des 17. und 18. Jahrhunderts die jüdischen Gemeinden in Deutschland sich überhaupt vergrößerten. Manche Städte, wie z. B. Frankfurt a. M., wurden spottweise ein neues Jerusalem genannt. Man kann diese starke Vermehrung besonders in Ostdeutschland auf den Zustrom aus Polen zurückführen, namentlich seit dem Jahre 1665, wo große Judenverfolgungen starke Auswanderung nach dem Westen bewirkt haben." „Ein besonderer Grund ist in der geographischen Lage zu suchen, welche der Handelstätigkeit der Juden sehr zustatten kam. Halberstadt war nicht ein isolierter Stadtstaat, sondern ein Mittelpunkt der vielen kleineren Gemeinden der Umgebung.Auch für die vermögenderen Kaufleute lag Halberstadt günstig als Mittelpunkt der Hauptmessen Leipzig, Braunschweig und Frankfurt an der Oder, welche ein besonderes Verkehrsgebiet für die jüdischen Händler waren. Besonders war Leipzig ein Haupthandelsplatz für die Halberstädter Juden." (Dr. Max Köhler. Tie Jrwen in Halberstadt und Umgebung bis zur Emanzipation. Verlag von Karl Cnrtius, Berlin 1927.) Nordhausm. „In den Schicksalen der jüdischen Mitbürger unserer Stadt spiegelt sich die Geschichte der Stadt selbst wieder. Im Rahmen der Geschichte der Nordhäuser Juden sehen wir ein Stück Kulturgeschichte der Stadt sich abrollen. Recht, Wirtschaft, Politik, religiöse, merkantile, finanzielle Verhältnisse der Stadt im Wandel der Jahrhunderte, sie stehen in engster Beziehung zu den Erlebnissen der jüdischen Ernwohnerschaft.... Auf der anderen Seite ist die Geschichte der Nordhäuser Juden eine Geschichte der deutschen Juden im kleinen. Was die Nordhäuser Juden erlLt haben, gibt uns ein deutliches Bild von ihrer Geschichte in der deutschen Heimat überhaupt. Recht düster ist das Bild.Eine zusamnrenhäugende Geschichte der Nordhäuser Juden kann nicht geschrieben werden. Denn einerseits sind die stadtamtlichen Aufzeichnungen und Urkunden lückenhaft und unzulänglich, andererseits fehlt es — abgesehen von der Zeit seit Beginn des 19. Jahrhunderts — an Aufzeichnungen der Judenschaft. Immerhin lassen uns die vielfachen Einzelheiten, die uns überliefert sind, auch größere Epochen recht deutlich erkennen, die die Geschichte der Juden Nordhausens durchlaufen Hai. Wollen wir diese Geschichte in Perioden zerlegen, so können wir deren vier unterscheiden." „Die erste reicht von Anbeginn, d. h. etwa vom Jahre 1000, bis zuin Jahre 1349, dem Jahre der sogenannten Judenverbrenrrung. In dieser Periode genossen die jüdischen Einwohner allem Anschein nach den kaiserlichen Schutz in ausreichendem Maße, und es erging ihnen leidlich. Die zweite Periode kann man von 1349 bis 1567 begrenzen. Sie sst gekennzeichnet durch eine Fülle von Mandaten und Gesetzen „wider die Juden". Diese Verordnungen gipfeln in dem Privileg Kaiser Karls V. von 1551, wonach dem Rat der Stadt freies Belieben in der Duldung von Juden übertragen wird. Die Juden verlassen Nordhausen und siedeln sich in der Umgegend an. Bon 1567 bis 1808 ist die dritte Periode zu rechnen. Die Stadt ist ohne Juden. Tie Versuche einzelner auswärtiger Juden, in Nordhauseu Aufnahme zu finden, haben nur zum Teil und nur vorübergehenden Erfolg. Im Jahre 1808 beginnt die vierte und letzte Periode. Die Juden werden emanzipiert. Sie kehren in die Heimatstadt zurück: es bildet sich eine neue stattliche Judengemeinde." „Bon hervorragender Bedeutung für die Entwicklung der humanitären Einrichtungen unserer Stadt war Jacob Plaut. Er war geboren am 11. Januar 1816 als Sohn des Nben erwähnten Bankiers Herz Casel Plaut, Gründers der später nach Leipzig verlegten Barrkfirma H. C. Plant. Als Philanthrop war er weit über die Mauern seiner Vaterstadt geachtet. Ihr hat er das Jacob Plautstift gegeben; die Bolksbibliothek hat er durch reiche Zuwendungen gefördert. Zur Ehre seines Andenkens hat sich die jüdische Loge seinen Namen beigelegt. Als Kunstfreund und -fördere! und als Politiker ist der Bankier Fritz Schönfeld zu nennen. Er war Mitbegründer des Kunstvereins und Stadtverordneter. Mitbegründer sowohl des Spar- und Bauvereins als auch des Feuerbestattuugsvereins w<vr Louis Eisner. Seiner Wirksamkeit ist die Schaffung des Urnenhains ruf dem alten Kommuualfriedhof zuzuschreiben. In der Stadtverwaltung wirkten außer Fritz Schönfeld in den letzten Jahren: Julius Bach (Stadtältester), Adolf Eisner (Stadtverordneter), Louis Jonemann (Stadtverordneter). Noch tätig ist Richard Philipp (Stadtverordneter). Bon den Nordhäuser Juden, die am Weltkriege teilgenommen haben, waren 69 Frontsoldaten, 34 haben das E. K. H. Klasse, 4 das E. K. I. und II. lKlasse erworben;. Verwundet wurden 20, gefallen sind 9. Gegenwärtig zählt die Nordhäuser jüdische Gemeinde etwa 450 Seelen. Die Anzahl der Steuerpflichtigen ist 103." (Dr. Heinrich Stern. Geschichte der Juden in Nord hausen. Nordhausen 1927, im Selbstverlag dos Verfassers.) (Fortsetzung folgt.)