Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 32 (6.8.1930)
- Date
- 1930-08-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Präsident: Claude G. Montefiore (London). Vizepräsidenten: Frau I. Walter Freiberg (U.S.A.) Rabbi David Lefkowitz (Dallas, U.S.A.) Ludwig Vogelstein (New dort) Rabbiner T>r. Caesar Seligmann (Frankfurt a. M.) Rechtsanwalt Heinrich Stern (Berlin) Rabbr Israel I. Maltuck (London). Ehrenamtliche Sekretärin: The Hon. Lily H. Moutagu (London). Ehrenamtliche Schatzmeister: Erneft M. Joseph (London) E. Turk (London). Mitglieder des Governing-Body: Rabbiner Tr. Leo Baeck (Berlin), Prof. Dr. Jsmar Elbogen (Berlin), Rabbi Leo M. Franklin (Amerika), Bazil L. Q. Henriques (London), Kahn Bahaduc I. B. Israel (Bombay, Indien), Lionel Jacob (London), Direktor Tr. h. c. Wilhelm Kleemann (Berlin), Rabbin L. Gernrain Levi (Paris), Rabbi Tr. Julian Morgenstern (Cincinnati), Hon. Henry Morgenthau, Frau Paula Ollendorff (Breslau), Rev. M. L. Perlzweig (London), Rev. H. F. Reinhart (London), Rabbi Tr. Samuel Schulman (New Jork), Rev. Tr. Abram Simon (Amerika), Roger Strauß, Rabbiner Tr. Hermann Vogelstein (Breslau), P. S. Walcy (England), A. Leo Weil (Pittsburgh), Rabbi Louis Wolsey (Amerika). Ten Bericht, den in der geschäftlichen Sitzung im Aufträge der „Unterkommission für Liturgie" Rabbi S. W. Starrels (London) erstattete, brachten wir bereits im Wortlaut. Wir lassen heute das Referat des Anterkomilees für soziale Arbeit folgen, welches Mr. Milford Stern (Tetroit U.S.A.) hielt: Ter Soziale Ausschuß oder vielmehr „der Ausschuß für Sozialen Fortschritt" verdankt seine Entstehung einem vom Präsidium des Weltverbandes für Liberales Judentum am 22. Juli 1929 angenommenen Antrag, der folgenden Inhalt hatte: Es möge ein Ausschuß eingesetzt werden, der in den angeschlossenen Ländern die jüdische soziale Arbeit so zu beeinflussen versuchen soll, daß sie den Grundlehren des Judentums mit den Erfordernissen der Zeit verbinde und wenn nötig, soll er, unabhängig von jeder Parteipolitik, Grundsätze aufstellen zur Lösung sozialer und wirtschaftlicher Not. Tiefer Beschluß des Vorstandes hat .in Europa und in Amerika eine lebhafte Tiskussion ausgelöst, und obwohl manche Kreise fürchteten, daß daraus unerwünschte Kontroversen entstehen könnten, fand er starken Widerhall. Es war unausbleiblich, daß der Weltverband früher oder später Stellung nehmen muhte zu oem lebhasten und immer wachsenden Interesse seiner angeschlossenen Organisationen am sozialen Fortschritt. Ter Weltverband durfte nicht gleichgültig bleiben gegenüber der Ausdehnung der allgemeinen sozialen Verpflichtungen und ob und wieweit Juden diese erfüllen oder nicht erfüllen. In den letzten Monaten hat der Ausschuß versucht, die Frage der Verantwortlichkeit, die uns als Juden besonders obliegt, zu prüfen. Als erstes hatte er zu untersuchen, welche Beziehung zwischen Judentum und sozialem Fortschritt in den größeren Gemeinden aller Länder besteht. Unter der Führung von Miß. Lily Moutagu die einen ausgezeichneten Fragebogen entworfen hatte, wurde viel wertvolles Material gesammelt. Tie Untersuchung sollte besonders erweisen, wie weit religiöse Motive zur Lösung der Probleme wirtschaftlicher und sozialer Not beitragen und inwieweit sie soziale Arbeit selbst ins Leben rufen. Ter Fragebogen zeigt kurz folgenden Tatbestand: Tort, wo besondere soziale Arbeit in den uns angeschlossenen Organisationen geleistet wird, geht sie von einzelnen führenden Persönlichkeiten ans. Anscheinend besteht, wenn überhaupt, wenig allgemein bewußte Arbeit, und dem sozialen Fortschritt wird vom religiösen Standpunkt aus wenig Bedeutung beigelegt. So ist die Lage fast durchweg aus dem Kontinent, in England stellt sie sich etwas besser und am weitesten voraus in dieser Beziehung ist Amerika. Anscheinend besteht ein großer Unterschied in der Haltung der europäischen und amerikanisch eit Rabbiner zur sozialen Arbeit. Es scheint, daß in der alten Welt selbst J>te liberalen Rabbiner nicht besonders darauf eingestellt sind und daß die soziale Arbeit von den religiösen Vertretern nur indirekte Anregung erhält. In Amerika ist das Gegenteil der Fall; die Rabbiner stehen an der Spitze sozialer Einrichtungen und sind führend in dem Bestreben nach sozialem Ausgleich, währeicd ihre Gemeinden von ihrem Beispiel und ihrer Führung abhängen. Gewiß müssen dabei die politischen und wirtschaftlichen Unterschiede in Betracht gezogen werden, die die Lage der Juden in den verschiedenen Ländern verschieden gestaltet, und die in Theorie und Praxis so tiefgehend sind, daß es schwierig ist, eine gemeinsame Grundlage zu finden, von der aus die gesamte Judenheit zu erfaßen sein wird. Amerika hat den größten Fortschritt zu verzeichnen. Tas Judentum in sich ist der starke Impuls für soziale Arbeit und für ihren Ausgangs- und Gesichtspunkt. Tie National Conference of Jewish Social Service (Zentralwohlfahrtsstelle der amerikanischen Juden) legt mehr Nachdruck auf Fortschritt in Erziehung und Kultur, als auf bloße Philanthropie. Der religiöse Gedanke wird immer nachdrücklicher zum bestimmenden Ausgangspunkt. Das liberale Judentum irr Amerika greift den Standpunkt der Propheten, ihren beherrschenden Gedanken der sozialen Gerechtigkeit auf. Bor Jahren schon hatte Tr. Emil Hirsch nachdrücklich daraus hingewiesen, „daß es für uns Jude« zur dringenden Pflicht geworden wäre, aus Grund dieser Gedanken an der Lösung der modernen wirtschaftlichen und sozialen Probleme mitzuarbeiten und zur Beseitigung der Gegensätze in der gegenwärtigen Zusammensetzung der menschlichen Gesellschaft beizutragen." Auch der Zenlralausschuß der amerikanischen Rabbiner hat dieser Ansicht nachdrücklich Ausdruck gegeben. Sein sozialer Ausschuß hat viele von den großen sozialer: Fragen unserer Zeit ausgenommen und arbeitet Hand in Hand mit den Soziatausschnften. der katholischen und protestantischen Kirchen. Ter Verband der amerikanischen jüdischen Gemeinden hat eine Kommission „Soziale Gerechtigkeit" eingesetzt, die aus Nichtrabbinern besteht, die sich mehr mit Richtlinien als mit Fällen befaßt und die es sich zur Pflicht macht, den Ausschuß der Rabbiner finaivziell und durch Mitarbeit zu unterstützen. Diese „Laien" - Kommissiou für „soziale Gerechtigkeit" hat es ausdrücklich übernommen, die traditionelle Stellung des Judentums gegeuüber allen, die unter Unrecht und Ungerechtigkeit zu leiden haben, aufrecht zu erhalten und diese Auffassung mit den modernen Fortschritten auf sozialem Gebiete in Einklang zu bringen. In Amerika ist daraus die betonte Tendenz geworden. „soziale Gerechtigkeit" zu einem integrierenden Bestandteil jüdischen Lebens und jüdischer Lehre zu machen nno sie den Ausgaben der Erziehung auch der theologischen Ausbildung gleichzustetlen. So machen wenigstens in Amerika die liberalen Juden den Versuch, der Forderung der Propheten nach sozialer Verantwortlichkeit nachzukommen. Wir sind endlich dazu gelangt, einzusehen, daß das religiöse Leben und das wirtschaftliche Lebcn eine* Menschen unlöslich miteinander verbunden sind. Tas ergibt sich aus den Antworten auf den Fragebogen. Unser Maschinenzeitalter braucht die Gegenwirkung starker sozialer Verantwortlichkeit. In dem Aufeinanderprallen von Industrialismus und religiösem Idealismus liegt die Gefahr, daß wir unsere besonderen Verpflichtungen und unsere ganz bestimmleti Ziele ans dem Auge verlieren. Und deshalb j brauchen wir mehr denn je die Richtung, die uns die Relii gion gibt, mehr denn je seine beiden Hauptwege zu sozialem Fortschritt, die wir soziale Arbeit und soziale Gerechtigkeit nennen. Beide finden ihre Quelle in unserer Religion. Ter „soziale Ausgleich im Leben" ist nicht ein bloßes Anhängsel zum Inhalt der jüdischen Religion, sondern er ist ihr zentraler und wesentlichster Gedanke. Im jüdischen Gesetz sind Wohltätigkeit und Gerechtigkeit Synonyme, und in der hebräischen Sprache gibt es kein Wort für Wohltätigkeit allein, Zedokoh bezeichnet jeden Akt von Güte und Gerechtigkeit. Tie 10 Gebote waren die erste Zusammenfassung dessen, was soziale Gerechtigkeit verlangt. Tie Propheten Israels schufen unter göttlich-schöpferischer Inspiration eine ethische Religion. Sie erfaßten einen Strahl von der Ethik Gottes, die sich in Lebenshaltung und Lebensführung, im wirtschaftlichen Leben, in der Arbeit als Gerechtigkeit und Nächstenliebe auswirken sollte. Tie Propheten versuchten, eine ethische Religion irr die Praxis des alltäglichen Lebens zu übertragen; sie suchten als die Basis geistiger Gleichheit gleiches Recht auf alle Lebensmöglichkeiten aufzuftellen. Sie stellten vitale, unveränderliche und allgemein gültige Ideale auf; sie schufen die höchsten ethischen und geistigen Werte, sie lehrten, daß in jedem Menschen ein Funken Gottes, die Würde göttlicher Abstammung lebe. Durch all ihre Lehren geht beharrlich der Gedanke, daß Religion das unerläßliche Motiv mensch-- lichen Handelns sei. Im Idealismus der Propheten liegt der wesentliche Kernpunkt des Judentums. In den Schriften der Propheten offenbart sich der innere soziale Charakter des jüdischen Glaubens. Jahrhunderte hindurch, da die Synagoge als „Haus der Versammlung, als Beth Ha'Kncsseth" diente, war sie der Mittelpunkt, von dem das soziale Leben der Gemeinde ausstrahlte, wie Israel Abrahams es so anschaulich in seinem Werke: „Jüdisches soziales Leben im Mittelalter" darstellt. Aus der freudigkeit dafür vorhanden ist. Ich habe es selbst in. der Schule wiederholt erlebt, daß es wie ein eigenes Erlebnis der Frömmigkeit über die Kinder kam, wenn ich ihnen jene Geschichte vom Landgrafen von Hessen erzählte. Der war einst mit großem Gefolge zur Jagd auSgeritten. Da kam plötzlich ein Gewittersturm, und ein Witzstrahl, traf das Pferd des Landgrafen, das mit dem Reiter zusammenstürzt«. Sein Gefolge eilt« zu ihm hin und einer fragte: „wie gehts Euch, gnädiger Herr?" Der Landgraf aber antwortete: „Nennt mich nicht gnädiger Herr! Einer nur ist gnädig, der da droben." Aber ungleich gewaltiger als das erzählte Beispiel wirkt das lebendige Beispiel. Wenn Sie morgen zu den Settlements von Mr. Henriques gehen, in die jüdischen Elendsviertel von London, und sehen, wie ein Mann aus der Fülle seines Wohlstands zu den Aermslcic der Armen kommt und mit ihnen die Armut teilt, wie er Tausende, die der Dumpfheit, die der sittlichen Verwilderung verfallen wären, durch die Kraft der Liebe an sich zieht und in toten Seelen lebendige« Frömmigkeit weckt, wenn Sie die Kraft lebendiger Frömmigkeit, wie sie aus Persönlichkeiten, wie unser Montefiore, unsere Montagu, zu uns spricht, erleben, dann dürfen wir die Kraft eines lebendigen Beispiels wahrlich nicht verneinen. Nichts reißt mehr die Massen fort, als das Wunder des Märtyrertums. Märtyrer, das heißt Glaubenszeug«, das heißt Zeuge dafür, daß alles, was sonst dem Menschen wert ist: Ruhe, Wohlstand, Glück und Leben, nichts bedeutet gegen die Frömmigkeit, daß um der Frömmigkeit, um des Glaubens willen alles, alles dahingegeben wird. Darum sind auch nur die für die Religion gebrachten Opfer ein Zeugnis loahrhaftiger Religion des Herzens, Zeugen persönlicher Frömmigleit. Aber damit sind wir schon auf den Weg der sittlichen Tat angelangt, auf den Weg, den das Judentum seine Bekenner führen will. Für diesen Weg des Judentums müssen wir neues Verständnis und neue Seelenbereitschast erwecken.. Nicht nur durch die sittliche Tat, sondern auch durch Neubelebung aller derjenigen Einrichtungen und Bräuche, die noch heute die Kraft haben, den Juden der Gegenwart in lebendige Beziehung zu Gott zu setzen und Leben der Heiligkeit in unsere Mitte zu pflanzen. So müssen wir die alten Formen neu beleben, die das Familienleben heiligen und dem jüdischen Haus sein« eigentümliche Weihe und Stimmung geben. So müssen wir die Hauptstätte persönlichen religiösen Erlebens, die ursprünglichste Schöpfung des Judentums, d/n Gemeindcgottesdienst für unser Geschlecht neu beleben. Wenn ich mich in diesem sonst heiliger Andacht geweihten Raum umsehe, dieser Stätte des Bctens. die durch die neue ergreifende Form der Andacht Hunderte, Tausende das Beten wieder gelehrt und damit persönliche Frömmigkeit neu ertveckt Jjat, wenn ich meiner Frankfurter Gemeinde gedenke, wo durch einen''neuen der Muttersprache einen breiten Raum gewährenden und so das religiöse Empfinden unseres Geschlechtes ansprechendcu Gottesdienst eiire ganze Gemeinde sonst fern Gebliebener mit neuer persönlicher Frömmigkeit erfüllt wurde, tveun ich die Gottergrifseuheit beim Ansklang unseres Jomkippurgottesdienstes vor meine Seel« führe, wo von tausend Zungen und Herzen der Gottesruf Sch'ma Jisroel in der Sprache der Väter enrporschwillt, so zeugt dieses lebendige Gotteserleben dafür, daß auch die Menschen von heute der tvahren Gottesnahe teilhaftig werden können, wenn nur der rechte Ton angestimmt wird, der in ihren Herzen ein Echo findet. Solche Erfahrung fordert auf, Gottesdienste solcher Art allerorts zu schassen und die Jugend ihre Wege des Gottsuchens gehen zu lassen. Auf eines kommt es an: nicht Pessimist zu sein, nicht der Sünde des Unglaubens zu verfalleu. Den«: der Unglaube ist d i e Sünde. Ach, es ist so namenlos leicht, es ist das bequemste auf der Welt bei jedem Ding, das nicht im Handumdrehen getan ist, zu sagen: es ist unmöglich, es geht nicht. Aber dieses „es geht nic^t" ist in Wirklichkeit die Sünde aller Sünden, die nie verziehen wird. Es ist die Sünde Moses und der Kundschafter, die um dieser Sünde willen das gelobte Land nicht betreten dursten. Wie haben sich die alten und neuen Bibelecklärer bemüht, di« Sünde Moses herauszufinden. Wie kleinlich ist die beliebte Erklärung, daß Mose dadurch gesündigt habe, daß er auf den Felsen schlug, statt zu ihm zu sprechen, daß «r Wasser für Israel hcrvorsprudeln lasse. Nein! Die Sünde Moses hat darin bestanden, daß er ein einzigesmal nicht geglaubt hat, daß er nicht geglaubt hat, aus einem Felsen Wasser hervorlocken' zl» können. Und dasselbe gilt von der Sünde der Kundschafter. Sie haben nichts Falsches, nichts Lügenhaftes über das Heilige Land abgesagt, aber sie haben nicht daran geglaubt, daß sie es erobern! könnten, und haben dem Bolle Israel den Glauben daran geraubt. Darum mußten sie vierzig Jahre durch die Wüste ziehen, darum mußten alle, di« nicht geglaubt haben, in der Wüste sterben. Aus Felsen können wir lebendige Wasser schlagen durch unfern Glauben! Die Wüste können wir in fruchtbares Land wandeln durch unfern Glauben! Der Wille zum Glauben ist das Entscheidende! „Ich will", das Wort ist mächtig, Spricht's einer ernst und still. Die Stern« reißt's vom Himmel, Das eine Wort: Ich tvill! * * * Aus der Geschäftlich«« Sitzung vom Montag vormittag sind noch folgende Einzelheiten nachzntragen: Es ist eine Wiederwahl des Präsidiums und des Governing-Body (Vorstandes) erfolgt. Tie leitenden Körperschaften setzen sich, nunmehr wie folgt zusammen: Erinnerung an Eduard Birnbaum Am 8. August sind zehn Jahre seit dem Heimgange des weit und breit bekannt gewesenen Königsöergec Oberkantors Eduard Birnbaum verflossen. — 18o5 zu Krakau geboren, sollte er, einer Gelehrtenfamilie entstammend, ursprünglich Rabbiner werden. Doch früh sich zeigende Neigtrng und Eignung führten ihn auf den Weg des Kantorats. Als Siebzehnjähriger ist er bereits zweiter Kantor in Magdeburg, bald darauf erster Kantor in Beuthen (Oberschlesien), um mit 24 Jahren in Königsberg Nachfolger des damals Weltruf genießenden H. Weintaub zu werden und dem dortigen Shnagogengesange ein in jeder Hinsicht vorbildliches Gepräge zu geben. — Seine weit über diesen Wirkungskreis, ja über die Grenzen Deutschlands hinausgehende Bedeutung aber liegt auf wissenschaftlichem Gebiete. Hier wi cd er im Laufe der Zeit, eifrig gefördert durch Männer wie Snlzer in Wien, Z. Frankel, Gr ätz. m a., im regsten Gedankenaustausch mit den bedeutendsten jüdischen und nichtjüdischen Musi lautoritäten des I n- und Auslandes, durch intensives Sammeln und Studieren — zum anerkannt hervorragendsten Forsch.er aus dem Gebiete .der Synagogenmnsik. Sein Urteil und Gutachten wird nicht nur selbst von jenseits des Ozeans erbetein, sondern — eine einem Echasan wohl noch nie zuteil gewordene Ehce! — 1899 erhält er den Auftrag, aus der Pariser Weltausstellung vor der Weltintelligenz über das ihm, wie selten einem, liegende Lieblingsgebiet zu sprechen. Ein Todesfall in der Familie hindert ihn jedoch im letzten Augenblicke dem ehrenvollen Ruft Folge zu leisten. — Nach seinem Tode gelangte seine einzig dasteh ende Sammlung von Hanofchriften und Druckwerken leider nach Amerika. Unterzeichneter/sein langjähriger KanloratsschÜler und auch, freundschaftlich ihm nahestehend, betrachtete es damals als Ehrenpflicht, wenigstens seine zahlreichen in z. T. schon eingegangenen Zeitschriften zerstreuten Aufsätze und Abhandlungen über Synagogenmusik der Vergessenheit zu entreißen. Zumal wiederholt oie von Birnbaum gewonnenen Forschnngsrefultate ohne Nennnng seines Namens Verwertung gefunden hatten. — Tie Sammlung harrt z. Zt. der Möglichkeit der Herausgabe. — Nicht unerwähnt bleibe, daß Birnbaum, den einst kein Geringerer als Joseph Joachim der KüMerlausbahn zuführen wollte, auch als Synagogcnkomponist Hochstehendes geleistet hat. S. Guttmann, Potsdam. Lesefrüchte Von Dr. M. Spanier, Magdeburg. Es ist von hervorragender Bedeutung, daß Ditlef Nielsen, der ausgezeichnete Kopenhagener Gelehrte, der Verfasser weithin anerkannter Arbeiten auf dem Gebiete der vergleichenden Religionsgeschichte, in seinem Werke „Der geschichtliche Jesus" (Verlag Meyer u. Jessen, München, 1928) sich folgendermaßen über die Kreuzigung Jesu äußert: „Der Judenhaß (S. 89), der im selben Augenblick auftrat, in dem das Christentum als selbständige Religion sich zum Judentum in Gegensatz stellte, hat früh auf einzelne Schichten der Evangelienüberlieferung abgefärbt und legt da den Juden die Hauptschuld an Jesu Tod bei. Eine Beschuldigung, die nun beinahe 2000 Jahre hindurch diesem Volke zum Unheil war." Und weiter S. 85: „Jesus ist ja nach den ältesten historischen Quellen keineswegs als Gottes Sohn in natürlichem Sinne aufgetreten. Die Juden in ihrer Gesamtheit hatten keinen Grund, ihn zu verfolgen." Und S. 86: „Also ist Jesus nicht von den Inden verurteilt worden, in deren Händen die Rechtspflege gar nicht lag, sondern von den Römern, denen damals die .Obrigkeit im Lande zukam. Er wurde nicht verurteilt wegen seiner religiösen Anschauungen, die sicherlich Pilatus nicht sonderlich interessiert hätten, sondern — — -weil er in den Augen des Pilatus ein Aufrührer war, der sich zum „König der Juden" machen wollte." Wenn alle christlichen Theologen in diesen Gedankengängen sich bewegten, würde der Judenhaß bedeutend abgeschwächt werden — zum Segen der gesitteten Menschheit. Nun kommen wir zu in fick widerspruchsvollen Behanptungen des Verfassers, denen wir entgegentreten müssen. Wie so oft, so auch hier; zuerst die Anerkennung — dann der Pferdefuß. Seite 124 u. ff. heißt es: „Als rechtgläubiger Jude besuchte er (Jesus) später fleißig die Synagogen, nahm^beim „Mastis' an der Verlesung des Prophetentextes in der Synagoge von Nazareth teil (Lukas 4, 15 u. ff.) und stand auch noch als religiöser Neuerer unerschütterlich fest aus dem Boden der jüdischen Religion." Nach neuerm Forschungen existierte Nazareth noch nicht zur Zeit Jesu. Nun meint der Verfasser weiter: „Freilich kämpfte er an gegen die Aenßerlichkeit und Pedanterie der Pharisäer und „Schristgelehrten", gegen all das kleinliche Wesen und den Gesetzesbuchstaöen, der schon damals persönliche Religiosität zu ersticken drohte und dann in der Folge das Judentum zur fossilen Religion machte." Wie oft ist diese offenbare tendenziöse Auffassung als falsch zurückgewiesen worden. Das Judentum ist nicht fossil, es lebt und es lebt, weil es nicht dogmatisch gebunden sich Bewegungsfreiheit bewahrt hat. Trotz der sogenannten Gesetzesbuchstaben ist das Judentum nicht erstarrt und blieb ihm tiefe Religiosität latent. Die Juden lebten und wckbten in dem Glauben an den Einen. Einzigen. Mit Recht sagt der Verfasser S. 160: „Die Juden, die den Weg zu dem Einen Gott fanden, schöpften aus dieser Quelle die unerschöpfliche Lebenskraft, die die Nation zur Einheit führte