Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 32 (6.8.1930)
- Date
- 1930-08-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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IMchNeraleZeilW Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. ,B»c«n»wsrkl. Redaktevr: Bruno 7Vonda. vte Vereinigung für da» liberale Judentum übernimmt nur M diejenigen Aufsätze. die ausdrücklich als in ihrem Namen »der in ihrem Austrage versaht gekennzeichnet sind, die Der- »Nimortung. Alle anderen Artikel. Aeuherungen und Vorschläge erscheinen unter der Verantwortung der Redaktion. Die „Jüdisch-liberale Zeitung" erscheint jeden Mittwoch. «edottion «nd Geschäftsstelle: verltn SW 11. tzaNefche Str. 1 fernrus: Bergmann Z3SS, 3LSS ll Nachdruck sämtlicher Original-veittSge astfcheckkouto: Berlin ND 7. 137069 nur mit vorheriger Genehmig««- der (Vereinigung für das liberale Judentums \\_Redaktion gestattet. üezugsprei» durch die Geschäftsstelle '/dährllch M. Einzelnummer 0.2b. Bei freier Zusendung i. Inland L30! Jür die Mitglieder der Vereinigung ist -er Bezugspreis im Mitgliedsbeitrage enthalten. Anzeigenpreise: Die 12gespalt.Nonpareillezeile0.45 , Anzeigentarif durch die Geschäftsstelle. Anzeige««»- > na h m e bei der Geschäftsstelle u. sämtl. Aunonceu-ExpedU. Nr. 32 WSmmrnm Berlin. 6. August 1930 10. Jahrgang Der Schlutz der liberalen Veltkoufereur In den Berichten über die Telegiertentagung des „Weltverbandes für religiös-liberales Judentum", die wir in den letzten beiden Nummern unseres Blattes veröffentlichten, mnß?- ten wir aus technischen Gründen den Abdruck einzelner Referate zurückstellen. Soweit möglich holen wir dies heute nach. Tie Sitzung am Sonntag, 20. Juli, nachmittags war, wie erinnerlich, dem Problem der persönlichen Frömmigkeit gewidmet. Tr. M a t t u ck s Referat über den Begriff der persönlichen Frömmigkeit haben wir bereits abgedruckt, indessen konnten wir von dem nachfolgenden Vortrag Tr. Seligmanns nur einen ganz kurzen Auszug bringen. Wir holen heute den vollständigen Abdruck nach: Läßt sich Frömmigkeit lehren? von Rabbiner Tr. Caesar Selig mann, Frankfurt a. M. „How to Jnculcate Jt, wie läßt sich persönliche Frömmigkeit, bas heißt Sittlichkeit und Gottverbundenheit lehren, einslößen, auf andere Menschen übertragen?" Darauf könnte ich mit einem Satze, ja mit einem Worte antworten: überhaupt nicht! Und mit dieser Antwort scheint auch ein deutsches Sprichwort übereinzustimw.cn: „durch Lehre klug (man kann auch sagen: durch Lehre gut) von hunderil keiner, durch Beispiel klug von hundert einer". Aber so einfach wollen wir uns die Aufgabe doch nicht machen. In diesen Pessimismus cinzustimmen, verbietet uns schon die Tatsache, daß wir Juden das geschichtliche Volk des Optimismus sind. Auf drei verschiedenen Wegen hat die Menschheit versucht, persönliche Frömmigkeit, vor allem Sittlichkeit, anderen einzuflößen. Ich möchte die drei Wege mit Schlagworten den Weg des Intellektualismus, den Weg des Asketismus und den Weg des Gesetzes nennen. Der Weg des Intellektualismus ist aus griechischer Weisheit geboren. Es ist die Lösung, die zuerst der weise Sokrates gefunden- und die von der griechischen Philosophie verbreitet wurde, so sehr uro* breitet, daß sie bis zum heutigen Tage die gebildete Welt beherrscht. Es ist die Weisheit, die in alle ethischen Systeme übergegangen ist, der Glaube, daß man das Sittliche nur zu wissen brauche, um es zu tun, daß unser sittliches Verhalten aus unserem sittlichen Erkennen! fließe, daß Tugend lehrbar sei. Alle Tugend, sagt Sokrates, beruht auf Wissen, so wie das Böse einzig im Mangel an Wissen oder im Irrtum seinen Grund hat. Wo nur das wahre Wissen vorhanden ist, cht es auch stets siegreich über alle Leidenschaften und Reizungen zum Bösen. Alles was mit Wissen geschieht, so behauptet Sokrates, «ist gut, niemand ist mit Wissen schlecht. Aber der weise Sokrates übersah, daß wir in Wahrheit das Bessere wissen und das Schlechtere tun. Es werden uns schon seit mehr als zweitausend Jahren die edel st ei: Grundsätze der Moral gelehrt. Wir sagen die Grundsätze der Sittlichkeit her wie ein auswendig gelerntes Sprüchlein. Unser Kopf ist voll von sittlicher Weisheit, und unser Mund fließt davoi: über. Aber was hat der europäischen Menschheit all ihr Wissen von der Sittlichkeit geholfen? Hat das Wissen die Selbstsucht, die Schwäche, die Leidenschaft aufgehoben? Hat die Bildung des Verstandes Liebe und Gerechtigkeit in die Herzen gepflanzt? Hat die intellektuelle Erkenntnis das ethische Tun erzeugt? Wenn der Sturm der Leidenschaft durch die Seele braust, wie ohnmächüg erweist sich da all unser Wissen! Wo hätte je das bessere Wissen unfern Eigennutz und unsere Schwäche überwunden? Das ist cs ja auch, woran der intellektualistische Moral- und Religionsunterricht scheitert und so wenig wirkliche Erfolge auszuweisen hat. Der zweite 'Weg, den die Menschheit gegangen ist, ist der Keg des Asketismus. Das ist der Weg der großen und tiefen Kultur,'die das halbe Asien beherrscht; aber nicht nur im Buddhismus, sondern auch in mannigfachen geschichtlichen Erscheinungen europäischer Kultur, vor allem im Mönchstum, wird dieser Weg beschrittcn. Durch Abtütnng der Sinne, durch Exerzitien will man das Leben meistern. „Am Irdischen soll man nicht fester hangen, als der Tropfen am Lotvs^ blatte", so lautet die indische Weisheit, „alle wandelbaren Empfindungen und Begierden soll man abtun und so die Stelle der Seele, den tiesci: Frieden des Ausgelö'chtseins aller irdischen Wünsche und Leidenschaften erlangen — Nirwana." Es ist dasselbe, was in seinem Alter der deutsche Dichter mit den Worteir gesagt hat: Und solang du das nicht hast, Dieses ftirb und werde, Bist du nur ein trüber Gast Aus der dunklen Erde. Ein Franz voi: Assisi, ein Buddha, wenig andere mögen diesen Weg gegangen sein. Es ist ein Wog der Wenigen, aber nicht derBielen. Wir werden nicht fertig mit unsrer natürlichen Sinnlichkeit, und wenn wir uns die Augen aus den Höhlen reißen — die Sinne leben. Und wenn wir sie lebendigen Leibes abtöten wollen, so rächen sie, sich, indem sie uns niemals zu Ruhe und innerer Harmonie kommen lassen. Ein Luther in: Augustinerkloster, der sich geißelte und die schärfsten Bußübungen auferlegte und doch nicht zu Frieden und zur Wahrheit kommt, ist uns ein lebendiges Zeugnis. Den dritten, eigenartigen, viel verkannten und geschmähten Weg hat das Judentum eingeschlagen. Jenen Weg, den auch ein großer deutscher Dichter als den einzigen Weg zur Sittlichkeit mit den Worten preist: „denn um sich greift der Mensch, nicht darf man ihn der eignen Mäßigung vertrauen, ihn hält' in Schranken nur das deutliche Gesetz und der Gebräuche tiesgetretne Spur." Das deutliche Gesetz und der Gebrauche tiefgctrctene Spur — klingt das nicht aus dem Munde Schillers wie eine Verherrlichung des viel verkannten und geschmähten jüdischen Weges? Ist das nicht der wesentliche Inhalt und das charakteristische Prinzip des Mosaismus und Rabbinismus? Mose und die großen Lehrer des Judentums nach ihm wußten, daß man der Begehrlichkeit, der Selbstsucht uick dem Eigennutz nur dadurch bcikommen könne, daß man das Gesetz als Wächter dem Menschen geselle. Sie wußten, daß man die lauernden Feinde der Sittlichkeit weder durch bloße Ideen und emgelernte Grundsätze, noch durch Ertötung des natürlichen Daseins überwinden könne. Darum setzten sie nicht den Intellektualismus zum hilflosen Wächter der Sittlichkeit, sondern bauten mitten in die natürliche Welt des Menschenlebens ein „Leben der Ewigkeit", eine ideale Welt der Heiligung hinein. Diese ideale Welt ist das Gesetz der Thora, ist das jüdische Leben mit| seinem hundertfach aus Gewohnheit und Gebräuchen, aus Erinnerungen und Symbolen crschalle:vden Weckruf: „Beherrsche dich selbst!" Wenn der Wahlspruch des Griechentums lautet: „Erkenne dich selbst!", wenn der Wahlspruch des Asketismus lautet: „Verneine dich selbst!", so lautet der Wahlspruch des Judentums: „Beherrsche dich selbst!" Wie aber erlangt man die Herrschaft über sich selbst? Durch die Herrschaft über die Stunde, über den Augenblick. Denn die .Herrschaft über den Augenblick ist die Herrschaft über das Leben. Darum tritt das Judentum jeden 'Augenblick fast an den Menschen heran. Darum hat es mit hundertfachem Gesetz das Leben durchslochten. Darum hat es tausend Dämme und Zäune aufgebaut und den Purpurmantel göttlichen Dienstes um das Haupt des Juden gehüllt. Das ist der Zweck und Sinn des „Gesetzes", um dessentwillen es gebotxn hat, vom Schnüren der Sandalen beim Ausstchen bis zum Nachtgebet beim Niederlegen, jeden Genuß und jedes Leid, jedes Bcgcgnis, jeden Sinneseindruck zu heiligen, d. h. der Sphäre der bloßen Sinnlichkeit zu entziehen und in das Reich der Bersittlichung hinaufzuhcben. So haben schon die Rabbincn des Talmuds das vielgestaltige Gesetz empfunden und.seinen Zweck mit den Worten bezeichnet: „die Gebot? sind zu keinem andern: Zweck gegeben, als um den Menschen sittlich zu läutern". Wenn du die Mesusah, die Türpsosteninschrist im Hause sichst mit dem Worte Schaddai, der Allmächtige, dir entgcgenblickcnd, wenn du die Tephillin legst, um die Gedanken deines Hauptes und die Regungen deines Herzens vor dem Allwissenden zu prüfe::, so hast du mit den Worten des Thora-Segensspruches „Leben der Ewigkeit in unsere Mitte gepflanzt". Eü: wunderbarer Weg, ein eigenartiger Weg. Aber auch dieser Weg — und das ist der letzte und tiefste Grund des Entstehens und Bestehens des liberalen Judentums, seine tiefste Rechtfertigung und Notwendigkeit — ft«u> dieser öeg hat nicht zmn Ziele geführt. Denn das war ja die große Gefahr, die von den ältesten Zeitjen an imj Hintergründe lauerte, daß man das Mittel zum Zwecke machte und den Zweck aus den Augen verlor. Werkheiligkeit, wie man es genannt: Nachdenkliches zu den kommenden jüdischen Gemeindewahlen Von den Zionisten wird der kommende Wahlkampf besonders unter der Parole der Errichtung jüdischer Schulen — vom jüdischen Kindergarten bis zur höheren jüdischen Schule — geführt. Tie Trennung der Kinder von der nichtjüdischen Umwelt soll das „jüdische Milieu" in Teutschland vollenden helfen. Tabei handelt es sich nicht etwa nur um die Errichtung konfessioneller Schulen, sür die ebenso wie bei andern Konfessionen Staat oder Kommune zu sorgen hätten. Insbesondere von zionistischer Seite aber wird Wert daraus gelegt, daß das jüdische Schulwesen „autonom" sei — und deshalb belastet man lieber den Etat der jüdischen Gemeinden. So zahlt das jüdische Gemeindemitglied sür Schulzwecke Steuern sowohl an den Staat als auch an seine jüdische Gemeinde. Welche Zustände sich dabei entwickelt haben, zeigt ein Blick auf den Etat der Berliner Jüdischen Gemeinde, in dem sür das Jahr 1930 neben den Ausgaben sür den Religionsunterricht etwa 600000 RM., ein Zehntel aller jüdischen Gemeindesteuern, für jüdische Schulen Verwendung finden. In der Knabenmittelschule kostet jeder einzelne Scljüler aus Steuerrnitteln der jüdischen Gemeinde jährlich einen Zuschuß von etwa 1100 RM., so daß jedes Kind, das in der jüdischen Grundschule und in der Knabenmittelschule seine Ausbildung findet, mindestens 7000 AM. Zuschuß aus jüdischen Steuermittetn erfordert. Tie kommenden Wahlen werden die Entscheidung darüber zu bringen haben, ob aus diesem Wege weitergegangen werden soll, und ob die zionistischen Experimente zur Bildung eines Netzes jüdischer Schulen, zur Errichtung jüdischer Gymnasien und jüdischer Oberlyzeen aus Kosten der jüdischen Steuerzahler fortgeführt werden sollen. Und dabei wird auch zu entscheiden sein, in welchem Geist die Erziehung der jüdischen Kinder in Zukunft vor sich gehen wird. Welche Gefahren hier drohen, ersieht man aus einem Beispiel, das Mexander Szanto in seiner kürzlich erschienenen Schrift „Ter Zionismus — eine nationalistische und reaktionäre Utopie" anführt: „Beim Naturkundeunterricht in der Berliner jüdischen Knabenmittelschule wurden bei der Besprechung des menschlichen Skeletts alle Schüler, die den Namen Cohn führten, aus der Stunde entlassen, weil irgendein alttestamentarisches Gesetz den Nachfahren des Stammes Cohen verbietet, mit Leichen oder Leichenteilen zusammen unter einem Tache zu weilen. Ueber diesen Vorfall haben sich selbst Rabbiner, so der auf liberalem Boden stehende Berliner Rabbiner Tr. Galliner, aufs lebhafteste entrüstet und ihn als in völlige Gegensatz zu allen neuzeitlichen Auffassungen stehend bezeichnet." So wird der Ausgang, der Wahl von entscheidender Bedeutung auch sür die Zukunft unserer Kinder. In ihnen wird mit darüber bestimmt werden, ob die jüdischen Kinder in Teutschland isoliert, und in einem Geiste erzogen werden, der sie ähre Heimat in Palästina sehen lehrt, oder ob das deutsche Judentum in Teutschland verwurzelt bleibt. Liberaler verein der indischen Gemeinde za Berlin e. e. MilDliederuersammlung im Plenarsaal des ehemaligen Preussischen Herrenhauses, Leipzigerstrasse 3 am Donnerstag, den 14. August abds. 8 Uhr Eintritt nur ffir Mitglieder gegen Abgabe der Eintrittskarten am Saaieingang hat, und Selbstgerechtigkeit lauem auf diesem Wog, Glaube an den Wert des bloßen äußeren, angelernten Tuns ohne wahrhafte Versiltlichung, ohne wirkliche Gottverbundenheit. „Ein Sohn ehrt den Vater, und ein Knecht seinen Herrn: wenn ich Vater bin, wo ist meine Ehre, und wenn ich Herr bin, wo ist die Furcht vor mir, spricht der Ewige der Heerscharei:, ihr Priester, Verächter meines Namens!" E i n Fünkchen persönliche Frömmigkeit wiegt mehr als noch so peinlich geübte überkommene Frömmigkeit, die nur äußeres Tu:: ist. Und das ist der letzte Sinn und Wille des liberalen Judentums: Sehnen und Rufen nach persönlicher Frömmigkeit, Suchen nach dem eigenen Gott und nicht nur nach dem Gott der Väter. Hätte die Orthodoxie des Judentums in Wirklichkeit und zu allen Zeiten nur wahrhaft gottverbundene Menschen, sittlich hochstehende Persönlichkeiten hervorgebracht, so wäre nie ein liberales Judentum entstanden und hätte keine Lebensberechtigung. In diesem Sinne Hat man nicht mit Unrecht gesagt, es sei viel leichter, orthodox als liberal zu sein. In diesem Sinn hat dies Wort seine unbestreitbare Wahrheit. Denn dies ist die schwere und scheinbar unlösbare Aufgabe, diese persönliche Frömmigkeit auf andere zu übertragen, sie einzuflößen und zu lehren. Denn Persönliches ist eben nur rein Persönliches, Unübertragbares, nicht durch Lehren zu Vermittelndes, und es scheint geradezu eine contradictip in adjecto, Persönliches zu entpersönlichen, indem man es anderen beizubringen versucht. Aber sollen wir darum die Waffen strecken, sollen wir ganz und gar darauf verzichten, Wege zu suchen, persönliche Sittlichkeit und persönliche Frömmigkeit zu wecken und zu verbreiten? Ich meine, wir sollten alle drei versuchten Wege der Menschheit gehen. Wir sollten mindestens auf den beiden Wegen, dem Weg des Intellektualismus, wie das Griechentum es zuerst gelehrt und wie cs übernommen worden ist von den Völkern Europas, und auf dem eigenartigen Weg des Judentums versuchen, persönliche Frömmigkeit, soweit dies möglich ist, zu lehren, einzuflößen und zu verbreiten. Wohl kann Lehre dort nicht wirten, wo die Willcnsrichtung ihr nicht entgcgenkommt. Aber Jie kann Schlummerndes wecken und in der Seele Ruhendes ans Tageslicht rufen. „Unabweisbar ist das freie, belehrend« Wort. All seine Güter hat sich das Menschengeschlecht durch die mündliche Belehrung, durch die das ganze Lebensalter hindurch währende Erziehung erobert. Zu alle:: Zeitei: war auch in Israel das Wort der Lehre von Mund zu Mund vernommen worden, und jedes ftrnerq Gedeihen jüdischer Anstalten kann nur dem Einsicht und Erkenntnis ausgießenden Worte entstammen." (Zunz, Gottesdienstliche Vorträge, Vorrede S. X.) Gibt es nicht einen Enthusiasmus, der Funken schlägt und durch das flammende Wort sich fortpslanzr in hunderten und tausenden von Herzen? Alles Große uivd Edle in der Menschheit, die gesegnetsten und fruchtbarsten Institutionen, die das Menschengeschlecht zu höheren Stufen der Sittlichkeit getragen haben, siivd durch Enthusiasmus entstanden. Wenn aus der urweltlichen Barbarei das Menschengeschlecht sich zu immer höhere:: Stufen der Kultur erhoben hat, wenn es unleugbar religiöse Bewegungen und Erschütterungen von persönlicher Hingerissenheit gegeben hat, die nicht von selbst entstanden sind, müssen doch motorische Kräfte vorhanden gewesen sein, die die Menschheit weitergetrieben haben. So stand Enthusiasmus an der Wiege aller großen sittlichen und religiöse:: Errungenschaften. Stärker aber noch als durch das noch so feurige Wort können wir Enthusiasmus selbst gewinnen und anderen einflößen durch das belehrende und durch das lebendig«! Beispiel. Nicht durch doktrinäre Belehrung und theoretische Auseinandersetzung, sonden: durch die Anschaulichkeit des Beispiels üben wir in unserem Religionsunterricht und von der Kanzel die größere Wirkung. Wenn wir in Schule und Gotteshaus, von Kanzel und Katheder, die lebendigen Gestalten unserer Bäder und Mütter vor Augen führen, die durch den tiefen Strom von Leid hindurchgeschritten, die ein Märtyrertum wie kein Volk auf Erden erlitten haben, und dennoch an ihrer Frömmigkeit sesthielten und von ihrem Gott nicht ließen; die wahrlich nicht blind durch die Welt gegangen sind, in deren Herzen auch Unglaube und Zweifel «inzogeu, die tausendmal nach dem Gott der Gerechtigkeit und der Liebe gefragt und gerufen haben —- aber immer und immer wick>er aus ihrer demutvollen Frömmigkeit heraus gesprochen haben, wie Nathan der Weise zum Klosterbruder: „und doch ist Gott", — weckt das nicht eigene Frömmigkeit und reißt fort zu dem Verlangen nach jener Tapferkeit des Glaubens, wie ihn unsere Väter und Mütter besaßen? Wenn wir einen Hiob ihnen zeigen, dem alles, was Menschen Glück nennen, Wohlstand, Familicnglück, Gesundheit, genommen ward, uni> der bei alledem an seiner Gottesfurcht sesthielt und ausrief: „sollen wir nur das Gute von Gott annehmen und das Böse nicht? Gott hat gegeben, Gott hat genommen, der Name Gottes sei gepriesen", — sollte das nicht den Enthusiasmus der Nacheiferung erwecken, der der persönlichen Frömmigkeit die bereitwillige Seele öffnet? Denn das ist freilich die Voraussetzung, daß «ine angeborene normale Aufnahmefähigkeit und Ausnahmen