Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 24 (11.6.1930)
- Date
- 1930-06-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Denken und Fühlen an Ihren Bestrebungen, Arbeiten und Gebeten teil. Empfangen Sie die Wünsche, welche die liberale Jugend Frankreichs brüderlich für das wachsende Gedeihen Ihrer Arbeit hegt, und Gottes Segen helfe Ihnen in Ihrem Streben, das Reich Gottes für jetzt und alle Ewigkeit zu errichten. Für die liberale Jugend Frankreichs Otto Herz, Wien: Im Namen der Wiener jüdischen Jugend und der ganz Oesterreichs, die in der notwendig gewordenen Verjüngung der Religion und der Anpassung an die Verhältnisse der heutigen Zeit ihr zu erstrebendes Ziel sieht, entbiete ich dem erstmaligen Gesamttreffen der Jlis unsere herzlichsten Grüße und hoffe, daß es ein ersprießliches Ergebnis für uns junge Jüden zeitigen wird; ja ich wage zu glauben, daß die Tagung ein bedeutsamer Markstein in der Aufwartsbewegung der jüdisch-liberalen Bewegung in ganz Europa bleiben wird. T«r Verpflanzung des Gedankens nach Wien und ganz Oesterreich stellen sich zur Zeit noch Hemmungen und Schwierigkeiten entgegen, die überwunden werden müssen. Doch die Zeit wird auch bei uns österreichischen Juden freie Balm schaffen; dann, Brüder im Reich, wollen wir Euch nicht n a ch st e h e n! Dr. Zoseph Norden zum 60. Geburtstag Von Dr. S. Samuel (Essen). Zur gleichen Zeit, wo unsere jüdisch-liberale Jugend zu einer großen, den ernstesten Fragen gewidmeten Tagung in Dresden zusammenströmt, kann sie mit uns allen, die wir in der religiös-liberalen Bewegung stehen, zu einem Gelehrten und Führer von besonderen Verdiensten ausschaum: zu Dr. Joseph Norden, Rabbiner in Elberfeld, der am 17. ds. Monats sein 60. Lebensjahr vollendet. Geboren am 17. 6. 1870 in Hamburg, in einer streng-srommon Familie; Zögling der Talmud-Thora-Realschule; sodann Schüler des „Johanneum" (eines von Joh. Buggenhagen, dem Freunde Luthers, 1529 gestifteten Gymnasiums): gleichzeitig Talmudjünger bei Oberrabbiner Marcus Hirsch, Rabb.-Assessor Tr. Scmijoil Phil. Nathan, Dr. Margolius und Dr. Jos. He ine mann hätte Jos. Norden eine Säule der Orthodoxie werden müssen, wenn man seine Ausbildung auf dem I s r a e l - H i l d e s h e i m e r scheu Rabbiner-Seminar in Berlin, unter diesem Gelehrten, sodann unter Prof. DavidHoffmann und I o s. B a r t h hinzu nimmt. Aber Forschertrieb und Wahrheitsstreben ließen den jungen Theologen nach langen, inneren Kämpfen zum entschie .denen, unerschütterlichen Liberalismus' gelangen. Nicht zwar in den Gemeinden Neustettin und Myslowitz, wohl aber feit 1907 in Elberfeld fand Dr. Norden den Boden, für ein Wirken im Sinne des religiösen Fort schritts. Hier fand er eine gewisse liberale Tradition vor; von hier aus knüpfte er geistigen Verkehr mit den meist gleichgesinnten Amtsgenossen der beiden westlichen Provinzen an, zusammengeschlossen im dortigen, äußerst regsamen Rabbmerverband; und schuf sich in der Elberfelder Ortsgruppe der Liberalen Vereinigung eine besonders verständnisvolle Gefolgschaft. Eine solche hatte er doppelt nötig, weil es auch in Elberfeld Unterströmungeu, ja Gegenbestrebungen genug gab, ganz abgesehen von den nirgends fehlenden Nörglern, die zwar einen liberalen Rabbiner dem Namen nach, nicht aber der Tat und der Verwirklichung nach dulden mochten. Dr. Joseph Norden ist aber einer der wenigen, allzu wenigen liberalen Rabbiner, die Bekennermut besitzen und sich lieber Anfeindungen, ja Verfolgungen aussetzen, als von "der emmal erkannten Wahrheit abzugehen und die in Wort und Schrift verkündete Lehre im Leben zu verleugnen. Es ist nicht zuviel gesagt, daß Dr. Joseph Norden wie ein ^Held, ja wie ein Märtyrer fernen Platz behauptet hat; lange ^ahre unter seelischem Leid (man erinnert sich seines edlen Sohnes, des phylosophisch hochgegabten Sind. Hans Norden, der nach qualvollen. Leiden als spätes Opfer des Krieges dahinging), lange auch von Krankheit, einer Folge von Kriegsentbchrungen, heimgesucht. Innerlich i st D r. N o r d e n d u r ch dies alles nur fester geworden. Es braucht kaum hervorgehoben zu werden, daß die Gemeinde an ihm einen Manu von äußerster Pflichttreue und Gewissenhaftigkeit besitzt, der das Predigtamt wichtig, den Religionsunterricht noch wichtiger nimmt, und hohes, soziales Verständnis, sowie Duldsamkeit gegen alle Richtungen beweist. Was aber Dr. Norden besonders auszeichnet, ist sein tiefgründiges, umfassendes talmudisches Wissen, das auch seine Gegner uneingeschränkt anerkennen müssen. Fast möchte man es bedauern, daß ein Mann von so reichen, rabbinischen Kenntnissen sich der Kleinarbeit einer Gemeinde widmen muß! Er wäre Autorität genug, um eine groß angelegte, jüdisch-liberale Theologie aus den Quellen zu verfassen; etwa den wissenschaftlichen Kommentar zu den Richtlinien. Eine kleine Mschlagszahlung lieferte er bereits durch seine Uebersetzungen aus David Philippsons „The reform movement in Judaism"; eine größere durch seine in 2 Auflagen (1918 u. 1926) im Aufträge der „Vereinigung" verfaßte Schrift: Grundlagen und Ziele des religiös-liberalen Judentums. Hier bewundern wir nicht nur die sachliche Abgrenzung gegen Orthodoxie, Mittelpartei und Zionismus; hier sind die positiven Gründe für den Wandel in den Grundanschaunngen und in STRAHL & FALKE BLUMEN-AUSSTELLUNQ BERLIN W 66!±E MAUERSTR. 79 FERNRUF: ZENTRUM 5023 u. 5024 BLUHENSPENOEN . TRAUERSPENDEN TAFELSCHMUCK INNENDEKORATIONEN IN HOnSTLERUEH AOSFOHRUIIG der Lebensführung des modernen Judentums in ebenso klaren wie warmen Worten daraelegt. Und es teilt sich dem Leser die Zleberzeugung des Verfassers mit, daß der liberalere nicht der schlechtere Jude sei, sondern seinem Gotte und seinem väterlichen Glauben mit gleicher Innigkeit und Treue diene. Welcher Pietät für wahrhafte Werte unser Jubilar von seinem einstigen Lehrer für fähig gehalten wurde, beweist die Tatsache, daß Dr. Samson Nathan ihn gerade zum Herausgeber seiner Scholim zur Mischna bestimmte (Nachlat Schimschon (1906). Und hatte er doch aus eigenem Antrieb seinem Vorgänger David Deutsch (dem Uebersetzer des Ehifuk emuno v. Isaak Troki) ein Denkmal (durch ein „Lebensbild", 1902) gesetzt. Welchen Anteil Dr. Norden an den Streitfragen der Gegenwart nimmt, zeigt nicht nur seine lichtvolle Schrift „Auge u m Auge, Z a h n u m Z a h n" (im Philo Verlag. 1926), sondern sein Eindringen in den Stand der Jesusforschung, von dem sein hier veröffentlichter Bortrag Zeugnis ablegt. _ Dr. Norden ist kein hinreißender Redner, kein bestechender «christsiellec; aber er ist zwingend klar und dadurch überzeugend. Er will nicht Andersdenkende angreisen »der bloß?« stellen; er will die Lauen im eigenen Kreise erwecken, den 'suchenden zu Hilfe kommen, den Schwankenden em Beispiel des Mutes und der Treue liefern. Seit einiger Zeit in feiner amtlichen Tätigkeit entlastet, kann unsere Organisation noch Bedeutendes von seinem Wissen und Können erwarten. Auf^ richtig, aber nicht erst der Zukunft unserer Sache wegen, sondern im Hinblick auf das dankbar anzuerkenneuve hohe Matz seiner bisherigen Leistung und auf die Lauterkeit und Unerschütterlichkeit feiner uns einigenden Gesinnung ist unser Wunsch für Dr. Norden, den Gelehrten und Führer: mit Gott ad meo chono — in multos anuos? Jesus von Nazareth in der veurteilung der Juden einst und jetzt Von Rabbiner Dr. Zos Jesus und feine Gegner; die Schuld an feiner Hinrichtung. Wenn Jesus durch seine öffeutlichen Reden Anstoß erregt hat, so werden wir uns zu fragen haben: Bei welchen Kreisen hat er es getan? Geschah es bei seinen jüdischen Volksgenossen, oder bei den Römern? Run, zunächst scheint er bei den Römern kein böses Blut gemacht zu haben, sondern in den jüdischen Kreisen, und zwar in so ziemlich allen Kreisen. Ta waren zunächst die politischen Eiferer, die Zeloten, die Nationalisten, die um jeden Preis die römische .Herrschaft cvbschütteln wollten. Tödlicher Haß wohnte in ihren Herzen gegen die Unterdrücker, vor allem gegen den Landpfleger Pontius Pilatus. Für diesen Haß vermochte Jesus kein Verständnis auszubringen. Er war völlig unpolitisch; ihm tag nichts an der politischen Freiheit des jüdischen Bolkes. S i t t l i ch e Freiheit des einzelnen Menschen: das war fein Ideal. So verwarf er denn jede Unbotmäßigkeit gegen die römische Oberhoheit: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist." Da waren ferner die Sadduzäer: das waren die Reichen, die Vornehmen, die Kapitalisten, die Geldaristokraten. Gegen sie wandte sich Jesus mit beißender Schärfe. Und indem er die Partei der Armen ergriff, die Partei der Enterbten, der Mühseligen, der Bela denen, der durch Kummer und Sorge Niedergebeuglen, indem er i h r Leid zu dem s ei n i g e n machte, ging er so weil, den R e i ch t u m schon an und für sich als Sünde zu brandmarken und die Armut schon an und für sich als eine Tugend und ein Verdienst zu feiern. „Es ist leichter, daß ein Kamel durch ein Nadelöhr hindurchgeht, als daß ein Reicher ins Himmelreich komme." „Selig seid ihr Armen; denn das Reich Gottes ist euer." Und schließlich waren da die Pharisäer mit ihrer maßlosen Ueberbetonung der äußeren Religionsgebräuche, mit ihren auf die Spitze getriebenen Bestimmungen über die äußere Heiligung des Sabbats, über die rituelle Reinheit, über'die Speisegesetze. Die Pharisäer wollten durch die zahllosen rituellen und zeremoniellen Bestimmungen den schwer bedrohten Volkskörper Zusammenhalten. Es lag ihnen daran, die nationale Einheit zu festigen. Der nationalen Einheit zu Liebe sollte sich der Einzelne den bis ins Kleinste gehenden religionsgesetzlichen Anordnungen fügen. Jesus bekämpfte diese pharisäische Forderung; ihm lag nichts an der Erhaltung der jüdischen Nation. Höher g l s die Nation st a n d ihm die sittliche Einzel- Persönlichkeit. Der nationalen Religion stellte er gegenüber die Religion des Herzens. Dazu^kam, daß sich in den Kreisen der Pharisäer nicht selten Scheinheiligkeit breit machte. Heuchelei und Scheinhciligkeit aber waren Jesu derartig zuwider, daß er in seinem heiligen Zorn über das Ziel hinausschoß und ungerechtermaßen die ganze Richtung der Pharisäer in Bausch und Bogen verurteilte. So machte sich Jesus also bei den verschiedensten Volkskreisen unbeliebt: bei den Zeloten, den Sadduzäern und den Pharisäern. Beliebt war er nur bei den nie deren Volksschichten, als deren Fürsprecher er auftrat, weit er, selbst von einfacher Herkunft, als Sohn des Zimmermanns Joseph, sie verstand und mit ihnen fühlte. Aber das waren ja die Kreise, die keinen Einfluß besaßen. Die anderen Kreise erblickten in Jesus einen Gegner, einen höchst unbequemen Mahner. War es ein Wunder, daß man alles daran setzte, ihn mundtot zu machen? Wie war es denn anderen ergangen, die sich als Propheten mahnend und warnend der herrschenden Strömung entgegengestellt hatten? Mußte nicht Mose einst schmerzersüllt ausrufen: „Was soll ich mit diesem Volke tun? nur wenig fehlt, daß sie mich steinigen?" Wurde nicht der Prophet Arnos von pem Götzenpriester Amazjah aus dem Reiche Israel ausgewiesen? Wurde nicht der Prophet Secharja, Sohn des Priesters Jojada, aus Befehl des Königs Joas in der Vorhalle des Tempels in Jerusalem gesteinigt, weil er dem Volk zugerufen: „Warum übertretet ihr die Gebote des Ewigen? ihr werdet kein Glück haben. Weil ihr den Ewigen verlassen habt, wird er auch euch verlassen"? Wurde nicht der Prophet Jeremia wiederholt ins Gefängnis geworfen und entging nur mit knapper Not dem Märtyrertode? Und ist es in der Zeit nach Jesus nicht ebenso gewesen? Ist der Ruf „Kreuzige ihn!" nicht immer ertönt, wenn es galt, einen mißliebigen Mahner unschädlich zu machen? „So schrie die Menge stets", sagt Emil Ludwig in seinem Buch „Der Menschensohn", „noch nach zweitausend Jahren wird sie so schreien."'-) Nun wird von jüdischer Seite freilich behauptet: „Tie Juden sind es ja gar nicht gewesen, die Jesus hingerichtet haben. Das haben die Römer getan, weil seine Anhänger ihn als den „König der Juden" verehrten und die Römer in ihm einen Empörer gegen die römische Oberhoheit glaubten erblicken zu müssen. Darum ließ ihn der Landpfleger Pontius Pilatus hinrichten, wie er in seiner ruchlosen Grausamkeit zahlreiche andere jüdische Aufwiegler hat hinrichten lassen." Das ist, rein äußerlich betrachtet, zweifellos richtig. Wir können darauf Hinweisen, daß in jenen Tagen den Juden das Recht über Leben und Tod von den Römern Emil Ludwig: Der Menschensoh», £■ 262. pH Rorden, Elberfeld Fortsetzung. schrift auf dem Kreuz: „Jesus von Nazareth, König der Juden" nur dann einen Sinn hat, wenn die Hinrichtung von seiten der Römer erfolgt ist. Wir können daran erinnern, daß die fürchterliche Tötungsart des Kreuzigens bei den Juden nicht bekannt war, daß die hebräische Sprache noch nicht einmal ein Wort für „kreuzigen" gebildet hat. Das alles ist zweifellos richtig. Aber es beweist doch nur, daß das Todesurteil tatsächlich nicht von den Juden gefällt worden ist, sondern von den Römern. Eine andere Frage jedoch ist die, ob die Juden an dem Justizmord völlig unschuldig gewesen sind. Und da unterliegt es wohl keinem Zweifel, daß Juden ihre Hand im Spiele hatten. Mag die Schilderung des Evangeliums, einer seiner eigenen Jünger, Judas Jscharioth, habe seinen Meister verraten, immerhin eine Legende sein: als wahr werden wir a n n e h m e n müssen, daß einflußreiche jüdische Kreise, gegen die Jesus -ausgetreten war, den Landpsleger auf Jesus aufmerksam gemacht und sein Wirken als politisch gefährlich hingestellt haben. Es wäre unehrlich, diese Tatsache vertuschen oder auch nur im geringsten beschönigen zu wollen. Mit tiefem Bedauern gchen wir zu, daß gewisse jüdische Kreise im damaligen Jerusalem an der Hinrichtung Jesu wenn nicht allein schuldig, so doch zum mindesten mitschuldig gewesen sind. Das war gewiß kein Heldenstück. Wenn nun aber die Christen Hunderte voll Jahre n uns vorgeworfen haben und vielfach noch heutigen Tages verwerfen: „I h r habt unfern Christus getötet, b z w. euch an feiner Tötung mitschuldig gemacht", so werden wir den Vorwurf mit der größten Entschiedenheit zurückweisen. Wir werden ihnen mit aller Deutlichkeit sagen: „Das ist nicht eure, sondern unsere Angelegenheit. Nicht eurem Christus, sondern unserm Jesus rst Unrecht geschehen. Der Vorfall hat sich in den Grenzen des jüdischen Staates abgespielt. Ein unschuldiger Jude ist hingerichtet worden auf jüdischem Boden unter Mitschuld jüdischer Menschen. Im übrigen aber", so werden wir ihnen weiter sagen, „habt ihr alle Ursache, sehr still zu sein. Habt ihr in euren christlichen Reihen nicht viel größere Schuld auf euch geladen? Habt ihr euch nicht seit dem Bestehen der Kirche gegenseitig zerfleischt? Zählen nicht eure Ketzerhinrichtungen und HexenverBrennungen zu Tausenden und Abertausenden? Haben eure Religionskriege nicht unermeßliches Unglück und unsägliche Trauer über ungezählte Familien gebracht? Und da waget ihr, über uns zu (Gericht zu sitzen?" Und wenn die Christen uns etwa entgegenhalten sollten: „Die Religionskriege, die Ketzerhinrichtungen, die Hexenverbrennungen, das ist unsere Angelegenheit, die wir Christen mit uns allein abzumachen haben, so wie i h r den Justizmord an Jesus als eure jüdische Angelegenheit erklärt", dann werden wir sie an die furchtbaren Bluttaten erinnern, die sie uns Juden gegenüber auf dem Gewissen haben. Mit Recht bemerkt Jakob Klatzkin in seinen „Problemen des modernen Judentums", daß wir Juden uns nicht zu verteidigen, sondern daß wir anzuklagen haben, „..wir fordern", sagt er, „von der christlichen Welt, daß sie uns endlich Genugtuung gibt. Wir fordern Sühne für die Gewalttaten, die sie an uns jahrhundertelang verübt, für all die Widerwärtigkeiten der Rechtskncbelung, die wir zu erdulden hatten, und für die Schäden, die sie unserm Volkstum zngefügt hat. Wir fordern Sühne als Abbitte, Reue, Entsündigung: daß ihre Seele vom Gewissen gebissen und gesühnt werde, daß sie von einem Gefühl, einem großen Schamgefühl erfüllt und so gereinigt werde."") Denselben Gedanken wie Klatzkin spricht Edmond Fleg in seinem Buch „Ein kleiner PropH et" aus, wenn er in erschütternden Tönen unsere Stammmutter Rahel der Jungfrau Maria gegenüberstellt. „Man hat deinen Sohn geschlagen, Jungfrau Maria. Man hat ihn mit einem Dornenkranz gekrönt, man hat ihn an sein K^euz genagelt. Und du, du weinst am Fuße seines Kreuzes. Du weinst, Jungfrau Maria, und ich weine mit dir. Aber hörst du nicht aus dem Gesang der Orgel eine andere Mutter klagen? Siehst du in deinem Schmerz nicht diese Mutter, noch reicher an Schmerzen als du: Rahel, unsere Mutter Rahel, die ihre Kinder beweint?.O du, die du deinen einzigen Sohn beweinst, Jungfrau Maria, blicke auf sie, unsere Mutter Rahel, die Millionen ihrer Söhne beweint, blicke auf sie! .Pharao, Nebukadnezar — haben sie im Namen des Gottes der Liebe getötet? Aber seit Hunderten und Hunderten von Jahren sind es deine Könige, deine Priester, deine Soldaten, Jesus, die uns kreuzigen. Und dein Blut käme über uns? Nein, unser Blut ist es, Jesus, das über dich kommt!"") (Schluß folgt.) t3) Klatzkin: „Probleme des modernen Judentums", 1918, S. 173. u) Cdrnond Fleg: Ein kleiner Prophet, 1927, S. 139 u. 141.