Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 20 (14.5.1930)
- Date
- 1930-05-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Tie deutsche Akademie plant eine wifsenschastliche Erforschung des Jiddischen? Wir entnehmen der Jüdischen Telegraphen-Agentur die Mgende Meldung, für deren Richtigkeit wir ihr selbstverständlich die Verantwortung überlassen müssen. Nach der Jta-Meldung Weht in den Kreisen der Akademie zur wissensch-astlichen Erforschung und zur Pflege des Deutsch-- tums ein starkes Interesse für eine wissenschaftliche Erforschung der jiddischen Sprache, Literatur und Folklore im Rahmen der Arbeiten der Akademie. Ter Plan, ein Institut für Nebensprachen zu errichten und hierbei der Erforschung 'des Jiddischen einen besonderen Platz einzuräumen, hat bereits greifbare Gestalt angenommen. Es gilt dabei, noch! manche Voreingenommenheiten und auch finanzielle Schwierigkeiten zu überwinden. Ter Deutsche Sprachverein hat sich grundsätzlich bereit erklärt, die Errichtung eines Nebenfprachinstitut? gemeinschaftlich mit der Teutschen Akademie in Angriff zu nehmen. Aber bis es zur Errichtung eines solchen Instituts kommt, wird daran gedacht, an die Erforschung des Jiddischen heranzugehen. Stätte dieser Forschungsarbeit soll die Universität Frankfurt sein, vielleicht das Niederländische Institut dieser Universität, dem eine wissenschaftliche Steile für deutsche Nebensprachen angegliedert werden soll Eine besondere Zeitschrift soll diesem Werke dienen, auch soll die notwendige Handbibliothek beschafft werden. In den Kreisen der Akademie glaubt man, daß Frankfurt als eine Stadl mit alteingesessener jüdischer Bevölkerung auch geographisch die geeignete Pflegestätte für Jiddisch sein dürste. Allerdings glaubt man zu wissen, daß gerade in reichsdeutschen jüdischen Kreisen eine gewisse Abneigung gegen die jiddische Sprache besteht. Gelehrte jüdische Kreise wurden gebeten, hierüber ihre Meinung mitzuteilen, ferner darüber, ob jüdische Kreise auch zur Finanzierung des Planes bereit wären. (Bekanntlich widmet sich das Jiddische Wissenschaftliche Institut in Wilna, welches in Berlin wissenschaftliche Sektionen und seine Auslaudszentrale unterhält, der Erforschung der jiddischen Sprache, Kultur. Folklore, Oekonomik, Historie, Wirtschaftswissenschaft. Ethnographie usw.). Die Dreyfus-Affare im Tonfilm. Wilhelm Hertzogs und Hans I. Rehfischs Schauspiel „Die Affäre Dreysus" wurde von der Paramonnt-Filmgesellschaft zur Tonverfilmung erworben. Antisemitismus in der „Hundewelt". Die Berliner Zeitschrift „Hundewelt" bringt einen Aufsatz des Harzburger Nervenarztes Dr. Görlitz über das „Hirnleben des Hundes". Er kommt zu dem Fazit: auch der bsstdresfierte Hund habe seine Fehler und seine Vorzüge wie wir Menschen auch, nur werde man unter den Hunden nie so gemeine Charaktere treffen wie unter den Menschen. „Menschsgemein" sei kein Hund. Jedenfalls kenne er keinen Hund, dem die Revolution und die Inflation den Charakter verdorben hätte. Tie „Frankfurter Zeitung" fragt, unter welcher Rubrik das gehört, was Dr. Görlitz von den bissigsten seiner Hunde erzählt, nämlich daß dieser „einmal" einen Neger angrisf, aber Juden, auch getaufte, überhaupt nicht leiden konnte und sie „stets" anfiel. Warum, fragt die Zeitung, erzählt er uns nicht, wie er - oder ein anderer? - seiuem Hund diesen Antisemitismus bei- Hebracht hat? Von sich aus hat der Hund diesen Instinkt doch sicher nicht. Sagt doch Dr. Görlitz selber: kein Hund sei menschsgemein. Die Zahl der jüdischen Studierenden in Deutschland UniiversitAten. Die soeben im Verlag von Struppe und Wiuckler, Berlin, erschienene „Deutsche Hochschulstatistik" für das Winterhalbjahr 1929 1930 enthält besondere Tabellen über die im Wintersemcüer 1929-1930 immatrikulierten Studierenden der einzelnen Universitäten und Technischen Hochschulen nach Geschlecht und Gruppen von Studienfächern in Verbindung mit der religiösen Zugehörigkeit. Den Tabellen ist zu entnehmen, daß in dem erwähnten Semester an den Universitäten des Deutschen Reiches 38 2 4 Juden (4,21 der Gesamtzahl von 90 743 Studierenden) immatrikuliert waren, Von den jüdischen Studierenden waren 2767 männlich, davon 655 Reichsausländer, und 1057 weiblich, davon 199 Reichsausländer. Von der allgemeinen Zahl der Studierenden (90 743) warerr 75 788 männlich, davon 729 Reichsausländer, und 14955 weiblich, davon 149 Reichsausländer. Von den jüdischen Studierenden studierten Rechtswissenschaft 997 m.,. 167 w.; Volkswirtschaftslehre 141 m„ 60 w.; Betriebswirtschaftslehre 58 m., 14 w.; allgemeine Medizin und Zahnheilknnde 967 m., 418 w.; Tierheilkunde 1 m.; Philosophie und Pädagogik 90 m., 36 w.; alte und neue Sprachen und Germanistik 154 nt., 182 tv.; Geschichte und Geographie 75 m., 37 w.; Mathematik und Physik 86 m., 42 w.; Chemie 90 m., 31 w.; Landwirtschaft 16 m.; sonstige Studienfächer 92 m., 70 w. An den Preußischen Universitäten ist das Verhältnis das folgende: An der Universität Berlin studierten unter 14126 Studierenden 1517 (10,74 «u) Juden, davon 1068 m., 449 w.; Bonn unter 5257 Studierenden 133 (2,53«'«) Juden, 96 in., 37 ir.; Breslau unter 4251 Studierenden 300 (7,06 «I Juden, 231 m., 69 w.; Frankfurt a. M. unter 3665 Studierenden 329 (8,98 Juden, 242 m., 87 w.: Göttingen unter 3715 Studierenden 32 (0,86 «..) Juden, 23 m., 9 w.: Greifswald unter 1536 Studierenden 4 (0,26 «o) Juden, 3 m., 1 w.; Halle unter 2243 Studierenden 18 0,80 «..) Juden, 12 m., 6 w.; Kiel unter 2120 Studierenden 9 (0,42 »■„) Juden, 8 m., 1 m.; Köln unter 5515 Studierenden 193 (3,50 «..) Juden, 157 m., 36 n).; Medizinische Akademie Düsseldorf unter 230 Studierenden 12 (5,22 «..) m. Juden; Königsberg unter 2681 Studierenden 83 (3,10 «..) Inden, 55 m., 28 io.; Marburg unter 3315 Studierenden 29 (0,87 «») Juden, 22 nt., 7 w.; Münster unter 3993 Studierenden 16 (0,40 »„) Juden, 9 m., 7 tu.; an allen preußischen Universitäten studieren demnach unter 52 883 Studierenden 2675 (5,08 «..) Juden. Bayern: Erlangen unter 1692 Studiereuben 26 (1,54 «..) Juden, 20 m., 6 w.: München unter 8400 Studierenden 244 (2,84«..) Juden, 174 m„ 68 w.; Würzburg unter 2713 Studierenden 116 (4,28 «..) Juden, 92 in., 24 w.: in ganz Bayern also unter 12905 Studierenden 381 (2,98 «..) Juden; STRAHL & FALKE BLUMEN-AUSSTELLUNQ BERLIN W 66 MAUSRSTR. 79 FERNRUF! ZENTRUM 3023 u. 3024 BLUMENSPENOEN . TRAUERSPENDEN TAFELSCHNUCK INNENDEKORATIONEN III KllNSTLERISCHER AUSFÜHRUNG in Sachsen (Universität Leipzig) waren unter 6387 Studierenden 208 (3,26 ■».>) Juden, 166 m„ 42 w.; in Württemberg (Tübingen) unter 3086 Studierenden 18 (0,58«..) Juden, 14 m., 4 w.; Baden: Frciburg unter 3470 Studierenden 131 (3,78«..) Juden, 78 m., 53 >v.; Heidelberg unter 2999 Studierenden 182 (6,07 «..) Juden, 119 m., 63 w.; Thüringen (Jena) unter 2789 Studierenden 27 (0,97 »<>) Juden, 23 nt., 4 w.; .Hessen (Gießen) unter 1686 Studierenden 42 (2,49 «..) Juden, 35 m., 7 w.: Hamburg unter 3364 Studierenden 145 (4,31 «..) Inden, 99 m., 46 w.; Mecklenburg-Schwerin (Rostockunter 1374 Studierenden 12 (0,87 «..) Juden, 9 m„ 3 w. Technische Hochschulen. An den Technischen Hochschulen des Deutschen Reiches studierten insgesamt 22 650 Personen (21 992 m., 658 w.), unter ihnen 547 ((2,42 «..) Juden (520 m., 27 w.). Aus Preußen .entfielen unter 8595 Studierenden 350 (4,07 «>.) Juden, 338 m., 12 w.; davon Aachen unter 1027 Studierenden 16 (1,6 «..) m. Juden; Berlin unter 5041 Studierenden 300 (5,95 «.,) Juden, 291 m., 9 w.; Breslau unter 622 Studierenden 23 (3,70 «..) Juden, 20 m., 3 w.; .Hannover unter 1905 Studierenden 1 l (0,58 «..) m. Juden. Bayern (München) unter 4019 Studierenden 35 (0,87 «..) Juden, 32 m., 3 w.; Sachsen (Dresden) unter 3407 Studierenden 40 (1,17 ««) Juden, 35 in., 5 w.; Württemberg (Stuttgart) unter 2039 Studierenden 23 (1,13«..) Juden. 20 m., 3 w.; Baden (Karlsruhe) unter 1287 Studierenden 44 (3,42 «>.) Juden, 43 nt., l w.; Hessen (Tarmstadt) unter 2323 Studierenden 44 (1,89 «..) Juden, 42 m., 2 w.; Braunschweig unter 980 Studierenden 11 (1,12»'») Juden, 10 m., I w. Lin altes Gebet aus de« Tagen zwischen Pessach und Schowuoth Bon Rabbiner Tr. Max Dienemann, - Offenbach a. M. Als man mit der Reform des Gebetbuches begann, war mit das Erste was geschah, daß bis auf einzelne Stücke, die für den Neujahrstag und den Versöhnungslag in Gebraüch blieben, jene Gebete gestrichen wurden, die man mit dem Namen der „Pijutim" bezeichnet hatte. Tie Fortlassung war nicht Willkür, sondern eine innere Notwendigkeit, aus inneren und äußeren Gründen gerechtfertigt. Sie waren zu einem großen Teil einst eingefügt worden, nicht gerade als Gebete, sondern gleichsam als Predigtersatz, als Wiedergabe bestimmter Lehrinhalte, die durch die unmittelbare Einbeziehung in dex Gottesdienst einen besonderen Einfluß ausüben und die Kanzelrede ersetzen sollten. Sie verewigten Ereignisse und geschichtliche Begebnisse, die nicht lebendig genug mehr im Bewußtsein der Nachfahren in anderen Landschaften lebten, sie sprachen also nicht mehr unmittelbar zum Herzen. Sie waren nicht in dem klassischen Hebräisch der alten Stammgebete gehalten, hatten einen ge- Üinstelten und oft geschraubten Stil, und hatte man schon Schwierigkeiten genug mit dem Hebräisch der Hauptgebete, wie erst sollte man Verständnis für diese Kunsterzeugnisse aufbringen! Und schließlich, der Gottesdienst mußte seine Länge vertieren, wo sollte man denn sonst ansetzeu, wenn nicht bei jenen späten Tichtwerten! Ihre Beseitigung ist so gründlich erfolgt, daß sie heute nicht einmal mehr Gegenstand der Diskussion sind, sie sind aus dem Bewußtsein geschwunden; wir haben andere Sorgen, und andere gottesdienstliche Probleme verlangen Lösung. Unter ihnen waren Stücke, die besonderer Beachtung wert waren. Au den Sabbathen zwischen Pessach und Schowuoth enthielt der Gottesdienst einzelne Pijutim, die eine besondere Schönheit aufwiesen. Ein solcher Pijut. der sich durch die tiefe Innigkeit oes Gefühls und die Eindrringlichkeit der Sprache auszeichnet, der die wundersame Naivität dieser Gebete ahnen läßt, sei in svlgenoem in möglichster Anlehnung an das Original nno vabei doch jreier Uebertragung wiedergegeben. Seine äußere Form ist oie eines Zwiegesprächs zwischen Gott unv Israel. CM-ott: Tu arme Perängstete! Freue dich und jubele, denn es kommt die Zeit deines Glanzes, nahe ist der Tag deines Heiles, der Lohn deiner Mühe winket, siehe, dein König zieht ein in dein Tor, wirs ab, Zion, die Fessel, die dich einschnürt, auf, leuchte, denn dein Licht geht aus. Israel: Du meine Hofsuung! Meine Freude ist mir vergällt, verödet sind die heiligen Stätten, meiner Tabbathe und Festtage und Neumondstage Wonne ist dahin, verstummt mein Gebet, Feind jagt mich, meine Untreue kehrt sich wider mich selbst; du siehst es und schweigst mein König und .Heiliger, und läßt meine Seele ausgestoßeu sein vom Frieden? Gott: Tu arme Berängftete! Die Sterne alle habe ich um deinetwillen eingesetzt; die Welt hätte ihre Tauer nicht, wäre nicht mein Bund mit dir; ich hätte an der Welt verzweifelt ob des ersten Menschen Sünde, aber aber dann stieg Abraham aus dem Dunkel auf. und Gottes .Herrlichkeit begann über dir zu erftrahlen. Israel: Tu meine .Hoffnung! Aus alter Enge, aus allen Nöten dich ries ich an; du machtest ein Ende der Not und halfst nreinen Scharen. Jetzt aber ist's, als hättest du mich verstoßen, die Zeiten schwinden dahin, Jahr um Jahr geht hin, und wir sind wie Schafe, die zur Schlachtbank geführt werden, und das alles läßt du still geschehen? Gott: Tu arme Berängstete! Glaubst du, ich werde dich lassen ind er Gewalt derer, die mich verhöhnen? wo doch aus dich all meine Schwellen gegründet sind; um deinetwegen schuf ich die Fülle des Guten, das bei mir verborgen harret; wenn ich mit der Linken dich wegstieß, mit der Rechten hole ich rasch dich wieder heran, in deiner Enge weiß ich um dich und zwange in sie meiner Herrlichkeit Fülle, im Buch der Tröstung ist es verzeichnet: es kommt der Tag der Erlösung und über dir leuchtet Gottes Strahl. Israel: Tu meine Hoffnung! Wohl weiß ich, groß ist deine Gnade, und doch bin ich überall in Schimpf und Schande, für jeden Versklavten gab es den Tag der Befreiung, wenn eine Jahrwoche herumging; viele Jahrwochen vergingen und mein Joch ward nicht gebrochen, sag mir's doch, wann kommt meines Leidens Ende? Wann kommt die Stunde meines Sieges? Hilf, o Gott, denn nur du kannst es vollfiihren. Religiöse und konfessionelle Probleme in Andersens Dichtung Wenn wir den Namen H. C. Andersen aussprechen und! lesen, haben wir die Vorstellung von einem sehr humorvollen Märchendichter. Die Gestalten der „Prinzessin auf der Erbse" oder des „Großen und kleinen Klaus" erstehen vor unserem geistigen Auge - und wir begreifen nicht recht, was dieser Dichter mit religiösen Problemen zu tun haben kann. Wir kennen ja Andersen in der Hauptsache aus den gekürzten und unvollständigen Kinder-Ausgaben seiner Märchen, und nur wenige nehmen sich die Zeit, sich mit diesem großen dänischen Klassiker, der wahrlich nicht für Kinder schrieb, zu beschäftigen und auseinderzusetzen. Andersen war nicht nur eine problematische, oder richtiger eine über die notwendige Sensibilität des Dichters hinaus empfindliche und pathologische Erscheinung, auch seine Dichtung ist von Problemen gesättigt. Das war schon durch sein Löben, durch seine Entwicklung bedingt. Der Sohn des armen Flickschusters und der Waschfrau, dessen Ellern zu arm waren, ihn in eine richtige dänische Schule zu senden, besuchte als kleines Kind zuerst eine Privat-Schule für Judenkinder. Der durch seine Abstammung und Armut innerlich gedrückte und durch Vererbung schwer belastete Knabe — sein Großvater war geisteskrank, seine Großmutter höchst phantastisch, seine Mutter eine Trinkerin, sein Vater ein trüb und gedrückt dahin lebender Mensch, mit der wenn auch nur schwach entwickelten Gabe des zweiten Gesichtes - - lernte früh die Ausgeschlossenheit, die Entfremdung jüdischer Kinder in der dänischen Kleinstadt kennen. Und wenngleich er sich unter diesen deinen Juden selbst wieder fremd u.nd nicht dazugehörig empfand, haben doch die Erlebnisse der Kindheit etwas in ihm wachgerufen, was wir in heutiger Sprache die Solidarität der Unterdrückten nennen können, u,nd was eine innere Verbundenheit mit allen leidenden Menschen ist. Im Roman „Nur ein Geiger" kehren die Eindrücke aus der'Kinderschulzeit wieder. Und das Geheimnisvolle, das Fremdartige der Judenheit, das den kleinen, überaus empfindlichen und leidesfähigen Knaben zugleich unwiderstehlich anzog und auch mit Angst und Bangen erfüllte, ist darin zum Ausdruck gebracht worden. In einer Symbolik, die Andersen selbst vielleicht nicht immer ganz klar war, sind auch die Verwirrungen herausgearbeitet, die der naive Mensch in seiner Stellung zu den Juden durchmachen muß. Er fühlt sie andersgeartet und erkennt ihre Andersgeartetheit in ihrer Wesenheit nicht richtig und ist sich infolgedessen völlig unklar über die Zusammenhänge zwischen seinem Wesen und dem der Juden. Aber nicht ein Rassen-Problem hat Andersen in seinem Werk und in seinem Leben beschäftigt. Wie ich schon sagte, ist das Rassenproblem kaum symbolisch angedeutet. Schwerwiegender war für Andersen das Religiös-Konfessionelle. Es hat ihn länger beschäftigt und ihm in vielen seiner Märchen und in fast allen Romanen zu schassen gemacht. Andersen hatte schwer zu ringen um seinen eigenen Glauben. Seine Erziehung hatte ihm offenbar nicht mehr gegeben, als das höchst landläufige Christentum. Bei seiner Konfirmation war das Knarren seiner neuen Stiesel für ihn viel wichtiger als die religiöse Handlung und Weihe. In seinem wundervollen Märchen „Die roten Schuhe", das wie eine alte Volksballade ist, hat er dieses Stiefelknarren verändert und verewigt. Aber seine Seele, die diese Leidverbundenheit mit allem Armen und Gedrückten fühlte, von der ich oben sprach, konnte sich mit diesem Christentum nicht begnügen. Eine tiefe christliche Mystik war ihm nicht gegeben, — — dazu war sein Verstand zu klar und natürlich, sein Gemüt zu einfältig und einfach. Denn diese seltene Charaktermischung war Andersen eigen. So mußte er sich denn an einen einfachen Theismus klammern, an einm Gott, der alles beherrscht, für alles sorgt, dessen Ratschluß uns unverständlich ist und dem wir uns daher gehorsam anvertrauen sollen. Da er in diesem Glauben Christus nicht ganz unterzubringen vermochte, so übertrug er aus ihn die Milde und Gnade, die ihm sowohl zur Sündenvergebung wie zur sicheren Verheißung eines Fortlöbens nötig schien. So absolut war freilich sein Glaube an das Fortleben im Jenseits nicht, daß er nicht große Angst um sein Leben gehabt hätte, so daß namentlich die Furcht vor dem Biß eines tollen Hundes ihn nie verlassen konnte. Diesen Christus, der ihm der Allverzeihende war und der ihm die Ewigkeit: der Seele verhieß, diesen Christus wollte er nicht als alleiniges Eigentum der Christen bewahrt sehen. In seinem wundervollen Märchen „Das Judenmädchen", in dem er märchenhaft das Schicksal der jüdischen Magd schildert, die schon als Kind durch den Unterricht in christlicher Religion, an dem sie in der Armenschule zwar nicht teilnehmen durfte, den sie aber mit anhören durfte (umgekehrte Erinnerungen der eigenen Kindheit), zu dieser Sehnsucht nach dem Ewigen Löben erweckt wurde, hat er das Leid der von der Ewigkeit Ausgeschlossenen dargestellt. Daß dieses Märchen mehr seiner eigenen Sehnsucht entspricht, als jüdisches Seelenlöben dwrstellt, das wußte Andersen natürlich nicht. Ein anderes schönes Märchen, das vielmehr eine Novellette als ein Märchen ist, läßt einen christlichen Priester, einen evangelischen Pfarrer vor uns stehen, dessen Frau gestorben ist, nachdem er in einer Predigt von der „Ewigen Verdammnis" gesprochen hat, und die ihn nun im Traum belehrt, daß nicht einmal er, der strenge Pfarrer, den Sünder finden kann, der ewig verdammt, wie vermöchte es dann Gott, der die Liebe in höchster Person ist? Der märchenhaft versöhnliche Schluß der Novellette, daß der Pfarrer nicht nur den Sucheweg nach dem Sünder, sondern auch den Tod der Frau bloß träumt, ändert nichts au der religiösen Tiefe, dem schlichten Gottesglauben und der Menschenliebe, die sich in diesem Märchen aussprechen. Auch ein anderes Märchen, das schönste und gewaltigste, das Andersen überhaupt schrieb, „Die Schneoköuigin", das sich ganz mit dem Begriff der Ewigkeit beschäftigt, hat nichts eigentliches mit Christentum zu schassen. Denn wir