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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-05-14 · 20 (14.5.1930) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
20 (14.5.1930)
Date
1930-05-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Gott: Tu arme Berängstete! Juble und gürte dich mit Sieg, Prachtgewand lege ich um dich, bald laß ichs dich hören: Kehre heim, kehre heim zu deiner Seele. Mit eilendem Schritt kommt der Bote des Heils, kündet dir Frieden, deines Heiligen Erlösung, kündet, daß dein Erlöser wieder aufbaut deines Heiligtums Halle, dann kannst du ungestört an jedem Sabbath und Neumond vor deinem Schöpfer dich niederwerfen; dann geht deine Sonne niemals mehr unter. Israel: Tu meine Hoffnung! Eile doch zu meiner Hilfe und offenbare meiner Erlösung Vollendung, immer warst du mir Hilfe in der Not, mein Hirt; nun ist's hohe Zeit, daß du mir wieder hilfst, sie schmähen mich alle und sagen: „Komm zu uns, denn Gott hat sich von dir geschieden, nie mehr gesellt er sich zu dir." Ich aber kenne darauf nur eine Antwort: „Auf Gott vertraue ich, ich harre des Gottes meines Heils/' Gott: Tu arme Berängstete! Aufgespart ist der Tag des Gerichtes über alle Widersacher Gottes; kommt er dann, sammle ich.zum zweiten Mal all deine Versprengten und erlöse sie, dann leuchtet meines Messias Licht und den von mir Geliebten winkt ihr Erbe, und dann ist Gott dein Licht in alle Ewigkeit. Fragen des jüdischen Ehegesehes Voll Joseph Kauffmann, Weißönsee. Am 22. Mai l929 fand in Berlin eine Versammlung der liberalen Rabbiner Deutschlands statt, in der ausschließlich die Fragen des jüdischen Ehegesetzes behandelt wurden. Ans ein groß angelegtes Referat, in dem die Angelegenheit nach allen Seiten hiir beleuchtet wurde, folgten neun Diskussionsreden, die sämtlich bewiesen, daß die Redner sich sehr ernst mit dem Thema beschäftigt hatten, und zuletzt das Schlußwort des Referenten. Von einigen der Redner wurden sofortige Beschlüsse gefordert: der Referent und andere Redner vertraten jedoch die Ansicht, daß die vorgeschlagenen Anträge erst einer weiteren Kommissionsberatung und einer Diskussion in der breiten Qeffentlichkeit bedürften. Nicht Furcht vor Angriffen aus anderen Richtungen, sondern der Wille zur Erhaltung der Einheit bewege sie zu dieser Ansicht. Es wurden dann zwei Beschlüsse gefaßt: 1. „Tie Versammlung übergibt die Ausführungen des Referenten und der Diskussionsredner der Oeffentlichkeit." 2. „Tie weitere Behandlung wird einer Kommission von drei Mitgliedern übertragen." In der Jüdisch liberalen Zeitung ist seinerzeit ausführlich über die Verhandlungen berichtet worden. Seit fast hundert Jahren bilden die Ehegesetze Stoff für die Beratungen der Rabbiner. Auch in den „Richtlinien", die im Jahre 1912 sowohl von der „Vereinigung der liberalen Rabbiner Deutschlands", als auch von der Hauptversammlung der „Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland" beschlossen wurden, spielten diese Fragen eine Rolle. Ter Weltkrieg hat die Notwendigkeit einer endlichen Regelung im liberalen Sinne, namentlich der Ehescheidungsbestimmungen, als äußerst dringend erwiesen. Trotzdem konnten die Rabbiner auch jetzt noch zu keinem Resultat kommen und verlangen Aeußernngen aus nicht rabb mischen liberalen oder nichtliberalen Kreisen. Letztere werden sich schwerlich an der Debatte beteiligen, weil sie, von ihrem Standpunkt aus, Aenderungen der überlieferten gesetzlichen Bestimmungen überhaupt ablehnen müssen, und die liberalen Laien haben bisher — wie die Rabbiner beklagen — noch nichts von sich hören lassen, vielleicht, weil sie sich in eine theologische Debatte nicht einlassen wollen oder können, vielleicht aber auchweil sie der Angelegenheit ohne großes Interesse gegenüberstehen. Nachfolgend soll der Versuch einer laienseitigen Stellungnahme gemacht werden. Es handelt sich um religiöse Trauung, um Chalizah (Zeremonie des Schuhausziehens) und religiöse Ehescheidung. Das Referat bezeichnet letztere als die wichtigste Frage. Ter Referent beginnt mit der Erklärung, daß er das Referat nicht ohne inneren Kamps übernommen habe. Er kenne die Schwierigkeiten, sie seien ihm ein gesteigerter Antrieb, einzig und allein auf die Stimme seines Gewissens zu horchen. Das ist ehrlich und löblich. Ein Studium seines Referats scheint zu ergeben, daß er seinen inneren Widerstand nicht überwinden konnte. Er sieht die Schwierigkeiten einerseits darin, daß der Hinweis auf die Mängel des überlieferten Gesetzes von einer gewissen Seite als ein Angriff auf das Heiligtum Israels ge- ++++ ♦♦♦♦ ♦♦W Versammlungskalender Berlin. Liberaler Berel« für die Angelegenheiten der Jüdische« Gemeinde zu Berlin, Bezirl-^ruppe Norden. Donnerstag, den 15. Mai 1930, abends 8.15 Uhr, pünktlich, in den Unions-Festfalen, Greifswald« Straße 221,223, Gemeindeabend der Bezirksgruppe Norden des Lide» rale« Vereins. Thema des Abends: Was uns bewegt! aj Gemeinde- Politik und Finanzverwaltung, bf Religion und Unterricht, cf Mittekstandssorgen. di Abwehr und Gemeinde. Referenten sind die Gemeinde-Repräsentanten Moritz Rosenthal, Studiendirektor Dr. Kutmann, Tapezierermeifter Louis Wolfs, Dr. London. Eingeieitet wird die Versammlung durch Gesänge des Oberkantors Manfred Lewandowski. Bor der Versammlung findet um 7.30 Uhr im Nebensaal die Generalversammlung des Bezirks Norden des Liberalen Vereins statt. Tagesordnung: a) Berhandswa\\\. bi Verschiedenes. >»4«444«4444444 Gottesdienste Berlin-Norden. Liberale Synagoge Norden sSch-nhauser Allee 162i. Freitag, 16. Mai, 7.15 Uhr abends, Gottesdienst. Predigt: Dr. lKeis. Sonnabend, vormittags 10 Uhr, Gottesdienst. Berlin-Osten. Liberale Synagoge Osten tKaiserstraße 29-30>. Freitag, 16. Mai. abends 7.30 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Dr. Andorn. Berlin-Vestend. Liberale Synagoge Westend (Aula Leistikowstr. 7, nahe Reichskanzlerplatzi. Freitag, 16. Mai, 7 Uhr abends, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Klein. Berlin-Wilmersdorf. Liberale Synagoge Wilmersdorf (Cecilienschule, Nikolsburger Platz). Freitag, 16. Mai, 7.15 Uhr abends, Gottesdienst. Predigt: Dr. Pinkuß. Berlin. Jüdische Reform-Gemeinde. Gottesdienste am Sonntag, den 18. Mai. Johannisstraße 16: vormittags 10 Uhr; Predigt: Dr. Jelski. Kleiststraße 10: vormittags 10 Uhr; Predigt: Dr. Rosenthal. brandmarkt würde, andererseits darin, daß es manche liberale Rabbiner geben würde, die sofort zu positiven, sestumschriebenen Neuregelungen kommen wollten, und denen jedes Zögern, jede Rücksichtnahme als Mangel an Mut oder Mangel an Prinzipientreue erscheinen würde. Bei aller Hochachtung vor der Person des Referenten, vor seinen großen Kenntnissen und vor seiner Gewissenhaftigkeit dürfte wohl die Frage erlaubt sein, warum er das Referat nicht abgelehnt habe, wenn er nicht zu klaren Entschlüssen oder zu einem festen Standpunkte, pro oder contra, kommen konnte? Eine Verhandlung kommt eher zu einem Resultat, wenn ihr bestimmte Vorschläge unterbreitet werden. Aus seinen Ausführungen geht hervor, daß sein innerer Widerstand nicht aus seinen wissenschaftlichen Forschungen und nicht auf seinen persönlichen Wünschen 'beruht,"sondern' auf einen! inneren Zwang zur Vorsicht. Er weiß, daß Aenderungen des Eherechtes erforderlich sind, er schildert den Notstand, den die bestehenden Vorschriften gerade in der jetzigen Zeit hervorgerufen haben: Tausende von unglücklichen Frauen, die ihren Gatten im Weltkriege verloren und jahrelang betrauert haben, müssen ihr ganzes Leben einsam und verlassen verbringen, weil sie nach den überlieferten Bestimmungen nicht als Witwe gelten können — trotz amtlicher Verlustliste, trotz gerichtlicher Todeserklärungen, weil nach dem jüdischen Gesetz zwei Augenzeugen den Tod bestätigen müssen. Unsere alten Weisen haben gesagt, man dürfe keine Verordnungen treffen, die für die Gesamtheit nicht tragbar sind. Wenn Tausende von Frauen unter einer bestehenden Bestimmung unsagbar leiden, dann muß sie abgeändert werden. Bevor der Referent auf die Angelegenheit näher eingeht, stellt er erst die Fragen: „Gibt es denn eine einheitliche Stellungnahme des Liberalismus in dieser Frage? Wer und wo ist der Liberalismus?" Tie Erfahrung aus den letzten hundert Jahren lehrt, daß es eine einheitliche Stellungnahme der liberalen Rabbiner nicht gibt. Ter Liwissen, daß Ewigkeit kein typisch christlicher Begriff ist, sondern ein allgemein religiöser. Aber Andersen verschmolz immer wieder da? Problem der Ewigkeit mit dem Kinderglauben an Christus, der in dem kleinen, in dem Märchen refrainartig verwandten Vers zum Ausdruck kommt: „Die Rosen blühen und verwehen, wir aber werden Christus sehen!" Sehr seltsam und eigenartig ist auch in Bezug auf die Religiosität bas phantastische Märchen von „Schlammkönigs Tochter". Uralte Mythen germanischer und ägyptischer Götterwelt, Sagen des Christentumes, wie etwa die vom Mönch von Heislerbach, der für Jahrhunderte in das Paradies entrückt waw, während er nur Augenblicke im Klosterwald zu lustwandeln glaubte, haben zusammengewirkt, um in Andersen dieses Kunstwerk wachzurnfen. Hier aber ist das Problem des Christentums in der dulderrden und opfernden Liebe gesunden, in der Bekehrungsfreude und im apostolischen Marly rertod. Das Problem von der ewigen Fortdauer der Seele hat Andersen auch zum Gegenstand seines Märcheps „Eine Geschichte von den Dünen" gemacht, in dem er es einfältig deutlich ausspricht, daß wohl der im Leben Glücklichgestellte den ^Glauben an die Ewigkeit vermissen kann, daß aber dem Elenden, Unglücklichen nichts bleibt als diese Zuversicht. Am stärksten aber sind die Probleme von Ewigkeit, Christentum und Judentum in dem späten, in Deutschland viel zu wenig gekannten Roman Andersens herausgearbeitet, der den Titel „Sein oder Nichtsein. .." führt. -Da ist sogar eine Heldin des Bnches eine Jüdin, die freilich später ihre Religion wechselt, die aber schon vorher in den Farben inniger Liebe geschildert wird. Ein« jüdische Familie ist gezeichnet, die in völliger Gleichberechtigung, — die brutalen Formen des Antisemitismus, die wir kennen, sind ein Privileg des deutschen und österreichischen Volkes —, doch in einer gewissen Sehnsucht leben, in einer Sehnsucht nach innerer Angleichung, aber in intensiver Abwchr gegen den äußeren AA der Taufe, dm schließlich doch, wie schon erwähnt, die Heldin Esther auf sich nimmt. Der Titel des Romanes zeigt schon an, daß 'seine Problemstellung eine religiöse ist, daß es sich um die Fortdauer der Seele handelt. Ich glaube gezeigt zu haben, daß es dieses Problem des ewigen Lebens neben den Kindereindrücken war, das Andersen immer wiedsr zur Beschäftigung mit den Gestalten der jüdischen Kreise antrieb. Wie war nun im Leben seine Einstellung zu den Juden, die ihm begegneten? Die Frage, soweit sie die Jugend- und Entwicklungsjahre betrifft, kann nicht beantwortet werden. Aber in reifen Mannesjahren wurde die Familie des Großhändlers Melchior und die nahen Verwandten Henriquez seine besten, nächsten Freunde. Wenngleich Andersen niemals die Dankbarkeit gegen seine frühen Wohltäter Collin vergaß, so nahmen doch in seinem Herzen Melchiors später die erste Stelle ein. Ihrem Landhaus, das den Namen „Rolighed" - „Ruhiges Behagen" führte, schenkte er später den Namen „Heim der Heimat". In diesem Hause starb Andersen auch, von Frau Dorothea Melchior bis zum letzten Augenblick gepslget "und betreut. Als ein junger Redakteur sich in einer Zeitung einen geschmacklosen Aufsatz über die Juden leistete, ruhte Andersen nicht, bis der junge Mann, mit dem er befreundet war, den Juden im allgemeinen und der Familie Melchior im speziellen Genugtuung gegeben hatte. Andersens Korrespondenz mit Georg Brandes gehört zu den interessan- 'tosten und eigenartigsten und wäre wert, veröffentlicht zu. werden, weil sie nicht nur Persönlich-Menschliches, sondern ein ganzes Bekenntnis zur Kunst und Kritik enthält. Von den dänischen nichtjüdischen Schriftstellern war Andersen zweifellos der, der sich am stärksten, am tiefsten und intensivsten mit 'dem Problem und mit der Stellung des Judentumes im Leben wie in seiner Dichtung auseinandersetzen mußte. Und es ist interessant zu verfolgen, wie viel stärker das religiöse und das individuell-menschliche Problem ihn beschäftigte, als das Rasseprvblem, dem Andersen bei seiner Anschauung, daß alle Menschen Gottes Kinder seien, überhaupt keine große Bedeutung beimessen konnte. EttaFedern-Kohlhaas. Stoüwero^ iDoh ISch in c ckc n d nähr keift. beralismus ist aber bei allen - Rabbinern und Laien — vorhanden, die ehrlich aus religiösem Gefühl und aus Liebe zum Judentum eine fortschrittliche Entwicklung, eine zeitgemäße Ausgestaltung der religiösen Formen erstreben. Es gibt einen Liberalismus, auch wenn es keinen liberalen Schulchan aruch gibt und geben soll. Und wenn auch die Anzahl der organisierten Liberalen keine ungeheuer große ist, so gibt es doch eine größere Zahl von Auch- Liberalen, die in solchen Dingen, wie den vorliegenden Fragen, sicherlich meistens liberaler sind, als die Liberalen, sofern sie sie persönlich angehen. Gewiß hängen sehr viele an Sitten und Gebräuchen, an die sie von Haus her gewöhnt sind, aber sie machen sehr wenig Gebrauch davon, verlangen sie aber von andere n. Auf diese Leute, die ihrer» Liberalismus nicht im Aufbauen, sondern im Abwerfen betätigen, braucht man keine Rücksicht zu nehmen. Nur der religiöse Liberalismus kommt in Frage, und den gibt es. Er fragt ferner: „Bedingt nicht die Tatsache, daß wir in den Kreis des Bürgerrechts der einzelnen Staaten eingegliedert sind, daß wir uns mit der Frage der Ehescheidung gar nicht zu befassen haben?" Daraus gibt es nur die Antwort: Wenn der liberale Jude den historischen Zusammenhang mit den vergangenen Zeiten bewahren will, sowohl mit beu talmudischen, als auch mit den späteren Lehrern, dann kommen doch gewiß nur solche Bestimmungen oder Auslegungen in Frage, die heute noch anerkannt werden können, die heute noch für gut, edel und sittlich erachtet werden. Zu den talmudischen Verordnungen, die heute noch für uns maßgebend sind, gehört in erster Reibe die strikte Anordnung: Staatsgesetz i st Gesetz! Ter Referent sagt: „Hier beginnt die Herrschaft des von mir bereits mehrfach in die Wagschale geworfenen Jmponderabile des Volkes, - des Gemeindebewußtseins. Das Volksbewußtseiu verlangt nach einer jüdischen Form der Ehetrennung. Bei der Ermittlung dieses Volksbewußtseins darf man zunächst nicht au der Tatsache vorübergehen, daß der Liberalismus nicht die einzige Richtung des Judentums ist, daß es ein konservatives Judentum gibt, das eine aridere Richtung zum Religionsgesetz hat, als wir" - das weiß allerdings jedes Kind, sobald es mit Kindern einer airderen Richtung, sei es in der öffentlichen Schule, sei es im Religionsunterricht, zusammentrifst — „und daß es Massen gibt, die ganz bewußt, ohne selbst konservativ zu sein, die konservative Haltung stützen uub unterstützen." Ganz richtig, die gibt es ohne Frage, aber wiederum nur dann, wenn nicht ihre persönlichen Interessen in Frage kommen. Bei dieser beginnt eben die Aufgabe der liberalen Rabbiner, zu belehren und aufzuklären, zu führen und voranzugehen. Aber leider sind die liberalen Rabbiner in ihren Veröffentlichungen manchmal konservativer als konservative Rabbiner. Aber weit größer als die Zahl solcher Halbkonservativer ist die Anzahl der Indifferenten, denen alles gleichgültig ist. Diese Massen für aktives Judentum wieder zu gewinnen, ist ebenfalls Aufgabe der liberalen Rabbiner, aber auch der liberalen Bereinigung. Sie kann aber nur erfüllt werden — vielleicht auch nur begonnen werden —, wenn das liberale Judentum den Mut hat, frei und ohne Bedenken alles das abzuändern oder fallen zu lassen, was überaltert, unbrauchbar und — entschuldigt das harte Wort — widerwärtig geworden ist. Hierzu gehört die Chalizah. Mer, ob konservativ oder halbkonservativ, bei persönlichen Fragen klopfen sie bei liberalen Rabbinern an, in der Hoffnung, bei diesen das zu erreichen, was ihnen von konservativen Rabbinern verweigert wird. Wenn hierbei die-liberalen Rabbiner, wie sie ja zu tun pflegen, es absolut ablehnen, Amtshandlungen - entgegen bereits getroffener konservativer Entscheidungen - vorzunehmen, kann das jeder Liberale nur voll und ganz verstehen und billigen. Der Referent fährt fort: „uird man darf nicht daran vorübergchen oder es leugnen wollen, daß gerade in diesen Dingen weite Kreise des Liberalismus aus Gründen des Klal Jisroel die Wahrung der Form, die bislang ein Stück des Gemeinschrftswillens war, wollen, solange es nur irgend geht, und solange es nicht aus Ge wissensgründen unmöglich wivd". Weite Kreise des Liberalismus wissen garnicht, was „Klal Jisroel" bedeutet oder kennen diese Wörter höchstens als zionistische Schlagworte. Und aus Gewissensgründen? Möchte es nur so sein! Aber die weiten Kreise des Liberalismus — damit sollen hier alle Nichtkonservativen gemeint sein — pflegen sich mehr nach Bequemlichkeitsgründen als nach Gewissensgründen zu richten. Hat man solche Bedenken bei Einführung der Orgel, der deutschen Lieder und Gebete, der deutschen Predigt, den deutsch-rn Trau- und Trauerreden, bei der Einführung der Konfirmation, bei der Abänderung und Streichung von Gebeten, bei dem Chvrgesang, bei der Ausschmückung der Gräber u. dgl. gelten lassen? Ausgerechnet bei den Formen der Ehescheidung! Der Referent weiß, daß die amerikanischen, vielleicht auch die englischen nichtorthodoxen Rabbiner das Scheidungsurteil des Gerichts einfach als endgültige Erledigung ansehen, „wenn sich nicht aus dem im Urteil reproduzierten Tatbestarrd ergibt, daß Gründe vorhanden sind, die die neue Ehe nach jüdischem Recht unmöglich erscheinen lassen". Er hat auch gehört, daß die amerikanische Orthodoxie sich damit abgefunden hat. Der Laie weiß, daß die Rabbiner — auch die orthodoxen — sich darein gefunden haben, daß die Ziviltrauung der religiösen Trauung vovangchen muß. Er nimmt in feinem Laienverstand deshalb anch an, daß der gerichtlichen Scheidung die religiöse Scheidung folgen muß, wenn sie verlangt wird, selbst in Fällen, in denen Konflikte mit Überlieferten Borschristen entstehen können. Denn der Mensch ist nicht für die Religion oder für die Religionsgesetze da, sondern die Religion und ihre Gesetze sind für dm Menschen da, und

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