Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 20 (14.5.1930)
- Date
- 1930-05-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Anzeigenannahme bei der Geschäftsstelle u. samtl. Annoncen-Erpedit. Jtr. 20 Berlin. 14. Mai 1930 10. Jahrgang NMonalsozlalWcher Tatendrang Ter Wechsel der Reichsregierung und das folgende Nachbeben des neuen Reichsinnmministers gegenüber Thüringen hat offensichtlich Herrn Frick und den Nationalsozialisten Mut gemacht. Wir veröffentlichen nachstehend einige Nachrichten, die erkennen lassen, in welch starkem Maße die national)'ozialistischc Propagaitdatätigkeit bereits das Geistesleben des deutschen Volkes beeinflußt. Es erscheint uns hoch an der Zeit, daß insbesondere die mit Herrn Frick in Thüringen verbundenen. Koalitionsparteien sich darauf besinnen, daß ihre Auffassung von deutscher Kultur der des Herrn Frick noch nicht entspricht. Fricks antisemitische Schulgebete Tie Scziale-emokratische Fraktion brachte im Thüringer Landtag die folgende Entschließung ein: „Durch. Veroronung am 16. April d. I. hat der nationalsozialistische Vocksbildungsminister Tr. Frick fünf Gebete zur Einführung in oen Thüringer Schulen empfohlen. Alle Gebete tragen politisches Gepräge. Es fiuD- Kriegsgebete, die für die „befreiende Tat" im Sinne der Nationalsozialistischen Partei Propaganda machen. Es sind Gebete gegen Völt'erversöhnung. Völkerverständigung und Völkersrieden. Es sind parteipolitische Haßgeiete, die in verleumderischer uub recht un christlich er Weise dem republikanisch gesinnten und friedliebenden Teil der Thüringer Bevölkerung Betrug und Verrat vorwersen. Tie Behauptung, daß Gottlosigkeit mtb Vaterlandsverrat das deutsche Voll vernichtet und zerrissen haben ist eine politische Provokation schlimmster Art. Tie amtliche Ausstellung solcher Behauptungen, die eine Beleidigung weiter Bevölkerungskreise darstellen und darum verletzend wirken müssen, ist ein offener Verstoß gegen die Bestimmungen der Reichsversassung, nach der in össentlichen Schulen die Empfindungen Andersdenkender nicht verletzt werden dürfen. Tie Gebete sind ein Mißbrauch der Religion und ein Mißbrauch der Schule für parteipolitische Agitation. Tie Regierung wird deshalb ersucht, die Gebetsverordnung vom 16. April aufzuheben." In der Mittwochsitzung des Hanshaltsausschnffcs des Thüringischen Landtages fragte ein Vertreter der Sozialdemokratie den thüringischen Innenminister, gegen welche „art- und volksfremden Kräfte" sich die von ihm angeordneten Schulgebete richten. Frick antwortete wörtlich: Ich will ganz offen sein. Wir brauchen uns da nichts vorzumachen. Tie Entsittlichung des deutschen Volkes geht aus von raffeirsremden Elementen, nämlichvon den Juden." Ter Interpellant der Sozialdemokratie stellte daraufhin sofort fest, daß diese Auslegung der Freiheitsgebete niedrigste Judenhetze sei. die sich mit den Grundbestimmungen der Weimarer Verfassung nicht vertrage. Hierzu schreibt die „Frankfurter Zeitung" in ihrer Montagsnummer u. a.: „Ter Nationalsozialismus führt das Hakenkreuz in seiner Fahne. Es ist ein Haßkreuz. Gegen die Juden aufgerichtet. Von einer Regierung, die ihre Gepräge von den Nationalsozialisten erhielt, wie heute die thüringische, war es zu erwarten, daß sie ihre augenblickliche Machtstellung zur Propaganda für ihr Rasseideal und ihre Judenfeindschaft aus nutzen wird. Und doch — liest man schwarz auf weiß, daß Herr Frick in thüringischen öffentlichen Schulen angeblich christliche, von ihm anbefohlene Gebete hersagen läßt, die, wie er freimütig bekennt, gegen die Juden gerichtet sind, so will man es nicht glauben, aber er hat selbst jedem Zweifel die Spitze abgebrochen. Im Landtag befragt, welche „art- und volksfremden Kräfte" gemeint seien, sagte er wörtlich: „Ich will ganz offen sein, wir brauchen uns da nichts vorzumachen. Tie Entsittlichung des deutschen Volkes geht aus von rassefremden Elementen, nämlich von den Juden." Tie „Frankfurter Zeitung" bemerkt weiter: „In welch verwirrter Zeit leben wir! Ein Mann, der den christlichen Geist fördern will, läßt Haßgebete gegen die Juden sprechen von Kindern, die möglicherweise wenige Minuten später von ihrem Religionslehrer in den Sinn des Alten Testaments, in dem Gott sich jenem palästinensischen Volke geoffenbart hat, eingeführt werden. Ein Haßgebet einem Buche vorangestellt, das mit „Heilige Schrift" bezeichnet wird, das von Juden geschrieben, von Juden handelt, aus dem am Sonntag häufig der Prediger seinen Text holt. Welch schrecklicher Zwiespalt für die Gemüter der Kinder! Tie Juden sollen sie hassen und daneben als Christen, in dem den Juden als ersten sich offenbarenden Gott ihren Gott, den Vater des Heilandes, des Sohnes einer Jüdin, erkennen und verehren! Müßte nicht die christliche Kirche sich machtvoll erheben wider solche Lästerung? Möchten nicht die gläubigen Christen voller Entrüstung solche Vergiftung von Kinderseelen als einen Frevel an Deutschlands zukünftigen Menschen brandmarken! Und das Reich?. Und die Verfassung? Und der in der Republik verkörperte Gedanke des Rechtes? Es gibt tausende Juden, die für Deutschland starben, es gibt noch viel mehr. die für Deutschland leben. Sie sind Bürger dieser deuischen Republik, und man muß ihnen das Recht zugestehen, von dieser Republik genau den gleichen Schutz zu verlangen wie ieder andersgläubige Staatsbürger. Es wird viel törichtes, falsches, verleumderisches Zeug in Zeitungen völkischer Richtung, in Büchern und Zeitschriften dieser Geistes- oder besser Ungeislesart geschrieben und gedruckt. Man kann sich aus den Standpunkt stellen, daß ein Buch und eine Zeitschrift erst gekauft werden muß, daß also eine Aktivität des Ausnehmenden dazu gehört, zu solcher Schmutz- und Schundliteratur zu gelangen und daß deshalb der Käufer schon geistig zu einer Kategorie für Antisemitismus Begabter gehört, die durch die Lektüre nur die höheren Hahenkreuzweihen erhält. Aber in die Schule gehen Kinder; Kinder, die sich nicht wehren können, die voraussetzungslos, die noch rein sich dem Leben zuwenden. Und diese Kinder müssen Gebete sprechen, die nach der öffentlichen Interpretation des höchsten Beamten sich, wenn auch verhüllt, gegen ihre jüdischen Kameraderl richten. Gibt es wirklich in Teutschland keine geistige, keine rechtliche, keine staatliche Autorität, die solche Scelenschänduna zu verhindern die Macht hat?" Die neueste Nachricht eines »Regierungsblattes" Ter in Weimar erscheinende „Nationalsozialist" veröffentlicht die von der Fraktion der Nationalsozialisten im Thüringer Landtag bei der Beratung der Steuergesetze eingebrachten Forderungen, von deren Erfüllung sie ihre weitere Mitarbeit in der Koalition abhängig machen. Punkt 1 dieser Forderungen lautet: Tas von der Fraktion der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei eingebrachte Gesetz über das Schächten von Tieren muß von allen Koalitionsparteien sobald" wie möglich angenommen und verabschiedet werden. Punkt 6 lautet: Tie in der Koalition befindlichen Parteien sollen anerkennen, daß Nationalsozialisten, die sich um Staats bzw. Beamtenstellen bewerben, genau dasselbe Recht haben, wie jeder andere Deutsche. Insbesondere sollen die vom Staatsminister Tr. Frick vorzuschlagenden Persönlichkeiten für die Besetzung der Polizeidirektorstellen von den Koalitionsparteien anerkannt werden. Ansturm gegen Professor kestenberg Tic nationalsozialistischen preußischen Landtagsabgeordnetcn Kube und Genossen hatten vor einigen Wochen in einer kleinen Anfrage an das Kultusministerium darüber Beschwerde geführt, daß der frühere Pianist: Leo Kestenberg, der im Kultusministerium tätig ist, kürz nach seiner Einbürgerung in Preußen den Professorentitel erhalten hat. Kestenbera fei heute noch Mitglied der Synagogengemeinde, aber gleichzeitig im Preußischen Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung Referent und Dezernent für Kirchen- und Schulmusik. Tie Nationalsozialisten fragten damals: 1. Wer hat Herrn Kestenberg den Profefforentitel verliehen? 2. Ist es wahr, daß. Herr Kestenberg die Ernennungsurkunde zum Professor selbst unterschrieben hat? 3. Fand sich in Preußen feilt evangelischer oder katholischer Sachverständiger für Kirchen- und Schulmusik der christlichen Schulen? Auf diese Fragen antwortet nunmehr der Preußische Kultusminister Tr. Grimme: zu 1: der Ministerialrat Kestenberg ist seinerzeit zum planmäßigen Professor an der staatlichen akademischen Hochschule für Musik in Berlin- Charlottenburg ernannt worden, zu 2: Nein, zu 3: öie Auswahl unterlag dem Ermessen der Staatsregierung. (Professor Leo Kestenberg, geboren 1882 in Rosenberg (Ungarn), Lehrer am Klindworth-Schartrenk'a-Konservatorium in Berlin, ist ein ausgezeichneter Pianist und Musikpädagoge. 1918 übernahm er das Referat für musikalische Angelegenheiten im preußischen Kultusministerium und erhielt 1921 den Prosessorentitel. Er schrieb das organisatorisch-zusammcnfassendc und grundlegende Werk „Musikerziehung und Musikpslege".) Das Reichsgericht besinnt sich Das Reichsgericht hat in einer jetzt in der „Juristischen Wochenschrift" vom 19. Apri! veröffentlichten Entscheidung vom 15. November 1929 zum Ausdruck gebracht, daß die Bezeichnung des heutigen Staates mit dem Worte „JudenrepubM" eine Beschimpfung im Sinne des Repubiikschutz. gesetzes darstellt. Tas Reichsgericht führt zur Begründung seiner neuen Auffassung folgendes aus: „Nach: der tatsächlichen Annahme der Strafkammer hat der Beschwerdeführer mit der Bezeichnung als „Judenrepublik" „ein Schimpfwort gebrauchen und damit seine Verachtung gegenüber der deutschen Republik wegen dieser Staatssorm zum Ausdruck bringen wollen. Er hat also die Verfassung des Deutschen Reiches als solche, mithin auch: die in ihr enthaltenen Einrichtungen und Vorschrifter angreifen wollen, in denen sich, der republikanische Gedanke verkörpert. Tie erörterte Absicht des Besch werde,ührers hat die Strafkammer daraus gefolgert, daß. noch seinen Anschauungen und nach denen der Kreise, an die sich der „Frankfurter Beobachter" wendet, in dem Worte „Jude" alles das znsammenaesaßt ist, was man an schlechten und verächtlichen Eigentümlichkeiten dem Juden glaubt vorwersen zu können." Umschau Die Zukunft der K. C.-Verbindungen. Tie Altherrenschast der K. C. (Kartell-Conveni-)Verbindungen trat am 27. April in Hamburg zu einer Tagung zusammen, die im wesentlichen der Frage nach innerer Reorganisation des K. C. galt. Eine bindende Entschließung war nicht vorgesehen, doch verbreitete sich eine sehr anregende Aussprache darüber, wie weit der eigentliche Zweck des Verbandes — die Erziehung seiner Mitglieder zum selbstbewußten Judentum und zur tatkräftigen Abwehr des Hochschulantisemitismus — mit modernen Mitteln erstrebt werden müsse, ohne daß dabei systematisch das Ueberlieferte geopfert werden sollte. Der öffentliche Teil der Verhandlungen wurde durch einen Kommers gebildet, der unter Beteiligung zahlreicher jüdischer Hamburger Kreise vor sich ging. Es waren u. a. erschienen Vertreter des Repräsentantenkollegiums und des Vorstandes der Deutsch-Israelitischen Gemeinde, Vertreter der drei Logen, Rabbiner Dr. Italiener, Pros. Markon, Oberlandesgerichtsrat May, Vertreter der Deutsch-jüdischen Studentengruppe. Aus dem Kommers sprach, nachdem der Vorsitzende der über 109 im Kriege gefallenen K.C.er gedacht hatte, als Hauptredner Dr. Ludwig Holländer, Direktor des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens und Vorsitzender des G esch äs tssühr enden Ausschusses des K.C. Er bezeichnele den K.C. als die erste jüdische Jugendbewegung, deren Wesen nicht darin bestehe, eine Summe jüdischer Kenntnisse zu vermitteln, sondern den jüdisch bewußten Menschen deutscher Abstammung und deutscher Zutunftshoffnung heranzubilden. Das Zentral-Problem der K.C.-Gesinnung sei nichts anderes als das Problem des Ich und Du. Es sei nicht lösbar durch schwächliche Nachgiebigkeit, wohl aber durch Anerkennung der gleichen Sittlichkeit im Streben des anderen. Vier Säulen der K.C.-Arbeit .gelte es zu bewahren: Wahrhaftigkeit, Freundschaft, Selbstzucht und als viertes die praktische Verwirklichung des Idealismus. Aus der Vielzahl der übrigen Redner sei noch die Ansprache des Rechtsanwalts T. Max Mayer-Berlin erwähnt, der hervorhob, daß der Erziehungsgedanke des K.C. nicht auf der Grundlage der Autorität beruhe, sondern auf der freiwilligen Manneszucht unter Gleichaltrigen. Das Selbstbewußtsein, daß der Verband für den deutschen Juden fordere, sei im tiefsten Grunde das Produkt der Selbsterkenntnis. — Ansprachen wurden ferner von den verschiedenen Vertretern der einzelnen Organisationen gehalten, die sämtlich erklärten, Seite an Seite mit dem K.C. zu stehen in dem selbstverständlichen Empfinden, dem deutschen Vaterlande unlöslich verknüpft zu sein, entgegen und erst recht zum Trotz allen Feinden und Neidern dieser Empfindung. Turkestan als neues jüdisches Siedlungsgebiet. Aus Anlaß der Eröffnung der Turkestan-Sibirien-Eisenbahn (Turksib) begaben sich mehrere Vertreter der ausländischem Press« nach Turkestan. Ter Moskauer Vertreter der Jüdischen Telegraphen-Agentur, der an dieser Exkursion teilnahm, hatte eine Unterredung mit dem Regierungschef der Sowjetrepublik Turkestan, Herrn Isaew, der ihm mitteilte, die Regierung von Turkestan habe sich entschlossen, der Regierungskommission für jüdische Landansiedlung in der Sowjetunion (Komzet) das Angebot zu machen, eine jüdische Binnenwanderung aus anderen Terrotorien der Sowjetunion nach Turkestan zu organisieren.. Turkestan, fügte der Regierungschef hinzu, ist etwa dreimal so groß wie Frankreich, hat aber eine Bevölkerung von nur sieben Millionen Menschen, so daß für Neuansiedlung reichlich Raum vorhanden ist. Tie Einwohner dieses Landes kennen den Antisemitismus nicht. Tie Turksib-Eisenbahnlinie erschließt Turkestan der Welt. Mit Hilfe der natürlichen Schätze des Landes (riesige Baumwollfelder u.a.m.) werden zahlreiche Textil- und andere Fabriken errichtet werden, die Tausenden neu hinzukommenden Menschen längs der Eisenbahnlinie Beschäftigung geben werden. Ter Moskauer Jta-Bertretcr, der in dem Journalistenzuge durch Turkestan reiste, traf an einzelnen Stationen Juden aus Weißrußland, die ihm versicherten, daß sie sich, in Turkestan, wo sie seit drei Jahren wohnen, viel glücklicher fühlen als in ihrer alten Heimat. Sie haben vollauf Beschäftigung als Schneider, Schuhmacher, Barbiere und in anderen Handwerkerbranchen gefunden. Eine Anzahl Juden wird in den Eisenbahnbüros läng der Turksib-Strecke beschäftigt. (Inwieweit es sich bei der vorstehenden Jta-Meldung um ein ernsthaftes und förderungswertes Projekt handelt, wird, erst die authentische Mitteilung von objektiven jüdischen Gesellschaften wie „Ort", „Jca" usw. ergeben. Tie Redaktion der Jüdisch-liberalen Zeitung.)