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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-02-12 · 7 (12.2.1930) · page 7

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
7 (12.2.1930)
Date
1930-02-12
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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der ganzen Welt, alle die sich jung fühlen, angeregt und nun ist er von uns gegangen, uns geraubt worden, jäh und schnell, viel zu früh für die Hoffnung, die wir auf ihn gesetzt haben. Euch - jüngeren unter uns rufe ich auf, seiner zu gedenken, ihm nachzueifern, nicht nur in gedanklicher Arbeit, sondern auch darin, daß Ihr Euch fest an uns schließt. Ihr seid diejenigen, die uns ablösen sollen, Ihr müßt wissen, wie wir gedacht haben, was wir gewollt haben. Wenn Ihr einst unser Werk sortsetzen wollt, dann denkt an ihn, der die Verbindung aufnahm zwischen denen, die beute arbeiten, rznd denen, die kommen. Ich danke Ihnen, meine verehrten Damen und Herren, daß Sie sich zum Andenken unserer Verstorbenen von den Plätzen er- Koben haben. Ter Vorsitzende verliest eine Anzahl von Begrüßungsbriefeu;;ul> Telegrammen, darunter von der „Union denisch-österreichischer Juden" (Wien), von der „Landeskanzlei der neologen Juden Ungarns" (Budapest), von der „Union demokratischer Juden Poln.-- Schlesicns" (Bielitz), vom Direktor des „Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" Dr. Ludwig Holländer, von Herrn Direktor Tr. h. c. Wilhelm Kleemann (Berlin), .Herrn Obcrkantor Hermann Zivi (Elberfeld) ü. a. Hierauf folgen eine Reihe von B c g r ü ß u n g s a n s p r a ch c „. Herr Geheimrat Goldfeld begrüßt die Versammlung namens der Synagmzengcmeindc Breslau. Herr Erich Bayer spricht namens des „Liberalen Vereins der Synagogengemeindc Breslau". .Herr Rabbiner Tr. Israel Mattnck (London) überbringt Grüße des Präsidenten des „Jüdisch-liberalen Wcltverbandes", Herrn Claude G. Montefiore, und der „Liberalen Synagoge London". Einen herzlichen Glück imd Segenswunsch spricht sodann .Herr Rabbiner Tr. Vogel sie in namens der „Vereinigung der liberalen Rabbiner Deutschlands". In einer weiteren Ansprache legt Herr Rechtsanwalt Dr. Hugo H offmann namens der „Arbeitsgemeinschaft der jüdisch liberalen Jugendvereinc Deutschlands" ein Bekenntnis der liberalen Jugend zu den Zielen der erwachsenen Generation der Liberalen ab. .Herr Stadtverordneter Dr. Fraenkel zeigt das Uebereinftimmende in den religiösen Tendenzen der Vereinigung und in den politischen Bestrebungen des von ihm vertretenen K.C. auf. Herr Rabbiner Tr. Grün (Danzig) überbringt die Grüße der Danzigcr Ortsgruppe der Vereinigung, welche ihn beauftragt hat, die Vereinigung zur Abhaltung ihrer nächsten Hauptversammlung in Danzig emzuladen. Rabbiner Dr. Bogelstein Ehrennntglird der liberalen Vereinigung. Der Vorsitzende dankt namens der Vereinigung allen Vor reonern für ihre Begrüßung und richtet sodann einige herzliche Worte an Herrn Rabbiner Dr. Vogelstein, Mitbegründer und Vor standsmitglied der Vereinigung, den aus Anlaß seines sechzigsten ElcbnrtSlages der Vorstand zum Ehrenmitglied der „Vereinigung für das uberale Judentum" ernannt Hai. Der Vorsitzende betont, saß die Vereinigung in einer Zeit allgemeiner Entwertung die Würde der Ehrcnmitgliedschaft nur äußerst sparsam vergeben hat. Außer dem verstorbenen Ehrenpräsidenten Bernhard Breslauer und bem Präsidenten des Weltverbandes Claude G. Montefiore hat sie Vereinigung hier in Deutschland bisher nur einen einziger! Mann der Mitgliedschaft für würdig erklärt: Caesar Seligmann. Run sollen auch Sic mit Ihrem engsten Freund und Mitarbeiter Seligmann die gleiche Würde innehabcn. Wir wollten dadurch und gerade durch sparsame Verleihung der Ehrenmitgliedschasl zeigen, saß wir sie nur den Besten und Würdigsten zuerkenncn. (Bravo!) Rachvem der Vorsitzende die Ehrenurkunde verlesen und dem Jubilar überreicht hat, dankt dieser mit tief belvegtcn Worten. Es ist eine seltsame Fügung, daß Ehrenmitglieder der „Vereinigung für das liberale Judentum" hier in Deutschland nur zwei Rabbiner sind. Ich möchte gerade im Anschluß an das, was ich vorhin namens l>er „Vereinigung liberaler Rabbiner Deutschlands" aussprechen durste, nur das Eine sagen, daß dies ein weiteres Zeugnis der engen Verbundenheit bei der Bereinigung ist. Es folgt nunmehr das Referat: „Das I u d e n tum als W e l t r c l i g i o n" von Herrn Rabbiner Dr. Caesar S e l i g m a n n (Frankfurt a. Main), welches wir bereits in voriger Nummer veröffentlicht haben. Daran schließt sich eine Diskussion, die wir n der nächsten Nummer bringen. Wir kennen die Weise, wir kennen den Text, wir kennen auch die Verfasser Breslau, den 2. Februar 1930, vormittags 10 Uhr. Ich kam in den stark gefüllten Saal der Breslaner Loge mit einigen. Freunden und ein Blick aus Hns Publikum belehrt mich, daß eine große Reihe der jüdisch-liberalen Jugend ans allen Lagern, insbesondere auch aus den Lagern -es K.E., anwesend sind. Einem Freunde, oer mich daraus au,merksam macht, sagte ich: „Trotzdem werden wir in dem Bericht in der „Jüdischen Rundschau" Dreierlei lesen: 1. daß nur ein kleines, aber ergrei'tes Publikum anwesend war uird Jugend völlig fehlte, 2. daß alle jüdischen Führer, wie BaeZ usw., durch Abwesenheit glänzten, und 3. Daß alles, was an wirtlich Brauchbarem vorgetcagen wurde, vom Zionismus entlehnt worden ist. Ich bin zwar kein Prophet, aber diesmal habe ich absolut richtig vorausgesehen. Ein Blick auf die Indische Rundschau von: 7. Februar 1930, Nr. 11, bewein, daß die drei berühmten Attribute jeder liberalen Versammlung wieder aus marschieren, 1. der Mangel an jugendlichem Publikum, trotzdem sicher die gute Halste der Versammlung aus Jugend bestand, 2. die Abwesenheit von Dr. Baeck, trotzdem diese seit langem durch die in die gleiche Woche fallenden Vorlesungen in Gießen und Marburg ebenfalls bekannt war und mit seiner Stellung zur Sache nichts zu tun hat) ja sogar die Abwesenheit von Tr. Norden, der tatsächlich mit einer großen Reihe seiner Kollegen, wie Lamuel-Essen, Wolfs-Dresden, Wilde-Magdeburg usw. im Saal anwesend war, und cnMttfji 3. die Feststellung, daß der wichtigste Teil des Referats Dr. seligmann, natürlich unwissentlichder jüdischen Renaissancebewegnug (— Zionismus), zu danken ist. Wir dürfe:! aber auf unsere Sehergabe nich,t üolz sein, denn oie der Rundsch,au rst noch bedeutender. Wir haben nur Tinge vorher festgchellt, die eiugetroffen sind, die Rundschau aber Hat nachträglich aus der geschlossenen Mitgliederversammlung sogar Tinge berichten können, die garnicht zutreffen. Eine rein organisatorische Auseinandersetzung über die Kompetenz Des Redakteurs — ähnliches soll ja auch in anderen Parteien manchmal sich ereignen!— wird umgeboaen der Behauptung, daß der Vorsitzende der Vereinigung gegen oie radikal antizionistische Stellungnahme des Blattes stelluna genommen hat. Jeder Zuhörer der Versammlung weiß. daß in diesem Zusammenhang diese Frage überhaupt'keine Rolle gespielt 'hat, daß der Vorsitzende überhaupt rn diesem Zusammenhang nicht mit einer Silbe das Wort ergriffen hat. Warum kämpst man eigentlich teils mit so abgebrauchte:^ teils mit so wenig anständigen Mitteln? Heinrich- Stern. Synagogenkonzert Zu unserer vorwöchigen Kritik über das Synag-genkonzert ist nach nachzutragen, daß der verstärkte Chor der Synagoge von I. S. Roskin geleitet wurde Der Vater (Ein Kapitel aus dem eben beendeten Roman „Sieben Tage".) Bon Andreas Latzko. Noch spiegelten sich die Hamburger Straßenlaternen in der langsam erstarrenden Blutlache, als die Nachricht von dem „tragischen Tode" des Sohnes die Grunewaldvilla des Vaters erreichte. Versteckt hinter dem ungastlich wuchernden Aestegewirr der Föhren, das der Gärtner nicht lichten durfte, eine breite Landzunge von rechtzeitig aufgekauften Baugründen gegen die Kolonie vorgeschoben, ragte der hohe schwarze Würfel so abseitig in die Nacht, wie auch sein Besitzer sich abseits hielt, — allein in dem abgestorbenen Haus, das mit seinen dunklen Fensterreihen eher dem Mausoleum als dem Heim eines reichen Mannes glich. War sein Arbeitstag in der Bank zu Ende, wollte der geheime Kommerzienrat Landau, der allmächtige Generaldirektor der Deutschen Jndustriegesellschaft, nichts mehr mit der Welt und den Menschen zu schaffen haben, — was sollten sie ihm noch, seit die Tochter geheiratet und der einzige Sohn den. Vater verstoßen hatte? Verstoßen, jawohl, das gab es! — — „Enterben" wäre vielleicht noch treffender geefeit? Wer um das Glück der ganzen Menschheit besorgt war, konnte sich nicht um das Glück des eigenen Vaters kümmern, — schleuderte ihm sein Vermögen, das Resultat seiner Lebensarbeit, entrüstet vor die Füße, weil es vom Schweiße der Armen klebte, und die, — selbstverständlich, — dem Herzen des Sohnes näher standen.- Vereinsamt, alt und krank, werkte der bald Siebzigjährige nur weiter, wie auch der geschleuderte Stein über das verfehlte Ziel hinausfliegt und nur zur Erde darf, wenn er die mitbekommene Kraft restlos aufgezehrt hat. Er diente seinem Geld, weil der Mensch nichts besitzen kann, was ihn nicht auch besitzt und nur ausruhen möchte, wenn er schon sterben muß, oder — sterben muß, wenn er ausruhen möchte. Was hätte der alte Mann mit sich anfangen sollen ohne die hohe Stellung, die ihn am Verhandlungstisch und im Präsidentenstuhl auszuharren zwang? Vom eigenen Sohn verstümmelt, krallte er sich mit den Wurzeln in den Boden, wie ein Baumstumpf, sog die Säfte ans, nicht aus Mißgunst und Gier, wie seine Feinde meinten, nur um sich leben zu fühlen, — tagsüber wenigstens. Saß er dann abends im leeren Haus, die Flucht der unbewohnten Zimmer als Schutzwall um sich, verschanzt auch unter dem eigenen Dache noch, — dann erst ließ er die Maske fallen von dem müden, kummerzerwühlten Gesicht, hörte durch die Wände seine Erinnerungen in den abgesperrten Räumen laut werden, und war nicht zu bewogen, den Kammerdiener in seiner Nähe schlafen zu lassen, aus Angst, belauert zu werden und die Vergangenheit zu verscheuchen. Alles Flehen der Tochter hals nicht, selbst die Glockenleitung zur Schlafkammer des Dieners hatte er nur widerstreben!), nach langen Kämpfen, bewilligt, verliebt in seine Einsamkeit als in das einzige Gut, das ihm sein Geld erkaufen konnte. Welcher andere Vorteil, den sein Alter noch genießen konnte, bestätigte ihm feinen Sieg? Der Nachkomme von Vätern, die ängstlich geduckt, von jeder Faust bedroht, ihr Leben lang an den Mauern klebten, hatte er diese eine Beute doch errafft, daß kein Mensch an ihn heran konnte ohne seine Zustimmung, unnahbar wie ein Fürst zwischen dem Spalier seiner Soldaten, in der Bank das dichte Fangnetz der Diener und Sekretäre vor seiner Türe, im rohen Gedränge der Großstadt immer den spitzen Kiel und den Hupenschrei seines schweren amerikanischen Wagens vor sich, war er sicher, nie gestoßen oder auch nur gestreift zu werden, durfte frei geradeaus schreiten, als spaltete sein Reichtum jedes Hindernis, wie der Stab Mose das Rote Meer. Und so hätte auch der Sohn, hinaufgehoben über die Menge, unbehelligt den geebneten, für chn gebahnten Weg wandeln können, wäre er nicht freiwillig nntergetaucht, taub für alle Warnungen und Bitten! -- — — Vierzehn Jahre waren es her, daß er sein Elternhaus verlassen, mit einpm Eid die Rückkehr sich verriegelt hatte, da gegenüber im Türrahmen, Trotz und Zorn und Trauer im Gesicht. Schloß man halb die Augen, stand er gleich wieder da, lang und mager, die Wangen gerötet, die Angen entflammt von den großen Worten „Menschheit", „Ausbeutung", „Sühne", die er wie Bomben ins Zimmer schleuderte. Ob er sich wohl der Prophezeiung des Vaters erinnert hatte, als ihm seine geliebte „Menschheit" alle Opfer und Dienste lohnte, nach dem uralten, blutigen Tarif, der für alle Weltverbesserer und Wellbeglücker nur eine Belohnung kennt: den frühen Tod? — Zusammeivgesackt in dem großen Lehnstuhl, das Kinn auf der Brust, die ausgestreckte Rechte immer noch auf dem Fernsprecher, aus dem die furchtbaren Worte ins Gehirn geknallt waren wie Schüsse, kauerte der alte Mann reglos hinter dem Schreibtisch. „Ans der Straße tot aufgesunden — -Erschlagen." -- Wie ans einem Projektionsapparat liefen die Bilder über de-r Arm zum Kopf, von den Augen an die Wand geworfen, mit grausamer Schärfe. Da dunkelte die nächtliche Straße,-Bahrenträger drängten sich in die Mitte des schütteren Kreises von Schutzleuten und Neugierigen, — — die Türflügel des Leichenautos standen weit geöffnet, — — nur die Leiche, die Leiche selbst, die Leiche des Sohnes blieb ein formloses Schwarz, wollte nicht Gestalt annehmen, — — unvorstellbar! Was hätte dem verlasseneu, erschöpften Greis vertranter sein können, als der Tod? Wie die Sonne mit seinem Schatten, verknüpfte ihn sein Alter unlösbar mit seinem Ende, — an das Laufband mit den Bildern der Vorausgegangenen schloß sich selbstverständlich die Vision des eigenen erstarrten Leibes im offenen Sarg, — — — nur den Sohn, das schmale, frühalte Gesicht des Sohnes, das die Angen gewöhnt waren, lebendig in den leeren Raum hinein- * zuschauen, — — nein, — — seinen Sohn konnte er sich nicht tot vorstellen, dieser Aufgabe zeigte sich seine Fantast« nicht gewachsen. Wie versengt riß er die Hand vom Telephonkasten zurück, als wollte er die Verbindung lösen, ehe der Arm muh die aufdringlich wiederholte Frage des Hamburger Herrn zum Gehirn leitete. „Verfügungen?-Verfügungen wegen der Leiche?" — Unter den schlaffen, von Schlaflosigkeit geröteten Lidern schoß ein Blick hervor, so leuchtend, als hätte der ohnmächtige Haß die erloschenen Greisenangen zu neuer Jugend entzündet. „Verfügungen?" — — — Sie meinten wohl, der Vater sollte hinkommen, die Leiche seines Sohnes abholen, war es doch „sein" Blut, — so hieß es ja, — das dort in die Gosse rann. Wie freundlich, daß über die Leiche der Vater verfügen durfte! Die leere Schale der ausgepreßten Frucht wurde ihm großmütig überlassen, er war berufen sie aus dem Stroßeukot aufzuklauben, nachdem Jugend, Kraft, Gesundheit, Zukunft, alle Wärme des verstummten Herzens, jeder Pulsschlag des vergossenen Blutes der „Menschheit" gehört hatte, im Leben wie im Sterben! — — — Glühende Bitterkeit verschloß die Kehle, drosselte den Atem, daß der dürre Leib zuckend im Lehnstuhl sich krümmte und die weißen Lippen nach Luft schnappten, wie ein aufs Land geworfener Fisch. lieber die Leiche verfügen? Nein. Es wäre gar nicht im Sinne des Toten gewesen, der hellhörig für jeden Seufzer und jedes Stöhnen, wie ein Jäger auf Tränen gepirscht hatte, die er trocknen könnte, nur von dem einen einzigen Kummer ungerührt, den er selbst verschuldet hatte. Die „Stimme des Blutes", die jetzt im Vater laut werden sollte, war immer stumm gÄliebeu im Sohn,' überquellend vor Mitleid und Hilfsbereitschaft, gerade gegen den Vater hart, — — warum den Menschen verübeln, daß sie dem Toten seinen Willen getan hatten? Im Grunde war alles nach Wunsch geschehen, wer sich selbst unter die Räder warf, wurde zermalmt, das angebotene, man durfte wohl sagen aufgedrängte Opfer, weshalb hätte die Welt es verschmähen sollen? — — — Der stählerne Willen wurde der Erschütterung Herr, starr aufgereckt im Stuhl, die Maske des Generaldirektors? wieder vors Gesicht gezogen, langte der Alte nach einem Briefbogen und drückte lang und fest auf den Klingelknops. Er wollte die Tochter nicht erschrecken durch den nächtlichen Anruf, - der Diener sollte mit einem Brief zum Schwiegersohn hinüber, nach außen blieb der Schein vollständig gewahrt, wenn in Vertretung des kränklichen alten Vaters der Schwager die Leiche abholen fuhr. Offen blieb nur die Frage, ob man nicht besser daran tat, keinen Lärm zu schlagen. Gelang es, der Täter habhaftig zu werden, kam nur der Tote auf die Anklagebank. — — — Wozu den Mordbuben die Gelegenheit geben, den Uebersall auf den Wehrlosen als Heldentat auszuzäumen? Der unbequeme Nörgler, der seine überspannten „sittlichen Forderungen" wie Zerrspiegel den Menschen vor die Augen geschoben hatte, konnte nicht Recht behalten. „Der Herr Geheimrat haben geklingelt?" — Zum drittenmal schon wiederholte der Diener die Frage, ohne daß der Alte auch nur aufgeblickt hätte von seinem Brief. Notdürftig bekleidet, die Augen noch vom Schlaf verklebt, stand der kräftige, breitschulterige Koloß stramm aufgereckt vor dem Schreibtisch, die Hände vorschriftsmäßig an die Schenkeln gelegt, nur innerlich kochend über den frechen Hochmut, der seine Gegenwart überhaupt nicht zur Kenntnis nahm. Als wäre er versteinert, so reglos saß der gelbgedörtte, hohlbrüstige Greis im kleinen Lichtkreise der Stehlampe, kein Zucken der wimperlosen Lider verriet, daß noch Leben in ihm war. Hätte der ostpreußische Bauernknecht, von der dreijährigen Dienstzeit als Ossiziersburfche in den herrschaftlichen Beruf verpflanzt, je etwas von Rembrandt gehört, er hätte das beleuchtete Bild im dunklen Raum für den Charakterkopf eines Amsterdamer Juden halten können, mit den dicken, gleißenden Farbenkrusten des Meisters auf das teerige Schwarz des Hintergrundes gemalt. Aber die unsinnige Behauptung, die Köpfe aller Juden würden in goldene Rahmen gespannt als Schmuck an die Wand gehängt, wäre als schlechter Scherz verlacht worden von dem blonden Hühnen, der es den Verwandten und Freunden im Heimatdorf gar nicht zu schreiben wagte, daß er sein Kammerdiener-Pedigree mit dem Dienst im Hanse eines reichen Bankjuden befleckt hatte. Geblendet vom Licht, zutiefst empört über die geringschätzige Behandlung, bemerkte er den schmalen dunklen Spalt nicht, der im Schutze der buschigen Brauen unheimlich ausblitzte unter den geschwollenen Lidern seines Herrn. Wie durch Glas drangen die siebzigjährigen, immer noch scharfsichtigen Augen durch die breite, niedere Stirne, lasen jeden Gedanken unter den kurzen blonden Borsten, — — tasteten über die derben, knochigen Glieder, bis sie an den Händen hasten blieben, die nur der sichere Lohn am Ersten so fest an die Hosennaht heftete.- Wie hätten sie auch mit Vergnügen und überzeugt losgedroschen im schützenden Dunkel der Hamburger Straße! --Von der Lampe an die Wand geworfen und vergrößert, ergänzte ihr Schatten, wie von mächtigen Boxerhandschuhen umhüllt, mit peinigender Deutlichkeit die Vision der rohen Meute, die mit den gleichen knochigen Fäusten hinemgehämrnert hatte in — — — „Warten Sie draußen, bis ich Sie rufe!" Es klang nicht wie sonst, knapp und herrisch — aber ruhig. Es brach chm ans der Brust, nicht wie ein Befehl, wie ein schwer gebändigter, drohender Wutschrei eher, daß der Diener erschrocken ans dem Zimmer schnellte und draußen die Klinke in der Hand behielt, mißtrauisch zurückhorchend, als hätte er Angst, verfolgt zu werden. Auch der alte Mann horchte, ein Zittern in den Knien, genarrt von seinem Blut. Da hinter der Wand, hinter den zwei Schattensäuften, die er noch immer ans ihr Aeben sah, im anstoßenden Zimmer war der Sohn herangewachsen,- er hätte seine trippelnden Kinderschritte, — — das Auf- und Abgehen des memorierenden Studenten,-selbst der verstaubte Flügel, unten, in den abgesperrten Empfangsräumen, erwachte aus seinem Dornröschenschlaf, — — stotternde Griffe derzu kleinen Kinderhand schickten die ersten Takte einer längst vergessenen Etüde herauf. —- Die Zähne zusammengebissen, Schweißtropfen auf der Stirne, raffte der Greis seine ganze Willenskraft zusammen: und zwang sich zu seinem Brief zurück. Er überflog den begonnenen Satz, klammerte sich an den Federstiel fest, wie

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