Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 7 (12.2.1930)
- Date
- 1930-02-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Alten haben, können wir heute, stärker als je, geschlossen in* in (etnigleit vor Sie treten und Zeugnis vor der jüdischen Oefscntlichkeit avlegen von dem, was wir wollen. Wir haben Breslau zum Tagungsort gewählt, wir haben das in dankbarer Erinnerung an die, welche nicht mehr sind, getan und in freundschaftlicher Verbundenheit mit unseren Freunden, die Seite an Seite mit uns für unsere Idee wirken und geivirkt haben. .Wem drängt sich nicht, wenn man als liberaler Jude hierher kommt, die gewaltige, überragende Erscheinung des großen Lehrers und Erziehers des liberalen Judentums — ich darf sagen, des Judentums — Abraham Geigers auf, der hier in diesen Mauern geworden rst, was er uns ist, was er uns allen, die an der Erhaltung des. Judentums interessiert sind, sein sollte. Tiefer Mann, der seinerzeit als Zerstörer Israels bekämpft »ourdc, »vrrd längst als Gründer einer neuen, stolzen, zukunftsfrohen Gemeintchaft derer angesehen, die das Judentum erhalten und fördern wollen. Ich betrachte es nicht nur als einen günstigen Zufall, sondern auch als den Ausdruck innigster Verbundenheit mit der Vergangenheit, daß sein Enkel heute an meiner Seile sitzt, als einer der ersten Führer unserer Vereinigung. Meine sehr verehrten Damen und Sperren! Schweift unser weiter, so gedenken wir auch derjenigen unter Ihnen, die als liberale Juden hier in Breslau mit uns gestritten haben und die nicht mehr unter uns sind. Ich nenne nur zwei Namen unter den vielen, vielen, die der Vergangenheit angchören; jedoch lebendig in unserer Gegenwart sind, nämlich den langjährigen Freund unserer Sache, Mitbegründer unserer Vereinigung, Herrn Geheimrat Reich, und den Namen des unvergeßlichen Professor Wohlarier, der uns und Ihnen viel zu früh entrissen ivorden ist. Wir sind gern nach Breslau gekommen, zu einer alten liberalen Muttergeincinde, nicht nur Deutschlands, sondern der ganzen Welt. Bon hier aus haben eine große Reihe unserer geistigen Führer ihren Ausgang genommen. Viele von denen, die im Breslauer Seminar ihre geistige Bildung empfangen haben, sitzen hier unter uns. Es ist nur zu wünschen, daß auch weiterhin diese ehrwürdige Hochschule, deren 75 jähriges Jubiläum die ganze gebildete Welt, nicht nur die jüdische, vor kurzem gefeiert hat, auch iveiter und vielleicht mehr als in letzter Zeit als eine Stütze des bewußten, aus seine Ausgaben stolzen liberalen Judentums sich erweisen tvird. Nun, meine verehrten Damen und Herren, was wollen wir hier und was »vollen wir überhaupt? Alle zwei bis drei Jahre kommen Vertreter aus ganz Deutschland zusammen, um sich gegen jeitig zu berichten über ihre Wünsche und Sorgen, sich klar zu werden über ih»-c Aufgaben und Ziele. Auch heute begrüßen ivir Freunde unserer Sache vom Norden bis zum Süden, und es ist mir eine ganz besondere Ehre und Freude, Ihnen mitzuteilen. daß nicht nur das deutsche liberale Judentum heute vertreten ist, sondern daß auch der Weltverband des liberalen Judentums heute hier mit uns diese Stunde begeht, indem er seinen Vize Präsidenten Herrn Rabbiner Dr. Israel Mattuck und seine ehrenamtliche Sekretärin Miß Lily Montagu zn uns gesandt hat, die hier unter uns Zeugnis ablcgen sollen, daß auch das liberale Judentum eine weltumfassende Bewegung ist, nicht gebunden an zeitliche, nicht gebunden au örtliche Grenzen, daß wir den großen Gedanken der Verbundenheit ganz Israels ancli in uw seren Reihen erkennen und in die Tat umzusctzen. haben. Wir heutigen Juden und insbesondere ivir liberalen Juden und stolz daraus, in unseren Ländern Bürger unseres Vaterlandes zu sein; wir deutschen Juden, wir englischen Inden, wir amerikanischen Juden, wir französischen Juden, die wir uns alle zusamnumgefundcu haben in dem Weltverband, der, ttne wir hoffen, recht bald feine großen Fittiche auch über diejenigen (siegenden der Welt ausbreiten wird, in denen cs tausende von liberalen Juden gibt, die bisher noch keine Organisatioir gefunden haben, unter dkrZie sich, vereinigen und nach außen Zeugnis ablegen können. Man hat uns oft gefragt, was unsere Parole ist. Es kann nur ,e i n e jüdische Parole geben, sotveit sie das Ziel bedeutet. Jede jüdische Bewegung kann — wenn sie den Namen verdient - nur ein Ziel haben : die Verwirklichung des jüdischen Ideals in einer gesunden,, zukunftskräftigen, einigen jüdischen Gemeinschaft. Erhaltung des Judentums und der jüdischen Gcmainschasr,. Be obachtung, Erhaltung des Judentums in der jüdischen Gemeinschaft, das sind die Aufgaben, die wir uns zu stellen haben, die Alten sowohl wie die Jungen, die Lehrenden und die Lernend«:, diejenigen, die von der Kanzel das Wort des Ewigen uns künden, und diersenigen.. die es im Leben in die Tat umzusetzcn haben. Verschieden kann nur der Weg sein, auf dem ivir zu diesem Ziel gelangen Wir liberalen Juden, durchdrungen von dem Gnadengeschenk, daß wir in Miseren: Lehre bekommen haben, hoffen, uns desselben würdrg zn wwcisen, indem wir diese Lehre nicht nur als ein Erbe, sondern als ein lebendes Gut uns selbst erhalten und unseren Kindern weitcrreichen können, so daß wir nicht »uft oWV dem Gur auserer Väter, sondern von dem Gut unserer Kinder sprechen können^ weil wir diese Lehre in Ueber Einstimmung mit dem vielgestaltigen Leben unseren Kindern überliefern. Dabei ist weder die Lehre dem Leben, noch das Leben der Lehre untertan. Unser Judentum ließ und läßt es nicht zu, daß hier ein Zwiespalt bleibt. Wir sollen den Weg suchen in religiöser Wahrhaftigkeit, diese Lehre ins Leben umzusetzen. Auch in unserer Zeit gibt cs viele Wege; diesseits und jenseils dcs^ Weltmeeres, diesseits und jenfeitgdes Kanals werden liberal« Anschauungen i» anderem Gewände vertreten; aber in der ersten Stunde, m der wir uns sahen und sprachen, fühlten wir liberalen Juden der ganzen Welt, daß. wir eines Geistes und eines Herzens find. Das gleiche in noch verstärktem Maße gilt natürlich für die deutsche liberale Judenheit. Auch hier mag cs verschiedene Anschauungen über Einzelheiten geben; im Großen, in dem Ziel, in der Wegrichtmrg, ja auch auf dem Wege selbst, den wir eingeschlagen haben, sind tote einig, bleiben wir einig und werden, obivohl versucht wird, künstlich zwischen uns Schranken aufzurichten, niemals gestatten, daß die Bruderschaft, die von rechts bis links, die alt and jung; Rabbiner und Laien miteinander verbindet,, angetastct oder gar zerrissen wird. Wir liberalen Juden wissen,, was wir wollen. Wir wollen zusammen Zeugnis ablegen für unser Judentum in derjenigen Form, die Wissen und Gewissen uns gestalten. Wir ehren die Ukberzeuglmg derer, die das jüdische Ideal aus anderen Wegen verwirklicht sehen »vollen, aber »vir verlange»» den gleichen Respekt für unsere Weltanschauung; »vir verlangen den Respekt in den großen geistigem Auseinandersetzungen;, »vir »»erlangen, den Respekt auch in kenjcnigew Körperschaften, die für uns noch immer der lebendige Ausdruck jüdisel-nr Willens find, i,r den jüdischen Geineinden. Wer deutschen liberalen Juden sind die Gründer dieser deutschen, jüdischen Gemeinden' geliTeseii. Wir sind diejenigen gewesen, die das-' Haus gezimmert haben, in dem sich-jüdisches Leben entfalten .konnte.. Wir haben die großen sozialen Anstalten geschaffen, welche allen. Juden ohne Unterschied der Glaubensrichtrmg, ohne Unterschied -woher sie kommen und wohm sic gehen, Swutz, Hilfe, aber auch Gelegenheit zur Miiarbeit geben. Wir wollen mcht vergessen und uns nrcht vergessen machen lassen das Erbe unserer Väter. Wir wollen auch dir Borarbc t von allen diesen Frauen- »mb Männern nicht gerrngxr werten, »ccü sie bei damaligen Zeit entsprechend vielleicht anderer Wege vor sich gesehe.r haben. Tie haben ivic »srr dem Ina ent um gedient und haben uns in der deutschen jüdischen Gemeinde ein. Erbe hi Merl affen, das wir zu wahren. haben. Daher werden wir liberalen Juden festhalten an der Einheitsgemeinde, aber nicht an der E i a h e i t s g e u\' i »i b e um ie 0 cn Preis, sondern ari. derjenigen E i n ä e i. t S g e m c . it b e, d i e »v i r k l i chd i c- Einheit, des I u d e »r t u m s verkörpert-,, in der s.e d e Richtung des Judentums sich »vahrhast entfalten kann, jede Richtung des Judentunrs dem Ziele entgegen streben tum, den i)»tv Herz, gebietet. Wir »vollen Hüier darüber sein, daß insbesondere, das liberale .'.Adentllm ni-at immer das gebende, nicht nur das nach-- gebende, sondern auch das nrhinende 'ein wird, »» elchrs seinen - Platz» im Leber der Gemeinde zue freiem Entfaltung »einer Jd'-,nr behauptet. -Bravo.: Meine Damen »ad Herren! Wir fürchten die Ausemanver setzungen nicht, aus dem Reiben eutsteh-t der F.tnkc, jener Funke, der die läeister »vach -rhült. Wir wünsche» eine Auseinandersetzung Israel war oft zwiespältig im Geiste, jedoch immer .einig 'Im Herzen. Nur durch Wahrheit können ivir zun.:-. Frieden komme»!, nur durch Wahrheit tömren wir zur Einheit kommen. Frieden u n d Einheit in der Gemeinde k ö n n c i nicht d si> u tdi» geschaffen werden . daß »emand kommt n liö: d '- e j e n i g e n auflicst. die v o u r e ch t s u u,d links it u z n - friede m sind u n d nicht w i.s s e n , >v o bi u sie grhören (sehr richtig; sondern sie sind dadurch zu erziele»,. daß jede Richtungihren Weg geht in Achtung und Anerlninung der anderen,-.und daß- »vir wisst», daß diese jüdische Gemeinde groß genug ist, am tzÄerr- Mann, jeder Frau, jedem Jugendlli-chen unter m e Raum zu gebe»- fiit* die Entfaltung seiner jüdischcir i-Ubeit. (Bravo., So »vollen »vir unsere Arbnt in der Gemeinde, so »i ollen-, coii: unsere Arbeit in der jüdischen Welt, so »volle»! wir unsere kLrbeil in der großen Umwelt ausgcfaßt »vissen. Ja,. Ivir wollen aroeire» auch in unserer nichtjüdischen Uimvelt; gerade »veil »vir »orssen, »vir Juden, daß »vir eine besondere Aufgabe zu lösen haben fiix die Menschheit, müssen »vir i n der Menschheit arbeiten. Wir dürfen uns nicht trennen von denjenigen Brüdern und Schwestern, welche ihren Gott auf anderen Wegen suchen. Wie »voll'.ir nicht kLnstliche Schranken aufrichten zwische>u Deutschen . irdischen Glaubens und Deutschen anderen Glaubens. Wir wollen Mlscre Eigenbeit wahren, lvo sie gewahrt »'erden muß, ans dem g.iftigen,. seelischen, Gebiet, das uns das Judentum vorschreibt: aber »vir »vollen m alle-- denjenigen Fragen, die »va^rhaste- Menschbeitsfrugen ftnd. unsere-> STRAHL & FALKE BLUHEN-AUSSTELLUNG BERLIN W66£ MAUERSTR. 79 MUMMWi ZENTRUM 3023 u. 3024 BLUMENSPENDEN . TRAUERSPENDEN TAFELSCHMUCK HHIEHDEKORATIOIIEN Ul KÜNSTLERISCHES AUSFOHRUM Vaterlandes Kinder fein und Zusammenleben mil den anderen, die auf dieser Erde geboren, erzogen sind, >vo dereinst unsere und ihre letzte Ruhestätte sein roird. (Bravo.) Wir sind deutsche Juden, stolz daraus, deutsche Juden zn sein. Wir »volleir dem deutschen Judentum in der Art und Weise, in der es heute hundert Jahre laug die Führerschaft ganz Israels hat, sie auch bewahren, stets in seiner Eigenart sich dessen bewußt, daß cs der Gesamtheit Israels und der Menschheit zu dienen und sich einzuordnen hat. Meine sehr verehrten Damen und Herren! Bevor »vir nun in die Tagesordnung eiirtreten, habe ich zunächst noch diejenigen Damen und Herren zu begrüßen, welche in Vertretung anderer Körperschafter» zu unS gekommen find. Wir haben die Freude, den .Herrn Vorsitzenden der Synagogen-' gemenrde Breslau, .Herrn Geheimrat Goldfeld, unter uns zu sehen. Wir begrüßen die Vertreter der Presse, die Vertreter unserer Ortsgruppen, besonders des liberalen Vereins Breslau. Wir haben zahl' reiche Mitglieder und Führer des liberalen Rabbiner-Verbandes unter uns. Wir sehen zu unserer großen Freude eine große Zahl unserer jüdischen Jugend bei uns, Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft jüdischliberaler Jngeudvereine; sie, noch stärker als bisher, an uns heranzuziehen, nruß unsere erste und ivichtigste Aufgabe sein. Wir haben unter uns Vertreter des jüdischen Frauenbundes, jener großen Or ganisation, die unabhängig von der religiösen und politischen Richtung im Judentum alle jüdischen Frauen umfaßt und der insbesondere auch Liberale Frauen ihre Mitlvirkung von jeher gegeben haben. Wir freuen uns auch, eine große Zahl der jüdischen Studenten der K-C.-Verbindung unter uns zu sehen, die zwar ebenfalls neu trat doch eine große Menge derjenigen Führer uns gibt und gegeben hat, ans die »vir heute in unseren Reihen stolz sind. Meine sehr verehrten Damen und .Herren! Wir haben noch eine Anzahl Ausgaben vor uns. Wir müssen derer gedenken, die nicht mehr in den Reihen der Vorkämpfer weilen, die in der letzten Berichtsperiode von uns gegangen sind, und da »vill es das Geschick, daß »vir den Acltesten und den Jüngsten aus unserem. Vorstände verloren haben. Wir haben in der letzten Verichtsperiode den Gründer unserer Bereinigung verloren, ihren früheren Vorsitzenden, ihr geistiges .Haupt, weithin sichtbar an hervorragender Stelle: Bernhard Breslauer. Seinen Namen nennen, heißt diese Persönlichkeit aus tauchen sehen, diesen Mann,. der zielbeivußt seines Weges dahinschritt, eine wahre Führernatur, freundlich und ritterlich in allen Kämpfen, großzügig im Entgegenkommen in allen Dingen, die dem Vergleich und dem Entgegenkommen erschlossen sind, aber unerbittlich, zielbewußt und fortschreitend in den großen Fragen, in denen er Kompromisse nicht kannte. Wir haben seiner bereits ans (der Tagung) der Weltkonferenz des liberalen Judentums im Jahre 1928 gedacht. Wir erinnern uns seiner in ehrsnrchtbarer Dankbarkeit. — Er wird überall, >vo »vir uns zusammenfinden, als unser Führer vor uns stehen. Wir »vcrden seiner nie vergessen uird ihn ehren, »venn wir sein Werk ck-ren. Und dann, meine verehrten Damen und .Herren, haben wir einen der Besten unter unseren Jüngeren und Jüngsten verloren. Ein tragisches Geschick hat Ludwig L e »v i n in der Blüte seiner Jahre von uns gerissen, den Führer der Berliner Jugendbeivegung, einer der Führer der deutschen liberalen Jugendbewegung. Noch auf der letzten Weltkonferenz des liberalen Judentums hat er für die liberale Jugend das Wort ergriffen, war ihm das Referat über Jnge»tdbe»vtgung anvertraut ivorden. Er hat die jüdische Jugend Der Jmprovisakor bei Goethe Bon S. M e i s e l *. Pros. Tr. H. H>. Hvuben, der schon so manches kostbare -Werk der Goetheliteratur aus der Versenkung hob, hat jetzt Frederic Sorets Gespräche mit Goethe in einem stattlichen, nahezu achthundert Leiten umfassenden und mit zahlreichen Abbildungen und Faksimiles geschmückten Band (Verlag F. A. Brockhaus in Leipzig) herausgegeben. Houben bat Lorets in französischer Sprache abgesaßt-e Erinnerungen aus seinem handschriftlichen Nachlaß, seinen Tagebüchern und seinen Briefen übersetzt und daraus ein Erinnerungsbuch zusammenge- \ stellt, darin sich das Weimar Goethes anr Ausgange des klassischen Zeitalters vielfach in neuem Lichte widerspiegelt.^ Man darf dieses Buch füglich als ein gleichtvertiges Leirenstück zu. Eckerinann betrachten. Frcederic ^oret, ein gebürtiger Franzose, kam im Jahre 1822 nach Weimar, wohin er als Erzieher d-es Erbprinzen Karl Alexander berufen wurde. Goethe schätzte ihn wegen seiner gründlichen Kenntnisse auf naturwissenschaftlichem Gebiete, namentlich aus dein der Mineralogie und Kristallographie, deren Studium damals der greise Dichter mit besonderem Eifer oblag. Corel durste nun öfter Goethe besuchen und so manche Stunde mit dem Dichter allein irr bedeutsamem Gespräch verbringen. In Sorets Unterhaltungen mit Goethe waren vorwiegend naturwissenschaftliche Probleme das Gesprächsthema, aber auch über Kunst und Literatur, über Zeitereignisse und Politik und andere „würdige und weitausdeutende Gegenstände" wuroe gesprochen. In seinen Tagebücherit und Briefen hat Soret außer den Gesprächen mit Goethe auch alle Vorkommnisse, Ereignisse. Besuche, die damals in der Gesellschaft der kleinen Residenz stadt an der Ilm das Tagesgespräch bildeten, mehr oder minder ausführlich ausgezeichnet. So bieten uns die Erinne rangen dieses Ausländers an Goethe so manchen reizvollen Ansschnitt ans dem Wechsel- und farbenreichen Leben im Goetheschen Weimar. Weimar war damals der Mittelpunkt des geistigen Deutschland, und der Mittelpunkt Weimars war Goethe. Der Olympier war die Sonne, um die eine Unzahl von Trabanten kreiste. Viele kamen da-.nals »rach Weiinar, um Goethes Nähe zu genießen. Die hochrangigen Besucher von imh und fern waren gleichsam die Attraktto-nen der Mend^ gesellschaften im Goethchause. Felix Mendelssohn, ein Knabe n»>ch an Jahren, gab hier bei einem ihm zu Ehren veranstalteten musikalischen Fnihstück die Erstlinge seines hervorragenden Talents zum besten. Marie Szymanowsta, die begabte Künstlerin, phantasierte hier „so gefällig als trefflich" aus dem Flügel und wurde dafür von dem greisen Dichter MBM I IIII— IIIIIH1IIHIIIW mit sein Gedickn „Trilofte der Leidenschaft"' reichlich belohnt. Pierre Jean David, cvenanm Tavch d'Anger-s, der gr-che französische Bll dH an er, kanr nach Weiinar, um eine Goethcbüste zu mach.n und ergötze die GeAlschast bei Zjoerhe danitt daß er aus Brot die Köpfe der Anwesenden rbformte. So bet jeder neue Besuch bei G-vethe Abwechslung:.. Unterhaltung^ Kurzweil, und befri'Digte den Kreis tun Goethe in hohem Maße. Von allen diesen Besuchern scheint jedoch Oskar Ludwig Bemhard Wölfs aus .H-Unüurg in der weimarcfchen Gesellschaft das größte Aussehen, erregt zu gaben; wenigstens rüßt sich bk* aus den eingehenden Beruhten sowohl Sorrts als , auch Eckermanus entnehmen. l Wer war n'rn dieser Oskar Wolfs? Goethe nennt ihn einen „poetiseli^n Wundervog^stft er rvar aber nichts andcresals der erste dratsche Improvisator. Wolfs war als Sohn frommer jüdischer Eltern 1799 zu Altona geboren, studier.ee zuerst Medizin, dann Philosophie und Geschichte, entdeckte in Hamburg sei»: Talent zum Stegrei'dichten, bereiste dann alle größeren Städte Deutschlands, um seine Kunst zu zeigen. Er fand überall großen Beifall und wurde wie ein Wu>rder angestaunt. In romanischen und slawischen Ländern gab es in den ältesten Zeiterr Improvisatoren, die bei passenden Gelegenheiten. frei u»rd unvorbereitet dichteten, Verse und Reime gleichsam aus dem Aerrnel schüttelten. Italien zählt sogar Petrarca zu den berühmten Stegreifdichtern. Adam Mickicwicz, Polens größter Dichter, pflegte meisterlich zu improvisieren; mehrere stiller Stegreifdichtungen sind in fein Gesamtwert ausgenommen. In Deutschland aber war noch am Anfänge des neunzehnten Jahrhunderts die Kunst des Stegreifdich'tens völlig unbekannt. Oskar Ladwig Bernhard Wolfs sv4 Zvaayn bunstpiL uo»ml asq jjun$ aitwj llvq 'ajp aMMM rinp; m uonvliaoräm^ aeq Jljie aog rvm größte Aufsehen erregte. Elide Januar 1826 kam Wolfs nach Weimar und wurde, nachdem er iu Gegenwart des weimarischen Hofes ein „glänzendes J-mprovrsa-torium" gegeberr hatte, sofort zu Goethe eingeladen. Er improvisierte vor Goethe mit viel Geschick; der Dichter lobte sein Talent uird gab ihm einige Ratschläge. Wolfs äußene später zu Eckermann, die Stunde bei Goethe würde iu seinem Leben Epoche machen, da ihm Goethe mit wenigen Vorteil auf eine ganz neue Bahn gebracht hätte. Ueber Wolffs Aufenthalt in Weimar berichtet Soret: „Allgemettieii Gesprächsstoff bot die Ankunft des Improvisators Wolfs; der junge Mann kommt von Hamburg, ist Jude von Geburt und muß ein fabelhaftes Gedächttiis haben, dmn er spricht eine ganze Reihe Sprachen, eure so gut wie die aridere, z. B. Englisch, F-ranzöfisck', Italienisch und Deutsch, nud uoch drei oder vier; er kennt sich in den verschiedensten Literaturen aus und ebenso in der Geschichte. Sein Haupt talent aber ist das der Improvisation in Reimen oder überhaupt in jelrer Versart, die man von ihm verlangt. Eine Minute Vorbereitung - danu legt er los, eine Viertelstiaide lang ohne je zu stocken, ohne die geringste Pause, ohne Häufung geistloser Worte; Gedanke und Worte passen so trefflich'zusammen, dost der Zuhörer verblüfft ist. Ich hörte ihn improvisieren über Johanna Grey, jernand aus der Gesellschaft hatte ihm dies Thema aufgegeben, und er behaiidelte es so sein und geschickt, als ob er nur etwas aus dem Gedächtnis vortrüge; für das nächste Gedicht war ein einzelnes Wort als Thema bestimmt worden, der Glaube, der in jedem, zweiten Vers Vorkommen sollte; die Verse waren zehnsüßig und gereimt, einige Unregelmäßigkeiten glaubte ich darin zu spürerr, aber der Gedankengang war tadellos. Ganz über meine Fassungskraft geht, daßer sogar ein regelrechtes Sonett ebenso aus dem Stegreif -sprechen, kann; diese Gedichtform schon hielt ich für unimprovisierbar." Sehr interessant ist auch die Auszeichnung Eckermanns (vom 29. Januar 1826) über sein Gespräch mit Goethe. Eckeralaun erzählte dem Dichter, Wolfs sei schr glücklich gewesen, daß ihm Goethe einen guten Rat gegeben habe.!,Jch bin aufrichtig gegen ihn gewesen", sagte -darauf Goeche, „und wenn meine Worte aus ihn gewirkt und chn angeregt habeii, so ist es ein sehr gutes Zeichen. Er ist ein eirtschiedenes Talent, daran ist kein Zweifel, aber er leidet an der allgemeinen Krankheit der jetzigen Zeit, an der Subjekttvität, und davon möchte ich ihn heilen. Ich gab ihm eine Ausgabe, um ihn zu versuchen. Schildern Sie mir, sagte ich, Ihre Rückkehr nach Hamburg. Dazu war er »iun sogleich bereit und sing auf der Stelle in wohlklingenden Versen zu sprechen an. Ich mußte ihn bewundern, allein ich konnte ihn nicht loben. Nicht die Rückkehr »lach Hamburg schilderte er mir, sondern nur die Empfindungen der Rückkehr eines Sohnes zu Ellern, Anverwandten und Freunden, und sein Gedicht konnte^ebenso gut für eine Rückkehr nach Merfeburg und Jena als für eine Rückkehr nach Hamburg gelten. Was ist aber Harnburg für eine ausgezeichnete, eigenartige Stadt, und welch ein reiches Feld für die speziellsten Schilderungen bot sich ihm dar, wenn er das Objekt gehörig zu ergreifen gewußt und gewagt hätte." Oskar L.' B. Wolfs hat die Kunst des Jmprovisierens nicht lange ausgeübt. Durch Vennittl'uug Goethes erhielt er eine Professur der neueren Sprachen am Gymnasium zu Weimar. Wolfs war ein äußerst fruchtbarer Schriftsteller; er schrieb Romane, Novellen, Erzählungen, Gedichte, er verfaßte mehrere literaturgeschichtliche und historische Bücher, er gab mehrere Artthologien heraus, darunter auch ^eine französische und eine englische; bekannt ist sein „Poettscher .tzausschatz des deutschm Volkes"', völlig unbekannt seine 1832 erschienene Schrift „Das Büchlein von. Goethe". Wolfs starb I cm 16. September 1851 zu Jena.