Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 47 (20.11.1929)
- Date
- 1929-11-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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fragen Wert lege. Besondere Erörterung fand auch ein -Zirkular der Berliner Reformgemeinde für den Bezirk G-runewald. In einer stark von Liberalen bewohnten Stadtgegend Berlins gibt es bekanntlich eine Religionsvorschule der Gemeinde, die von einem konservativen Zionisten geleitet wird und der allgemeine Religionsunterricht in der Grundschule wird gleichfalls von einer im übrigen recht tüchtigen zionistischeir Lehrkraft erteilt. Tie Reformgemeinde hat nun in einem Zirkular für ihren Unterricht geworben, indem sie sich ausdrücklich an diejenigen Eltern gewandt hat, die ibrc Kinder nicht einem unzeitgemäßen Ritualismus und einer Erziehung zum nationalen Judentum zuwenden wollen. Hierüber herrschte in den Reihen der Volkspartei und konservativen Fraktion große Empörung, und man verstieg sich sogar soweit, dieses Zirkular als einen „unlauteren Wettbewerb" gegen den Gemeindeunterricht zu bezeichnen. Tarüber, daß dieses Zirkular bereits fast drei Jahre alt ist und mindestens piermal unbeanstandet erschienen ist, gingen die Vertreter der kochenden Volksseele hinweg. Ein praktisches Ergebnis zeitigte die erwähnte Aussprache nicht. Tic im übrigeil sehr ruhige Sitzung fand einen stürmischen Auftakt, indem Herr Rechtsanwalt Klee vor Eintritt in die Tagesordnung in einer persönlichen Bemerkung sich wieder einmal gegen die Jüdisch-liberale Zeitung wandte, die angeblich in ihrem letzten Repräsentantenbericht (siehe Nr. 44 dieser Zeitung) ihn persönlich beleidigt habe. Trotz der dahingehenden Aufforderung des Vorsitzenden der liberalen Fraktion, Herrn Rechtsanwalt Stern, näher darzulegen, worin die Beleidigung bestand, hat Herr Rechtsanwalt Klee es nicht für gut befunden, dies zu tun. Er mußte sich daher mit Recht von Herrn Rechtsanwalt Stern sagen lassen, daß geraüe er, der inner- und außerhalb dieser Versammlung die Zeitung und ihren Redakteur in gehässigster Weise angegriffen habe, der letzte sei, der sich darüber beschweren könne, wenn auch einmal auf einen groben Klotz ein grober Keil gesetzt werde. Im übrigen griff auch .Herr Rechtsanwalt Stern vor Eintritt in die Tagesordnung noch einmal auf die letzte Sitzung der Versammlung zurück. Er verwahrte sich gegen die in der letzten Sitzung erfolgten Angriffe auf den von allen Liberalen hochverehrten Rabbiner Tr. Galliner. Merkwürdigerweise hatten sämtliche MitgliÄ>er der Volkspartei für diesen beschämenden Vorgang das Gedächtnis verloren und erklärten, daß ein derartiger Angriff überhaupt nicht erfolgt sei. Rechtsanwalt Stern konnte unter Beifall der liberalen Fraktion feststellen, daß Herr Tr. Galliner, oer seit 32 Jahren als Lehrer und Rabbiner in der Gemeinde wirke, das uneingeschränkte Vertrauen, sie Achtung und Liebe der Liberalen genösse und daß die Liberalen niemals dulden würden. Saß ein Rabbiner nur deswegerr angegriffen werde, weil er Vertreter einer Weltanschauung sei, welche der jetzt herrschenden Mehrheit entgegengesetzt wäre. An die öffentliche Sitzung schloß sich noch eine ausgedehnte geheime Sitzung, in der einige wichtige Fragen erörtert wurden, auf die hier zurückgekommen werden wird, sobald die Vorgänge der Öffentlichkeit bekannt werden. Aus den Gemeinden Berlin. (Landesverband und Provinzial»erb ä n d e.) Am Sonntag, den 10. November 1929, kamen in Berlin in den Räumen des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden die Vertreter säst aller preußischer Provinzialvcrbändc erst malig zu einer Aussprache über gemeinsame Aufgaben und Ziele zusammen. — Den Vorsitz führte der Leiter des Niederschlesischcn Provinzialverbandes, Herr Waldstcin, Breslau. Herr Dr. Freund begrüßte namens des Landesverbandes die Tagung und betonte wie unentbehrlich für diesen die Mitarbeit der Provinzialverbände fei. Seitens der Provinzialverbände wurde über die Arbeiten und die Erfahrungen in ihrem Wirkungskreis berichtet. Es wurden Vorschläge zur weiteren Aktivierung und Intensivierung dieser Arbeit gemacht und insbesondere auch die Stellung der Provinzialverbände zum Landesverband und umgekehrt durch eine eingehende Aussprache geklärt. Man kam dahin überein, daß möglichst alle Provinzialverbände, so wie das bisher schon vereinzelt geschehen ist, in die Verwaltung des Landesverbandes in der Werse einzuordnen seien, daß sie vorbereitende, begutachtende und ausführende Organe des Landesverbandes werden. Von der Fruchtbarkeit der gemeinsamen Beratung überzeugt, beschlossen die Vertreter der Provinzialverbände, etwa im April k. Js. wieder eine Zusammenkunft zu veranstalten, vor allem aber untereinander in dauernder Verbindung zu bleiben. Berlin. (7 0. Geburtstag.) Stadtrat Arthur Kronthal, der am 25. November seinen 70. Geburtstag begeht, bekleidete in Posen dasselbe unbesoldete Ehrenamt wie schon sein Vater. Er gab die Anregung zu einem Denkmal für den 1830 hier verstorbenen Gneisenau und gründete im Geburtshaus des Reichspräsidenten das Hindenburg-Museum. Auch erläuterte er die Gemälde des Posener Polizei-Präsidenten v. Minutoli, dem wir u. a. die Darstellung des Rabbiners Akiba Eger und Moses Landsbergs und der Familie des Posener Märtyrers R. Arje Löb zu danken haben. Seine prak^ tische Tätigkeit stellte Kronthal vor allem in den Dienst der Fortbildung der reiferen Jugend in einem von ihm gegründeten, auch zahlreiche Juden umfassenden Lehrlingsheime. Neben den Ehrenpflichten als Stadtrat, Handelsrichter und Vorstandsmitglied in Veranstaltungen für Wissenschaft, Kunst und Gemeinwohl gingen zahlreiche Veröffentlichungen einher. Dazu kommt noch seine opferfreudige Hilfstätigkeit, erfüllt von seiner hingebenden Liebe zu deutschem Wesen, jüdischer Art, zu unbefangener Aufklärung und friedlichem Mittlerdienste, eine reiche Aussaat, die dem liebenswürdigen Jubilar einen heiteren, ergiebigen Erntesegen eintragen möge. Berlin. (I u st i z r a t C h o d z i e s n e r 6 0 Jahre.) Am 21. ds. Mts. vollendet Justizrat Max Chodziesner das sechzigste Lebensjahr. Der Jubilar ist im jüdischen Leben bekannt gelvorden vor allem durch seine Tätigkeit im Reichsbund jüdischer Frontsoldaten und im Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Während der letzten zwei Jahre war er Vorsitzender des Berliner Liberalen Vereins und ist in dieser Eigenschaft besonders herhorgetreten anläßlich einer in diesen Blättern ausgefvchtenen Pressen fehde mit den Berliner Gemeindekonservativen. Auch nach der Niederlegung seines Vorsitzes bleibt der Jubilar an der Entwicklung des Liberalismus aktiv interessiert, und wir geben unfern herzlichen Gefühlen und Wünschen auch an dieser Stelle Ausdruck. Berlin. (S ch ü l c r v c r s a m m l u n g.) Von dem Schulrcserenten der Berliner Jüdischen Gemeinde, Herrn Robert Hirschfeld, geht uns der folgende Bericht zu: Donnerstag, den 14. November 1929, fand im II. Verwaltungsgebäude der Jüdischen Gemeinde zu Berlin eine eigenartige Versammlung statt. Es erschienen der Vorsitzende des Schulvorstandes, die beiden Schulinspektoren, der Schulreferent und 3 Lehrer höherer Lehranstalten. Außer ihnen füllte eine Schar junger Menschen, Schüler und Schülerinnen der obersten Klassen höherer Lehranstalten, den Raum. Also ein Schülerparlament, »vie war es zustande gekommen? Vor einigen Monaten war bei der Schulverwaltung der Jüdischen Gemeinde ein Schreiben eingegangen, in dem sich 2 Primaner eines Realgymnasiums in etwas draufgängerischer Form über den Religionsunterricht beklagten, und gleichsam als Illustration zu ihren Worten die Charakteristik wiederholten, die Jacob Wassermann seinem Religionslehrer gewidmet hat. Diese wenig schönen Worte des Dichters wurden mit einigen wenigen ★ Versammlungskalender Berlin-Halensee-Grimewal-. Liberaler Verein für die Angelegenheiten der Jüdischen Gemeinde zu Berlin C. B., Bezirksgruppe Sakenfee-Grunewald. Am Dienstag den 26. November 1929, abends 8.15 Uhr, findet im Bortragsfaal der Synagoge „Der Friedenstempel", Berlin-Halensee, Markgraf-Albrechtstratze 11-12, eine Mitgliederversammlung zur Neuwahl des Vorstandes der Bezirksgruppe statt. Im Anschluß daran wird Herr Rechtsanwalt Heinrich Stern, Vorsitzender der „Bereinigung für das liberale Judentum" und der „Liberalen Fraktion der Repräfentanten-Bersammlung", einen Vortrag über „Ziele des liberalen Judentums" hallen. Magdeburg. Montag, 25. November 1929, abends 20.39 (8.30) Uhr, im Saal der „Frenndfchaft", Pralatenstratze, Bortrag George E o e tz (Berlin), Generalsekretär der Bereinigung für das liberale Judentum E. V.: „Gegenwartsfragen im deutschen Judentum" (unter Berücksichtigung der in den Zeitungen erschienenen „Aufrufe" und „Erklärungen"). Wir bitten all« Gemeindenritgiieder um zahlreichen Besuch. ¥ Gottesdienste Berlin-Norden. Liberale Synagoge Norden (Schönhauser Allee 162). Freitag, 22. November, 7.15 Uhr abends, Gottesdienst. Predigt: Dr. Andorn. Sonnabend, den 23. November, vormittags 10 Uhr, Gottesdienst. Berlin-Westend. Liberale Synagoge Westend (Aula Lristikvwstratze 7, nahe Rrichskanzlerplatz.) Freitag, 22. November, 7 Uhr abends, Gottesdienst. Zugleich Feier des einjährigen Bestehens. Predigt: Rabbiner Dr. Salomonski. Liturgie: Oberlantor Wilhelm Friedmann. Berlin-Wilmersdorf. Liberale Synagoge Wilmersdorf (Cecilienschule, Nikolsburger Platz.) Freitag, 22. November, 7.15 Uhr abends, Gottesdienst. Predigt: Dr. Swarfensky. Berlin. Jüdische Reformgemeinde, Berlin N. 24, Johannisstraße 16. Gottesdienste am Sonntag, den 24. Nooeiuber: Johannisstratze 16: vormittags 10.30 Uhr. Predigt: Dr. Jelski. Kleiststraße 10: vormittags 10.30 Uhr. Predigt: Dr. Rosenthal. Bemerkungen in einer Berliner jüdische» Zeitung wiedergcgcbcn. Vielleicht um zu beweisen, wie wenig der Religionsunterricht tauge. Inzwischen halte die Schulverwaltung den kühnen Plan gefaßt, die jugendlichen Beschwerdeführer und ihre Altersgenossen in Ab- Wesenheit der Lehrer zu Worte kommen zu lassen. Aber diesem gar zu modernen Plan stellten sich alle entgegen, denen um die Autorität der Lehrer bangte. So ivurde die Sache etwas eingeschränkt, cs erschienen nur Abordnungen aus jeder Schule und wie oben schon bemerkt, war auch eine Abordnung der Lehrerschaft anwesend. Diese wurde schwer enttäuscht. Denn als nach einer kurzen Einleitung des Vorsitzenden des Schulvorstandes und einem längeren inhaltsreichen Referat von Dr. Baeck die Jugend zu Worte kam, da zeigte sie sich so gut diszipliniert und so erfahren'im guten Benehmen in einer Versammlung, daß nicht nur nichts an Ungehörigkeiten vorkam, sondern, daß man im Gegenteil vielen Versammlungen von Erwachsenen nur wünschen könnte, daß in ihnen solch ein guter Ton herrschte. Natürlich hatten die Jurrgen und Mädel allerlei Wünsche, teils von ihrem Parteistandpunkte aus, teils aus ihren persönlichen Gefühlen. Es waren nämlich Vertreter aller Jugendorganisationen anwesend, denen man die Parteischulung sehr gut anmerkte, obgleich niemand etwas sagte, woraus man cs direkt hätte schließen können. Aber der.junge Mann, der mit großer Betonung hebräisch sprechen als wichtigste Forderung aufstellte, und der Andere, dem der Abwehrkamps das Wichtigste war und der Dritte, der nach Unterricht in den Propheten als der Grundlage des Monoteismus rief, sic zeigten deutlich, zu welcher Gruppe sie sich rechnen. Aber über allem Parteigeist zeigte sich doch deutlich der Wille zum Judentum, der Wille, recht viel lernen, erfahren und erfühlen zu wollen. Und wenn einer davon sprach, daß man aus dem Religionsunterricht die jüdische Religion ansmerzen müsse, so ist das lvohl nur eiir Beweis dafür, daß in dem jungen Kopf noch mancherlei braust, was einmal ein gutes Gebräu werden kann. Die äußere Form war tadellos, kein einziges persönliches Wort gegen einen Lehrer fiel. Zum Schluß wurde ein Antrag gestellt, aus der Schülerschaft der Schulverwaltung einen ständigen Beirat zur Seite zu stellen. Der Vorsitzende wies ihn aber mit feinem Humor zurück. Und die Frucht der Versammlung? Wir glauben, daß eine Schülerschaft, die mit so regem Interesse über die Fragen des Religionsunterrichts verhandelt und mit soviel Takt manche Schwierigkeit umgehen kann, in künftigen Zeiten wohl dazu berufen sein wird, der Berliner Jüdischen Gemeinde Führer zu geben. Die Schulverwaltung wird diesen ersten Versuch sicher zum Anlaß nehmen, auf dem betretenen Wege fortzusahreu, um möglichst weite Kreise für ihr schweres und verantwortungsvolles Werk zu interessieren. Breslau. (Gründung einer M i tte l p a r t e i?) Hier fand eine Versammlung von Gemeindewählern statt, die zu der in der Tagespresse veröffentlichten „Erklärung deutscher Juden" Stellung nahm. Es sprachen der Vorsitzende des Breslauer Jewish Agency- Komitees R.-A. Wolfs und Herr R.-A. Ludwig Foerder, dessen Wunsch nach Gründung einer Mittelpartei in Breslau wohl auch diese Veranstaltung veranlaßt hatte. In der Diskussion kamen auch mehrere Führer des Breslauer jüdischen Liberalismus zum Wort. Neue 'Gesichtspunkte brachte der Abend nicht. Dortmund. (B o r st a n d s w a h l.) Am 1. Januar 1930 tritt ein Wechsel im Vorstand der Synagogengemeinde ein. Es scheiden die Herren Leeser und Justizrat Kempenich aus; im Laufe des Jahres war Herr Bankier Stern ausgetreten, Herr Ferdinand Jonas verstorben. — Die Neuwahl, die seitens des Repräsentantenkollegiums vergangene Woche getätigt wurde, Hatte folgendes Ergebnis: Lu Vorstandsmitgliedern wurden gewählt: dje Herren Konsul Jacobi, Amtsgerichtsrat Gans und Leo Jonas; als stellvertretende Vorstandsmitglieder die Herren Weiser und Richard Flörsheim. Dortmund. (80. Geburtstag.) Samstag, den 16. November, feierte Herr Sally Schild seinen 80. Geburtstag. — Seit fast 50 Jahren ist er Mitglied des Repräsentantenkollegiums und viele Jahre dessen stellvertretender Vorsitzender. — Ihm zu Ehren veranstaltete die Synagogengemeinde einen Festgottesdienst, der einen sehr erhebenden und feierlichen Verlauf nahm. Den Mittelpunkt der Feier bildete die Festpredigt des Herrn Rabbiner Dr. Appel. Am Schlüsse seiner Ansprache verlieh Herr Dr. Appel dem Jubilar den Chowertitel. Nach dem Festgottesdienst fand im Hause des Herrn Schild ein Gratulationsempfang statt. Der Vorsitzende des Vorstandes, Herr Leeser, sprach namens des Vorstandes der Gemeinde, übermittelte deren Dank und Glückwunsch; namens der Repräsentanz der Synagogengemeinde sprach der Vorsitzende derselben, Herr Leo Jonas, der Herrn Schild zum Ehrenmitgliede der Gemeinde ernannte und die Ernennungsurkunde überreichte. — Es sprachen ferner, für das Rabbinat Herr Rabbiner Dr. Appel, für die Chewre Herr Rektor Adolf Heymann, für den Frauenverein Frau Steinberg, für das Altershaus in Unna Herr Rhee und für den Reichsbund jüdischer StoüWERQ^ Qilltg, iDohlfchmecüemi, k nahrhaft. Frontsoldaten Herr Schön. — Tief. bewegt dankte Herr Schild allen Gratulanten. — Zu diesen gehört auch der Reichspräsident von Hindenburg, der dem Jubilar als Kriegsveteran von 1870/71 sein Bildnis übersandte. Dresden. (Antrag auf Schächtverbol im Sächsischen Landtag.) Die Fraktionen der Deutschnatioualen Volkspartei und des Sächsischen Landvolks haben im Sächsischen Landtag folgenden Antrag gestellt: Der Landtag wolle beschließen, die Regierung zu ersuchen, 1. mit größter Beschleunigung gesetzliche Anordnungen zu erlassen, wonach Rinder, Schafe, Ziegen und sonstige Wiederkäuer, Pferde, Esel, Maulesel, Maultiere, Schweine und Hunde, die geschlachtet werden, vor Beginn der Blutentziehung zu betäuben sind, 2. durch gesetzliche Anordnungen sicherzustellcn, daß überall dort, wo es möglich erscheint, die Betäubung des Schlachtviehs statt durch freien Kopfschlag durch mechanisch wirkende Gerate (Schußbolzen usw.) erfolgt, die geeignet sind, die Betäubung oder den sofortigen Tod des Tieres herbeizuführen. Dresden. (Für H a l s m a n n.) In Dresden, wo Halsmann studiert hat und aus jener Zeit noch viele Freunde besitzt, fand, wie unser Korrespondent meldet, eine stark besuchte Versammlung statt, der auch zahlreiche Nichtjuden beiwohnten. Vor allem schilderte ein Kommilitone, der als Zeuge die Innsbrucker Verhandlungen mitgemacht hat, selbst erschüttert, unter starker Bewegung der Anwesenden, wie sich der Prozeß bisher abgespielt habe, welches die Einstusse gewesen seien, die bei einer für Halsmann von vornherein nicht günstigeil Atmosphäre den Wahrspruch der Tiroler Geschworenen und damit die erneute Verurteilung Halsmanns herbeigeführt hatten. Abgesehen von Gefühlsmomenten, daß ihm keiner, der ihn kenne, eine solche Tat zntraue, unter deren seelischen Folgen er, wenn er sie getan hätte, längst zusammengebrochcn wäre, anstatt auf-- recht mit der letzten Kraft der Verzweiflung für seine Unschuld zu. kämpfen — waren sich die Versammelten darin einig, daß hier ein Fehlurteil vorliegt. Schon deshalb, iveil in diesem ganzen Jndizienverfahren nur die für beu Angeklagten ungünstigen Indizien in die Wagschale geworfen worden wären; ein alter und oberster Grundsatz jeder Rechtspflege lasse aber in Fällen, Ivo nichts bewiesen werden könne, die günstigen Momente, die hier bei weitem überwögcn, dem Angeklagten zugute kommen, der danach unbedingt sreizusprechen sei, mindestens aus Maugel an Beweisen. Bezeichnend war das spontane Verlangen eines Nichtjuden aus dem Kreise der Versammlung nach völliger Klarstellung des Sachverhalts, unabhängig, ob es sich um einen Juden oder Christen handle. Das Ergebnis gipfelte in einer Entschließung des Inhalts, daß der österreichische Bundespräsident gebeten wird, diesen Justizmord zu verhindern und sich dafür einzusetzen, daß ein neues, völlig objektives Prozeßverfahren vor einem Wiener Gericht in die Wege geleitet wird. Auch wurde eine Geldsrmmlung eröffnet zur Unterstützung Halsmanns und seiner durch den Tod des Ernährers und die ungeheuren Prozeßkostcn in Bedrängnis geratenen Familie. Hoffentlich hat beides Erfolg; das wäre erst richtig „im Namen des Volkes": i in Namen der Menschlichkeit! Elberfeld. (Goldene Hochzeit.) Das jüdische Altersheim zn Elberfeld sah am Sonntag, den 10. November, in seinen Räumen ein Fest von ergreifender Schönheit. Er im Alter von 82 Jahren, sie 2 Jahre jünger, beide frisch und gesund am Körper wie am Geiste, feierten die Eheleute Abraham Heß und Johanna geb. Horn das Fest der goldenen Hochzeit. Das Kuratorium und au seiner Spitze Herr Hugo Jacoby waren erfolgreich bemüht, das seltene Fest zu einem schönen und zu einem Ehrentag in jeder Weise glänzend zu gestalten. Die Oberin Friederike und die Damen des Kuratoriums taten ebenfalls ihr Bestes, eine gemütliche Stimmung und eine angenehme Behaglichkeit zu schasse». Verwandte und Freunde von hier und von auswärts waren herbeigckommen. Fräulein Lilli Ney sang zu Beginn der Feier die schönen Worte: „Herr, den ich tief im Herzen trage". Die Festrede hielt Herr Rabbiner Dr. Norden, in deren Verlauf er all' die vielen Verdienste berührte, die sich der Jubilar innerhalb der Gemeinde erworben habe, nicht ohne darauf hinzuweisen, wie auch die Jubilarin an diesen Berdieusten beteiligt sei. Für die Synagogen-Gemcinde sprach in launiger Weise der Vorsitzende des Gcmeindevorstandes, Herr Rechtsanwalt Gustav Brück, für das Kuratorium des Altersheimes Herr Hugo Jacoby, für den Mendelssohnvercin — (Verein für jüdische Geschichte und Literatur) —, dessen Begründer im Jahre 1890 der 'Jubilar gewesen war, Herr Oberkantor Hermann Zivi, für die Chewra-Kaddischa, deren Begründer er ebenfalls war, Herr Alfred Adler, und für den jüdischen Frauenbund, Ortsgruppe Elberfeld, Frau Clara Samuel. Herr Heß war auch beinahe ein Vierteljahrhundert Repräsentant der Gemeinde, und als solcher nahm ec sich besonders der' Fürsorge für die Witwen und Waisen und des Beerdigungswesens an. Im religiösen Leben der Gemeinde bekannte er sich stets zu den Grundsätzen des liberalen Judentums. Auf die Reden erividerte Herr Heß schlagfertig und gewandt. Floß. (F r i e d h o s s s ch ä n d u u g.) Auf dem jahrhundertealten jüdischen Friedhof in Floß bei Weyden in Bayern wurden — wie der „C. V.-Zeitung" mitgeteilt wird — in der Nacht zum 28. Oktober zwei Grabsteine umgestürzt und zwei Kindergräber verwüstet. Die Friedhofsmauer wurde beschädigt und der Ausgang in der gemeinsten Weise beschmutzt. Die Gendarmerie hat die Verfolgung der Täter ausgenommen. Es ist dies die 76. Friedhofsschändung, die seit Ende 1923 in Deutschland sestgestellt worden ist. Frankfurt a. M. (R e p r ä s e n t a n t e n s i tz u n g.) Am 6. November fand eine Sitzung der jüdischen Gemeindevertreter Frankfurts statt. Nach Eintritt in die Tagesordnung wurden zunächst Erklarnngen betreffend Jewish Agency entgegengenommen, durch die nochmrls festgestellt wurde, daß Justizrat Blau nur als Privatperson und nicht als Vertreter der Frankfurter Jüdischen Gemeinde in der Agency sei. Es begann hierauf die Anssprache über die vom Vorstand beschlossene Schließung einiger Klassen des Philantropins. Der Zeitpunkt für die Schließung der Obersekunda steht bereits.nahe bevor. Die Sprecher der liberalen Fraktion wiesen daraus hin, daß es Aufgabe der Gemeindevertretung sei, genau zu prüfen, ob den Beschlüssen des Vorstandes zugestimmt werden könne. Insbesondere betonte Herr Dr. Merzbach wie bereits früher, daß das Schulwerk nicht lediglich als eine Finanzfrage behandelt werden dürfe. In der Anerkennung der Bedeutung des Schulwerks ist die Gemeindevertretung so gut wie einig, mögen auch über seine Ausgestaltung sehr erhebliche Unterschiede in der Auffassung der einzelnen Fraktionen bestehen. Bei der Unmöglichkeit, diese schwierige Materie ohne eingehende Vorbereitung zu behandeln, wurde von Herrn Dr. Merzbach vorgeschlagen, das gesamte Material der zu diesem Zwecke gemeinschaftlich tagenden Finanz- und Unterrichtskommission zu überweisen. Die Kommission svll der Gemeindevertretung berichten. Jedoch soll Sorge dafür getragen werden, daß jedem Mitglied der Gemeindevertretung vor der Beratung das gesamte Material zugeht, um jedem Einzelnen ein eingehendes Studium zu ermöglichen. Durch hie