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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-09-11 · 37 (11.9.1929) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
37 (11.9.1929)
Date
1929-09-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
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♦ überwinden und sich der Schöpser friedlicher Kulturwerke erinnern. Mendelssohns Geist, gepaart mit dem durch ihn angeregten Geist Lessings, dargestellt in „Nathan der Weise"", muß das deutsche Volk führen. — Anknüpfend an die Worte .über die frischen Gräber in Palästina erinnerte der Reichsinnenminister daran, daß sich auch Mendelssohn mit Plänen zur Ausrichtung einer jüdischen Gemeinschaft m Palästina beschäftigte, diese allerdings abgelehnt habe. Diese frischen Gräber zeigen an, daß der Geist der Toleranz im Orient nicht weit und tief genug gedrungen ist. Europa braucht den Geist Nathans des Weisen, der Orient braucht den Geist des weisen Sultans Saladin. Mit dem Worte „Mehr Nathan!" schloß der Reichsinnenminister unter stürmischem Beifall der Versammlung seine Ansprache. ' Die Grüße der Stadt Berlin überbrachte Oberbürgermeisttt BSß: Mendelssohn und sein Kreis legten den Grund zu der geistesgeschichtlichen Entwicklung von Berlin. Männer solchen Schlages braucht gerade die Gegenwart, die sich dankbar erinnert Mendelssohns, der zu seiner Zeit nicht das Bürger? recht der Stadt erlangen konnte, dessen Ideen in die 'Zukunft wirkten. Erst nach Friedrich des Großen Tode wurde der Familie Mendelssohn das Bürgerrecht verliehen. Mendelssohn beeinflußte die Epochen nach ihm; die Epochen der Rahel und des Biedermeier wären ohne Mendelssohn nicht hu denken. Mögen noch recht viele Moses Mendelssohns m unserer Stadt entstehen. Für die in- und ausländischen Gruppen der Kant- Gesellschaft sprach Privatdozent Dr. Daumgardt: Kant und Mendelssohn waren als Philosophen Gegner, aber von größter Achtung vor einander erfüllt. So lehrten sie auch durch ihr Beispiel, was Hochziel ihrer Systeme war: Toleranz. Lehrten sie Toleranz der Religionen, so müssen wir Seftätigen Toleranz unter den Nationen! Die eigentliche Festrede hielt Rabbiner Dr. Baeck: Mendelssohn war kein „Genie"" im eigentlichen Sinne. Denn er gestattete nicht in fanatischem Kämpfergeiü- und und Willen die Welt, sondern er ließ sich von seiner Zeit tragen, verband aber in sich die sämtlichen, Kulturströmunlgen seiner Zeit zu harmonischer Einheit. Als Philosoph ist er von Kant überwunden. Wäre er nur Philosoph gewesen, hätte seine Wirkung seine Zeit nicht überdauert. Dr. Baech entwarf ein Bild von den geistig-kulturellen Strömungen der Aufklärungs- und Revolutionszeit Mendelssohns. Hohe Bedeutung hat sein Werk: „Jerusalem"". Hier zeigt er, wie man nur dann der Allgemeinheit etwas sein kann, wenn man sein Besonderes pflegt. So kann erst ein ganzer Jude ein ganzer Deutscher und Europäer sein. „Ganz man selbst sein!"" ist Mendelssohns Mahnung, die seine und die folgende Generation nicht verstand, die erst wir voll zu würdigen vermögen. So gab er den Juden hier im Siedlungsgebiet Berlin-Brandenburg, dem Schmelztiegel von Kulturen und Stämmen, geistig-moralisch ein Rückgrat für ihr Judensein und für ihr Europäertunü So arbeitet auch das deutsche Judentum heute, indem es seine eigene Geistigkeit, seine wissenschaftlichen Institutionen pflegt, an der Erhöhung und Weltgeltung Deutschlands. Nur wer fianz er selbst ist, kann und darf tolerant sein. Nur wer sich elbst begriffen, kann andere begreifen! Nur aus diesem Geiste heraus durfte Mendelssohn-Nathan tolerant sein. Der Redner setzte an den Schluß seiner Ausführungen die letzten Worte aus Mendelssohns jüdischem Hauptwerk „Jerusalem"": „Liebet die Wahrheit und hebet den Frieden!"" In dem vom Philharmonischen Orchester unter Heinz Ungers Leitung vorgetragenen „Tod und Verklärung"" von Richard Strauß klang die Feier ans. (Jta.) In Dessau Zwei Städte hatten besondere Veranlassung, die 200. Wiederkehr des Geburtstages von Moses Mendelssohn zu feiern: Berlin, in dem Mendelssohn den weitaus größten Teil seines Lebens verbracht hat und dessen Ehrenbürger er war, und Dessau, wo er geboren wurde und seine früheste» Jugend verlebt hatte. Der Zusammenhang Mendelssohns mit Dessau und überhaupt dem Lande Anhalt ist aber ein tieferer, als er durch oen äußerlichen Zufall der Geburt gegeben wäre; Anhalts Fürsten und Herzöge haben seit Jahrhunderten eine Politik der Toleranz getrieben, ge!- rade auch den Juden gegenüber; dieser Geist, verbunden mit feinstem Verständnis für alle kulturellen Güter, insbesondere für Philosophie und Literatur, lebt dort auch heute noch fort, und so nimmt es nicht wunder, daß das Anhaltische Staatsministerium und der Magistrat der Stadt Dessau in Gemeinschaft mit der Israelitischen Kultusgemeinde das Mendelssohn-Jubiläum zu einer Feier ganz großen Stiles ausgestaltet hatten. Was die einzelnen Teile dieser Feier, die Vorträge, künstlerischen Darbietungen und den äußeren Rahmen anbetrifft, so gilt für sie das Wort, das mir ein dortiger Journalist sagte: „Feste zu feiern, versteht man in Dessau."" Alles war aufs Feinste gegeneinander abgestimmt, die gesellschaftlichen und geistigen Veranstaltungen standen im richtigen Verhältnis zueinander; in den Vorträgen war durch geschickte Einteilung jegliche Wiederholung vermieden; feine Ueberladung, keine Ermüdung, keine Hetzjagd; und trotz der sehr großen Teilnehmerzahl hatten die geselligen Veranstaltungen durch die Liebenswürdigkeit und Ungezwungenheit der Gastgeber von Anfang an einen durchaus intimen Charakter, so daß man sich wie in einer Gesellschaft lang? jähriger Freunde fühlte und völlig vergaß, wie buntscheckig die Teilnehmerschar in Wirklichkeit zusammengesetzt war. Der Vorabend: Festaufführung: „Nathan der Weise". Den Auftakt bildete am Freitag Abend die festliche Aufführung von Lesfiugs „Nathan der Weife". Sie wurde eingeleitet durch einen von Arnold Zweig eigens zu diesem Anlaß gedichteten Prolog. Bekanntlich hatte sich Lessing Persönlichkeit und Charakter Mendelssohns zum Vorbild seiner Nathan-Gestalt genommen, und es war ein feiner Kunstgriff der Regie, daß der Schauspieler August Eichhorn den Nathan in der Maske Mendelssohns spielte. Das Ensemble des Friedrich-Theaters gab sein Bestes, und die Zuhörer wurden durch die klassische Dichtung der Toleranz in diejenige Stimmung versetzt, die den Feierlichkeiten der folgenden Tage und ihrem Anlaß angemessen war. Die Feierlichkeiten am Sonnabend. Nachdem in den frühen Morgenstunden der übliche Sabbat- Gottesdienst abgehaltcn worden war, fand mittags um i/212 Uhr eine Religiöse Feier in der Synagoge statt, zu der wiederum Vertreter der Behörden sowie jüdischer Körperschaften und auch Vertreter der christlichen Kirchen beider Konfessionen erschienen waren. Unter den auswärtigen Teilnehmern bemerkte man viele Rabbiner darunter, auf Ehrenplätzen, die beiden ehemaligen Dessauer Landesrabbiner: Dr. S. Weiße, jetzt Berlin, der seinerzeit die Errichtung des Mendelssohn-Denkmals in Dessau angeregt und gefördert hat; und Dr. Max Freudenthal, Nürnberg, den Verfasser der Schrift: „Aus der Heimat Moses Mendelssohns", weiche die Geschichte der Dessauer Jüdischen Gemeinde behandelt. — Im Mittelpunkt der Feier stand die Fest-- predigt des seit 1900 in Dessau amtierenden Landesrabbiners Dr. Walter. Ausgehend von dem Wort des Wochenabschnittes: „Dem Rechten, ja dem Rechten jage nach-!"" schilderte er Wesen '.und Leistung Moses Mendelssohns, der Judentum, Deutschtum und Weltbürgertum in sich zu vereinen gewußt hatte und damit der Vater der modernen Entwicklung des Judentums, ebenso sehr aber auch ein Künder des ewigen jüdischen Geistes geworden war. Durch seine philosophischen Schriften habe Mendelssohn die deutsche und gesamteuropäische Kultur unmittelbar bereichert; sein Wirken für die Juden sei aber mittelbar auch wieder Deutschland und der allgemeinen Kultur zugute gekommen, indem ja die emanzipierten Juden in das allgemeine Leben vom Geiste und der Ethik des Judentums Wesentliches hingetragen haben. — Umrahmt wurde die Predigt von Vorträgen Mendelssohn-Bartholdyscher und Lewandowskischer Kompositionen durch den Leipziger Synagogenchor unter Leitung seines Dirigenten Barnet L i d). t, der die Werke meisterhaft einstudiert hatte. Als Organist fungierte Herr Hans Hitler (Leipzig) mit Feinheit und Kunst. Herr Oberkantor La mp ei (Leipzig) trug die Sologesänge und Gebete vor und wirkte gleicherweise durch seine machtvolle sonore Stimme, wie durch seinen bedeutenden Vortrag. Die auswärtigen Teilnehmer blieben nach der Feier zu einem Mittagessen im Gemeindehaus zusammen, zu welchem die Israelitische Kultusgemeinde eingeladcn und um deren Arrangement Frau Rabbiner Walter und Frau Kantor Hcumann sich mit Geschmack und Geschick bemüht hatten. Eröffnung der Mendelssohn-Ausstellung. Um 3 Uhr versammelte man sich im Hof der Gemälde- Galerie. Ministerpräsident D e i st cröffnete die Ausstellung mit einer Rede, in der er darauf hinwies, daß der von Mendelssohn gelehrte Toleranz-Gedanke in Anhalt stets eine Stätte gehabt habe; er illustrierte dies an einer Reihe geschichtlicher Einzelheiten aus dem Wirken 'der anhaltischen Fürsten und Herzöge. Auch der neue Staat von 1918 treibe eine Politik der Humanität und Toleranz, denn der Geist Mendelssohns führe folgerichtig aus jene Grundsätze hin, die in der Verfassung von Weimar ausgesprochen sind. Ministerpräsident Deist dankte allen Personen und Körperschaften, die das Zustandekommen der Ausstellung gefördert haben. Die Führung durch die Ausstellung übernahmen Landeskonservator Dr. Grote und Bibliotheksrat Dr. Wahl. Die Ausstellung gliedert sich in sieben Abteilungen. Raum I: „Hei mal und Ausgang" enthält jüdische Kultgegcnständc, Thorarollcn, Vorhänge, Mäntel, Schilde, Aufsätze und hebräische Bücher, nsw. aus dem Anfang des l8. Jahrhunderts. Raum II: „Die Aufklärung"" zeigt in zwei Unterabteilungen „Philosophie und Aestethik" und „Toleranz und natürliche Religion"" wertvollste, darunter zum Teil bisher unbekannte Handschriften, Erstdrucke und Bilder. Raum III: „D e u t sch c s Juden tu m"" enthält Entwürfe und Konzepte, Korrespondenzen und Erstdrucke von Mendelssohns jüdischen Schriften, seiner Pentateuch- und seiner Psalmenübersetzung. Raum IV: „Berliner Druckgraphik"" zeigt in der Hauptsache wertvolle Bildwerke von Chodowiecki und Meil. Raum V: „Das Zeitalter Friedrichs" enthält in den Unterabteilungen „Akademie" und „Publizistik und Kritik" wiederum wertvolle Dokumente und Gemälde. Raum VI: „Porträts Mendelsohns und seiner Zeit gen offen"" und Raum VII: „Mendelssohn zum Gedächtnis" geben ein Bild von der tiefgreifenden Wirkung, die Mendelssohn in der jüdischen und allgemeinen Welt, auf Mit- und Nachwelt, ausgeübt hat. — Die Fülle des Materials, das hier mit ebenso viel Sachkunde wie Fleiß und Liebe zusammengestellt wurde, im einzelnen zu würdigen, wäre Sache von Spezialartikeln. Anschließend an die Eröffnung und Besichtigung der Ausstellung veranstaltete die Israelitische Kultusgemeinde einen Nachmittagstee in den Räumen der Gemäldegalerie. Der Gemeindevorsitzende, Herr Staatsrat a. D. Justizrat Dr. Cohn begrüßte die Erschienenen; ihm dankten in humorvollen oder ernsten Reden R.-A. Dr. Alfred Klee (Berlin) namens des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden, Oberlandesgerichtsrat Dr. Neumeycr (München), namens des Bayerischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden; Dr. Kahn-Jaffa (Berlin), namens der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Legationsrat Prof. Dr. Sobernheim (Berlin), namens der „Akademie zur Gründung und Erhaltung einer .Hochschule für die Wissenschaft des Judentums"". Der ehemalige Dessauer Landesrabbiner Dr. Max Jreudenthal (Nürnberg) brachte einen Toast auf den Freistaat Anhalt und das Deutsche Reich aus. Bon den zahlreichen auswärtigen Gasten seien genannt: Mitglieder der Familie Mendelssohn, darunter die Herren Franz und Paul von Mendelssohn (Berlin); Mitglieder der Familie Mendelssohn-Bartholdy, Paul und Moritz Bcit-Simon (Berlin), Reichsminister a. D. von Schlieben (Magdeburg), Dr. Nathan Stein (Karlsruhe), Vorsitzender des „Israelitischen Oberrats in Baden"", J.-R. Dr. Julius Brodnitz nebst Gattin (Berlin), Vorsitzender, und Rechtsanwalt Dr. Bruno Weil nebst Gattin (Berlin) stellvertretender Vorsitzender des „Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens"; George Goctz (Berlin), Generalsekretär der „Vereinigung für das liberale Judentum", Dr. Schwarz von der Kunstsammlung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Professor Junker (Dessau), Bankdirektor Oscar Wassermann (Berlin), Sanitätsrat Dr. Frankenstein (Magdeburg), Ludwig Vogelstein (New $oi:f), Vorsitzender der „Union os American Hebrew Congregations" n. v. a. Abends um 8 Uhr fand ein Felir Mendelssohn-Bartholdy-Abend statt. Aufgesührt wurden Konzert-Ouvertüre Nr. 2, Violin-Konzcrt und „Musik zu Shakespeares Sommernachtstraum"". Die Kapelle des Friedrich-Theaters unter ihrem Dirigenten Artur R 0 t h e r bot einen erlesenen Kunstgenuß und versetzte die ja nicht gerade anspruchslose Zuhörerschaft in heilstes Entzücken und Begeisterung. Pros. Georg Kulenkampff, der die Solopartie im Violin-Konzert übernommen hatte, riß das Publikum zu nicht endcnwollenden Beifallsstürmen hin. Die Veranstaltungen am Sonntag. Der letzte Tag der Jnbilänms-Veranstaltung begann mit der eigentlichen Gedächtnis-Feier, die wiederum, und zwar im Rahmen einer sogenannten Morgenfeier im Friedrich-Theater stattsand. Die Kapelle des Friedrich-Theaters brachte die Suite (Ouvertüre) von Johann Sebastian Bach zu Gehör und sodann nahm Herr Bürgermeister Hesse das Wort zu einer Ansprache. Er erinnerte an das Lessing-Jubiläum der Stadt Braunschweig im Januar dieses Jahres und führte aus, wie Lessing und Mendelssohn Weggenossen und Gesinnungsgenossen gewesen sind, indem sie für die geistige Emanzipation einer von Vorurteilen übermäßig stark beherrschten Welt kämpften. Aus der Gestalt des Nathan spricht ebenso sehr der Christ Lcssing wie der Jude Mendelssohn, der beste Beweis für die starke innere Verbundenheit dieser beiden Persönlichkeiten. Trotz aller seither erreichten technischen Fortschritte stößt die Nathan-Predigt heute wie damals vielfach auf taube Ohren und verstopfte Herzen. In der Menschenliebe sind wir in den letzten 150 Jahren nicht sonderlich weitergekommen, und die Schranken zwischen Klassen und Parteien sind heute fast stärker denn je. Das Gedenken an Mendelssohn solle daher fruchtbar gemacht werden für die Schaffung einer wahren Volksgemeinschaft und sogar Völkergemeinschaft. — Bürgermeister Hesse teilte sodann mit, daß in Dessau eine „Moses Mendelssohn-Stiftung zur Förderung der Geisteswissenschasten"" gegründet sei, zu der die Häuser Mendelssohn 8c Co. in Berlin und Amsterdam durch Spende von 250 000 Reichsmark den Grundstock gelegt haben. Es soll Vertretern des deutschen Geisteslebens ohne Unterschied des Glaubensbekenntnisses die Mittel zur Durchführung wissenschaftlicher Forscherarbeiten, auch Forschungsreisen, sowie zu, Veröffentlichung über Ergebnisse die Mittel bereitgcstellt werden, ebenso auch Mittel für Stipendien und Beihilfen an Studierende. In das Kuratorium sind berufen worden: Prof. Einstein, Prof. Gropius, Prof. v. Harnack, Oberbaurat Heck, Prof. Junkers, Prof. Max Liebermann, Reichskunstwart Redslob, der Präsident der Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaften Staatsminister Schmidt- Ott, Prof. Eduard Spranger, Intendant Schulz-Dornburg und Arnold Zweig. Die Stiftung solle, so schloß der Bürgermeister, im Sinne der Spender und ihres großen Ahnherrn wirksam werden. Es folgte der Vortrag „Moses Mendelssohns deutsche Sendung" von Staatsminister a. D. Dr. Müller (Dessau). Er schilderte, wie zur Zeit Mendelssohns die deutschen Fürsten bei der Herrschaft über ihren kleinen Ländern meist an ihren eigenen Der Kaufmann von Berlin Historisches Schauspiel aus -er deutschen Inflation von Walter Mchring, Piscatorbühne im Theater am Nollen-orfplah. Auf -er umstrittensten Bühne Berlins ein Stück aus der Zeit Deutschlands, in der der Ekett dominierte. Und Held oder richtiger Ungetier dieses Stückes der Jude Kaftan, der Parasit der Zeit. Will man das Ganze beurteilen, so muß man das Werk — auch wenn man Dichterisches in Einzelheiten gelten läßt — als eine Giftpflanze des Kommunismus bezeichnen, die dem Antisemitismus Dienste leisten wird. Das ist ja das Kennzeichen der gesamten kommunistischen Kunst: nicht der Wahrheit will sie dienen, sondern der Propaganda: Nicht um der Kunst willen, die ganz gewiß nicht tendenzlos zu sein braucht, wird sie geübt, sondern ausschließlich als ein Mittel zur Heiligung eines Zweckes. So viel tiefer, echter, wahrer, vollkommener das Leben ist als das schönste Plakatbild, so viel mehr Wert birgt die wahre Kunst in sich gegenüber der neuen Russenkunst. Mag sie gekonnt, ja grandios sein, mag sie mit neuen Mitteln, ans neuen Wegen zu wirken versuchen, sie bleibt Kunst der Technik, Kunst der Reklame und kann nicht den Gipfel der Kunst erreichen, der Kunst des Lebens heißt. Eingezwängt in die Parteischablone bleibt sie dienstbar dem Ungeist der Doktrin. Vorhang nur ist sie, und oft genug nur soll er den Abstieg vom Bildenden, Schöpferischen zur Anerkennung des Seienden, vom Geistigen zum Animalischen verbergen. Parteikunst muß einseitig sein. Aber diese Einseitigkeit sollte ihren Ausdruck finden in der Wahl des Themas, in der Problemstellung. Hier aber schafft sie statt eines „historischen"" Schauspiels eine hysterische Verzerrung. Trottel, Lumpen, Intriganten lenken die Geschicke und die Masse, das Proletariat, wird ausgepowert. Befreit es sich morgen, so ist alles gut. Rote Fahne. Beifall. Diese Primitivität der Anschauung gleicht etwa dem Wissen eines Menschen, der in der Zoologie neben seinesgleichen nur Aasgeier und Hyänen kennt. Inflation? Hier die besitzlose, hungernde Masse, dort die sorglose Schicht der Schieber aller Fakultäten. Was ihr den Geist der Zeiten heißt, das ist im Grund der Herren eigener Geist. Sprechen wir es ganz offen aus, denn die nichtjüdische Kulturwelt hat sich dessen weit mehr zu schämen als die Judenheit: unter denen, die mit der Not des deutschen Volkes ihre Geschäfte in Deutschland machten, fanden sich auch in großer Zahl Ostjuden. Jsts ihre Schuld? Jsts verwunderlich, daß Menschen, die durch Gesetze, die sie nicht bestimmten, produktiver Arbeit sernaehalten wurden, die existenzlos wurden, als in ihren Ausenthaltsländern das Hin- und Her- Handeln. auf das sie angewiesen waren, durch planvolle Wirtschaftsgestaltung hinfällig wurde — ists verwunderlich, daß diese Menschen sich dorthin drängten, wo die Konfusion des Wirtschaftslebens ihnen die Beibehaltung ihrer ihnen früher aufgezwungenen Tätigkeit gestattete? Wenn aber hier in diesem Tendenzdrama weder die Ursache der damals gewiß nicht erfreulichen ostjüdischen Einwailderung in den Jnflationsjahren auch nur angedeutet wird noch die Lehre einer Seßhastmachung und Produktivierung dieser Elemente in ihren Aufenthaltsländern gezogen wird, so sagen wir: Nein. Und wenn bei Außenstehenden der Eindruck erweckt wird, Ghettounkultur und das in Riesenlettern projizierte Sch'ma jisroel bildeten eine Einheit, so sagen wir wiÄerum Nein. Und beim Nein bleiben wir, wenn man uns einreden will, dieser Ostjudentyp sei in der Inflation „der Kaufmann von Berlin" gewesen. Ein Typ des Schmarotzertums war er, gewiß. (Nebenbei: eine der ganz wenigen Schmarotzertypen, die oft trotz allem wegen ihres Schicksals noch menschliches Mitleid beanspruchen konnten.) Aber Kaufmann? Der Schmarotzer mag Geld verdient haben in der Inflation, sehr im Gegensatz zu vielen Kaufleuten, * um Kaufmann zu sein ist mehr erforderlich als Verdienenkönnen. Heißt dieser Schmarotzer-Kaufmann heute Eisenberg, morgen Kaftan und übermorgen Cohn, so zeugt das von bester Geist-Nachbarschaft zur blödesten völkischen Ideologie. Und dann: muß dieser Herr Kaftan auf einer Berliner Bühne unbedingt in jiddischer Sprache sprechen? Ich mag dieses Sprachengemisch nicht, das man Jiddisch nennt. Doch es mag eine herrliche Sprache sein. Da aber die Berliner Theaterbesucher es kaum zu lernen beabsichtigen dürften, wäre sein Verschwinden von den Berliner Brettern wohl kaum zu bedauern. Dieser Herr Kastan beginnt bei seiner Ankunft in Berlin mit den Worten: „Scholem alejchem, Berlin!... Do bin ich!... a Giten Tog... a Giten Tog!... West du mir sein a Freund?... West du mir sein a Feind? West du mir sein untertänig? Well ich sein dein Rothschild? Un hobn asa a kowet Im die ministorn un generaln un die ganze prizim?"" Und in dieser Art geht es drei und eine halbe Stunde. Viel böses Blut wird dieses Stück machen. Und mit Recht. Denn wenn auch die gröbste Geschmacklosigkeit unmittelbar nach der Premiere gestrichen wurde, — ein toter Sowat wurde von Straßenkehrern in ihren Müllwagen geschaufelt — genügend Geschmacklosigkeiten blieben. Und von der Forderung, daß der Knorr den Knubben hübsch vertragen müsse, daß jeder seiner unbestochnen, von Vorurteilen freien Liebe nachzueifern habe, ist hier auch nicht eine Spur zu empfinden. Die Inszenierung von Piscator ist gewaltig: Film, laufendes Band, Versenkungen in bisher selbst bei ihm ungekanntem Ausmaß. Das Spiel des jiddischen Schauspielers Barakoff und von Schünzel, Stecket und Speelmans vortrefflich. Die Gesänge von Walter Mchring sind meist treffen-, oft packend und der Bortrag des Pogromliedes durch Tatjana Schilskaja ist meisterhaft. Und doch gibt es für das Ganze nur ein Wort: Nein! Walter Loewenstein.

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