Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 37 (11.9.1929)
- Date
- 1929-09-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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i! I IMchMeraleZeilmg Organ der Vereinigung für das liberale Iudentum e. D. B«)»g,prel» durch die Geschäftsstelle '^jährlich Al. 2.50 «nzetnummer 0«r0. Del freier Zusendung i. Inland 0^5 jTftr die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis im MUgliedsbeitrage enthalten. S«ra»,iworti. Redakteur: Bruno Vopda. v>« «Jüdisch-liberal« Zeitungerscheint jede« Mittwoch. Redaktion und SeschSftofieNe: Berlin Sw 48, wilhelmfir. 147 Jernrnf: Bergmann 3358, 3359 Postscheckkonto: Berlin NW 7, 137069 (Vereinigung für das liberale Judentum) Nachdruck sämtlicher Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion gestattet. Anzeigenpreise: Die 12 gespaltene Nonparaillezett» 0.4- Goldmark, die ReNamezeile 3.00 Goldmark. M Wiederholungen Rabatt. Anzeigenannahme: .Jüdisch-Uberale Zeituna" Inseratenabteilung: Berlin Sw 4S. wilhelmstratze 1« (Bergmann: 3358-59). sowie sämtl. Annonceu-Expeditioa. Rr.37 Berlin, 11. September 1S29 S. Jahrgang!!! Um des Wenlums willen! Lernt aus den Vorgängen in Palästina! Von Bruno Woyda. Die Feiertage des Judentums nahen. Wieder werden wir innehalten in dem Geschehen der Tage, werden wir sinnen über die Religion unserer Väter», die wir nicht nür als Erbe, sondern als eigenen Besitz unser nennen. Wieder werden wir das Judentum als die wahre Religion der Kultur preisen, die als erste Ethik und Gottesgedanken verband, die uns erkennen und bekennen lehrte: Sch'ma jisroel adaunoj elaühenu adaunoj echod. Wenn wir dann unserer Toten gedenken, wenn wir die Schöpfung preisen und die Ohnmacht der Menschen empfinden, die sortgeweht werden wie Blüten vom Winde, so werden wir trauern auch um alle jene, gleichviel ob Juden oder Araber, die in unseren Tagen Gesundheit oder Leben im Dienste einer Idee oder bei der Verteidigung von Hab und Gut brutaler Gewalt opfern mußten. In Kämpfen zwischen Juden und Arabern in dem Land, das Ursprungsland der jüdischen, christlichen und mohammedanischen Weltteltgion ist. Dann werden wir beten, in alter Weise und doch mit neuer Inbrunst, daß Frieden werden möge Israel und der gesamten Menschheit. Und dringender noch, als unserem Schmerz Ausdruck zu leihen, sollten wir dann die Verpflichtung empfinden, auf eine friedliche und gerechte Gestaltung der Verhältnisse in Palästina für die Zukunft hinzuwirken. Was ich hier sage, sage ich nur für mich. Niemand beauftragte mich, und Anderen bleibe es überlaffen, von sich als den Repräsentanten der jüdischen Gemeinschaften Deutschlands oder gar aller Länder zu sprechen. Nur aus der . Empfindung, daß der Erhaltung unseres Judentums Gefahr droht, spreche ich. An vielen Fehden zwischen denen, die im Judentum eine religiöse, anationale Gemeinschaft sahen, und denen, die das Judesein als nationales Erleben betrachteten, habe ich teilgenommen. Heute hat dieser Streit zu schweigen. Er wird wieder aufleben, und soll es auch, um der Klärung der Probleme des Judentums willen; aber jetzt soll er ruhen. Anderes erfordert der Augenblick. In Hebron sind 65 Lehrer und Schüler des jüdischen Lehrhauses niedergemetzelt worden, .in Jerusalem ist Harold M. Wiener getötet worden, ein jüdischer Wissenschaftler, der im Geiste echten Verstehens von Arabern und Juden in Palästina wirkte, zahlreiche weitere Tote und Verwundete werden als Opfer blindwütigen Hasses fanatisierter Araber gemeldet. Worte sind zu gering, um diese Scheußlichkeiten zu verurteilen. Nichts soll hier gesagt werden, was die Verurteilung von Unrecht mindern könnte. Doch aus dem Geschehen des Weltkrieges habe ich das Eine gelernt: wenn der Frieden gestört ist, so bekämpfe das Unrecht in deinem Kreis. Nie, nie ist bei kriegerischen Verwicklungen nur die eine Seite schuldig. Lehrst du die Fehler sehen, die in deinem Kreis begangen wurden, so hast du die erste Voraussetzung für wahren Frieden geschaffen. In einem zionistischen Aufruf der Jewish Agency in der Tagespresse ist der Aufruhr das Werk einer kleinen arabischen „Gruppe, die für ihren Einfluß fürchtete, und der der Streit um die Klage,nauer willkommenen Agitationsstoff bot". In einer Resolution, die in Berliner zionistischen Versammlungen angenommen wurde und die sich auch der Landesvorstand der Zionistischen Vereinigung für Deutschland zu eigen gemacht hat, „trägt die Regierung in Palästina die Hauptschuld an der wilden Entladung der Leidenschaften und den blutigen Kämpfen, die wir jetzt erlebt haben". Und in nner zionistischen Provinzzeitung, dem Kölner Jüdischen Wochenblatt, wird darauf hingewiesen, daß die in Palästina tätigen Beamten noch von der letzten konservativen Regierung Englands eingesetzt wurden, und gesagt: „Hier sind Zusammenhänge, die wohl nie ganz geklärt werden können. Fast hat es so den Anschein, als ob es sich um eine verteufelt geschickt eingefädelte Jntrigue gegen die englische Labourregierung handelte." Araber sind schuldig. Die Palästinaregierung ist schuldig. Um eine Jntrigue gegen die Labourregierung handelt es sich. Haben unsere Väter nicht, wenn sie dulden mußten, sich an die eigene Brust geschlagen und Oschamnu, wir haben gesündigt, gebetet? Ist dieser jüdische Brauch nicht nach den Erfahrungen des Weltkrieges Pflicht jedes aufrechten Menschen geworden? Es gibt einen jüdischen Nationalismus in der Welt. Ich bekenne mich nicht zu ihm, doch die Tatsache seiner ^istenz ist unbestreitbar. Ta dieser als das Judentum oder doch als das echte Judentum auftritt — gewiß zu Unrecht, auch wenn der Standpunkt der das Nationaljudentum lehnenden Juden kaum noch hörbar wird — muß einmal in voller Deutlichkeit ausgesprochen werden: Der jüdische Nationalismus ist keineswegs nur ein solcher des Seins, er ist typischer Nationalismus des Forderns. Von der Selbstkrönung des echten Nationalismus, dem Entsagen um des Friedens der Menschheit willen, ist er ebenso fern wie irgend ein anderer Nationalismus der Welt. Nichts, nichts unterscheidet ihn von diesen. In einem Zeitpunkt, in dem schon die natürliche Spannung an der Klagemauer zur Entladung drängt, veranstalten seine Anhänger provokatorische Demonstrationen. In einer Zeit, in der das Ruhebewahren zum ersten Gebot wird, werden die Leidenschaften durch falsche Meldungen noch geschürt. Und wie bei anderen Völkern zeichnen sich auch hier die Etappenhelden aus, deren Maulwerk mit der Größe der Entfernung vom Schuß wächst. Araber aus Syrien und Transjordanien sollen bei den Unruhen in Palästina mitgewirkt haben. Sind die Juden hierbei frei von Schuld? Hat nicht eben erst auf dem Zionistenkongreß in Zürich Jabotinsky vom Jordan gesagt, dieser Fluß müsse in der Mitte des Landes fließen? Denen aber, die Jabotinsky nicht gelten lassen wollen, sei gesagt, daß auch in den Reden Anderer der Annektionismus nationaler Bewegungen offen zum Ausdruck kam. Dr. Arlosoroff, ein Vertreter der palästinensischen Arbeiterbewegung (!) sagte, daß es „sich in den Grenzen des Palästina, an das wir denken, weitere Bodenflächen gibt" und Ussischkin berechnet: „Wir haben bloß sechs Prozent des Bodens in dem Mandatsgebiet erworben, und wenn wir unser altes Mandatsland, das Land der Bibel, in Betracht ziehen, so haben wir nur zwei Prozent erworben." Sind die Juden frei von Schuld? Als der Streit an der Klagemauer begann, am 5. Oktober 1928, wurde hier gewarnt: „Die jetzigen Vorkommnisse an der Klagemauer haben blitzartig die gegenwärtigen Verhältnisse in Palästina beleuchtet. Die Regierung des Landes begnügt sich in dem Streit der Nichtjuden und Juden mit recht wenig glücklichen Verwaltungsmaßnahmen, die auch die letzten Illusionen rauben mußten, als ob ihr Streben tatsächlich der Errichtung der sogenannten jüdischen Heimstätte gelte. Andererseits zeigt sich, daß die Erbitterung der Araber gegen die Juden in Palästina in den. letzten Jahren nicht abgenommen hat; droht doch die arabische Presse sogar mit Unruhen für den Fall, daß die Juden versuchen sollten, ihre „Rechte" an der Klagemauer zu erweitern. Hinzu kommt noch, daß die Araber in der letzten Zeit mit ständig wachsender Entschiedenheit ein Sclbstverwaltungsrecht für Palästina fordern, wobei sie offensichtlich die Hoffnung anspornt, durch ein Parlament der Landesbevölkerung weitere jüdische Einwanderung verhindern zu können. So zeigt sich, wie naiv die Betrachtungsweise Palästinas als Land ohne Volk, auf das die Juden „historische" Ansprüche geltend machen könnten, gewesen ist, und daß die Forderung „Palästina den Juden wie England den Engländern" ohne Achtung der Rechte der eingeborenen arabischen Bevölkerung erhoben wurde. Der jetzige Streit an der Klagemauer muß von allen Juden als ernster Anlaß genommen werden, die Bedeutung Palästinas als jüdisches Kolonisationsland und das Schicksal der Juden in Palästina in der Zukunft erneut zu erwägen." Wahrlich, es gibt kein Frohlocken, weil die Entwicklung diesen Befürchtungen recht gab. Dieses Recht-behalteu-haben macht traurig. Und das Frohlocken wird zur Anklage, daß Aus zahlreichen Orten sind uns über Mendelssohn-Feiern und Gedenkgottesdienste aus Anlaß des 209. Geburtstagess Berichte zugegangen. Wir müssen aus Raummangel darauf verzichten, sie sämtlich hier zu veröffentlichen. Als besonders erfreulich sei der Gottesdienst in der Berliner Synagoge Fafanenstratze erwähnt, an dem sämtliche 60 jüdischen Schüler der Obersekunda und Prima der Kaiser-Friedrich-Schule teilgenommen haben, da der Direktor dieser Anstalt sie vom Unterricht beurlaubte. In Berlin Den Höhepunkt der Berliner Mendelssohn-Gedenkfeiern bildete die vom Porstand der Jüdischen Gemeinde zu Berlin gemeinsam mit der Akademie für die Wissenschaft des Judentums und der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums veranstaltete Feier, die am Sonntag, 8. September, mittags in der Singakademie, der historischen Stätte für Musikpflege in Berlin, abgehalten wurde. Die prominentesten Vertreter der Berliner jüdischen Gesellschaft und Vertreter des sonstigen geistigen Berlin sowie Vertreter großer Gemeinden aus dem Reiche, füllten Saal und Emporen bis auf den letzten Platz. Nach der vom Philharmonischen O r ch e st e r, geleitet von Dr. Heinz Unger, meisterhaft vorgetragenen Ouvertüre zu „Athalia" von Felix Mendelssohn-Bartholdy, diese Warnung picht noch lauter und eindringlicher war, nicht noch stärker die Arbeit gegen die erkannte Gefahr. Wiederum sei gewarnt! Setzt nicht morgen fort, was g e st e r n zur K a t a st r o p hc führt e. Nehmt das, was in Palästina war, als flammendes Warnzeichen. Soll Frieden werden in Palästina, laßt ab von einem Werk, das diesen Unfrieden schuf. Nicht der englischen Politik zuliebe und nicht der arabischen Forderungen wegen, aber um des Judentums willen: Laßt ab von der unheilvollen Politik der „nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina". Zeigt, daß jüdischer Nationalismus nicht den: üblichen Nationalismus der Welt gleicht, zeigt, daß ihr aus „h i st o r i s ch e n Rechten" nicht historische Rechthaberei a b l e i t e t. Möget ihr euren jüdischen Nationalismus wahren, aber gefährdet nicht um dessentwillen durch Festhalten an einer verhängnisvollen Palästinapolitik die Existenz des Judentums. Könnt ihr nicht aus Ueberzeugnng diese Politik aufgeben, so opfert fie auf dem Altar des Weltfriedens um des Friedens willen. Ein deutscher Staatsmann und deutscher Jude, den Schüsse völkischer Fanatiker niederrafften, Walther Rathenau, schrieb 1918 diese Worte, die auch ihr beherzigen solltet, an Deutschlands Jugend: „Was trennt, 'kann sinken. Den Kampf, den wir kämpfen, und den härteren, den wir kämpfen weroen, beendet nur ein Sieg: der Sieg der Einkehr. Und die Nation wird ihn erstreiten, die ihrer eigenen Seele entgegentritt und sie zum Phöniy-» opfer weiht." Viele sind unter euch, die durch die Vorgänge in Palästina nichts zugelernt und nichts vergessen haben, die in der üblichen Kriegspsychose schwelgen: Nun erst recht! Weizmann erklärt: „Nicht ein einziges Schiss wird die Küste Palästinas passieren, ohne eine Zahl Chaluzim in das Lano zu bringen. Sobald sich die Lage im Lande beruhigt, soll eine große Einwanderung einsetzen." Und in dem Ausruf der deutschen Anhänger der Jewish Agency wird gesagt: „Wenn wir die Zahl der jüdischen Einwanderer verdoppeln, verdreifachen können, erhöhen wir aus eigener Kraft die Sicherheit der Siedlung. Zehntausende junger Juden stehen bereit, die in das Land gehen wollen." Nochmals sei gewarnt. Gewarnt vor den Worten von Menschen, die selbst nicht nach Palästina zu gehen beabsichtigen, aber Andere zum Gehen veranlassen. „Für Judentum und jüdische Zukunft sind die Toten gefallen", mit dieser Feststellung trösten sie sich. Antwortet ihnen mit dem Worte Victor Adlers: „Wenn Sie Blut fließen sehen wollen, dann lassen sie sich selbst zur Ader/' > , Um des Judentums willen, aus Menschlichkeit warne ich. Wird wiederum der Ruf überhört, so werden, fürchte ich, statt der Hunderte an Opfern Tausende gefordert werden. Und mit den Juden wird das Judentum getötet werden, das Judentum, das sich nicht mehr zum Geiste bekannte und Unrecht in der Welt getan hatte. Schafft Frieden in Palästina! Und so lange noch kein Frieden herrscht, so lange mit der Bevölkerung des Landes über Neueinwanderung noch keine Verständigung erzielt ist, hattet ein! Die Chauvinisten sagen: haltet durch, verdoppelt, verdreifacht! Hier aber sei gesagt: haltet ein! Um des Judentums willen! (Vergleiche auch die Berichte in der Beilage.) hielt der Vorsitzende des Vorstandes der Gemeinde, Direktor Georg Kareski, eine Ansprache in der er die Vertreter der Reichs-, Staats- und Stadtbehörden und der wissenschaftlichen Vereinigungen begrüßte und ausführte, es sei heute, angesichts der frischen Gräber im Lande unserer Väter, nicht die Gelegenheit, rauschende Feste zu feiern, aber es gelte, eines Mannes zu gedenken, der über die Völker und Zeiten hinaus wirkte, und der besonders seinen Glaubensbrüdern ein 'Lehrer und Befreier wurde. In der damals kleinen jüdischen Gemeinde Berlins genoß er Ehrenbürgerrecht, und er, der universale Geist, verschmähte es nicht, innerhalb dieser bescheidenen Gemeinde Funktionen auszuüben. Möge sein Beispiel wirken auf die Generation von heute unsd "die späteren Gc(- nerationen. Hierauf ergriff Reichsinnenminister Severing im Namen der Reichs- und der preußischen Staatsregierung das Wort, um die Festversammlung zu begrüßen. Er gab einen Umriß der Mendelssohnschen Ideenwelt, schilderte deren befreiende Wirkung in Judentum und Deutschtum seiner Zeit und beklagte es, daß die Nachwelt nicht genug den großen Lehrer würdigt und begreift. Fast scheint es, als sei heute der Geisteskämpser von dem Champion im Boxring und auf der Rennbahn verdrängt. Die gesunden Kräfte des deutschen Volkes werden jedoch diese unerfreuliche Entwicklung Mendelssohn-Gedenkfeiern