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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-05-24 · 21 (24.5.1929) · page 4

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
21 (24.5.1929)
Date
1929-05-24
Page
– (sequence 4)
Language
German
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WWWWW a:r.,cv rächt, aber bis ins Kleinste vorzuschreiben, wie man äußerlich trauern soll, erst drei, bann sieben, dann weitere drciundzwanzig Tage und dann noch zehn Monate, das ist seltsam. Hat es mit innerer Trauer irgend etwas zu tun, wenn man während des Trauerjahres ängstlich jeden Ort meiden und umgehen muß, an »idem Musik, auch ernste, ertönt? Eine besondere Trauer besteht um die Zerstörung des Heiligtums in Jerusalem. Je nach dem Grade der „Frömmigkeit" ißt man drei Wochen oder sieben oder drei Tage vor Tischo beab kein Fleisch. Hochzeiten dürfen in diesen drei Wochen nicht stattfinden, am Sabbat vor dem Trauertag darf man seine Sabbatkleider nicht tragen. Baut man ein neues Haus, muß man eine Stelle unvollendet lassen, secher lechorban. Ich habe mehrere Leute gekannt, die noch nach mehr als 1800 Jahren nach dem Falle Jerusalems alle diese „Vorschriften" peinlichst beobachtet haben. Es wird sicher auch heute solche „Strenggläubige" geben. Im zweiten Buche Moses wird dre Auslösung der Erstgeborenen besohlen. Nur wenn man Cohn oder Levy ist oder heißt, ist man davon befreit. Bei der Beschneidungsfeier wird noch heute ein leerer Stuhl für den Propheten Ella bereitgestellt. Tem Zizzisgebot entspricht man durch das Tragen des Tallis beim Gebet, weil man den ursprünglichen Befehl, die Zizzis an dun Oberkleide zu befestigen, nicht mehr Folge leisten kann oder mag. Aber man hat die geniale Erfindung des verborgenen Arbakansot gemacht. Zizzis trägt man dann, aber wie lautet doch der Befehl? „Und ihr sollt sie s eh en und aller Gebote des Herrn gedenken und sie ausüben." Wir hatten im Kriege ja leider Gelegenheit genug, uns an allerlei „Ersah" zu gewöhnen. Wir haben ihn uns aber schnell wieder abgewöhnt. Das Passahfest bringt eine Menge Seltsamkeiten. Zuerst das „Chomez batteln", das Herumspüren, ob die Wohnung richtig gesäubert ist und etwa dabei nicht Gefundenes für nichtig erklären. Tann am Vortage des Festes das Fasten der Erstgeborenen, weil vor 3500 Jahren alle ägyptischen Erstgeborenen, so Menschen, wie Vieh, in einer Nacht gestorben sem sollen. Gegen diese Traditionstreue läßt sich nichts sagen, wohl aber gegen die Hintertür, die man den Eßlustigen geschaffen hat. Man geht morgens zur Synagoge; nach dem Gottesdienste „lernt" ein Talmudgelehrter den Schluß eines Traktats fertig — solche Beendigung, gilt als Festtag, und am Fchtag darf man nicht fasten! Sechs oder sieben Tage — die eine Bibelstelle lautet so und die andere s o - soll man Mazzot essen, aber man hat acht dreiviertel Tage daraus gemacht. Am Sederabend steht ein angebratener Knochen aus dem Tisch und daneben ein Ei. Elfterer zur Erinnerung an das Passahopser, letzteres an das Festopser. Wozu solche Erinnerungszeichen? Dieses mal wird für den Propheten Elia kein Stuhl, sondern ein Becher Wein hingestellt, weil man seine Ankunft am Passahabend erwartet. Man rechne sich mal aus, welche gewaltige Meygen von Wein seit Elias Tode vor 2700 Jahren auf ihn gewartet haben! Beim Votlesen der Haggada gibt es manche Scherze Wenn die zehn Plagen erwähnt werden, taucht man einen Frnger in sein Weinglas und spritzt die Tropfen fort — weg mit den Plagen! Weil Hillel vor 1900 Jahren sich einer besonderen Weise beim Scder bedient hat, ißt man zur Erinnerung ein Stückchen Meerettig mit Mazze. Weil ein älter Rabbi ausgerechnet hat, wie viele Plagen hie Aegypter erlitten hätten — zehn genügten ihm nicht — müssen wir seine unrichtigen Rechenkünste Jahr für Jahr nachbeten Weil das alte, wenig sinnvolle Gedicht Tnjenu einmal in die Hagada ausgenommen ist, muß es auch hergeleierl werden. Ein anderes Gedicht handelt davon, was alles schon um Mitternacht passiert ist. Aber das seltsamste ist das Afikomen- Steh'len. Der Hausherr legt sich ein Stück Mazzoh für den Nachtisch beiseite und einer seiner Sprößlinge muß es stehlen, und der Vater muß es durch das Versprechen eines Geschenkes auslösen. Eine höchst lobenswerte Erziehungs« methodel - Am Passah ißt man kein Geflügel (hauptsächlich in Westdeutschland), es könnte sich ein Getreidekorn im Bogelmagen festgesetzt haben und dadurch die ganze Wirtschaft „chomezdich" werden. Am Schabuoth ißt man Butterkuchen und „lernt" die ganze Nacht durch. Am Roschhaschano Abend verzehrt man Süßäpfel und Honig in der Hoffnung, das kommende Jahr werde ein recht süßes werden. Am nächsten Mittag geht man an einen Fluß oder Bach und wirft Brotkrumen hinein „so mögen unsere Sünden vergehen". Am Laubhüttensest ißt man Pflaumenkuchen und holt sich in der Laubhütte eenen Schnupfen, aber vor dem achten Tage ißt man beileibe keine Nüsse, denn das hebräische Wort für Nüfte hat denselben Zahlenwert, wie dasjenige für Sünde und erst am achten Tage des Festes wird mit den letzten am Jom Kippur noch nicht vergebenen Sünden aufgeräumt. Nun noch eine Sache, von der mancher nicht gern etwas hören wird. In der Bibel steht nichts von zweiten Feiertagen, woher kommt es, daß wir sechs Tage mehr feiern, als vorgeschrieben? Weil es in alten Zeiten noch keine Kalender gab, wurde das Erscheinen des Neumondes durch Feuerzeichen bekannt gegeben. Ta die Zeichen aber oft nicht rechtzeitig emtrasen, so mußte man manchmal zwei Tage Neumond feiern und infolge der dadurch vorhandenen Urisicherheit auch je zwei Feiertage. Und so ist es geblieben. Außerhalb Palästinas feiert man nicht manchmal, sondern immer zwei Feiertage, in Palästina aber nur einen, obwohl seit 1600 Jahren nur noch der genau berechnete Kalender gilt. Aber auch der Kalender enthält einige seltsame Grundlagen. Damit z. B. der siebente Tag des Hüttenfestes nicht auf einen Sabbat fällt, an dem man doch nicht schlagen darf, müssen die anderen Feiertage entsprechend liegen. Schon in alten Zeiten traten Bedenken gegen die Kalenderberechnungen aus. Rabbi Josua, cm sehr angesehener Gelehrter, hatte den Tag, aus den Jom Kippur fallen würde, ausgerechnet, aber der Patriarch Gamäliel II bestimmte einen anderen Tag und zwang den Rabbi Josua, an dessen Jom Kippur mit Reisetasche, Geldbeutel und Wanderstab vor ihm zu erscheinen. Eine sehr überzeugende Belehrungsweise! Warum bleiben wir bei zwei Feiertagen? Alle diese — und noch viele andere — Seltsamkeiten werden hoffentlich mit der Zeit in Vergessenheit geraten, sind auch wohl schon von der Mehrzahl der liberalen Juden — aber noch nicht bei allen, die sich liberal nennen — längst verworfen. Aber eine andere Seltsamkeit, vielleicht ein Ueberbleibsel aus der Ghettozeit, ist weit schlimmer, als diese mehr harmlosen Gepflogenheiten. Das ist die Würdelosigkeit und Undiszipliniettheit, die sich bei uns in Synagoge lind Versammlungsraum, bei Beerdigungen und im Kaffeehaus so oft.zeigt. Es kann nicht jeder aus einer guten Kinderstube stammen, aber wer Anspruch darauf erhebt, für einen gebildeten Menschen zu gelten, der müßte sich bemühen, Mängel der Erziehung und des Milieu aus dem er stammt oder des Temperaments abzulegen. Man braucht nicht Rechtsanwalt oder Arzt zu sein, um als gebildeter Mensch zu gelten, aber man kanii auch trotz akademischer Bildung sich als ein ungesitteter, hemmungsloser, rechthaberischer und herrschsüchtlger Mann erweisen. In unserer Gemeindestube und in Vereinsversammlungen kann man sich ein Bild davon machen, wl'e es im Parlament eines Judenstaates zugehen würde. In den Kirchen herrscht Ordnunng und Ruhe, die Besucher kommen rechtzeitig und gehen nicht vorzeitig, sie folgen aufmerksam und andächtig dem Gottesdienste. Bei uns aber geht es leider noch oft zu, wie in der Judenschule. Man kommt, wenn man will und geht, wenn man mag; man kümmert sich nicht darum, ob man andere stört, wenn man sich mit seinen Nachbarn Wer Politik und Berufsangelegenheiten oder mit seiner Nachbarin über Dienstboten und Modefachen unterhält. Man kommt kurz vor der Predigt und Seelenseier und verläßt nach denselben fluchtartig das Gotteshaus. In den Versammlungen geht es so lebhaft zu, daß es eines starken Vorsitzenden bedarf, um Ordnung zu halten. Tie unbedeutendsten Angelegenheiten werden mit einer Lebhaftigkeit, Heftigkeit und Endlosigkeit besprochen, als ob es den wichtigsten und höchsten Dingen gelte. Jeder zappelt darnach, zu Worte zu kommen und wenn er dazu gelangt, sagt er dasselbe, was schon mehrere andere vor ihm gesagt haben. Man geht meistens mit einem bitteren Gefühl des Unbehagens aus solchen Versammlungen fort. Vorkommnisse, wie sie sich in den letzten beiden Jahren mehrfach der Beerdigungen aus unserem Friedhofe zugetragen haben, bei denen es zu Schlägereien kam, bei derer einer es sogar soweit ging, daß der Vorsitzende unserer Gemeinde sowie Friedhofsbeamte tätlich angegriffen wurden, wären aus anderen Friedhöfen schwerlich möglich. Sie sind eine schlechte Illustration zu dem Satze: „Alle Israeliten sind 'Brüder." Es darf 'doch nicht jeder das Recht für sich in Anspruch nehmen, sich eigene Sitten erlauben zu dürfen und side Autorität und Ordnungsvorschrift zu verachten. Warum predigen unsere Rabbiner niemals über Terech Erez, Landessitten? Warum weisen sie nicht darauf hin, daß schon die alten Talmndweisen auf würdiges, den Landessitten entsprechendes Benehmen gedrungen haben? Warum sorgen sie nicht in Synagogen, Schule und Haus auf 'das Eindringlichste für die Abschaffung solcher seltsamen Unsitten? Ich weiß es nicht, glaube auch nicht, daß sie viel Erfolg haben würden. Man muß auf die Zeit, die ja so vieles heilt, rechnen. Nach uns wird die Besserung kommen, werden die Ghetto- und Golusgedanken und Manieren hoffentlich abgeschasft sein, wird man sich auch in dieser Beziehung „assimiliert" haben. Tie weiteren Spendeneingünge für den Hilfsfonds veröffentlichen wir in der nächsten Nummer. <;44»»t»4444»4444444444444»44444+444»4444444»440MM 4444444 4 li*i; BÜCHERSCHAU Ü* Kaufmann Frank von Heinrich Kurtzig. Gustav Engel. Leipzig 1929. 163 8. Die bis zur letzten Zeile spannende Erzählung spielt ebenso wie desselben Verfassers Ostdeutsches Judent u m im Rahmen der friedsam stillen, geordneten patriarchalischen Verhältnisse einer angesehenen bürgerlich jüdischen Familie der östlichen Grenze. Aus den Sorgen und Kümmernissen der großen und kleinen Leute der stark gemischten Bevölkerung einer deutschen Mittelstadt reißt die brennende Sehnsucht nach kultureller Entfaltung seiner Kräfte den im Mittelpunkt stehenden Träger der Handlung über die Schranken des ihm zu spärlich zugemessenen Kreises hinaus in die Weite. Zu den verborgen in ihm wirkenden unbewußten Antrieben kommen schwer erschütternde und seine Pulse aufrüttelnde Erlebnisse unserer krisenhaft so stark bewegten Zeit hinzu, die mit bedeutsamen Zufällen in sein Leben entscheidend eingreifen. Sie führen den rastlos Vordringenden bis zu den Grenzen des gesitteten Gesellschaftslebens, aber die eigene gesunde Kraft und treu ihn umhegende Mächte bewahren ihm seine reine Gesittung. So bieten sich dem Leser tiefe und klare Aufschlüsse über die mannigfaltigsten Seiten des praktischen und daneben auch die sozialen Schwierigkeiten des jüdischen Familienlebens in langen Reihen reizvoll fesselnder Bilder. Immer von neuem werden die beengenden Nöte, die Hoffnungen und Wünsche des in heftiger Bewegung auf- und niederwogenden Lebenskampfes durch einen unversieglichen Mut überwunden, der ihn alle Stürme bestehen läßt und seinem Innern den beseligenden Ausgleich sichert. In einem überraschend lebhaften Wechsel 'der Vorgänge des wirtschaftlichen und Familienlebens folgen wir dem tapferen Durchhalten eines Mannes, der neben den Gegebenheiten der Wirklichkeit auch bei ihren geistigen Gehalten verweilt und damit die Wendung vom praktischen Leben zur religiösen Idee nimmt. Sie breitet über alle Darstellungen der äußeren Erlebnisse das strahlende Glück eines durch reiche Erfahrung erprobten und geläuterten ernsten Führergeistes. Dr. Max Golde. Miriams Lied. Vor mir liegen (im Manuskript) zwei Kompositionen des bekannten Oberkantors der Berliner Gemeinde, Aron Friedmann. Galt hauptsächlich sein Schaffen der wissenschaftlichen Erforschung der musikalischen Art des traditionellen jüdischen Gottesdienstes und der Neuschöpfung von Synagogengesängen auf Grund dieses Forschens, so hat Friedmann in seinen letzten Kompositionen sich einem anderen Gebiet zugewandt: der Vertonung biblischer Texte, die nicht zum Gottesdienst gehören. Auch die vor mir liegenden beiden Kompositionen sind von dieser Art. Ihre Texte — einer hebräisch*), vom verstorbenen Oberrabbiner Josef Weiße (Vater des Berliner Rabbiners), der andere*) deutsch von F. Freiligrath — behandeln Mirjams Siegesgesang am roten Meer. Friedmann hat in feinem Einfühlen dafür den rechten Ton gefunden, ob er nun Mirjam in jubelnder Begeisterung singen läßt: „die Kette zersprang, des Mächt’gen Stolz ist gebrochen", oder wenn er in der Art des glaubensdurchglühten Chasan in einem breit angelegten Dankeshymnus singt: „Ehre dem Herrn, sein Hauch unser Schwert, sein Wort unser Speer!" — Beide Kompositionen, wenn auch tonlich verschieden, sind doch von gleicher Art: Jugendliches Feuer, echte Begeisterung strömen sie aus; von ehrlich frommem Gefühl sind sie erfüllt. — Es wäre zu wünschen, daß sie gedruckt und der breiten Oeffentlichkeit zugäugig gemacht würden, da die Musikliteratur uns für Ausgestaltung unserer mannigfachen jüdischen Feierlichkeiten nicht allzuviel Auswahl bietet. H. F a b i s c h. *) Uebertragung des engl. Gedichts von Th. Moore. Werbt neue Mtglieder! Kalendarium s. die Zeit v.25. 5. b. 1.6.29 Mai 1929 Jjar 5689 Sonnabend 25 15 Wochenabschnitt: B'har Haftarah: Jeremia 32, 6—27 Sabbat-Ausgang: 9.04 Uhr Sonntag 26 16 Montag 27 17 Tanis scheni II Dienstag 28 18 Lag beomer Mittwoch 29 19 Donnerstag 30 20 Freitag Juni 1929 31 21 Sonnabend 1 22 Wochenabschnitt: B'chukaussai Haftarah: Jeremia 16, 19—21; 17, 1—14 Sabbat-Ausgang: 9.15 Uhr Wir suchen unter günstig. Bedingungen per sofort oder später für unsere Mädchenahleilung eine 1. Erzieherin mit gediegener wissenschaftlicher u. pädagogischer Bildung, sowie möglichst längerer Heimpraxis. Geeignete Bewerberinnen (Lehrerin, Jugendleiterin etc.) wollen sich melden. Auerbactisches Berlin Schönhauser Allee 162 Julius Simon Kunstu. Bauglaserei Bilder-Einrahmungen C harlotte nburg Eosander Strasse 8 Wilhelm 8157 Yerein für Feuerbestattung in Berlin von 1874, e. 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BERLIN SW 68, Lindenstrasse 13 Auch Ihre Freunde wollen die Jüdisch-liberale Zeitung lesen! Fördern Sie das liberale Judentum durch Verbreitung der Jüdisch-liberalen Zeitung. Hier ist eine Liste: Bitte schreiben Sie darauf die Adressen aller, die nach Ihrer Meinung Leser der Jüdisch-liberalen Zeitung werden können, undsenden Sie uns den Zettel im Umsch lag zu. Name Wohnort Straße Unter! chrift: Name: Ort Straße: Verlag: Vereinigung für daliberale Judentum e. B., Berlin SW. 48. — Verantwortlicher vedakteur: Dipl.-Jng. Bruno Woyda, Berlin SW. 29. Druck: Hermann Wagner Lr To., Berlin-Mariendorf. 01020223010400010200000101020001000202021702232323535353310101000100020002 48534853489148532331020200010101008953530101000000000001024848534823232353 181406

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