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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-05-24 · 21 (24.5.1929) · page 5

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
21 (24.5.1929)
Date
1929-05-24
Page
– (sequence 5)
Language
German
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s. Jahrgang Mmmer 21 ^WchÄevEMmz Beilage 24. Mai 1929 Umschau Ter „Geheimdienst" im W.T.B. Wir hatten in unserer Ausgabe vom 10. Mai 1929 eine Mitteilung der Zeitung „Montag Morgen" wiedergegeben, in der behauptet wurde, daß das W.T.B., die offiziöse Nachrichten-Agentur, einen sogenannten „T.-Sonderdienst" in der Provinz verbreitet, „der sich nach Form und Inhalt als reine politifch-deutschnationale Parteiagitation kennzeichnet". Chefredakteur I. Landau hat diese Notiz dem Wölfischen Telegraphen-Büro weitergesandt. Obwohl die Meldung des „Montag Morgen" von Beginn an unwahrscheinlich klang, da der Leiter des W.T.B., Direktor Tr. Mantler, dem Antisemitismus völlig fremd ist, ebenso der 2. Direktor Dr. Dietz ein freisinniger Theologe, von je ein Freund des religiösen Lebens und weitgehendster Duldung, und, obwohl Antisemitismus im W.T.B. besonders eigenartig sich ausnehmen würde, da ja der Begründer dieses für unser politisches Leben und für die Geschichte der Presse gleich bedeutsamen Instituts, Dr. B. Wolfs ein Jude war, verdienen doch die folgenden Ausführungen besorürere Beachtung, die wir einem Schreiben des Direktors vom W.T.B., Dr. Mantler, an Herrn Chefredakteur Landau vom 14. Mai entnehmen: „Es handelt sich bei dem fraglichen Dienst nicht um einen „Geheimdienst" und ebensowenig um einen „völkischdeutschnationalen" oder gar „antisemitischen Dienst". Der angebliche Beweis für den geheimen Charakter dieses Dienstes ist lediglich eine technische Notwendigkeit, weil es sich um eme ergänzende Berichterstattung für eine Reihe mittelparteilicher Blätter handelt, die nicht allgemein verbreitet wird und als „eigene Meldungen" der Empfänger unter deren Verantwortung steht. Es ist sehr leicht, aus Tausenden von einzelnen Glossen drei herauszufinden, bei denen man dann wieder Teile aus dem Zusammenhang löst, um eine angebliche Tendenz des Verfassers zu beweisen. Ohne den hier vorgekommenen Mißgriff damit entschuldigen zu wollen, müssen wir aber feststellen, daß es der erste derartige Fehler eines Redakteurs war, der selbst politisch überzeugter Anhänger einer ausgesprochenen Linkspartei ist und dem man derartige Tendenzen keinesfalls unterstellen kann. Tie Meldung, in der die Einbürgerung einer Reihe von Ausländern aus Polen und Rumänien kritisiert wurde, enthält eine Namensliste, unter denen neben vier oder fünf Mal soviel polnischen und rumänischen nur zwei oder drei ostjüdische Namen erscheinen. Ueber die Zweckmäßigkeit einer solchen Einwanderung, ganz unbeschadet des religiösen Moments, bestehen ja nun wirklich in Deutschland bei den Anhängern aller Konfessionen immerhin geteilte Meinungen. Der Verfasser dieser Notiz ist irgendwelcher antisemitischer Tendenzen absolut unverdächtig; ebensowenig kann ein vernünftiger Mensch annehmen, daß die Leitung des W.T.B. solche Tendenzen billigt oder gar verfolgt; es handelt sich also um eine Geschmacklosigkeit, um einen Mißgriff in der Ausdrucksform, aber ebensowenig bei dieser, wie bei den andern aus dem Zusammenhang gerissenen Stellen von drei aus mindestens 1500 bis 2000 Glossen des gleichen Verfassers um irgend eine radikale oder antisemitische Tendenz. Wir haben durch geeignete Maßnahmen nach Möglichkeit für die Verhütung solcher Mißgriffe, wie sie in jedem Großbetrieb gelegentlich einmal Vorkommen, Sorge getragen und an den geeigneten Stellen sowie durch Verbreitung einer wahrheitsgemäßen Darstellung an die ganze Presse gegen die tendenziöse Entstellung eines durchaus unverfänglichen Sachverhalts Verwahrung eingelegt." Wiener Internationaler Tierschutzkongreß. Am 12. Mai wurde in Wien, wie wir der Jta entnehmen, in Anwesenheit der Staats- und städtischen Behörden, einer Reihe von Gesandten und zahlreichen Gästen der Internationale Tierschutz-Kongreß eröfsner. Dem Notabel-Ehrenromitee gehörte auch Rabbiner Tr. Feuchtwang an. Zu der Versammlung haben sich etwa 120 Delegierte aus vielen Ländern eingefundcn. Besonders stark sind die deutschen Tierschutzvereine vertreten. Eine der beantragten Entschließungen fordert die Betäubung vor jeder Schlachtung. Schon bei den Borverhai.dluugen mit der Kongreßleitung, die in den Händen des Wiener Tierschutzvereins liegt, ist die entschiedene Einseitigkeit in der Fragte der jüdischen Schächtung unangenehm ausgefallen. Sv wurde bereits im Voraus gesagt, es würden keine Wortmeldungen von Fürsprechern der Schächtmethode entgegn,genommen werden. Einzig Rabbiner Tr. Feuchtwang wurde späterhin die Zulassung zum Rednerpult zugcsagt. Wie weit man aber den Gegnern des Sch Achtens Entgegenkommen zeigte, trat schon am ersten Verhandlungstage, am Montag, hervor, als Professor Uhde, dessen Referat dem Alkoholismus gegolten hat, völlig unbeanstandet einen großen Teil seiner Ausführungen zu scharfen Ausfällen gegen das Schächten benutzte. Für Mittwoch nachmittag verkündete die Tagesordnung die Vorführung des scbächtgcguerischen Filmes durch seinen Urheber, Schlachthofdircktor Tr. Klein-Lennet. Nur mit Mühe gelang es einem Fachmann, Schlachthofdirektor Tr. Basel-Stettin, in der nachfolgenden Diskussion das Wort zu erlangen. Aber sowohl seine Ausführungen wie die des Rabbiners Feuchtwang wurden fortgesetzt in heftigster Weise gestört. Es folgte ein Referat des schächtgegnerischen Professors Max Müller- München, nach dessen Beendigung durch den Beschluß der Vertagung eine unmittelbare Kritik unmöglich gemacht wurde. Am Donnerstag vormittag wurde die Diskussion wieder ausgenommen. Tie Versammlung war aber nicht gewillt, die sachlichen kriitischen Ausführungen von sch ächtfreundlicher Seite, die von dem Stadt-Obertierarzt Tr. Platschek und Schlachthosdirektor Tr. Basel gegeben wurden, ernstlich anzuhörcn, geschweige denn zu prüfen. Bei Schluß dieses Berichtes ist eine Abstimmung noch nicht erfolgt. Dieser Tierschutzkongreß ist anscheinend der erste, der den freien Meinungsaustausch der Parteien gewaltsam unterbunden hat. Ueber die Behandlung des Programmpunktes über die jüdische rituelle Schächtung durch den gegenwärtig in Wien tagenden Internationalen Tierschutzkongretz, berichtet die Jta noch: Bei der Vorführung des Films von Schlachthosdirektor Tr. Klein-Lennet, der die Grausamkeit der Schächtmethode demonstrieren sollte und der von Vorträgen begleitet war die ebenso unwissenschaftlich waren, wie der Film selbst, protestierten die anwesenden Schächtfreunde in sehr scharfer Form gegen die unverkennbar tendenziöse Aufmachung der ganzen Veranstaltung. Anwesende Antisemiten, zum Teil auch Kongreßteilnehmer, erwiderten mit judenfeindlichen Schimpsworten. Es entstand ein Tumult, der in Zusammenstöße auszuarten drohte. Ter Wiener Oberrabbinerstellvertreter Dr. Feuchtwang versuchte auf die Anwesenden beruhigend einzuwirken und wies daraus hin, daß die jüdische Religion den Tierschutz als ein Gebot proklamierte.^ Er erklärte, daß nach wissenschaftlicher Feststellung das Schächten an sich schon eine Betäubung bewirke, daß aber dessenungeachtet der Frage emer vorangehenden elektrischen Betäubung näher getreten werden soll. Es müsse zuerst Gewißheit darüber herrschen, daß eine Verletzung der jüdischen Religionsvorschriften durch eine solche Betäubung in keiner Weise stattsindet. Es stünde dem nichts im Wege, daß die Experimente nach der Richtung hin fortgesetzt werden, daß die für die jüdische Religionsausfassung unerläßlichen Beweise erbracht werden. Tann würden auch die Rabbiner der Betäubungssrage näher treten können. Auch andere bei der Filmvorführung anwesende Schächtfreunde versuchten, an der Aussprache teilzunehmen. Soweit sie zu Worte kommen konnten, prleoslierten sie gegen die von Grund aus falsche Darstellung des Schächtvorganges durch den Film von Tr. Klein. Sie wiesen darauf bin, daß ein jüdischer Schächter niemals so schachtet, wie es im Film gezeigt wird. Tie eindringlichen Darstellungen der Lchächtfreunde wirkten beruhigend aus die Menge und ließen antisemitische Schmährufe nicht mehr auskommen. In dem den Film begleitenden Vorträgen führten der westfälische Tierarzt Dr. Klein und der Münchener Universitätsprofessor Müller aus: die Juden hätten zu wählen, ob sie den Krieg wollen oder den Frieden. Sie werden sich zu einer Abänderung der Schächtmethodcn verstehen müssen, statt wie bisher den Christen den Konsum des Trese-Fleisches zu überlassen, das für den jüdischen Gaumen ungenießbar ist. Tic österreichische hakenkreuzlerische Presse nutzt ihrerseits den Tierschutzkongreß zu einer antisemitischen Hetze aus. Später wurde im Plenum des Kongresses selbst J>ie Erörterung über die Schächtfrage ausgenommen, wobei Schlachthosdircktor Tr. Basel-Stettin und Stadtobertierarzt Tr. Plätschck-Berlin der Unwissenschaftlichkeit des Schächtfilms und dev schächtfeindlichen Propagandaredner mit wissenschaftlichkritischen Argumenten entgegentraten, und besonders die Rede des Münchener Professors Müller, der nicht allein ungeprüfte Gemeinplätze gegen die Schächtmethode ins Feld führte, sondern sich auch schwere antisemitische Ausfälle leistete, kritisch beleuchteten. Tie an dem Kongreß teilnehmenden Antisemiten veranstalteten einen Tumult und schrien die Redner nieder. Gestern hat Rabbiner Ellguther-Neiße auf dem Kongreß ein Referat über das Thema „Tie Tierschutzgesetze im Pentateuch" gehalten. Er zitierte alle auf den Tierschutz bezughabenden jüdischen religiösen Vorschriften. Der Kongreß hat in der Schächtfrage keinen Beschluß gefaßt; eine Sonderkommission soll eingesetzt worden sein, die sich mit der Schächtfrage zu befassen haben wird. Vor dem Auseinandergehen wurde eine Resolution angenommen, die dahingeht, zu erwirken, daß jedes Schlachten oder Schächten ohne vorangegangene Betäubung zu verbieten sei. Tie vom französischen Delegierten Meitre Lespine vorgeschlogene Resolution, welche die humanste Art der Schlachtung forderte, wurde nicht angenommen, obwohl gerade die Kongreßteilnehmer von wissenschaftlicher Geltung sich für sie eingesetzt hatten. Miß Lind of Hageby, Professor Müller- München, Kramer-Berlin und der Kongreßvorsitzende Dr. Melkus setzten sich für die Annahme der strengeren Resolution ein, indem sie ausführten, daß Ausnahmen zugunsten eines Voltes oder einer Konfession nicht gemacht werden dürfen. Der Kongreß setzte ein permanentes Juristenkomitee, mit dem Sitz in Paris ein, welches Entwürfe staatlicher und internationaler Tierschutzgesetze gemäß den angenommenen Resolutionen ausarbeiten und den Parlamenten zugehen lasten, sowie die Errichtung einer Tierschutzstelle beim Völkerbund anrcgen soll. Tagung des Großen Rates des Preußischen Landesverbandes. Der Große Rat des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden ist auf Sonntag, den 26. Mai, zu einer Sitzung einberufen worden. Abgesehen von einer Reihe organisatorischer Fragen wie der Frage der Genehmigung des Landesverbandes, die von gewissen Forderungen des Ministeriums abhängig gemacht worden ist, der Stellungnahme zu den Beschlüssen des Verbandstages sowie der Frage der Staatsbeihilfe werden die Tagung eine Reihe anderer recht wichtiger Fragen beschäftigen. U. a. soll eine Dienstanweisung für jüdische Gefangenen-Seelsorger beschlossen werden. Tie Tatsache, die in letzter Zeit zu starken Schwierigkeiten geführt hat, daß einzelne Gemeinden in ganz unverhältnismäßigem Ausmaße Rabbinergehälter bewilligen, soll zu einer Prüfung der Frage führen, ob nicht für ganz Preußen eine Angleichung der Rabbiner-Gehälter möglich ist. Für die Provinzen Hessen-Cassel und Hannover sollen die ungemein wichtigen Übergangsbestimmungen zum Judengefetz durchberaten werden. Gründung des Wellverbandes jüdischer Handwerker. Der Centralverband jüdischer Handwerker Deutschlands (Vorsitzender Wilhelm Marcus )hat nunmehr die Einladung zur Gründungsversammlung des Weltverbandes jüdischer Handwerker zum 26. und 27. Mai nach Beuthen (OS.) ergehen lassen. Ter Versammlung wird ein Entwurf der Satzungen des Weltverbandrs jüdischer Handwerker vorliegen, nach dem der neuen Organisation folgende Aufgaben obliegen werden: a) Zusammenfassung aller jüdischen Handwerkerorganis-ationen zum „Weltverband jüdischer Handwerker"; b) Gesamtvertretung der jüdischen Handwerker bei allen jüdischen Organisationen, insbesondere bei jenen, die für die Produktivierung der Juden tätig sind; c) Gesamtvertretung der jüdischen Handwerker bei interkonfessionellen Berufsvereinigungen; d) Schaffung und Ausbau von Krediteinrichtungen und Genossenschaften für jüdische Handwerker sowohl durch Errichtung von Kreditgenossenschaften, als auch durch Zusammenschluß der verschiedenen genossenschaftlichen Kroditeinrichtungen der jüdischen Handwerker zu einer Zentralbank; e) Schaffung einer Einkaufsstelle für Maschinen und Rohmaterial; f) Schaffung von Berufs-Arbeitsgemeinschaften zwecks Austausch der beruflichen Erfahrungen zur Verbesserung der Produktion und Arbeitsmethoden; g) Schaffung einer Beratungsstelle für Wirtschaft und Technik im Handwerk; h) Studium der Wirtschaftslage der verschiedenen Berufe zwecks Zuführung der jüdischen Jugend zu jenen Berufen, die handwerklich noch als aussichtsreich angesehen werden; i) Förderung der Lehrlingsausbildung; t) Veranstaltung, von Tagungen der jüdischen Handwerker zwecks Austausch von Meinungen und Erfahrungen, sowie zwecks Anbahnung freundschaftlicher Beziehungen zwischen den Handwerkern der verschiedenen Länder. Genehmigung der Positionen für die jüdischen Gemeinden im Preußischen Landtag. Ter Preußische Landtag hat am 16. Mai den Etat des preußischen Kultusministeriums angenommen. Ter Etat schließt die folgenden Positionen ein: „Beihilfen an leistungsschwache Synagogengemeinden behufs Erfüllung ihrer Verpflichtung zur Sorge für den Religionsunterricht 400 000 Mark. Widerrufliche Bedürfniszuschüsse an Synagogengemeinden zur Besoldung ihrer Rabbiner und zur Versorgung ihrer Ruhestandsrabbiner und der Hinterbliebenen ihrer Rabbiner 200000 Mark." Jubelfeier der Liegniher Synagoge Am 23. Mai feiert die Gemeinde in Licgnitz den fünfzigsten Gedenktag der Einweihung ihrer „restaurierten" Synagoge — ein Tag dankbarer Rückschau auf eine Zeit schönen Aufstieges. Tic Licgnitzcr Gemeinde ist verhältnismäßig jung. Bis hinein ins 19. Jahrhundert durfte kein Jude in Liegnitz wohnen; außer in Breslau halten die Juden Schlesiens nur in Großglogau und in Zülz Nicderlassungsrccht. Tas Toleranzedikt vom ll. März 1912 gewährte ihnen Freizügigkeit und somit auch Asylrecht in der schönen Piastcnstadt an der Katzbach. Eine Menge fleißiger Geschäftsleute und .Handwerker jüdischen Glaubens siedelte sich in Liegnitz an, die alsbald eine Gemeinde gründeten. In den ersten drei Jahrzehnten genügte ihr eine Betstube in der Rittcrstraße, bis sie am 16. Juni 1847 einen eigenen Tempel cinweihen konnte. Rabbiner Dr. M i ch a e l Sach s vollzog diesen feierlichen Akt, welchen musikalische Borträge der Kapelle des berühmten Konzertmeisters Benjamin B i l s e „umrahmten". Am 13. Januar 1855 trat Rabbiner Dr. Moritz L a n d s b c r g sein Amt an. Nachdem bereits 1837 eine Chevra Kadischa ins Leben getreten war, folgte bald ein Frauenverein; Landsberg sorgte aber auch für ein Gemeindehaus, das neben der Religionsschule auch eine Gemcindebibliothck aufnahm. Wenige Gemeinden Deutschlands dürfen sich eines so herzlichen Verhältnisses zu ihren christlichen Mitbürgern rühmen, wie es in Licgnitz der Fall — war. Jüdische .Herren saßen im Magistrat und in der Stadtverordnetenversammlung; zwei von ihnen (Heinrich Cohn und Stadtrat Prager) zeichnete die Stadt durch Verleihung des Ehrenbürgerrechtcs aus. heut hat der „Bürgerblock" — anstandshalber — nur noch einen Inden in das Stadtverordnetenkollcgium hincingewählt, »veil er dieser Körperschaft bereits seit drei Jahrzehnt angehört. Bis zur Jahrhundertwende war in Liegnitz der Familicnvcrke' ohne Unterschied des Glaubens eine Selbstverständlichkeit. Bei jüdisch,... Trauungen waren die den Brautleuten befreundeten Töchter und Söhne der alteingesessenen Patriziersamilicn als Gäste im Tempel. Der jüdische Religionsunterricht tvar bis Oberprima obligatorisch. Als im Jahre 1893 anläßlich einer Reichstagsersatzlvaht der deutschsoziale Rechtsanwalt hertmig kandidierte, und es '.zur Stichwahl zwischen diesem und dem Liberalen kam, erließen die angesehensten konservativen Männer der Stadt (Professoren, Aerzte, Pastoren, der Scminardirektor usw.) einen Ausruf an ihre Gcsinnungsgen-ossen, sic möchten sich der Stimme enthalten, um nicht dem Antisemiten zum Siege zu verhelfen. Inzwischen hatte die Gemeinde an Seelcnzahl so zugenommen, daß der Tempel zu klein wurde. Deshalb mußte er umgebaut und bedeutend criveitert werden. Inzwischen hatte aber auch der liberale Gedanke in der Gemeinde Wurzel geschlagen. Demgemäß wurde der Wunsch nach einer Orgel tvach. Aber obwohl die Gemeinde und ihre Körperschaften sich für eine solche Erhöhung der gottesdienstlichen Weihe entschieden, scheiterte deren Einbau in den neuen Tempel am Widerspruch des konservativ gerichteten Rabbiners, und da dieser wahrhafte Seelenhirt sich in und außerhalb der Gemeinde einer beispiellosen Verehrung erfreute, wollte man ihn durch Zurviderhandeln gegen sein Verbot nicht kränken — aber der Vorstand leitete eine Geldsammlung zu ihrem Bau ein! Lehnte Dr. Landsbcrg auch die Orgel ab, so stimmte er doch der Verlegung des Almemors in den Altarraum zu; an der Brüstung wird die Thora von einem Tischchen aus — der Gemeinde zugewendct! — vorgelescn (einjähriger Zyklus). Die Einweihung der Synagoge erfolgte im Beisein der staatlichen und städtischen Behörden. Dr. Landsbcrg predigte, Kantor Hamburger trug — mit Unterstützung eines Männerchors — unter Instrumentalbegleitung die Gesänge vor; für einen von ihm komponierten Festchoral und einen Adann Aulom sprach ihm nach der Feier der Regierungspräsident von Seydewitz seine besondere Anerkennung aus. Mit dem hinschciden des allverehrtcn Rabbiners (26. Tezemln 1882) waren die Hindernisse beseitigt, die der Einführung ei,' ,• Orgel — und dem Wegfall der Piutim — entgegcnstanden. S>' Nachfolger, Dr. Moritz Peritz, der am 1. Februar 1887 m sein Amt als Rabbiner cingesührt wurde, stimmte dieser Verschönerung bezw. Vereinfachung zu; als Absolvent des Breslauer Seminars war er ja an keinerlei Verbot der Wirksamkeit an einer Orgelsynagoge gebunden. Seither erfreut sich der Gottesdienst im Licgnitzcr Tempel allscitigcr Beliebtheit. Tie seit wenigen Wochen in den Gemeindekörperschaftcn wirksame liberale Mehrheit wird voraussichtlich recht bald zu einer Festlegung des Gottesdienstes am Freitagabend auf eine bestimmte Stunde - nach Geschäftsschluß — und zum dreijährigen Zyklus kommen. Auch werden die Psalmen am Sabbatbeginn wohl aus den Psalm 95 beschränkt werden. Obwohl die Gemeinde in der Nachkriegszeit aus den abgctrennten Gebieten Zuzug erhalten hat, ivirkt sich doch auch in Liegnitz der Geburtenausfall aus. Beim Schewnausgottcsdienst 1928 schritt in der ersten Bankreihe, wo einst die frömmsten und angesehensten Gemeindemitglieder saßen, ein kleiner Junge von Platz zu Platz und betastete die Porzellanschilder. Auch viele der heutigen Wohlhabenden blieben den Fcstgottcsdiensten fern — sollte der erschwerte Wirtschastskampf die Sehnsucht nach diesem schönen Heiligtume Gottes abgestumpft haben —? Liegnitz war immer eine Gemeinde, in der ein starker Wille zum Judentum lebte — Ueber- und Austritte gehören zu den größten Seltenheiten — und bis um 1897 wäre es als eine Schande angesehen worden, hätte ein Gemeindemitglied seine Geschäftsräume an den hohen Feiertagen offen gehalten! Seit 45 Jahren waltet der treue Rabbiner seines Amtes, trotz seiner vorgerückten Jahre in bewundernswerter Frische und dabei dem Fortschritt, der Vertiefung und Verinnerlichung unseres Glaub freudig zugeneigt. Entsprechend dem Gebet, das Dr. Peritz an . Feiertagen spricht, stellt die Lirgnitzer Gemeinde „durch ihre Z- und durch ihre Leistungen ein edles und wertvolles Glied der gro, Gesamtheit" dar, Eugen Wölbe.

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