Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 21 (24.5.1929)
- Date
- 1929-05-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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treten werden, aber wenn die Mauern gar zu hoch sich erheben, dann kann die Sonne nicht hineinstrahlen und der dumpfe und lichtlose Garten geht zu Grunde: ist dann der schuld, der den Rat erteilt: Errichtet einen Zäun um den Garten? Nein, der verschuldet das Nebel, der den verständigen Rat unverständig ausgeführt hat. Selbst die alten Lehrer des^Talmud, die doch selbst so vrel dazu getan haben, um die Last des Gesetzes zu mehren, haben nicht in den Gnzelheiten der religiösen Uebung, die Religion gefunden, sondern zu dem Kapitel an der Spitze des dieswHchentlichen Schriftabschnittes (R'e) lesen »vir die Bewertung des Talmud: „Wer zum Götzendienst sich bekennt, der hat die ganze Thora geleugnet, wer aber die Götzen leugnet, der hat sich zur ganzen Thora bekannt." So'hat selbst der Talmud den nur nebensächlichen Wert der Satzung erkannt, die wesentlich auf ihm beruht. Wie viele aber selbst in unserer Zeit sind tatmudischer als der Talmud und wenden die ehrwürdigste Bezeichnung: „Gotteswort" auf Satzungen an, die ihren menschlichen und vergänglichen Charakter deutlich, man möchte sagen unverkennbar, an der Stirne tragen. Ter Prophet Hesekiel tadelt einmal die Priester und Propheten in den heftigsten Ausdrücken und macht sie vor allem verantwortlich für das Unheil, das über die Juden hereinbrach; an dieser Stelle klagt er, daß sie die Thora vergewaltigen, daß sie zwischen Heiligem und Unheiligem nicht nicht unterscheiden, daß die Propheten Trug übertünchett, „sie sagen: so spricht der ewige Gott und Gott hat garnichit geredet". Gibt es etwas Heiligeres als Gotteswort und gibt es darum etwas Heilloseres als ein Menschenwort ein göttliches zu nennen?" * * „Aber wenn Gott das schlimmste verhütet, so sollen wir, soweit wir es vermögen, dafür sorgen, daß auch das Schlimme nicht eintritt, daß der Feindschaft gegen uns die Waffen entwurden werden. Tie Aufgabe ist nicht leicht; »vir sollen zusammengchen mit den Lanöesgenossen und doch auch nicht aufgeben und doch nicht verschwinden in dieser Gemeinschaft; gesellig und bürgerlich sollen wir uns nicht sondern und dennoch unsere religiöse Sonderung wahrer:. Nicht alles, was Nicht-Juden tun, ist darum unjüdisch; nichtjüdisch mag es sein, aber wenn es gut ist, so soll es jüdßsch werden. Tie Religion ist eine Herrscherin in unserem Leben, aber sie ist nicht 'Alleinherrscherin und selbst das Machtgebiet, das das Judentum für sich in Anspruch nimmt, gehört ihm nicht ausschließlich; viele Gebiete sind den religiösen Bekenntnissen aller zivilisierten Nationen gemeinsam. Ter Talmud selbst will keineswegs alles Fremde von Israel sernhalten; ein weiser Lehrer sagt: „Eininckl tadelt der Prophet Hesekiel an seinen Zeitgenossen, daß sie die Sitte der Nachbarvölker einführen, und ein anderes Mal ivirft er ihnen vor, daß sie diese Sitten nicht nachahmen. Wie ist das zu erklären? Und der Talmudtehrer löst den Widerspruch wie folgt: Tie Zeitgenossen des Propheten ahmten nur das Schlechte und die Schlechten nach, das Gute und die Guten ahmten sie nicht nach. Tiejenigen unter uns, die jeden Vorschlag zur Hebung des religiösen Lebens nur deswegen ableynen, weil er sich an fremde Vorbilder anlehnt, sind jedenfalls frömmer als der Talmud, als R. Josua, der nichts dagegen einzuwrnden hat, daß wir von Fremden das Gute lernen. Weise ist, der von jedem lernt; der kundige Gärtner sieht es als eilten Triumph seiner Kunst an, wenn er eine Pflanze des Südens in den nordischen Boden setzt und sie dort sich gedeihlich entfaltet; wie armselig wären unsere Aecker und Gärten, wenn dort nur Anpflanzungen wüchsen, die von feher dort angebaut worden sind; und in unseren Geist und in unser Herz und in unsere Religion sollten wir nicht alles Gute und Schöne aufnehmen, wenn es unserem Boden gemäß ist? Nicht abschlleßen, sondern anschließen ist unsere Losung." „Vier Aussprüche, so lesen wir im Talmud, vier Aussprüche hat Mose verkündet, da kamen vier Propheten und haben sie aufgehoben. Bevor wir noch auf diese Aussprüche im Einzelnen eingehen, — schon dieser allgemeine Gedanke, daß spätere Propheten aufheben können, was ein Mose verkündet, verdient ob seiner Kühnheit unsere volle Aufmerksamkeit. Welch einen Lärm würden wohl unsere Glaubenswächter, deren Blick stets auf die Vergangenheit gerichtet ist und die der Gegenwart den Rücken kehren, erheben, wenn irgend ein moderner religiöser, Denker die Meinung ausspräche, daß die religiöse Erkenntnis, die Ansicht über die Aufgaben und das Schicksal Israels, des Gottesvolkes, in manchem Punkte über Mose hinansschreiten könnte. Verrat am Heiligsten wäre wohl das mindeste, dessen man ihn bezichtigen möchte. Nun aber sagt es kein Moderner, sondern R. Joseh bar Chanina und es steht geschrieben im Talmud, im Traktate Makkoth. Es wäre auch gar zu seltsam, wenn, da doch alle Erkenntnis sortschreitet, gerade,die Religion stehen bliebe, da sie doch vielmehr dazu berufen ist, dem Strome gleich, alle die geistigen Nebenfluten, die auf den verschiedensten Gebieten entsprungen und wachsen, in sich aufzunehmen und zu sammeln und sonach um so mächtiger zu werden, je mehr die Geistesarbeit überhaupt zunimmt und leistet. Glauben wir nimmermehr denen, die Feindschaft setzen zwischen dem freien Geist und der Religion. Es ist dre Schlange, welche die Erkenntnis den Tod des Glaubens schilt. Soll sich darum die Vergangenheit loslösen oder gar losreißen von der Vergangenheit, aus der sie emporgewachsen ist? Wir stehen auf dem Boden des mosaischen Judentums, wenn wir auch unfern Sinn der Lehre der Geschichte nicht verschließen, daß die spätere Zeit uns in vielem über Moses hinausgeführt, in vielem freilich auch hinter Mose zurückgedrängt hat." „Wir wollen die Vorzeit nicht verleugnen, wir dürfen stolz sein auf unsere Ahnen, aus unser Geschlecht von Duldern, denn: die Thora alles war. Fern ist es mir, einew Vorwurf gegen die Alten anszusprechen, die sich in die neue Zeit nicht finden wollen, nicht finden können. Als einst im alten Rom ein Greis angeklagt wurde, begann er seine Verteidigung mit den Worten: Man könne sich vor niemand vertetdigen, als vor denen, mit welchen man gelebt habe. Aber trotz Mckem, was soll au£jbent Judentum werden, wenn wir nur den Alten zu Willen sind, und aus die Jugend keine Rücksicht nehmen? Wir wollen, daß dre kommenden Geschlechter einziehen in das Land der Verheißung, daß Israel knospe und blühe, daß der . ganze-Erdball voll werde seiner Frucht; aber dieses Zukunftsbild kann sich nur verwirklichen, Versammlungskalender Breslau. Jli „Abraham Geiger". Mittwoch, den 29. Mai, 29.15 Uhr: Gemütliches Beisammensein im Kurgarten, Kürasfierstraße; (Erich Vulkan berichtet Über „Abwehrarbeit im sächsischen Wahlkampf"). — Sonntag, den 2. Juni: Treff-Fahrt und kleine Tagung der Breslauer und Rattbvrer Jlis in Oppeln. Treffpunkt: pünktlich 7.39 Uhr am Saupleingang des Hauptbahnhofs, Sonnlagsfahrkarte 3. Klaffe bis Oppeln. Dortmund. Mittwoch, den 29. Mai, findet im Gemeindehaus, abends 8.39 Uhr, der letzte Diskussionsabend statt. Konrektor M. Andorn, leitet denselben ein mit einem Referat über: „Schule und Haus". Frankfurt a. M. Jüdisch-liberale Jugendgemeinfchaft. Samstag, den 25. Mai 1929, 17 Uhr, „Faust", Dr. Hvffmann, Untermainanlage 7. Nächster Heimabend Dienstag, den 28. Mai 1929, 29.45 Ahr: „Religiöser Liberalismus", Sitzungszimmer der Westendsynagoge. Liberale Synagoge Norden, Schöuhanfer Allee 192. Jede« Freitagabend liberaler Gottesdienst mit Chor und Predigt, vegi«« 19.15 Uhr pünktlich. Freitag, den 24. Mai, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Vogelstein. Sonnabend, den 25. Mai, vormittags 19 Ahr, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Salomvnfki. Freitag, de» 31. Mai, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Blumenthal. Sonnabend, den 1. Juni, vormittags 19 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Salomvnfki. Berltn-Westend. verein Liberale Synagoge Westend, Leistikowstraße 7-8 (Schulaula», nahe Reichrkanzlerplatz. Jede« Freitagabend liberaler Gottesdienst mit Chor «ab Predigt. Beginn 19.15 Uhr pünktlich. Freitag, den 24. Mai, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Cäsar Seligmann, Frankfurt a. M. Freitag, den 31. Mai, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Klein. Berlin-Wilmersdorf. Liberal« Synagoge Wilmersdorf (in der Aula der Cäeilienfchule, Rikolsburger Platz»: Jede« Freitagabend liberaler Gottesdienst mit Chor und Predigt. Beginn 19.15 Uhr pünktlich. Freitag, den 24. Mal, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Wiener. Freitag, den 31. Mai, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Salomvnfki. wenn wir es einprägen den Gemütern unserer Jünglinge und Jungfrauen. Dürfen wir zaudern, die alte, unabänderliche, religiöse Wahrheit in ein Gewand zu kleiden, durch welches sie der modernen jüdischen und ntchtjüdischen Welt gefälliger und angenehmer erscheint? Unsere Alten sagen: Daheim gilt der Name, draußen das Kleid. Das gilt auch von der Religion. Es ist wichtig, für das Urteil der Welt, für die Empfänglichkeit unserer Jugend, in welchem Kleide sich die Religion zeigt, in welchen Formen sie ihnen entgegentritt. Soll und kann denn von der alten Wahrheit ein Deut geopfert werden? Nimmermehr! Mer wi-e der beste Mann auffällt und vielleicht sogar mißfällt, wenn er im altmodischen Gewände einherschreitet, so soll auch die alte, in ihrem Kern ewige und unabänderliche Religion das Kleid der Zeit tragen, damit sie von der Jugend, die am Altertümlichen Anstoß nimmt, willig und freudig ausgenommen werde. Rabbi Meir sagt: Es gibt ein neues Faß voll alten Weines, und ein altes Faß, das nicht einmal neuen Wein enthält. Wahrlich, es gibt keine bittere Ironie für manches starre Festhalten an alten Formen, als dies Talmudwort: Ein altes Faß, das nichts oder gar verkommenen Trunk enthält. Und es gibt keine würdigere Empfehlung für manche neue, für das Heranwachsende Geschlecht bestimmte Einrichtung als das Gleichnis Rabbi Meirs: Ein neues Faß voll alten Weines. Wir lesen in der heiligen Schrift, wie Gott über die Israeliten, die eben aus Aegypten gezogen waren und zu feig sich zeigten, um den Kampf mit den Kanaanitern auszunehmen und das Land der Verheißung zu gewinnen, das Strafurteil fällt: in dieser Wüste sollt ihr sterben. Mer an dies harte Strafwort schließt sich sogleich das erbauliche Trosteswort: Eure Kinder, die bringe ich dorthin, ihnen soll das herrliche Land zu eigen werden. Wieviele Eltern ertragen es willig, ja fast freudig, in der Wüste zu leben und zu sterben, wenn sie die Zuversicht hegen, daß ihre Kinder einziehen werden in das Land, der Verheißung." Allerlei Selksamkeiken Von Joseph Kauffmann, Weißensee. Die nachfolgende Zusammenstellung wird auch denjenigen Lesern unserer Zeitung interessant sein, die nicht in allen Punkten dem Verfasser zuzustimmen vermögen. Wir behalten uns vor, abweichende Ansichten in unserm Blatte demnächst zum Abdruck zu bringen. Die Redaktion. Ter Vater eines meiner Schulfreunde war Stadt-Baumeister. Er fragte mich einst, weshalb wir Juden für unsere Synagogen den maurisch-orientalischen Stil bevorzugen. Er könne wohl verstehen, daß die Nachkommen der spanischen Juden an einer alten, überlieferten Gewohnheit hingen, sähe aber keinen Grund für solche Vorliebe bei den deutschen Juden. Ich konnte ihm keine Antwort gebm, aber die Frage gab mir zu denken. Als ich nach der Schulzeit Gelegenheit hatte, in der Welt herumzufahren, reiste die Frage mit mir. In fast allen größeren deutschen jüdischen Gemeinden fand ich die neueren Synagogen in einer mehr oder weniger mit maurischer Architektur vermischten Stilart erbaut, ich konnte eine treffende Erklärung für diese Eigenart nicht erlangen. Wir deutschen Judm haben doch niemals unter maurischer Herrschaft nick unter dem Einfluß maurischer Kunst aelwt. Auch unsere Vorfahren in Palästina und Babylonien standen unter yauz anderen Eindrücken. Was konnte unseren jüdischen Architekten und Gemeindeverwaltungen zu solcher seltsamen Bauweise bewegen? Wäre es' nicht richtiger gewesen, einen deutschen oder wenigstens einen westeuropäischen STOIiWERC*-{ iDoh Ifcfi mvcke nd i 7i ahrhuft. Stil zu wählen? Natürlich konnten die Kirchenbauten nicht als Vorbild dienen — aber warum gerade die Moschee? Durch diese Seltsamkeit wurde auch mein Blick für andere jüdische Seltsamkeiten geschärft, je mehr ich beobachtete, desto mehr fand ich. Aber diese anderen Seltsamkeiten haben immerhin Beziehungen zu unserer Vergangenheit, sie beruhen auf Ueberlieserungen, teils mehrhündertjährigen, teils sehr alten, mehr als tausendjährigen. Sie sind stehen gebliebene Schildwachen aus der Vergangenheit. Wir haben seltsame Ansichten über den Gottesdienst von unseren Vorfahren übernommen. Unendliche Anhäufung von Gebeten, ständige Wiederholungen eines und desselben Gedankens, und häufige Wiederholungen gleicher Gebete füllen den Gottesdienst. Zu diesem ist nur der Mann voll berechtigt, die Frau aber ist nur zum Zuhören geduldet. Auch die katholische Kirche nimmt seit altersher solchm Standpunkt ein. Aber sie hat wenigstens das Orientalisch-Sexuelle abgeworfen, den Haremsgedanken, bei uns ist er leider noch vorherrschend. Recht veraltet sind auch die Mizwot und Aliot, das Aufrufen, Ladeöffnen, Thora ausheben und Wickeln, die als Ehrenämter gelten und für Geld zu haben sind. In vielen Synagogen hat man neben der Ehre noch das Recht, sich öffentlich eine besondere Empfehlung an den lieben Gott erteilen zu lassen; dieser Mischeberach wird wieder von einer Geldspende begleitet. In manchen kleineren Gemeinden ist es Sitte, am Nachmittag des achten Tages des Hüttenfestes eine reguläre Auktion der hauptsächlichsten Synagogenämter zu veranstalten. Da erwirbt ein Meistbietender das Recht, während des kommenden Synagogenjahres den Kidduschwein liefen: zu dürfen, ein anderer, für die Beleuchtung tzu sorgen. Tann kommen die Ehrenrechte am Simchat Tora an die Reihe. Am gesuchtesten ist der Chosson bereschit, der nach der Ueberlieferung einem der Würdigsten und Gelehrtesten gebührt. Ta aber die Würdigsten und Gelehrtesten selten das dickste Portemonnaie haben, so kommt in der Regel der größte „Kowedjäger" zu der Ehre. Ein seltsamer Umstand .(ich hätte beinahe gesagt Unfug). Sehr viel ließe sich über den Gottesdienst sagen, aber darüber ist schon so viel geschrieben, daß Wiederholungen langweilig sein würden. Es sollte ja auch nur von Seltsamkeiten die Rede sein. Seltsam ist das Hereinführen der Trauernden in die Synagoge nach dem letzten Verse des Lecho dodi und die feierliche Ansprache an dieselben. Wer das wohl seit der Aufnahme des Lecho dodi, die vor etwa 300 Jahren erfolgte, ansgeheckt hat? Weil der letzte Vers mit „Komme in Frieden" beginnt, ist diese schöne Sitte eingeführt. Man begrüßt damit den Sabbat, aber herein tritt ein Leidtragender. An Wochentagen schlägt man sich bei dem sechsten Segensspruch der Tefilla mit der Faust einige Male kräfttg aus die Brust, weil man um Sündenvergebung bittet. Diese seltsame, wahrscheinlich orientalische Sitte ist auch zu einer Gepflogenheit der deutschen Sprache geworden. In der Bibel steht einige Male „Ziehe die Schuhe von deinen Füßen, denn der Ort, auf dem du stehst, ist heilig". (Moses, Josua.) Der Moslem betritt die Moschee nur barfuß. Der Jude zieht am Jom Kippur und 9. M auch die Stiefel aus, aber er zieht Filzschuhe an, da er sich sonst erkälten könnte. Die Rabbiner haben erllärt, „ohne Ledersohle kein Schuh". Am siebenten Tage des Hüttenfestes schlägt man seine Sünden symbolisch durch Weidenzweiae ab, am Rosch Haschonoh wirft man sie in fließendes Wasser in Form von Brotkrumen, und am Vortage des Jom Kippur schwenkt man einen lebendigen Hahn um den Kopf und ruft: „Dieser Hahn wird zum Tode gehen, ich möge aber zum Leben bestimmt sein." Nachher wird der Hahn geschlachtet nnb aufgegessen. Wie dumm muß man in der Zeit gewesen sein, als solche Sitte Eingang finden konnte! Wie dummgläubig waren aber auch die nachfolgenden Geschlechter. Im Altertum war es Sitte, die Verstorbenen drei Tage in einer Felsnische aufzubewahren und öfters nachzusehen, ob sie nicht vielleicht scheintot seien. Erst nach drei Tagen wurden sie begraben. In Polen entstand die Sitte, die Beerdigung am Todestage, spätestens am folgenden Tage vorzunehmen. Durch polnische Rabbiner kam die Sitte nach Deutschland. Schon Moses Mendelssohn hat sich in einem Gutachten energisch, dagegen ausgesprochen. Und heute blüht sie wieder! Ein polizeilich abgestempeltes ärztliches Attest genügt, um eine sofortige Beisetzung herbeizuführen. Irren ist menschlich, ein Arzt kann sich vielleicht auch einmal irren. An manchen Tagen des Jahres sollen keine Leichenreden gehalten werden, aber sie werden doch gehalten, der Redner beginnt mit der Erklärung, daß eine Trauerrede nicht statthaft sei — und dann hält er sie doch. Auch unsere Trauervorschriften beruhen auf orientalischem Gebräuchen. Kann man überhaupt Trauergebräuche vorschreiben? In gewissen Fällen ja. Als die Trauersitten durch außerordentlichen Aufwand und Pomp zu einem Unfug und einer wirtschaftlichen Gefahr geworden waren, gab Rabban Gamliel II. durch seine testamentarischen Anordnungen für seine Beisetzung das Beispiel und dadurch die allgemeine Anordnung für die Einfachheit der Beerdigung, die jetzt noch im Großen und Ganzen gültig ist. Von ihm stammt die jetzt noch übliche Leichenkleidung und der.schmucklose Sarg. Es gibt aber auch Trauersitten, die in einer bestimmten Zeit und Umgebung entstanden sind und uns heute seltsam oder auch unangebracht erscheinen müssen. So war es schon in frühbiblischen Zeiten Sitte, bei einer Trauernachricht seine Kleider zu zerreißen und sich auf die Erde zu setzen. Heute machen wir noch einen Riß in das Oberkleid und setzen uns auf eine Fußbank oder einen Kmderstuhl. Sieben Tage sollen wir Schiwoh sitzen, den Bart nicht abnehmen, nicht baden und die Wäsche nicht wechseln. Wer's mag, der mag's, und wer es nicht mag, mag's ja wohl nicht mögen. Uebertriebene Trauer zügeln zu suchen, ist gewiß