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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-08-24 · 34 (24.8.1928) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
34 (24.8.1928)
Date
1928-08-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Nach der Konferenz „ Von Rechtsanwalt Heinrich Ster tt. e Unmittelbar nach Schluß dieser aufrüttelnden und den a ganzen Menschen in Anspruch nehmenden Tagung läßt sich t naturgemäß noch kein nüchternes und klares Urteil fällen, j Nur aus dem inneren Gefühl heraus dürfen wir wohl 2 sagen, daß es ein Erlebnis war. s Wir wollen hier nichts über den imponierenden äußeren Verlauf der Tagung sagen, über den wunderbaren Anblick J des gefüllten Herrenhaussaales mit festlich gekleideten und festlich gestimmten Menschen aus allen Teilen der Erde, auch c nichts über die Organisation, die von Anfang bis zu Ende i nach einmütigem Urteil Vorzügliches leistete, und für die s unserem Freunde Herrn Goetz und seinen Helferinnen im i Büro der liberalen Vereinigung auch an dieser Stelle noch - einmal der schon vom Präsidenten ausgesprochene Dank wieder--? holt werden muß. Es sind Dinge, die zum Verlauf der Tagung wesentlich beigetragen haben, aber es sind doch nur äußerliche Dinge. j Und das Ergebnis? Es mögen wohl manche gewesen , sein, die geglaubt haben, etwas schwarz auf weiß nach Hause c zu bringen und daraus ihren Trost zu schöpfen. Diese > werden enttäuscht sein. Es handelte sich nicht um ein ökm- - menisches Konzil, das weithingehende Botschaften mit bin- 4 dender Wirkung .auszusprechen hatte. Diese Versammlung j hatte zwei Aufgaben: Erstens zu beweisen, daß Liberalismus! eine Bewegung und nicht eine absterbende Theorie ist. Dieser i Beweis ist geführt denen, die abseits und gegnerisch, und denen, ] die hinter uns stehen. Aus der Verschiedenartigkeit der Auf-- < fassungen, aus der oft scharf aufeinanderplatzenden Gegensätzlichleit der Meinungen, werden sie die Gewißheit mit fsich genommen haben, daß hier Gärung nach Klärung verlangt. Diese Klärung werden die wahrhaft Ringenden in sich seM zu finden versuchen, die Führer werden sie in engem Kreise durch stille Arbeit weiter vorbereiten und der nächsten Welt- Versammlung überlassen müssen; denn die Arbeit fängt erst an. Damit sind wir schon beim zweiten, was die Versammlung gebracht hat, das ist die Anregung für jü>en Einzelnen, die Anregung, die nicht nur aus der übereinstimmenden, sondern die gerade aus der gegnerischen Ansicht sich am ^ehesten ergibt. Diese Anregung wird zum Ansporn werden, denn aus der Reibung der Geister, wie ich in meinem Schlußwort sagte, entsteht der Funken. Die Demonstration nach außen, die Aufrüttelung nach innen ist dazu bestimmt, den Gemeinschaftsgedanken unserer liberalen Juden zu festigen. Diese Aufgabe ist erfüllt. Sie ist am stärksten erfüllt in der Berührung mit beu verschiede^ fachen Freunden aus Ost und West. In dieser Berührung, im AuMck zu der ehrwürdigen und großartigen Erschernung unseres Führers haben wir uns gekräftigt. Nun heißt es arbeiten und vertiefen. Diese Konferenz hat Unvergeßliches gebracht für jeden Einzelnen. Die Bedeutung für die jüdische Geschichte wird sich erst aus ihren Folgerungen ergeben. Sie war kein Abschluß, sondern ein Beginn. Sie hat in großartiger Weise die Vielfältigkeit der Probleme gezeigt. Sache der Führer wird , es nun sein, für das nächste Mal aus der Vielfältigkeit das Wichtige herauszulcsen, damit die geeinte Arbeit des liberalen Judentums an ihm sich erproben kann. Wir wiederholen den Schlußruf Claude Montefiores: Vorwärts und auswärts! . * * * Bericht Der Zusammentritt der jüdisch-liberalen Weltkonserenz am 18. August hatte die liberalen Synagogen Norden und Wilmersdorf veranlaßt, bereits am Vorabend, also Freitag, 17. August, besondere Festgottesdienste zu veranstalten. Der Gottesdienst in der Liberale« Synagoge Norden war außerordentlich stark besucht; die Bänke waren bis auf den letzten Platz besetzt, und auch in den Gängen war kein freier Raum mehr. Während des Gottesdienstes begrüßte Rabbiner Dr. S a l o m o n s k i die zahlreich erschienenen Konferenz-Teilnehmer. Dann hielt Professor Dr. Julian Morgen st ern aus Cincinnati, der Präsident des Hebrew Union College, nach kurzer deutscher Einleitung in englischer Sprache die Festpredigt, die Herr Professor Friedlaender nachher ins Deutsche übertrug, und in der er Sinn und Notwendigkeit des liberalen Reformprinzips darlegte. —. In der Liberalen Synagoge Wilmersdorf sprach Rabbiner Dr. Gotts ch a l k aus Frankfurt a. M. vor einer zahlreichen Menge, in der man u. a. Lily H. M o n t a g u und andere ausländische Delegierte der liberalen Weltkonferenz bemerkte. Am Sonnabend früh fand dann in der Neuen Synagoge (Oranienburger Straße) der erste offizielle Festgottesdienst statt. Das riesige Gotteshaus war besetzt wie an den höchsten Feiertagen; in den vorderes Reihen, die für die Konferenz-Delegierten reserviert geblieben waren, sah man die führenden Köpfe des jüdischen Liberalismus aller Länder. Oberkantor Leo G o l l a n i n mit seiner herrlichen Stimme und auch der gut geschulte Chor gaben der Andacht eine wahre Festmeihe. ■ Vertreter aus allen Ländern, als erster Claude G. Montefiore, wurden zur Thora gerufen. Die Festpredigt hielt Rabbiner Dr. Caesar Seligmann (Frankfurt a. M.), der in teils historischen, teils psychologischen Gedankengängen die Existenzberechtigung und Zukunftsaufgabe des liberalen Judentums auseinandersetzte, wobei er eine Abgrenzung gegen die übrigen jüdischen Weltanschauungsparteien vornahm und ein feierliches Bekenntnis zu einem rein religiös erichteten Judentum ablegte. Der Gottesdienst hatte iw Bezug auf die Liturgie seine besondere Ausgestaltung erhalten; insbesondere war dem liberalen Charakter der Tagung durch Einfügung der deutschen Keduschah von Lewandowski Rechnung getragen worden. — I Nach dem Festgottesdienst fand der offizielle Empfang durch den Vorstand der Berliner Jüdischen Gemeinde statt, den dieser den Delegierten und Gästen der Konferenz gab. An dem Frühstück, welches im Großen Saal des Hotels „Der Kaiserhof" stattfand, nahmen auch die prominentesten Vertreter der Berliner Judenheit teil. Der Gemeindevorsitzende, Kommerzienrat Gerson Simon, hieß die Gäste aus Fern und Nah willkommen. Ihm dankte namens der World Union for Progressive Judaism, sowie der ihr angeschlossenen deutschen Organisationen Rechtsanwalt Heinrich Stern. Am Nachmittag, wenige Stunden vor der offiziellen Eröffnung, fanden sich dann die Delegierten zu einem intimen Beisammensein hei Frau Rosa Sachs ein. Das behagliche Haus in der Brückenallee, das schon so mancher liberalen Zusammenkunft die Heimstätte gewesen ist,, war erfüllt von Unterhaltungen in den verschiedenen Kultursprachen; die ehrwürdige Wirtin ließ sich nicht nehmen, in liebenswürdigster Weise fast mit jedem einzelnen ihrer zahlreichen Gäste , zu plaudern. Für die geistigen und leiblichen Bedürfnisse war überreichlich gesorgt. Der Gröffnungsabend Um 8 Uhr abends fand dann im Großen Plenarsitzungssaale des ehemaligen Preußischen Herrenhauses die feierliche Exöffnung . der Konferenz statt. Sie stand im Zeichen einer großen Manifestation' für den religiös-liberalen Gedanken und gestaltete sich außerdem zu einer Huldigung der Führer des Liberalismus in der ganzen Welt für den Präsidenten des liberalen WeltverbandeSClaude G. Montefiore, der am 6. Juni ds. Js. 70 Fahre alt geworden ist. Der große Sitzungssaal des Herrenhauses und sämtliche Galerien waren von Delegierten, Gästen und Journalisten überfüllt, es herrschte eine Stimmung der Feierlichkeit und der großen Erwartung. In der festlich gekleideten Menge erblickte man die Delegierten aus allen Ländern, die führenden Persönlichkeiten des liberalen Judentums aus alten Teilen des Deutschen Reiches, Vertreter aller größeren jüdischen Organisationen und Institutionen, sowie als Vertreter der Reichsregierung Legationsrat Graf Franz von T a t t e n b a ch , und ferner den Polizei-Vizepräsidenten von Berlin Dr. Bernhard Weiß. Um 81/2 Uhr betritt die Präsidenten-Estrade die hochragende, ehrwürdige Gestalt von Claude G. Montefiore; ihm folgen Lily H. M o n t a g u , A. Leo Weil- Pittsburgh, Rabbi M a t t u ck - London, Heinrich Stern- Berlin und Rabbi G. H. E n e l o w - New York. Nach einem Gebet von Rabbiner Dr. Blumenthal, Berlin, erhebt sich Claude G. Montefiore, der Präsident des Verbandes. Er begrüßt die erschienenen Vertreter der offiziellen Körperschaften, die Delegierten und Gäste und übergibt sodann das Wort zur Einleitung der Konferenz Herrn R.-A. Heinrich Ster«, der zuerst Englisch, alsdann Deutsch spricht. Er beginnt mit dem hebräischen Spruch: „Seh hajjaum ossoh Adaunoj, nogiloh w'nißm'choh wau. Dies ist der Tag, den Gott gemacht; laßt uns jubeln und glücklich sein an ihm!" Stern gedenkt einleitend der großen Väter des Liberalismus, die fast alle in Berlin zur ewigen Ruhe gebracht worden sind: Israel Jakobsohn, Leopold Zunz, Abraham Geiger, Samuel Holdheim, Chajim Steinthal, Moritz Lazarus, Hermann Cohen, Siegmund Maybaum, Heinemann Vogelstein, Eugen Fuchs, Leo Lilienthal, Bernhard Breslauer, sowie zweier weiterer Namen aus der nichtdeutschen Welt: Jsaac Wise und Israel Abrahams. Gäste aus allen Schichten und allen Berufen, fährt der Redner fort, Gäste aus allen Ländern sind gekommen, Vertreter der Frauen, Vertreter der Jugend sind unter uns. Ihnen allen gilt herzlicher Dank und herzlicher Gruß. Einen aber wolle er vor allen anderen hier noch besonders begrüßen: den siebenundachtzigjährigen Dr. Michael H o l z m a n n , den Veteranen der liberalen Bewegung, der noch ihre ersten Anfänge gesehen und tätig miterleben konnte. Unsere Konferenz wendet sich zunächst an die liberalen Juden. Wir wollen hier über Ziel und Wege unseres Judentums ins Klare kommen. Liberales Judentum ist nichts Fertiges, einfach Gegebenes, sondern ein stetes Ringen und Kämpfen. Zu ringen mit dem Engel, zu kämpfen um die Erkenntnis des Göttlichen, danach ist Israels Name, dies ist unsere Bestimmung. Man hat von uns Liberalen gesagt, daß wir das Recht des Einzelnen über die Gemeinschaft stellen. Dies ist wahr. Aber wir haben doch nie die Verbundenheit mit dem Ganzen vergessen. Wir haben nicht alle eine Meinung. Aber wir fühlen uns doch mit allen unserer Gemeinschaft im tiefsten verbunden. So wird unsere Konferenz nicht allein für den liberalen Juden, sie wird für alle Juden von Bedeutung sein. Ja, noch mehr, sie wendet sich schließlich an alle Menschen überhaupt. Wenn heute die Idee des Völkerfriedens im Zentrum des allgemeinsten Interesses steht, so darf nicht vergessen werden, daß damit alles jüdisches Erbgut neue Belebung erfährt. Und ein Anderes! In einer Zeit gesteigerter Aufmerksamkeit für alles Körperliche und Technische ist es wichtig, für geistiges Leben einzutreten, wichtig, zur Einkehr aufzurufen. So gilt unsere Konferenz der Menschheit als Mahnung, nachzudenken über den Sinn des Lebens und die Pflichten des Menschen. Eine Frau und ein Mann sind es, so meint R.-A. Stern weiter, deren Geist über dieser Versammlung schwebt. Lily H. M o n - tagu ist das Herz, Claude Montefiore das Haupt unseres Verbandes. Mit dieser Bemerkung wendet sich der Redner an Montefiore persönlich und verliest die Ehrenurkunde der aus Anlaß seines 70. Geburtstages erfolgten Ernennung zum Ehrenmitglied der Bereinigung für das liberale Judentum. Oer Grutz der Reichsregierung Hierauf erhält das Wort Legationsrat Graf Franz von Tattenbach und richtet an die Versammlung folgende Ansprache: Herr Präsident, meine sehr geehrten Damen und Herren! Ich habe den ehrenvollen Auftrag erhalten, dem Weltverband für religiös-liberales Judentum anläßlich seiner diesjährigen Tagung in der Reichshauptstadt die Grüße der Reichsregierung und der hier vertretenen preußischen Behörden zu übecbringen. Ihr Verband, der nicht materielle Zwecke verfolgt, sondern im Dienste einer religiösen und ethischen Idee steht, der nicht an die Grenzen eines einzelnen Landes gebunden ist, sondern sich über weite Teile der Erde erstreckt, wie die Anwesenheit zahlreicher angesehenster Vertreter der verschiedensten Nationen beweist, trägt seinerseits, indem er die Angehörigen fremder Länder durch gemeinsame Arbeit auf dem vornehmsten und intimsten Gebiete der menschlichen Betätigung, der Religion, miteinander in persönliche Beziehungen bringt, auch dazu bei, zwischen den Nationen neue Berührungspunkte zu schassen. Er arbeitet hierdurch mit an dem großen Werk, die Menschheit zu versöhnen und ihr den Frieden zu erhalten. (Bravo!) Die Reichsregierung und die preußischen Behörden begrüßen es lebhaft, daß diese Tagung in Berlin stattfindet^ Sie wünschen Ihnen, meine sehr verehrten Damen und Herren, einen ersprießlichen Verlauf Ihrer Beratungen. Dem Herrn Präsidenten danke ich bei dieser Gelegenheit für 4ie freundlichen Begrüßungsworte, die er an mich in meiner Eigenschaft als Vertreter der Reichsregierung gerichtet hat- Im Namen der Vereinigung der liberalen Rabbiner und der liberalen Vereinigung erhebt sich Rabbiner Dr. Seligmairn, Frankfurt a. M. Er wendet sich mit herzlichen Worten an Claude Montefiore und überreicht ihm die Montefiore-Festschrist, eine Sammlung von Aufsätzen als Ehrengabe aus Anlaß der Tagung des Weltverbandes in Berlin. „Sie sind ein Mann der Wissenschaft, der sich hohen Ansehens erfreut. Sie sind der große Philanthrop, dem Besitz sozial-ethische Forderung bedeutet. Uns aber sind Sie vor allem religiöse »Persönlichkeit, einer jener seltenen Zadikim, die als Vorbild für die lange Zeit zu wirken berufen sind." Namens der Jüdischen Gemeinde Berlin, des Preußischen Landesverbandes und der Arbeitsgemeinschaft der jüdischen Landesverbände Deutschlands begrüßt Kammergerichlsrat Wolfs die Versammlung. Er habe die Freude, als Vertreter fast aller deutschen Juden zu sprechen. Im deutschen Judentum seien sehr verschiedene Richtungen lebendig. Aber dies müsse keineswegs notwendig Zwietracht und gegenseitige Feindschaft zur Folge haben. Es sei vielmehr mit höchster Freude zu begrüßen, denn nur dadurch sei Großes geschaffen worden. Ein Mick auf die gegenwärtige Versammlung zeige, wie gerade das liberale Judentum ein Band zu schlingen vermag um das Judentum der ganzen Welt. Tief bewegt erhebt sich nun der Präsident Claude G. Montefiore: Ich glaube, führt er aus, daß ich besser täte, meinen Dank für die schöne Gabe und die allzu freundlichen Worte, die an mich persönlich gerichtet wurden, am Ende in einer kleinen Rede in englischer Sprache auszudrücken. Trotzdem möchte ich einige Worte aus deutsch versuchen. Ich hoffe, daß Sie dabei für mein sehr mangelhaftes Deutsch (Heiterer Widerspruch) und für meine scheußliche englische Aussprache, wahrscheinlich auch für meine schlechte Grammatik Nachsicht haben werden. (Heiterkeit.) Sie wissen, meine verehrten Damen und Herren, daß die armselige englische Sprache keine Grammatik besitzt. Ja, dies ist wahrlich für mich und wohl für uns alle ein herrlicher, ein großer Augenblick! Es ist wirklich ein historisches Ereignis, das, wie ich hoffe, einen entschiedenen Fortschritt in der Entwicklung und Förderung des liberalen Judentums bedeutet. Wir liberalen Juden würden nicht so freudig an dieser Konferenz teilnehmen, wären wir nicht fest überzeugt und versichert, daß unsere Bemühungen um die Stärkung des liberalen Judentums dem Judentum als Ganzem, der Stärkung der jüdischen Religion im allgemeinen von Nutzen sind. Im Dienste Gottes des allgemeinen Vaters wollen wir arbeiten. Im Namen aller meiner Kollegen danke ich Ihnen für die freundlichen Begrüßungs- und Willkommensworte. Es ist für uns eine sehr große Freude, daß diese Tagung unseres Weltverbandes in Deutschland.stattfindet. Deutschland ist ja die Heimat des liberalen ' Judentums. Deutschland ist sein Geburtsort, das Land, wo so viele , seiner größten Männer und Lehrer gelebt haben und noch leben. Ja noch mehr! Deutschland ist das Land, in dem jüdische Wissenschaft und jüdische Gelehrsamkeit stets am fruchtbarsten gewesen sind und noch sind. Amerika, Frankreich, England, — alle drei haben etwas besonderes zur Förderung des liberalen Judentums beigetragen. Es ist sogar möglich, daß wir hier und dort wie z. B. in der Anwendung liberal-jüdischer Lehren und Prinzipien auf den öffentlichen Gottesdienst unseren deutschen Brüdern etwas Wertvolles zu bieten in der Lage sind. (Sehr richtig!) Nichtsdestoweniger müssen wir alle aufrichtig bekennen, daß die Hauptquelle der Wissenschaft und des Fortschritts in Deutschland zu finden ist. Wir sind hier als Brüder und Kollegen/ aber wir sind hier auch als Zöglinge, und wir werden nicht enttäuscht werden. Der Hauptzweck unserer Konferenz aber ist es, die verschiedene Entwicklung des liberalen Judentums in den verschiedenen Ländern näher kennenzulerncn und zu erwägen, ob die Erfahrung des einen Landes für andere Länder nicht nur von Interesse — das versteht sich ja von selbst —, sondern auch von praktischem Wert und Nutzen sein kann. Hier möchte ich eine kleine Zwischenbemerkung machen. Der Inhalt unserer Verhandlungen ist und soll von r.ein religiösem Charakter sein. Daß aber Delegierte aus verschiedenen Ländern in freundschaftlichem und geselligem Verkehr miteinander zusammenkommen, muß wenigstens etwas zur Sache des internationalen Friedens und guten Willens beitragen. '(Bravo!) Ich darf jetzt einige Ausführungen mehr persönlicher Art anschließen. Es ist mehr als 45 Jahre her, daß ich zuerst in diese große Stadt kam. Es ist natürlich — Sie werden das verzeihen —, daß ich vieler gedenken muß, die damals lebten und wirkten, aber heute nicht mehr zu sehen sind. Eini-ge von ihnen waren meine Lehrer, und viele waren und blieben meine Freunde. Ich erinnere mich der Dozenten an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums, besonders an Steinthal, so klein an Körper, so groß an Geist und Gelehrsamkeit. Ich muß auch der damaligen Rabbiner gedenken, Maybaums, des feurigen Redners, vor allem aber des unvergeßlichen Frankel. Mit ihm und mit seiner edlen Gattin war ich auf das intimste befreundet. Ich wage, die Ueberzeugung auszudrücken, daß diese drei Männer — Steinthal, Maybaum, Frankel — unseren Weltverband und seine heutige Tagung mit Freude begrüßt hätten. Damals gab es wirklich Riesen im Lande. Der alte Zunz lebte noch, und ich durfte ihn manchmal besuchen. Er schrieb meinen Namen und seinen Namen in mein Exemplar der ersten Auflage der „Gottesdienstlichen Vorträge". Wenn ich ihn besuchte, so mußte ich jedesmal ein großes Glas alten Tokaier trinken (Heiterkeit), und da mir jeder Wein furchtbar zuwider ist, war das ein nicht sehr angenehmes Zwischenspiel. Dennoch: es war eine hohe Ehre, den alten Zunz zu besuchen. Zu dieser Zeit gab Steinschneider noch Vorlesungen. In späteren Jahren, von Frankel begleitet, besuchte ich ihn jedesmal, wenn ich in Berlin war. Ich bewunderte mit Ehrfurcht den Mut, mit dem er gewisse widerliche, körperliche Leiden ertrug, bewunderte auch seine massive Gelehrsamkeit. Sein einfaches Wesen, sein häufig beißender Sarkasmus werden mir stets in der Erinnerung bleiben. Sie werden mir diese Betrachtungen verzeihen. Denn durch diese Andenken ist Berlin für mich mit einer gewissen Wehmut verbunden. Es ist mir kaum möglich, auszusprechen, wie sonderbar und wunderlich mir beim Anblick dieser großen Versammlung zumute ist, die in Berlin stattfindet, und in der ich als alter Mann heute abend den Ehrenplatz einnehmen muß. Ich habe ihn wirklich nicht verdient. (Widerspruch.) Nichtsdestoweniger erlaube ich mir meine tiefe Genugtuung und meine herzliche Dankbarkeit auszusprechen. Meine Rolle ist weniger die eines Führers als die eines Zöglings. Obgleich weine Freundin hier auf mich schimpfen und schelten wird, obgleich sie gebeten hat, ihren Namen nicht zu nennen, muß ich wenigstens der Wahrheit die Ehre geben, um zu sagen, daß die Existenz unseres Weltverbandes und die jetzige Tagung in erster Linie der Beharrlichkeit und dem eisernen Mut der Begründerin des Weltverbandes zu danken ist. (Bravo!) Eigentlich sollte sie den Vorsitz führen. Da aber aus verschiedenen Gründen die Wahl auf mich gefallen ist, danke ich Ihnen allen aufs Beste. Aber nicht nur Ihnen danke ich. Ich muß Gott danken, daß er mir diesen Tag und diese Stunde zu erleben gestattet hat. Das Wenige, das ich in meinen übrigen Lebensjahren, die ja nicht viele sein können, noch zu leisten vermag, — es soll freudig unserer großen, unserer heiligen Sache gewidmet werden! (Lebhafter Beifall.) Hierauf folgt die Verlesung zahlreicher Begrüßungstelegramme und -briefe aus allen Teilen der Erde. Besondere Beachtung findet das Schreiben der Union of American Hebrew Con - gregations, welches den Weltverband zur nächsten Tagung 1980 nach Amerika einladet und folgenden Wortlaut hat: Die Union der American Hebrew Congregations sendet der zweiten Konferenz der World Union for Progressive Judaism Grüße und die allerbesten Wünsche für Erfolg. Die große Beteiligung amerikanischer Delegierter ist ein Beweis unserer Sympathie für diese ncugeschaffene Vereinigung; wir hoffen zuversichtlich, daß die nächste Konferenz der World Union in den Vereinigten Staaten von Amerika abgehalten wird. Wir laden Sie zu dieser Konferenz nach Amerika ein und versichern Sie, daß wir, in Gemeinschaft mit der Central Conference of American Rabbis, Ihnen ein herzliches Willkommen bereiten werden. Die Gründung der World Union ist keineswegs nur für die liberalen Juden der ganzen Welt von größter Bedeutung; sie beweist, daß verschiedene Staatsangehörigkeit unserem Verständnis und unserer Sympathie für einander nicht im Wege steht. Mit allen Juden haben wir gemeinschaftlich die Pflicht, den jüdischen Gottesbegrifs der Gotlesvaterschast, lvie er sich durch unsere Propheten und Lehrer, durch unsere Geschichte und Literatur offenbart hat, ausrecht zu erhalten. Das Martyrium unserer Väter, die Leiden unserer Brüder sind Zeugnis für die Ideale, die ganz Israel, trotz Meinungsverschiedenheiten im Einzelnen, vereinen. Jedoch, soviel Sympathie wir auch unseren Brüdern, die anderer Auffassung sind, enlgegenbringen mögen, ein viel stärkeres Band vereint die liberalen Juden der Welt, die den Mut haben, zu erklären, daß der Fortbestand der jüdischen Religion auch ohne die Fesseln mittelalterlicher Gebräuche gesichert ist, daß ein Widerspruch zwischen Wissenschaft und jüdischer Religion nicht bestehen kann; sondern daß die Wissenschaft nur die Wunder Gottes bestätigen kann, und daß uns nichts von unseren christlichen Mitbürgern in den einzelnen Ländern scheidet als unsere Religion. Wir stehen auf dem Standpunkt der Gründer der World Union for Progressive Judaism, daß der moderne Mensch eine Religion braucht, lvie sie sich durch die Aufklärung der Jahrhunderte entwickelt hat, und wir sind daher besonders glücklich in dem Gedanken, daß diese Konferenz in dem Lande stattfindet, in dem jüdische Emanzipation und Reform geboren wurden. Wir ehren das Andenken der Denker und Rabbiner in Deutschland, die durch ihre prophetische Eingebung bei loyaler Anhänglichkeit an das Judentum den Weg für den Fortschritt und Entwickelung des liberalen Judentums in Amerika geebnet haben. Für die Union of American Hebrew Congregations. Hochachtungsvoll, gez. L. Vogelstein. (Vorsitzender.) Die Länderberichte Es folgen nunmehr Berichte aus verschiedenen Landern. Als Erster erstattet der Präsident der Central Conference of American Rabbis, Dr. G. H. Enelow, New York, den Bericht über liberales Judentum in Amerika. Er sagte, er wolle der Versuchung widerstehen, sich mit theoretischen und philosophischen Fragen zu befassen. Er widerspricht der mit Beharrlichkeit verbreiteten Behauptung, daß das Resormjudentum in Amerika in den letzten Jahren zurückgegangen sei. Festzustellen ist, daß das Reformjudentum in Amerika vorwärts gegangen ist. Im ganzen Lande vermehren sich die Reformgemeinden, wachsen an Mitgliederzahl und erweitern ihr Arbeitsfeld. Biele neue Tempel werden augenblicklich im ganzen Lande gebaut mit vollkommeneren Einrichtungen als je zuvor, neue Gemeinden entstehen, die Union der American Hebrew Congregations nimmt ständig an Mitgliedern zu. Welches ist denn in Wirklichkeit das Lager oder die Sphäre des Resormjudentums? Ich für meine Person glaube, daß es das ganze Judentum, ganz Israel umfaßt, ich möchte sagen, die ganze Menschheit. Das Reformjudentum, wie es seine besten Interpreten verstan-

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