Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 34 (24.8.1928)
- Date
- 1928-08-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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den haben, ist eine Ideees ist ein Ideal; es bedeutet einen geistlichen-und sittlichen Zweck, nicht bloß eine Organisation. Es tritt nicht ein für irgendeine bestimmte Form, sondern für Re-sorm, Umformung. Das bedeutet ein ewig aktives prophetisches, lebenspendendes, geistschaffendes Prinzip. Es tritt ein für den lebendigen Odem in religiösen Institutionen und religiösen Uebungen. Wo immer wir also in einer jüdischen religiösen Organisation dieses Prinzip der Erneuerung und Verjüngung wirksam werden sehen im Gegensätze zu der Zufriedenheit mit alten Aeußerlichkeiten, da sehen wir das Reformjudentum am Werke, ganz gleich, ob es sich so nennt, ob mau die Stoßkraft seiner Forderung anerkennt oder nicht. So sehen wir, wie in Amerika sich der Einfluß des Resormjudentums auch in anderen Gruppen, die nicht offiziell mit ihm verbrüdert sind, fühlbar macht. Die sogenannte konservative Gruppe, die an Gemeinden und Institutionen ständig zunimmt, formt jetzt ihr eigenes Arbcitsprogramm nach dem Muster des Reformjudentums, und zwar reproduziert sie es praktisch im Einzelnen in ihren verschiedenen Tätigkeiten und Unternehmungen, und auch das orthodoxe Judentum ist von den Idealen und der Energie der Reform nicht unberührt geblieben. Als Holdheim im Jahre 1850 seine Abhandlung über die Bedeutung des Fortschritts in der Religion schrieb, trat er für das Recht des Rabbiners auf weltliche Bildung ein. In jenen Tagen wurde ein solcher Wunsch von vielen als extremer Radikalismus angesehen. In New Pork hat in den letzten zwei Jahren ein streng orthodoxes Rabbinerseminar ein vollständig weltliches College als Teil seines Arbeitsgebietes eingerichtet. Ich weiß nicht, ob dergleichen ohne den Einfluß des Reformjudentums möglich gewesen wäre. Doch wahre Reform, glaube ich, kann sich niemals mit Aeußerlichkeiten zufrieden geben. Die eigentliche Frage ist: machen wir auch innerlich Fortschritte? Auch in dieser Beziehung, glaube ich, stehen wir nicht still, wenn ich auch nicht zu denen gehören möchte, die da sich einbilden, daß alles, was gerade geschieht oder worüber gerade gesprochen wird, notwendigerweise Fortschritt bedeutet. Auch unter uns gibt cs manche Betätigung, die eher geistigen Rückschritt als Fortschritt bedeutet, wenn sie auch gerade zeitweilig sich großer Beliebtheit und Volkstümlichkeit erfreut. Nichtsdestoweniger sind gewisse Erscheinungen vorhanden, die meiner Meinung nach wir mit Recht als Zeichen echten Fortschrittes ansehen dürfen. Erstens ist unsere Laienschast stärker erwacht in Bezug auf die Verantwortlichkeit gegenüber dem Reformjudentum. Denn eine zeitlang schien die Neigung vorhanden, die ganze Last dem Rabbiner auszubürden, trotz der Tatsache, daß ursprünglich das Resormjudentum im weiten Umfange von Laien organisiert wurde, woran uns Israel Jacobsohn erinnert, dessen 100. Todestag wir in diesem Jahre begehen, und trotz der weiteren Tatsache, daß man unter Judentum niemals bloß den Rabbinismus verstand. Daß unsere Laienschaft im Interesse des Reformjudentums jetzt aktiver wird, ist ein Zeichen des Fortschritts. Wir sehen das in dem energischen Wirken der Union der American Hebrew Congregations in den verschiedenen Schwesterschaften und Brüderschaften der Tempel, in unseren Jugendvereinigungen und verschiedenen anderen Organisationen. Noch wichtiger ist, glaube ich, die jüngste Erweiterung der Unterrichtspläne unserer Gemeinden. Der Unterricht findet in allen Gemeinden am Sonntag Vormittag, in manchen Gemeinden auch noch am Sonnabend Vormittag und an einigen Wochentag-Nachmittagen statt. Manche dieser Religionsschulen unterweisen mehr als 1000 Kinder. Rabbiner Dr. Hermann Vogelstein -Breslau erstattete den Bericht über das liberale Judentum in Deutschland. Er führt ungefähr aus: Wir haben als liberale Organisation die 1907 begründete Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland, deren hochverdienter erster Vorsitzender Justizrat Bernhard Breslauer, eine der markantesten Persönlichkeiten im jüdischen Leben Deutschlands, vor wenigen Monaten aus dem Leben geschieden ist. Die Ausgabe dieser Organisation ist eine zweifache, einmal die Ideen des Liberalismus klarzustellen und zu verbreiten, und sodann für ihre praktische Verwirklichung im Leben der Gemeinden wirksam zu sein. Die Vereinigung zählt in 37 Ortsgruppen bezw. Ortsvereinen, die ihr korporativ angeschlossen sind, und in Orten, in denen keine solche Ortsgruppen bestehen, etwa 8000 Mitglieder. Sie gibt als ihr Organ die wöchentlich erscheinende „Jüdisch-liberale Zeitung" heraus. Nicht angeschlossen ist die neuerdings begründete Vereinigung liberaler Juden Hannovers. In den Landesverbänden, ganz besonders in dem größten, dem preußischen, haben die Liberalen die Mehrheit der Abgeordneten, was durchaus der Struktur des deutschen Judentums entspricht. Im Preußischen Landesverband sind sie zu einer liberalen Fraktion zusammengeschlossen und dementsprechend sind der Präsident des Rates wie der Präsident der Landesversammlung den Liberalen entnommen. Neben der Vereinigung für das liberale Judentum bestehen jüdisch-liberale Jugendvereine, die zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammengeschlossen sind. Eine weitere Organisation ganz anderen Charakters ist die 1898 von meinem Vater begründete Vereinigung der liberalen Rabbiner. Führende Mitglieder der Rabbinervereinigung gehören dem Vorstand der Vereinigung für das liberale Judentum an. Die Rabbiner Bereinigung umfaßt als Standesvereinigung alle Rabbiner, die auf religiösliberalem Boden stehen, auch wenn sie selbst in wichtigen Einzelfragen, z. B. in der Stellung zum Zionismus, anders denken als die Vereinigung für das liberale Judentum. Denn Sinn und Zweck der Rabbinervcreinigung ist lediglich der Gedankenaustausch über alle geistigen Fragen des religiösen Liberalismus. So ist es erklärlich, daß die Rabbinervereinigung am 27. März 1927 die Stellung zum Zionismus dem Verantwortungsbewußtsein ihrer Mitglieder anheimgestellt hat, während der Vorstand der Vereinigung für das liberale Judentum am 8. Mai 1927 einmütig unter voller Zustimmung seiner rabbinischen Mitglieder die Religion als Grundlage und Wesen des Judentums nachdrüülichst betont hat und damit allen Anschauungen entgegentritt, die das Judentum national orientiert wissen wollen. Dieser religiös begründete Gegensatz der Vereinigung für das liberale Judentum zum Zionismus tritt in seiner praktischen Auswirkung gegenwärtig dadurch zutage, daß in den gemeindepolitischen Fragen wie in den Landesverbänden die jüdische Volkspartei, die politische Organisation des Zionismus, zurzeit den Liberalen als Gegner gegenübertritt Nach einer tiefgründigen Zeichnung der geistigen Entwicklung des liberalen Judentums in Deutschland schloß der Redner: Wir sind in einer inneren Umbildung begriffen. Wir täuschen uns nicht über die Schwierigkeiten und Gefahren, die den Liberalismus bedrohen. Wir wahren den festen Zusammenhang mit dem Gesamtjudentum, wir treten für die Einheit der Gemeinden ein, wir verwerfen jeden .Gewissenszwang. Aber wir fordern als selbstverständlich auch die Anerkennung und Achtung unserer Ueberzeugung, die Rücksicht auf unsere religiösen Gewissensbedenken. Ueber das liberale Judentum in England berichtet Rabbiner Dr. Israel I. Mattuck-London. Dem schriftlich vorliegenden Bericht entnehmen wir: Die zahlenmäßige Zunahme der liberalen jüdischen Bewegung, -auf die Montefiore in seinem Bericht auf der Londoner Konferenz .im Jahre 1926 hingewiesen hat, ist erhalten geblieben. Sie hat sich auf verschiedene Weise gezeigt. Die Mitgliederzahl der Liberal-jüdischen Synagoge hat beträchtlich zugrnommen; sie ist jetzt die größte jüdische Gemeinde auf den britischen Inseln. Die Liberale Synagoge im Norden .Londons, deren Geistlicher Herr M. L. Perlzweig ist, hat ihr eigenes Gebäude im Jahre 1927 eingeweiht, nachdem sie seit der Gründung .im Jahre 1923 in provisorischen Hallen ihren Gottesdienst abgehalten;hat. Die West Central Abteilung der Jewish Religious Union, die :seit vielen Jahren existiert und unter der Führung von Miß Montagu .gedeiht, ist kürzlich zu einer Gemeinde mit eigener Organisation ge- - worden; Rabbi S. E. Starrels aus Amerika ist ihr Geistlicher .geworden. Im Jahre 1927 hat sich die Jewish Religious Union auch im Süden Londons niedergelassen, und auch in einer der größeren Provinzstädte hat sich jüngst eine Bewegung aufgetan zur Gründung einer liberalen Synagoge. Außerdem steht' die Gemeinde in enger Beziehung zu dem Jewish Settlement in St. George, das für fortschrittliches Judentum eintritt, obwohl es äußerlich mit der Jewish Religious Union nicht verbunden ist; Mr. Basil L> A. Henriques, der Leiter des Settlements, ist eifriger Anhänger des liberalen Judentums. Außerhalb des Gottesdienstes ist unsere Haupttätigkeit die Belehrung. Jede Synagoge hat Unterrichtsklassen für Kinder, die an den Sonntagen zusammenkommen; die Liberale jüdische Synagoge unterrichtet auch brieflich in der jüdischen Geschichte und in der Religion diejenigen Kinder, die die Klassen der Synagoge nicht besuchen können, weil sie in einem Internat sind oder aus irgend einem anderen Grunde behindert sind. Die Klassen der Liberalen jüdischen Synagoge haben jüngst den Versuch mit einem neuen Lehrplan gemacht. Da die ersten Anzeichen auf einen Erfolg deuten, so dürfte es interessant und wertvoll sein, hier einen Auszug zu geben: In den ersten zwei Jahren Erzählungen aus der jüdischen Literatur; Auswendiglernen und Erklären ausgewählter Psalmen und Sprüche; Erklärung hebräischer und anderer Hymnen. Im zweiten und dritten Jahre Lebensbeschreibungen biblischer Gestalten in chronologischer Ordnung; eingehende Beschäftigung mit einigen historischen Büchern der Bibel; Psalmen und Sprüche. Im vierten Jahre Lebensbeschreibungen von Juden aus nachbiblischer Zeit; die Geschichte der Entstehung der Thora und der Bibel; eingehendes Studium der historischen Bücher der Bibel; einige prophetische Bücher. Im fünften Jahre jüdische Geschichte von den frühesten Zeiten bis zum babylonischen Exil; die Bücher der Propheten. Im sechsten Jahre die jüdische Geschichte von der Rückkehr aus Babylonien bis zum Bar Kochba-Aufstande; die Weisheitsliteratur Bibel und Apokryphen. Im siebenten Jahre nachbiblische Geschichte; allgemeiner Ueberblick über die Bibel; Auswahl aus dem Talmud und der mittelalterlichen Poesie. Diejenigen, die kein Hebräisch lernen (hebräisch ist fakultativ), haben entsprechende Stunden in der Geschichte des jüdischen Ritus, das Gebetbuch: jüdische Gemeindeeinrichtungen und zeitgenössische jüdische Geschichte. Die jüdischen Feiertage finden natürlich ihre Stelle in dem Lehrplan jeder Klasse. Auch für die Fortbildung der Erwachsenen wird gesorgt. Dieser Teil unserer Arbeit ist in der Entwicklung. Wenigstens eine Gruppe ist bei jeder unserer Synagogen vorhanden. Die Liberale jüdische Synagoge hat Gruppen zum Studium der jüdischen Religion und Geschichte und eine Klasse zur Ausbildung von Lehrern. Die Jewish Religious Union ist führend bei den Bestrebungen, das Wohlwollen und die Verständigung zwischen Juden und Christen zu fördern. Diese Arbeit besteht in öffentlichen Besprechungen sozialer Themen und kleinerer Versammlungen, wo Juden und Christen ihrer besonderen Stellungnahme zu religiösen und sozialen Fragen Ausdruck verleihen. Die Liberale jüdische Synagoge zählt zu ihken Mitgliedern verschiedene Organisationen mit eigener besonderer Tätigkeit im Gemeindeleben: The Women's Society (Frauenverein), The Alumni Society (Jugendbund), eine Debattiergruppe für Männer und eine für Frauen und ein neu gegründeter Synagogenverein (für soziale, literarische und religiöse Arbeit). Für das liberale Judentum in England bestehen dann noch einige Einzelprobleme, deren wichtigstes in der auf ein Minimum beschränkten häuslichen Erziehung der jüdischen Kinder besteht. In England pflegt man die Kinder in Schulen mit Internaten zu schicken. In vielen Fällen verläßt das Kind das Haus im Alter von 9 oder 10 Jahren und kommt nur zu den Schulferien zurück, bis er oder sie erwachsen ist. Der Ernst dieser Tatsache vom jüdischen Gesichtspunkt bedarf keines Beweises. Die sozialen Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden führen bisweilen zu Heiraten zwischen ihnen. Oft wird ein Nichtjude zum Juden. Ich glaube, daß die Autoritäten des orthodoxen Teiles der Gemeinde die Politik haben, den Uebertritt von Proselyten zu verhindern. Die Liberale jüdische Synagoge verlangt von ihnen, daß sie die Grundlehren des Judentums und die Geschichte der Juden studieren. In vielen Fällen haben Männer und Frauen, die sich dem Judentum unter solchen Umständen angeschlossen haben, sich unserm Glauben als außerordentlich treu erwiesen. Andererseits ist bisweilen das Ergebnis nicht so glücklich. Die Zahl solcher Fälle macht die Frage des Proselytentums zu einem wirklichen Problem für uns. Allen diesen mannigfaltigen Problemen sucht die Liberale Synagoge London gerecht zu werden. Die liberalen Juden Londons sehen in ihr den Mittelpunkt jüdischen Lebens. Die Tradition gibt ihnen den Halt. Der Fortschritt gibt ihm Leben. Die Synagoge muß in beständiger Berührung stehen mit fortschrittlichem Denken. Wenn es uns gelingt, uns den Glauben an den Fortschritt zu bewahren und, wenn wir durch unsere Erziehung den Juden jüdische Führer, fortschrittliche Männer zu geben vermögen, so wird es uns meiner Ueberzeugung nach auch gelingen, unserer allen Religion neues und frisches Segen spendendes Leben einzuflößen. Den Bericht über das liberale Judentum in Frankreich erstattete Rabbin Loützs-Germain Lövy -Paris, der Rabbiner der Union Liberale Jsraelite. Das von Napoleon im Jahre 1807 einberufene Große Synedrion, so führte er aus, gab dem Judentum die Möglichkeit, zwischen den religiösen und den politischen Gesetzen zu unterscheiden, wagte es aber nicht, alle Konsequenzen aus diesem Prinzip zu ziehen, so daß diese Versammlung für die geistige Entwicklung des Judentums nicht die Tragweite hatte, die sie hätte haben können. Denn das Große Synedrion den Mut gehabt hätte, die Pflicht zu erfüllen, die die Stunde erheischte, so hätte das Judentum vielleicht nicht den Verfall erlebt, in den es geraten ist, und wer weiß, ob nicht mit der damals noch vorhandenen großen Schwungkraft seiner Ideen ein Teil Europas für die Religion Israels hätte gewonnen werden können. In der Folge erhoben sich Stimmen, die Neuerungen im Kultus verlangten. Sic blieben aber vereinzelt und fanden keinen Anklang. Eine wirkliche Bewegung machte sich nicht fühlbar und nahm bis zum Jahre 1895 keine feste Form an. Zu diesem Zeitpunkt bildete sich eine Gruppe, die sich bemühte, eine Erneuerung des jüdischen Kultus herbeizuführcn. Diese Gruppe nahm den Namen Union Liberale i s r a e l i t e an und konstituierte sich infolge der Trennung von Kirche und Staat als Verein. Die Vereinigung weihte ihren Tempel am 1. Dezember 1907 in der rue Copernic 24 ein. Seitdem hat die Vereinigung dauernde Fortschritte gemacht, so daß sich die Synagoge bald als zu klein erwies und vor vier Jahren umgebaut werden mußte. Sie enthält 450 Plätze. Die Union Liberale hat einen neuen Ritus eingeführt. Die von ihr herausgegebenen Zeitschriften Le Rayon und Le Petit Rayon erscheinen monatlich und bringen groß und klein in enge Fühlung mit jüdischem Geschehen im allgemeinen und mit der fortschrittlichen Bewegung im besonderen. Seit drei Jahren besteht die Gruppe „La Jeunesse Liberale", die Zusammenkünfte veranstaltet, in denen die großen Fragen erörtert werden, die die Heranwachsenden Generationen mit Begeisterung zu erfüllen vermögen. Man darf nicht darüber erstaunt sein, daß der liberale Kultus nicht viele Tausend Anhänger hat. Dies hat drei Gründe: 1. viele französische Juden haben die Religion vollständig aufgegeben; 2. die große Mehrheit derjenigen, die ihrer Religion treu bleiben, sind liberal, aber aus Gewohnheit, aus Familientradition oder Freundschaft an die Tempel des Konsistoriums angeschlossen; 3. die Gegner des liberalen Judentums bezeichnen diese Bewegung als eine Annäherung an den Protestantismus. Nichtsdestoweniger gewinn/ das fortschrittliche Judentum in jedem Jahr neue Anhänger. Besonders interessant ist die Tatsache, daß russische, polnische und orientalische Glaubensgenossen die Reihen der Union Liberale zu stärken beginnen. Dem schriftlich vorliegenden Bericht über liberales Judentum tu Indien, verfaßt von A. Chincholkar - B o m b a y, entnehmen wir. daß eine Jewish Religious Union besteht, die in ähnlicher Weise arbeitet wie ihre Londoner Mutterorganisation. Es besteht ein lebhaftes Bedürfnis nach Gottesdiensten in der hebräischen und der Marathi-Sprache (der Muttersprache der Bene-Israel). In Ermangelung einer Orgel und eines geschulten Chores haben »vir die Einführung einiger geeigneter hebräischer Gesänge nützlich gefunden Mit den alten Melodien, die die Fantasie des Orientalen ansprechen. Dies gibt uns die Ueberzeugung, daß, »venn es uns erst möglich ist, unsere Gottesdienste auszubauen, wir zwar den Geist des Werks bewahren müssen, das wir von unseren Brüdern im Westen überkommen haben, aber den Gottesdienst der Wirkung auf das orientalische Empfinden anpassen müssen. STOliWERCK leidig, | idoh (Schmeckend \ nahrhaft. Der Bericht über das liberale Judentum in Schweden von Admi» ralitatsrat Henrik Wolfs -Stockholm zeigt eine außerordentlich starke Beeinflussung des jüdischen Lebens in Schweden durch das deutsche und amerikanische liberale Judentum. Die Gemeinden in Stockholm und Gothenburg, ebenso wie die zurzeit nicht unbedeutende Gemeinde in Norrköping, trugen bereits in der Mitte des vorigen Jahrhunderts einen entschiedenen religiös-liberalen Charakter. Dieselben waren, wenn man absieht von der Reformgemeinde in Berlin und der Hamburger Tempelgemeinde, wohl die liberalsten jedenfalls unter den liberalsten der jüdischen Gemeinden in Europa, dabei die Geigersche Richtung präsentierend. So war schon früh Orgel und geordneter Chorgesang eingeführt worden, die Opfergebete und andere Gebete, welche nicht mit jüdisch-liberaler Auffassung übereinstimmten, wurden aus dem Ritus entfernt, die Auffassung der Propheten über das Judentum wurde stärker betont, die schwedische Sprache kam beim Gottesdienste bedeutend zur Anwendung, die Einsegnung oder Konfirmation von sowohl Knaben »vie Mädchen wurde eingesührt. In späterer Zeit kamen in Stockholm Sonntags- und Jugendgottesdienste hinzu mit hauptsächlich schwedischem Ritus, jedoch mit Beibehaltung gewisser wesentlicher Gebettexte auch aus Hebräisch. Besonders an den Pessach-, Wochen- und Laubhüttenfesten erhielt die schwedische Sprache einen starken Einschlag. Es tvurde auch gestattet, daß an Sonntags- und Jugend-, gottesdiensten Männer und Frauen zusammen Platz in den Synagogen nahmen. Seit den letzten Jahren findet auch in der Gothenburger Gemeinde während der Wintermonate Sonntagsgottesdienst statt in derselben Art »vie in Stockholm, doch immer, ebenso »vie in Stockholm, mit Beibehaltung der regelmäßigen Sabbatgottesdienste. Alle diese Reformen, welche in wahrem Sinne als konservativ für das Judentuin betrachtet werden können, sind mit Begeisterung von Seiten der Gemeinden eirrgesührt »vorden. Sie wurden aber auch kräftig angespornt durch den in Schweden seit Urzeit fest gewurzelten und allgemein herrschenden Freiheitsgeist, den die schwedischen Juden schon ziemlich bald, nachdem ihnen das Recht der Ansiedelung in Schrveden ge»vührt worden ist, in sich aufnahmen. Und man muß dabei nicht weniger in Betracht ziehen, daß sie, gestärkt uird ermutigt durch »vohlivollendes Entgegenkommen von Seiten der Könige und des übrigen schwedischen Volkes, rasch sich angeeignet und reichlich befördert haben die auf allen Gebieten hohe Kultur, die das schwedische Volk seit altersher besessen und durch die Jahrhunderte zu bewahren gewußt hat. Was im übrigen das religiöse Interesse, besonders innerhalb der Stockholmer jüdischen Gemeinde, in den letzten Jahren betrifft, so hat dies sich hauptsächlich bekundet durch großartige Opferwilligkeit für allgemeine Gemeindez»vecke und für die kulturelle Ausbildung der Jugend. So sind »vesentlich dank Schenkungen entstanden teils ein prächtiges Gemeindehaus, das unter anderem den größten und schönsten Gemeindesaal in Stockholm und große, moderne Schulsäle für den Religlönsurrterticht-enthält, teils eine außerordentlich stimmungsvolle Friedhofskapelle mit Platz für ungefähr 300 Personen. Bedeutende Legate sind ebenfalls gemacht worden zur Beförderung der Studien der Jugend an Universitäten, Akademien für Kunst und Musik, für Ausbildung in technischen Fächern usrv. Durch diese und ältere ähnliche Donationen, von denen die meisten unter der Berlvaltung des vor mehr als 100 Jahren gegründeten Israelitischen Jünglings- Vereins stehen, ist es ermöglicht »vorden, viele begabte jüdische junge Leute kräftig zu unterstützen; und haben von diesen einige schon anerkannt hervorragende Stellungen in der Gesellschaft erreicht. Es mag wohl auch angebracht sein, einiger bezeichnender Züge über das Verhältnis ztvischen jüdischen und christlichen Glaubensbekennern in Schweden Er»vähnung zu tun. Es dürste den Mitgliedern der Konferenz vielleicht bekannt sein, daß dieses im großen und ganzen ein außerordentlich cordiales gewesen und auch jetzt noch ist. Dieses gibt sich täglich im praktischen Leben zu erkennen, aber ganz besonders auf den speziell religiösen und theologischen Gebieten. Einerseits haben hervorragende christliche Theologen in Literatur- und entsprechenden Vereinen der Gemeinde im Gemeindesaal Vorträge über religiöse Literatur oder in ähnlichen Fragen gehalten, anderseits haben, die Rabbiner der Gemeinde entsprechende Vorträge in »vesentlich christlichen oder ganz christlichen Vereinen und Genossenschaften gehalten. Ich erinnere daran, daß unser verstorbener, bedeutender Rabbiner Prof. Klein Vorlesungen in der theologischen Fakultät der Universität Upsala, und besonders geschätzte religiöse Borträge in den speziell christlichen Freimaurerlogen gehalten hat, wie auch, daß der jetzige Erzbischof von Schweden, Söderblom, während seiner Profefsorszeit öfters Vorträge irr unserem Gemeindesaal und dem Israelitischen Literaturverein gehalten hat. Unlängst hielt in unserem sogenannten Jüdisch- Akademischen Club der Professor der Theologie Linderholm aus Upsala einen ausgeprägt liberalen und von wahrhaftem Verständnis für den jüdischen Geist beseelten Bortrag über die Notwendigkeit einer unverfälschten neuen Bibelübersetzung. Schließlich hat unser Rabbiner Dr. Ehrenpreis aus Einladung von hauptsächlich christlichen Vereinen, darunter im Gemeindesaale der hiesigen sogenannten Großkirchengemeinde, sehr geschätzte Vorträge in speziell jüdischen oder allgemeinen Fragen von jüdischem Standpunkte aus gesehen, wie zum Beispiel über den Friedensgedanken im Judentum, gehalten. Dem Bericht über das liberale Judentum in Westpolen, erstattet von Dr. Fritz Seister-Bielitz, entnehmen wir: Die Juden Polnisch-Schlesiens haben ihre frühere religiöse Struktur noch unverändert erhalten. Der ehemals österreichische Teil Schlesiens (das Gebiet von Bielitz und Teschen) kann als die Wiege des religiösen Reformgedankens Alt-Oesterreichs angesprochen werden. Hier wurde, und zwar in Bielitz, die erste Orgel im alten Kaiserreich eingeführt, ebenso der erste gemischte Chor. Die bodenständigen Juden dieser Provinz, durchaus zur deutschen Sprach- und Kulturgemeinschaft zugehörig, sind fast ganz liberal eingestellt, wenn auch in letzter Zeit durch Zuwanderung aus dem benachbarten Galizien, die Orthodoxie ein wenig an Boden gewinnt. Die Bielitzer Kultusgemeinde hat eine alte, liberale Tradition, viele Gebete (Maskir, Thoraaushebung) sind deutsch, die deutsche Predigt bildet einen integrierenden Bestandteil des Gottesdienstes. Aehnliches gilt bezüglich der Kultusgemeinde Tefchens. Der traditionalle Liberalismus des österreichischen Teiles Polnisch-Schlesiens ist sozusagen zu einem konservativen Element erstarrt, d. h. er macht seit seinem Siegeszug in den sechziger Jahren keine Wandlung mehr durch. Die Reformbewegung ist hier als abgeschlossen anzusehen. Letztens vereinigten sich die liberalen Juden dieses Gebietes, die auf dem Bodens des Judentums als religions-ethische Gemeinschaft unter Ausschaltung des politischen Zionismus und des Nationalismus stehen, zu einer „Union demokratischer Juden Polnisch-Schlesiens". Diese Organisation soll demnächst auch auf den ehemals deutschen Teil des schlesischen Landes (Kattowitz, Königshütte, Myslowitz) ausgedehnt werden. Der ehemals preußische Teil Polnisch-Schlesiens ist konservativ eingestellt, wenn auch dieser Konservatismus schon stark an Liberalismus grenzt. Wohl spielt im Kattowitzer Tempel die Orgel nicht.