Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 23 (8.6.1928)
- Date
- 1928-06-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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sich entschieden gegen diese Bestimmung aus, ja sie drohten, dem Reichsverband nicht beizutreten. Dte Mehrheit kam diesen beiden Landesverbänden entgegen, indem diese Bestimmung betr. der Urwahl beim ersten Male nicht gelten sollte. Es war eine schwere und schwerfällige Arbeit, schon jede einzelne Abstimmung war schwierig und es ist dem Vorsitzenden Kammergerichtsrat Wolfs, der mit unerschütterlicher Geduld die Verhandlung leitete, sowie dem Referenten zu danken, wenn ein Ergebnis erzielt wurde. Es ist noch ein sehr schwerer Weg, den nun der Entwurf rurückzulegen hat. Jeder Landesverband hat ihn nun für sich zu beraten und es ist viel Selbstverleugnung nötig, wenn von grundlegenden Abänderungsanträgen Abstand genommen wird. Mehr als 10 Landesverbände haben in Einzelberatung zu dem Entwurf Stellung zu nehmen. Hoffen wir, daß die Beratungen zur endgültigen Schaffung des langersehnten Reichsverbandes führen. (Ein offizieller Bericht des Preußischen Landesverbandes lag 4ei Redaktionsschluß merkwürdigerweise noch nicht vor. Die Red.) Lin neues Abkommen zwischen «Ort" und der Sowjetunion Das zwischen dem Verband der Gesellschaften zur Förderung von Handwerk und Landwirtschaft unter den Juden „Ort" und der Regierung der Sowjetunion getroffene Abkommen wegen der Einfuhr von Maschinen, Werkzeugen und Rohmaterial aus dem Auslande nach Rußland ist soeben von dem Rat der Volkskommissare unterzeichnet worden. Laut diesem Abkommen erhält „Ort" die Möglichkeit, während der kommenden fünf Jahre jährlich Maschinen, Werkzeuge und Rohmaterial im Werte von 3 Millionen Rubel zollfrei aus dem Ausland nach Rußland ernzuführen. Unter den Juden der Keinen Städte, für die das Material bestimmt ist, hat die Tatsache der Jnkrasttretung des Abkommens große Genugtuung hervorgerusen. * In einem Gespräch mit dem Vertreter der Jüdischen Tclcgraphen-Agentur äußerte sich Herr Dr. D. Lvovitch, Mitglied des Präsidiums der „Ort"-Zentralverwaltung, der soeben aus Rußland nach Berlin zurückgekehrt ist, in folgender Weise über die dem Vertrage zwischen „Ort" und der Sowjetregierung zugrunde liegende Idee und die Tragweite der Vertragsuntcrzeichnung: Laut dem Vertrage, den die Zcutralverwaltung des Verbandes „Ort" durch ihren Vertreter in U.S.S.R. Agronom Zegelnitzky mit der Sowjetregierung geschlossen hat, ist „Ort" berechtigt, Maschinen und Rohmaterial im Werte von eineinhalb Millionen Dollar zollfrei nach Rußland cinzusühren, wobei Verwandte und Freunde unbemittelter russischer Juden und ausländische Organisationen die notwendigen Gelder auszubringen haben werden. In Anbetracht des großen Mangels von Maschinen und Rohmaterial in Rußland und der Schwierigkeiten der Einführung ist dem nun in Geltung getretenen Abkommen, besonders was das deklassierte jüdische Element in den Städten betrifft, große Bedeutung zuzuschrciben. Seit 1922 wendet „Ort" der unter den Juden der Kleinstädte entstandenen Bewegung, zu landwirtschaftlicher Betätigung überzugehen, große Aufmerksamkeit zu. 1925 traf „Ort" mit „Komzet" ein Abkommen, wonach „Ort" ein spezielles Arbeitsgebiet im Distrikt Odessa und in Weißrußland erhält; hier unterstützt „Ort" im Jahre 1928 etwa 3500 in der Landwirtschaft tätige jüdische Familien. Der Zustrom der jüdischen Bevölkerung zur Bodenbearbeitung dauert an. Trotz der diesjährigen teilweisen Mißernte in der Südukraine bleiben die Juden bei ihrer Scholle und die freien Grundstücke werden von weiteren Neusiedlern aus den Städten besetzt. Nur ein kleiner Teil der vielen Tausende Juden, die zur Landwirtschaft streben, gelangt zum Ziele. Gewiß besitzt die jüdische Kolonisationsbewegimg in Rußland sehr große Bedeutung, aber trotz der großen Ausdehnung,' die dieses Werk besonders durch die Mitarbeit von Agro-Joint, Jca und Ozet gewonnen hat, kann es doch nicht alle Schichten der dc°> klassierten jüdischen Bevölkerung umfassen. Ein Ausweg zeigt sich in der Hausindustrie. Man zählt in Weißrußland und in der Ukraine ca. 200 000 jüdische Handwerker, die mit ihren Familienangehörigen ein Drittel der jüdischen Gesanrtbevölkerung dieser Länder bilden. Ihre Lage ist schwierig. Ein Handwerker verdient durchschnittlich 20 bis 30 Rubel monatlich. Dieses geringe Einkommen ist dadurch zu erklären, daß es den meisten Handwerkern an Maschinen und Werkzeugen überhaupt mangelt und daß die vorhandenen Maschinen veraltet und abgenutzt sind. In Grassulowo (Ukraine) z. B. pachten die jüdischen Schneider Maschinen bei den Bauern, eine ganze Gruppe Schuhmacher zahlt die Pacht für eine einzige Stcppmaschinc. In Ostaschcwsti Gorodok (Weißrußland) besitzt eine aus 15 Mann bestehende Schuhmachergcnosscnschaft nur 6 Nadeln, die vom Vorsitzenden ausbewahrt und ,nnr in dringenden Fällen an die einzelnen Mitglieder abgegeben werden. Es herrscht großer Mangel an Rohmaterial. Die schlechte Qualität der Arbeit erschwert ihren Absatz sogar unter der Bauernschaft. Es fehlt an jungen qualifizierten Kräften, die die alten Handwerker ersetzen könnten. Bor dem Kriege kam ein Lehrling aus je zwei Meister, jetzt kommt ein Lehrling aus zehn Meister. Es gilt also, die Heranwachsende Generation im .Handwerk auszubilden. Zu den Ausgaben des Verbandes „Ort" gehört nach wie vor die Fachausbildung der Jugend. Zu diesem Zwecke wird eine Reihe von Fachausbildungsschulcn, Abendkursen für Erwachsene und Jnspektoraten für Lehrlinge unterhalten. Für die neu ausgebildetcn Handwerker, insofern sie nicht in eine Fabrik cintretcn, müssen Werkzeuge beschafft werden. Die alten Handwerker und die früher im Handel tätig gewesenen, jetzt arbeitslosen Elemente brauchen Maschinen und Rohstoffe. Der private Handel ist beinahe verschwunden. Fragt man die Erwerbslosen, wovon sie leben, so antworten sie: Wir sind „Jschdivenzi" (Leute, die auf Kosten von Verwandten in Amerika leben). Die Lage der jüdischen Bevölkerung in den Klein- und Großstädten hat sich so trostlos gestaltet, daß auch die Sowjetregierung begonnen hat, derselben ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden und auf Mittel zur Besserung zu sinnen. Die weißrussische Regierung hat in einem Dekret die Sanierung des jüdischen Elements in der Kleinstadt angekündigt. Die von der Regierung zum Zwecke der Förderung der Landwirtschaft unter den Juden eingesetzte Kommission „Komzet" ist nun instruiert worden, auch die Industrialisierung des jüdischen Elements in die Wege zu leiten. Der Eingliederung der Juden in die große Industrie stehen aber mannigfache Schwickeiten entgegen. Als einzige Möglichkeit eröffnet sich für die städtische jüdische Bevölkerung die Betätigung im Handwerk und in der Heimindustrie. Der Zustrom zum Handwerk ist unter den jüdischen Deklassierten sehr stark. Neue Zweige der Heimindustrie entstehen, die Stickereiindustrie nimmt größere Dimensionen an, da der polnischen Produktion, die früher den russischen Markt mit diesen. Erzeugnissen, zu versorgen pflegte, nunmehr der Zugang versperrt ist. Es herrscht großer Bedarf an Trikotage-Warcn. Immer drängender wird das Verlangen nach Strick- und anderen Maschinen. Die Co-operative Tool Supply Co. (,,Ort"-Einkaufsgesellschaft) hat auch im letzten Jahre zahlreiche Maschinen und mit Hilfe des Joint Garn nach Rußland eingeführt und unter den Mitgliedern der Handwerk- Cooperation verteilt. Die große Masse der Deklassierten ist aber von dieser Betreuung ausgeschlossen. Der nunmehr zwischen „Ort" und der Sowjetregierung geschlossen« Vertrag eröffnet große Möglichkeiten, auch die Deklassierten der Produktion zuzusühren. Jeder Deklassierte, der im Auslands einen Verwandten oder Freund besitzt, der für ihn eine Maschine bezahlt, erhält diese Maschine zoll- und abgabenfrei; er muß nur Nachweisen, daß er selbst auf der Maschine arbeiten will. Es haben sich in der letzten Zeit zahlreiche Genossenschaften früherer Deklassierter zu gemeinschaftlicher Arbeit» besonders im Strickereifach, gebildet. Laut dem Vertrag mit der Regierung wird „Ort" auch diese Genossenschaften mit Maschinen versorgen, und zwar aus eigenen Mitteln von „Ort", da die Genossenschaftsmitglieder keine Verwandten im Auslande besitzen. Der Verband „Ort" hat noch vor einigen Monaten mit der Versorgung russischer Juden mit Maschinen auf Kosten ihrer ausländischen Verwandten begonnen. An dieser Versorgung beteiligen sich nicht nur Amerikaner, sondern auch europäische, afrikanische und argentinische Verwandte. Da aber für eine Maschine oft ein größerer Betrag (im Durchschnitt 200 Dollar) vorzustrecken ist, gibt „Ort" den Verwandten die Möglichkeit, den Betrag in Raten auszuzahlen. Zur Finanzierung dieser Verwandtenhilfe hat „Ort" in Amerika die „Ort-Credit-Corporation" gegründet. Auch in Europa ist Bedürfnis nach einem solchen Finanzinstitut vorhanden. Wer bis jetzt seinen Verwandten in Rußland mit monatlich 10 bis 26 Dollar unterstützt hat, erhält jetzt die Möglichkeit, ihm statt dessen eine Maschine und Rohmaterial zu verschaffen und ihm zu einer Existenzmöglichkeit und zur Aufgabe der bisherigen demoralisierenden, halbparasitären Lebensweise zu verhelfen. Fast jeder Jude, mit dem ich in Rußland zusammengekommen bin, träumt von dem Besitz einer Maschine. Ein Bedürfnis nach einer solchen konstruktiven Verwandtenhilse besteht nicht nur für Rußland, sondern auch für Polen, Litauen, Rumänien, Palästina usw. Es sei zu hoffen, daß auch die Regierungen dieser Länder Entgegenkommen zeigen und Privilegien, ähnlich denen, die die Sowjetregierung zugestandcn hat, gewähren werden. Wir werden dadurch die Möglichkeit erhalten, dem zu den mittellosen Verwandten fließenden Geldstrom zu einem großen Teil eine organisierte Form zu geben und ihn auf den richtigen Weg, den Weg der konstruktiven Hilfe, zu leiten. Diese Verwandtenhilse loerde dann in der Reorganisierung des jüdischen Lebens eine große Rolle spielen. Dr. Max Freudenthal zu seiuem 60. Geburtstag (12. Juni). In der kommenden Woche begeht Dr. Max Freudenthal, der Rabbiner der Nürnberger Gemeinde, seinen 60. Geburtstag. Wenngleich der Jubilar jeder öffentlichen Feier aus dem Wege geht, so sei ihm doch in diesen Zeilen eine Geburtstagshuldigung dargebracht, die um so freudiger und froher dem zu Feiernden gewidmet wird, weil diese Veranlassung Gelegenheit gibt, unserer Freude Ausdruck zu geben, daß es unserem verehrten Jubilar vergönnt ist, diesen Tag in voller Gesundheit zu erleben. In ungebrochener Kraft, in lebendiger Frische waltet Freudenthal seines Amtes. Seine Gemeinde, seine Freunde, die vor mehreren Jahren von tiefer Sorge ob seiner Gesundheit erfüllt waren, sehen ihn nun wieder in alter Kraft den Pflichten seines heiligen Amtes sich hingcbend und wünschen ihm für seine weiteren Lebensjahre ein reiches und gesegneter Wirken bei kräftigem und gesundem Körper. Groß ist der Kreis von Glück wünschenden und huldigenden Freunden, die sich unserm verehrten Jubilar anläßlich seines 60. Geburtstages nahm. Weit über unsere Nürnberger Gemeinde hinan reicht der Kreis seiner Verehrer und Freunde. Diese Zeitung, die die Interessen des liberalen Judentums vertritt, ist ganz besonders berufen, Dr. Frendenthal zu feiern, der in seiner 35jährigen Amtstätigkeit aufrecht und gerade seinen Weg gegangen ist und offen und ehrlich für seine religiös-liberale Anschauung eingetreten ist. Er gehört zu den führenden Persönlichkeiten des liberalen Judentums in Deutschland. Seiner regen Mitarbeit ist die Begründung der Vereinigung für das liberale Judentum zu danken und er gehörte zu ihren eifrigsten Mitarbeitern. Das Amt des Rabbiners in einer Großgemeinde ließ ihn freilich auch nicht vergessen, daß ein Rabbiner, wenn er auch frei und ungebunden sich zu der Auffassung der Religion betennen mag, die ihm nun einmal als Frucht seiner Studien gerecht ist, doch keineswegs in seinem Amt nur eine parteipolitische Einstellung kennen darf. Wir liberale Rabbiner, die wir allesamt die Einheitsgemeinde fordern, dürfen gewiß nicht vergessen, daß neben uns noch religiöse Auffassungen und Anschauungen zur Geltung kommen wollen, die denselben Anspruch erheben in ihrer Eigenart sich auszuleben, den auch wir stellen: Dr. Freudenthal ist auch dieser Forderung nachgekommen. Lebendiger als alle Worte spricht hierfür die Tatsache, daß er seit mehreren Jahren das Amt des Vorsitzenden der Freien Conferenz bayerischen Rabbiner bekleidet und daß er ebensolange als zweiter Vorsitzender des Verbandes bayerischer israelitischer Gemeinden tätig ist In unserer bayerischen Rabbinerkonferenz sind liberale uird orthodoxe Kollegen friedlich vereint, und ganz gewiß ist. Dr. Frcudcnthal bewußt niemals den berechtigten Ansprüchen der. orthodoxen. Kollegen entgegengekreteu. Eine weise Besonnenheit, eine vornehme Geschäftsführung hat ihn bei aller Wahrung des eigenen Standpunktes stets den rechten Weg finden lassen, wenn es gait die Konferenz zwischen Klippen, und Untiefen hrndurchzusteuern. In gleicher Weise ick diese Sachlichkeit und Unparteilichkeit auch an ihm als zweiten Vorsitzenden des Verbandes bayerischer israelitischer Gemeinden zu rühmen; als solcher hat er stets die Interessen des Gefamtjudentums gefördert. Daß unser Gemeindeverband seit den sieben Jahren feines Bestehens so überaus günstig sich entwickelt hat und so segensreiche Arbeit geleistet, ist nicht zum wenigsten Freudenthals rühriger, unermüdlicher Mitarbeit zu danken. Unser bayerischer Verband erfreut sich irr deutschen Landen eines guten Namens, und wenn wir von unserem Jubilar anläßlich feines Ehrentages einen Wunsch erbitten dürfen, so wäre es nur der, daß er auch den so lange schon ersehnten Reichsverband seinen bewährten Rat und feine reiche Mitarbeit angedeihen lasse. Wenn Freudenthals Blick auch immer aus die großen Ausgaben des deutschen Judentums gerichtet war, so hat darunter die Arbeit für die Gemeinden, in denen er als Rabbiner tätig war, nicht gelitten. In jungen Jahren wirkte er als auhaltischer Landesrabbiner in Dessau, sieben Jahre ward er als Rabbiner nach Danzig berufen und von da kam er im Jahre 1007 nach Nürnberg. Hier in Nürnberg hat er sich durch die Kraft und Lebendigkeit des Wortes, das er von der Kanzel kündete, durch vielfache und überaus reiche Tätigkeit des Rabbiners, der nicht nur von der geheiligten Stätte des Gotteshauses aus wirkt, sondern auch in den Häusern und Familien seiner Gemeinde eine unübersehbare Fülle von Arbeit findet, eine Gemeinde geschaffen. Seine Vorträge, die er in Vereinen, Verbänden, Logen und ähnlichen Organisationen hielt, haben seine Hörer nicht nur entzückt und begeistert, sondern sicher auch über den engeren Kreis hinaus in die breite Oefsentlichkeit gedrungen. Seine wissenschaftliche Tätigkeit auf dem Gebiete der Geschichte des Judentums haben Werke von wissenschaftlicher Gründlichkeit und bemerkenswerter Tiefe reifen lassen. Der Schrift „Aus der Heimat Mendelsohns", den Studien über die Familie Gumpertz folgten nun erst in den jüngsten Tagen „Die Leipziger Meßgäste", eine Fortsetzung und Vollendung der schon früher in wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlichten Aufsätze. Das Gebiet der Geschichte der Nürnberger Gemeinde wurde von ihm in der Darstellung dieser Geschichte bearbeitet, wie einst Dr. Zinrüich s. A. zum 25jährigen Jubiläum unseres Gotteshauses (1899) diese Geschichte erstmalig dargestellt hat, so hat Freudenchal sie zum 50jährigen Jubiläum (1824) erweitert und ergänzt. Nicht unerwähntst ser auch das Kriegsgedenkbuch, in dem er den gefallenen Helden unserer Gemeinde ein Denkmal gesetzt hat. Alle Worte des Dankes und der Huldigung, die von Gemeinden, Verbänden, Organisationen, Logen etc. unserem verehrten Jubilar in reichstem Maße zugedacht sind, gipfeln in dem Wunsche, daß es ihm vergönnt sein möge, seine reiche und gesegnete Tätigkeit iroch viele Jahre zur Ehre und zum Nutzen des deutschen Judentums fortzusetzen. Rabbiner Dr. Heistbronn - Nürnberg. ' Umschau Die Position der Juden in Litauen. Der litauische Ministerpräsident, Professor Voldemaras, der in den letzten Tagen m Staatsangelegenheiten in London geweilt hat, empfing den Vertreter der Jüdischen Telegraphen-Agentur und sprack sich ihm gegenüber in folgender Weise über die Position der Juden rn Litauen aus: Bei der Betrachtung der Forderungen der Juden m Litauen ergeben sich für uns Schwierigkeiten infolge der einander entgegengesetzten Wünsche der orthodoxen und der nichtorthodoxen Parteien. Würden die Juden in einer gemeinschaftlichen Konferenz einmal zu einem endgültigen Abkommen gelangen und uns Wünsche unterbreiten, die wir als den wirklichen Ausdruck der großen Masfe der Juden betrachten könnten, so würde es uns vielt leichter fein, unparteiisch und gerecht zu handeln. Das Gesetz über die Zwangssonntagsruhe, fuhr Prof. Voldemaras fort, ist fehr elastisch und gibt Raum für weitherzige Auslegung, ohne daß dabei der Sinn des Gesetzes umgebogen werden müßte. Natürlich sind bei allzugenauer Befolgung der Buchstaben des Gesetzes Härten nicht ausgeschlossen. Was die jüdische Schulfrage betrifft, so gäbe es viele Schulen, die den elementarsten Forderungen nicht entsprechen uni» nicht einmal über die notwendigen Schulbücher verfügen. Er gebe aber zu, daß es absurd sei, Nichtjuden zu Direktoren jüdischer Schulen zu bestellen; einige solcher Fälle seien zu seiner Kenntnis gekommen und er habe Vorkehrungen getrosten. An der Universität bestehen keinerlei Einschränkungen gegen jüdische Hörer: es ser Tatsache, daß 70o/o der Studenten der medizinischen Fakultät der litauischen Staatsuniversität Juden sind. Es wäre für die Juden von Vorteil, wenn sie selbst überfüllte Berufe meiden und sich aussichtsreicheren Berufen, wre z. B. der Maschinenbaukunst, zuwenden würden. In Litauen existiert kein Gesetz, das Juden daran hindert, irgend erneu Rang in der Armee zu bekleiden. Das gleiche gilt für den Zrvildienst. Wenn wir nicht viele Juden im Zivildienst haben, so ist dies dadurch zu erklären, daß der Staatsdienst für Juden, die auf anderen Gebieien eine einträglichere Beschäftigung finden, nicht lohnend erscheint. Die Möglichkeit ser zugegeben, daß Unterbeamte eine Politik der bewußten Verfolgung der jüdischen Bevölkerung betreiben, was durchaus nicht im Sinile der bestehenden litauischen Regierung ist. Er, der Ministerpräsident, werde bei der vor sich gehenden Reorganisierung des Regierungsapparates es nicht unterlassen, gegen solche Vorkommnisse scharfe Maßnahmen zu ergreifen. Prof. Voldemaras schloß mit der Bemerkung, er glaube fest daran, daß die Juden Litauens fortfahren werden^ am Aufbau des litauischen Staates mitzuarbeiten. Extrem Radikale gibt es unter den Nichtjuden wie unter den Juden; es komme nur daraus an, daß alle vernünftig denkenden Elemente mit der Regierung an dem Ziele zusammenarbeiten, für alle Bürger eine bessere Zukunft zu schassen. Ein jüdischer Gelehrter unter der Besatzung von N»- biles „Italia". Während die ganze Welt um das Schicksal des in der Arktis verschollenen lenkbaren Luftschiffes „Jtalia" und dessen Besatzung bangt, ist es zeitgemäß, daran zu erinnern, daß sich unter der 16 Mann starken, von General Nobile geführten Expedition ein sehr bekannter italienischjüdischer Gelehrter befindet: der Ingenieur-Professor Aldo Pontremolr von der Polytechnischen Hochschule in Mailand. Nobile hat Professor Pontremolr für die Teilnahme an de» Expedition gewonnen, damit er besondere wissenschaftliche Aufgaben der Expedition durchführt. Pontremolr iß ein führendes Mitglied der Mailänder Jüdischen Gemeinde. ►♦♦»»«■< BÜCHERSCHAU j* >♦»»♦♦♦♦♦♦< Lilodenu „Für unsere Kinder.“ Neue hebräische LesefibeK von Michael Abraham, Berlin. Illustriert von Oscar Haberer, Berlin. Verlag Kauffmann, Frankfurt a. M 1928. 39 Seiten. Gebunden 1,69 M. Die vorliegende Fibel „Für unsere Kinder“ ist auch eine kostbare Gabe „für unsere Großen“; denn ein kultivierter Mensch wird bei schönen, lebenswahren Dingen ebenso Freude empfinden wie ein — reines Kind. Abrahams Werk gibt uns ein Bild von jüdischem Leben Er suggeriert dem Künstler, der die Fibel illustrierte, durch das bebende Wort seiner Texte den Zauber des Milieus, in den uns die dreiundzwanzig religiösen Bilder hhieinversetzen:. Menorah., Mesusah, Synagoge mit Davidsschild, Ausheber und Emporheben der Thora, Kiddusch, Hawdoloh, Segen des Vaters, Rituelles Händewaschen, Schofarbläser am Betpult, Inneres der Laubhütte, Lulab und Ethrog, Simchath-Thorafeier im Gotteshaus, Chanukahlicht, Sedermahlzeit, Mazzoh und Moraur. — — Und ferner bieten noch elf Bilder aus dem profanen Leben mit begleitender Konversation eise Abwechslung wohltuender Art. Der Lesestoff ist dem Siddur zumeist entnommen; die Kinder werden die Stücke bei mehrfacher Wiederholung als wichtige Bestandteile der Tefillah gelegentlich der spätere» Lektüre des Gebetbuches wiedererkennen und sie als erworbenes Besitztum schätzen. Eine geschickte Lehrkraft wird bei Vermittlung des gegebenen Stoffes notwendig sein, da es wohl nicht angängig ist, schematisch hintereinander alles zu behandeln. Man wird zunächst eine Auswahl treffen und dann auf Auslassungen zurückkommen müssen. Der letzte Teil „Zur Wiederholung" zeigt klar, daß dem Lehrer weitgehende Freiheit gelassen ist, und gerade deshalb ihm heiligste Verantwortung zur strengen Pflicht wird. Die Fortsetzung dieser Fibel wird ganz ungezwungen Qi'haan1 7Pfipk“ spin " Wenn die Fibel auch ein Buch für die Kleinsten ist, so wird man ihre Illustrationen doch auch in mittleren und höheren Klassen bei Besprechung der liturgischen Dinge gern zur Belebung unter den Jugendlichen kursieren lassen. Rabbiner Dr. Arthur Rosenthal, Berlin-Lkhtenberg. Verlag: Vereinigung für das liberale Judentum e. B., Berlin SW.48. — Verantwortlicher Redakteur:Dipl.-Jng. Brun» W»Yda, Berlin RW. 23. — Druck: Hermann Wegn« S To., Berlin-Mariendors.