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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-10-28 · 43 (28.10.1927) · page 11

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
43 (28.10.1927)
Date
1927-10-28
Page
– (sequence 11)
Language
German
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unserer Glaubensgenossen haben erst durch moderne Schriftsteller von diesen schönen Gepflogenheiten ihrer Borfahren gehört. In den folgenden Jahrhunderten der Verfolgung erlitt das äußere Leben der Juden arge Beschränkungen. Die Synagogen wurden räumlich und architektonisch verarmseligt. Dafür gewann natürlich die zweite Gottesdienststätte erheblich an Glanz und Bedeutung. Wir brauchen nur die Ausführungen von Abraham Berliner „Die Juden im Mittelalter" und Abraham „Jewish lise in the middleage" zu lesen, um das bestätigt zu finden. Und dieses Mittelalter reicht ja bis an die Schwelle der französischen Revolution, und im Osten zum Teil bis in unsere Zeit. Räumlich und geistig eingeschlossen von den Ghettomauern hatte man Jahrhunderte lang an unveränderten Gebräuchen und Zeremonien festgehalten, ganz übersehend, daß die Starrheit der Form zur Herrschaft gelangt war, und das wirkliche Wesen der Religion zu erdrücken drohte. Ist doch der ganze Kultus lediglich für die Menschen selbst bestimmt. Ihm soll er eine Mahnung sein an das, was sein Glaube für ihn bedeutet und von ihm verlangt. Folglich ist jede Zeremonie ausnahmslos von den Umständen abhängig, unter denen Israel lebt. Und diese sind heute ganz andere als vor 500 Jahren. Zeremonien verlieren ihre Starrheit, wenn sie dem Empfinden der jeweiligen Zett entsprechend umgestaltet werden. Diese Erkenntnis ist keineswegs neuesten Datums. So hat Samuel Hirsch, als er um die Mme des vorigen Jahrhunderts seine Stellung als Rabbiner in Dessau antrat, die Forderung aufgestellt, Juden müßten vorurteilslos und aus wahrer Religiosität alles aufgeben, was nicht zum Judentum gehöre, sondern durch Unwissenheit und durch finstere Zeiten sich in das Judentum eingeschlichen hatte. Vieles, was einst bezweckte, gleich einem Zaune die Gesetze zu schützen, bedeutet heute in seiner Rücfftändigkeit eine Gefahr für das Judentum. Bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts etwa kannte man im Judentum kaum verschiedene Richtungen. Man hielt einfach an all den durch Jahrhunderte geübten und inzwischen erstarrten Formen fest. Aber die Menschen hatten sich mit der Zeit gewandelt. Die Jugend besonders hatte das Leben außerhalb des Ghettos kennen gelernt. Und nun erleben wir in diesem Umfange zum ersten Male eine Spaltung im Judentum. Die einen wollen den alten Baum der Tradition um jeder: Preis erhalten, selbst unter Verzicht auf die Güter einer neuen geistigen Kultur. Sie verzichten ans die nährenden Ströme flutenden Lebens, sie suchen die Ghettomauern, die der Zug der Zeit gestürzt hat, durch Geistesmauern zu ersetzen. Sie werden so weiter leben, bis die Flamme der Kultur auch ihr geistiges Ghetto erreicht und vernichtet. Aber weit gefährlicher für die Entwicklung des Judentums waren und sind die Hatbliberalen, die mtt halbem Mute und halber Frömmigkeit nicht die Entschlußfähigkeit aufbringen, die Konsequenzen völlig zu ziehen. Sie sind, um mit Aron Bernstein zu reden, die Zerstörer des Judentums. So war der Boden geschaffen für die traurige Epoche der Austrittsbewegung. Eine neue Generation, innerlich den Zeremonialgeboten und der hebräischen Gebetssprache absolut fremd gegenüberstehend, brachte seelisch kein großes Opfer, wenn sie sich taufen ließ. Gesellschaftliche und berufliche Aufstiegsmöglichkeiten waren die große Lockung, der viele unserer Glaubensgenossen erlagen. Im rechten Augenblick, um das Judentum vor einem völligen Zusammenbruch zu bewahren und aus der Not der Zeit geboren, erhob sich erst schüchtern und unsicher, bald aber anwachsend und bestärkt durch die Förderung der hervorragendsten Persönlichketten ihrer Zeit, wie Moses Mendelssohn, Abraham Geiger, Leopold Zuuz. und Samuel Holdheim, die Reformbewegung. Ihr war es darum zu tun, die grandiose Traditton des Judentums in Einklang zu bringen mit der Forderung des Tages. Deutsche Kultur war den Juden Lebensbedürfnis geworden. An der Seite ihrer christlichen Landsleute standen sie im Kampfe für Deutschlands Freiheit, lernten sie aus den Universitäten, arbeiteten sie in Büros. Wollte man diese Menschen einer neuen, modernen Zeit dem Judentnme erhalten, mußte sich die religiöse äußere Form wandeln, so, wie die Menschen es innerlich getan hatten. Deutsch war ihre Muttersprache, sie mußte auch in der Synagoge eingeführt werden. Kunstgesänge und Orgelspiel bedeuteten für sie Erhebung und Sammlung. Die Geschichte des deutschen Judentums hat den Männern recht gegeben, die seiner Zeit bahnbrechend für den jüdischen Liberalismus eintraten. Ich darf hier offen aussprechen, daß der Liberalismus nicht ganz die Hoffnungen erfüllt hat, zu denen er berechtigte. Der Liberalismus wurde leider oft zum Jndifserentismus. Wenn heute die religiösen Feiern in der Familie fast ganz geschwunden sind, so liegt der Grund hierfür in Feblern, die von allen Seiten begangen worden sind. Die traditionsgläubigen Kreise hatten neben dem Ritualwerk, das sie im Gegensatz zur prophetischen Anschauung wieder als Wesen der Gottesverehrung anerkannt hatten, auch die Symbole durch unzählige Bestimmungen so ritualisiert, dc.fi diese cü - mählich wichtiger wurden, als das Synrbol selbst. Ja, sie waren Selbstzweck geworden. Im absoluten Gegensatz hierzu stand die Resormbewegung, die unter dem ritualisierten Gewände die Symbole selbst und ihren eigentlichen Wert nicht mehr erkannte nnd nun, in dem Bestreben, Jrrtümer und Unklarheiten zu beseitigen, das Kind mit dem Bade aus schüttete. Mit den Speisegesetzen und anderen Riten schwanden auch der Sederttsch, die Laubhütte, der Channukahleuchter und die Sabbatlichte selbst in den Kreisen, die durchaus religiös interessiert waren, und dieses Interesse durch ihre Teilnahme an dem inzwischen herrlich ausgestalteten öffentlichen Gottesdienste bekundeten. Steinthal sagt sehr treffend: „Wer nur die jüdischen Steuern zahlt, ohne innerlich dem Judentum verbunden zu sein, ist kein Jude." Aber unzählige unserer Glaubensgenossen halten sich für gute Juden, weil sie mit oder ohne Murren ihre Steuern zahlen. Was haben diese Menschen von jüdischem Leben vor sich gesehen? Günstigenfalls hatten sie in der Schule einen mehr oder weniger guten Religionsunterricht gehabt, und mit der religiösen Trauung, oft mchr Mod« als Herzensangelegenheit, war ihre Terlnahme am jüdischen Gemeinschaftsleben beendet. Welche Eindrücke gewann nun die Jugend in solcher Häuslichkeit? Das Kind hat ein feines Empfinden für das, was in der Umwett vorgeht. Es merkt schr wohl, daß Musik- und Gymnastikuuterricht von den Eltern für wichtiger gehalten wird, als der Religionsunterricht. In Berlin z. B. wird in allen Religionsschulen über einen mchr oder weniger unregelmäßigen Besuch der Schüler geklagt. Ich bin überzeugt, daß auf keine« anderen Gebiete so viele Stunden versäumt werden. Die Schuld liegt als», wie so oft, nicht an den Kindern, sondern an den Eltern. Schon vor dem schulpflichtigen Alter könnte das Interesse und die Liebe zum: Judentum in den Kindern geweckt werden. Und zwar durch ' geeignete Jugendbücher. Dichtung, Bilder und Musik, einzeln oder verbunden, haben hier eine Aufgabe, auf die Seele des Kindes zu wirken, die nicht unterschätzt werden darf. Selbstverständlich darf den Kindern nicht kritiklos jüdische Jugendliteratur in die Hand gegeben werden, der liberale Standpunkt muß stets gewahrt werden. Wer sich mit Kindern beschäftigt, hat oft genug erlebt, daß die frühesten Eindrücke die nachhaltigsten sind, und es ist eine große Unterlassungssünde, daß die Erziehung des jüdischen Kindes diese Möglichkeiten nicht Erkannt und ausgenützt hat. Man suche unsere besten Schriftsteller und Graphiker für dieses Gebiet zu interessieren und setze Preise für Jugendschriften aus, denn für unsere Kinder ist das beste gerade gut genug, und der Erfolg wird nicht ausbleiben. Jiwische Märchen können die erste Grundlage werden für die Treue zum Glauben der Väter. Ich möchte hier nicht mißverstanden werden. Ich will keineswegs unsere schönen deutschen Volksmärchen ausschalten, aber neben ihnen haben biblische Sagen und Erzählungen ihre Existenzberechtigung. Ja, sie könnten ausglerchend wirken, wenn man neben die Figur der bösen Stief- und Schwiegermutter etwa die Gestalt einer Naemi stellt. Mau wende nicht ein, daß durch solche Bücher und Bilder die Kinder dem Zionismus zugeführt würden, vorausgesetzt natürlich, daß diese Bücher nicht bewußt solche Tendenzen verfolgen. Generationen haben Jndianergeschichten und griechische Heldensagen mit Begeisterung gelesen. Ich habe nie gehört, daß sie dadurch dem Deutschtum entfremdet und etwa in Griechenland oder Amerika das Land ihrer Schufacht gesehen hätten. Ebenso wenig werden die Kinder, wenn sie die rührende Geschichte von Moses Auffindung im Schilfe hören, den Wunsch haben, ihre Zelte am Nil aufzuschlagen. Meiner Ansicht nach beurteilt man allgemein die Einstellung de? Kindes in dieser Beziehung falsch. Das Kind will seiner Phantasie freien Lauf lassen, es will das, was es hört, gar nicht real durchdenken, sonst würde es den Wolf mit der verschluckten Großmutter sehr früh als Unmöglichkeit ablehnen. Und an biblische Erzählungen könnten sich Frage und Antwort über den Glauben der Väter anschließen, gleichsam als Vorbereitung für den Jugendgottesdienst. Der Jugendgottesdienst ist eine Errungenschaft der Neuzeit. Unsere Kinder sind kritischer eingestellt als wir seiner Zeit. Sie Lehnen es häufig ab, stundenlang einem Gottesdienste beizuwohrien, für den sie noch keinerlei Verständnis haben können. Die Forderung des Jugendgottesdienstes kann daher von liberaler Seite gar nicht energisch genug gestellt werderi. Be: der Einrichtung derselben müßte m. E. die reifere Jugend selbst mitberaten. Wir müssen der Tatsache, daß die Stellung der Eltern zu den Kindern eine ganz andere ist als vor 40 oder 50 Jahren, Rechnung tragen. Autorität auf der einen, Respekt und Gehorsam ruf der anderen Seite war damals die Norm. Alle Anregungen gingen von den Eltern aus, die Jugend brauchte nur darauf einzugehen und auf der vorgeschriebenen Bahn weiterzuschreiten. Heute billigen die Kinder in intellektuellen Dingen den Eltern höchstens Gleichberechtigung zu. Die Jugend schafft sich selbst Anregung mü> Verkehr und Beschäftigung und läßt die Eltern an dem, was sie erfüllt, nur teilnehmen, wenn diese ihre Vorurteile überwunden und ihre Ansichten gründlichst revidiett haben: Heute sagen wohl Eltern, wenn sie sich mit diesen Tatsachen abgesunden haben, dankbar: „ich freue mich, wenn meine Kinder sprechen, daß ich verstehen kann, wie sie es meinen". Eine frühere Generation hat sich von veralteten Formen, von der ihr nicht mehr geläufigen Gebetssprache, von Sitten, die dem modernen Menschen fremd und oft unverständlich waren, frei gemacht, aber sie hat es versäumt, anderes an ihre Stelle zu setzen. Geistige Pioniere sind ja meist sehr radikal, weil sie in ihrer Anstellung einseitig sind. Unserer Zeit kommt es zu, hier Wandel zu schaffen. Das Neujahrsfest ist für uns keine einschneidende Epoche in unserem äußeren Leben. Aber wenn wir uns doch an einem solchen Tage zusammenfinden im Gotteshause und in der Familie, dann braucht dies keine Aeußerlichkeit zu sein, noch wäre es eine Feier aus einer oft mißverstandenen Pietät. Nein, inmitten der Hast der Berufspflichten soll und kann dieser Tag ein Ruhepunkt sein, dann können wir das Rosch haschono-Fest von der hohen Warte der Beschaulichkeit aus als großes Fest ehrwürdiger Traditton tiefinnerlich erleben. Wie können wir in unseren Zeiten auch die anderen Feste feiern? In wenigen Häusern haben die Kinder Gelegenheit, dies zu tun, und diese Erinnerung als wertvollen Besitz in das Leben mitzunehmen. Hier dürfen wir von der Vergangenheit lernen, indem wir auf sie zurückgreifen. Wurden doch gerade Purim und Channukah in früherer Zeit als Feste der Kinder aufgefaßt und gefeiert, indem man diese durch kleine Geschenke erfreute, und indem sie angehalten wurden, ihrerseits Freunden und Bedürftigen Geschenke zu überbringen. So wurden Herz und Sinn frühzeitig aus Wohltätigkeit gelenkt. Der Einfluß dieses praktischen Judenrums, wie es bei frohem und traurigem Anlaß zum Ausdruck kam, war sicher oft der erste Anstoß für die hochherzigen großen Spenden, die solche Kinder im späteren Leben für soziale und wissenschaftliche Zwecke ausbrachten. Au Stelle der überlebten Form müssen allerdings neue geschaffen werden. An die Stelle der Ssudoh, die heute in unseren Kreisen nicht mehr so häufig gefeiert wird, tritt leider in viel zu seltenen Fällen eine andere Feier. So wie im Christentum das neugeborene Kind durch die Taufe in den Glauben seiner Eltern ausgenommen wird, so sollte eine religiöse Feier, wenn das Kind einige Wochen alt ist, auch im jüdischen Hause eingeführt werden, wie es in den Kreisen der jüdischen Resormgemeiu.de in Berttn bereits wiederholt geschehen ist. Selbstverständlich ist diese Forderung bei Knaben und Mädchen die gleiche. Man versammle die Familie im Hause der jungen Eltern, und in ihrer Anwesenheiit werde dem Kinde und der Mutter in feierlicher Weise der Segen erteilt. Große Festessen fiiib dabei keineswegs angebracht, aber das Band der Familienzusarnmenachörigkeit wird damtt gefestigt. Einst wurde überall der jüdische Familiensinn gerühmt. Mr scheint, daß wenigstens in der Großstadt diese Bande oft gelockert sind. Mein Vorschlag wird von manchen von Ihnen als unjüdisch bezeichnet werden. Ich beziehe mich aber auf Güdemann, der bei der Besprechung der festlichen Familienereignisse im Mittelalter sagt: „Manche Gebräuche, die hier in Betracht kommen, sind nicht einmal jüdischen Ursprungs, sondern der Umgebung entlehnt, aber sie wurde« durch die fromme Absicht, die man damtt ver-! band, oder durch die Bedeutung, die man ihnen beilegte, zu religiösen Handlungen erhoben." Die Barmizwahseier. der Knaben erscheint vielen von uns nach unserer heutigen Auffassung nicht mehr zeitgemäß. Damals, als der Junge mit 13 Jahren oft das Elternhaus mtt der Fremde vertauschte, war der Zeitpunkt der religiösen Weihe durchaus angemessen. Heute aber bewerten wir das Verantwortungsgefthl für den' Glauben so hoch, daß wir den Zeitpunkt der Aufnahme gerne hinausgeschoben sehen, außerdem erfordert die Gerechtigkeit das gleiche Einsegnungsfest für Mädchen und Knaben. Man sollte nicht versäumen, durch die Änsegnung den Kindern eine schöne Erinnerung zu schaffen, die ihnen vielleicht im späteren Leben eine Mahnung fein wird, treu zum Glauben der Väter zu hatten. Für den Sederabend ist die alte Hagada mit den kindischen Scherzworten und den mittelalterlichen Bildchen natürlich nicht mehr geeignet. Wir haben aber erfreulicherweise in der Hagada, die Herr Rabbiner Dr. Seligmann hevausgeaebeu hat, ein zeitgemäßes schönes und würdiges Werk, das hoffentlich dazu beitragen w:rd, in vielen Familien den Sederabend wieder einzuführen. Aber nicht nur im Interesse der Heranwachsenden Jugend, sondern für das weitere Familienleben selbst ist die Wiederbelebung der heuttgen Feste eine Forderung des Tages. Ich habe sie bereits daran erinnert, wie groß die Frau einst in Israel dastand, aber viel von dieser Tradition ist untergegangen in der Not und der Pflicht unserer hastenden Zeit. Mitten im Erwerbsleben stehend, oft mit Geistes- oder ihrer Hände Arbeit eine Familie ernährend, bleibt der Frau wenig Zeit und Ruhe zur häuslichen Andacht. Und hierdurch verarmt sie nicht nur selbst seelisch, sondern sie verliert auch ihren früheren religiösethischen Einfluß auf ihre Umgebung. Wenn der Heranwachsende Sohn in ihr nicht mehr die Jdealgestalt früherer Jahrhunderte sieht, so wird er einst auch seiner Frau nicht mehr als Selbstverständlichkeit die Stelle einräumen, die ihr im häuslichen Leben gebührt. Und als natürliche wettere Folge wird er im Hause auch nicht mehr die Stätte sehen, die ihm Befreiung von der Unruhe und Sorge des Tages bedeutet. Aber hier muß genau wie in der Synagoge die religiöse Reform einsetzen, sonst wäre jeder Besuch völlig zwecklos; den geistigen und ästhetischen Anforderungen unserer Zeit muß ebenso Rechnung getragen werden, wie den Forderungen der Jugend, die ja sehr häufig die gleichen sind. Dann werden auch die Kinder, die heute der Mangel jeder häuslichen Andacht oft aus dem Hause treibt und sie den verschiedensten Einflüssen zugängig macht, wieder die religiöse Atmosphäre im Hause kennen und lieben lernen. Wie schön wäre es, wenn es den Frauen gelingen würde, ihre Kinder mehr als früher religiös ans Haus zu fesseln und ihnen den Unfrieden und die Parteinahme am eigenen Herde sernzuhalten. Immer wieder sollte man die Kinder darauf Hinweisen, daß die verschiedenen religiösen Richtungen im Judentum die gleiche Existenzberechtigung haben, daß ihre Vertreter wohl sachliche Gegner, aber niemals Feinde sind und daß man in ihnen stets den Glaubensbruder zu sehen hat. — Eine religiöse Erziehung ist natürlich nicht so zu verstehen, daß kein anderes Gespräch aufkommen darf. Man hüte sich vor Lehrhaftigkeit im Zwiegespräch, denn das Kind wird dadurch leicht in die Opposition gedrängt, weil es sich außerhalb der Schule keinem geistigen Zwange beugen will. Von jüdischem Geiste getragen, bedeutet doch keineswegs, stets von jüdischen Dingen zu reden. Wer .durch die Tat Nachsicht und Güte beweist, wer soziales Verständnis nnd Toleranz im Hause zeigt und Mildtätigkeit übt, auch ohne Unterschied der Konfession, der.ist jüdisch im Sinne der biblischen Lehre und wirft durch sein Beispiel. — Ich komme auf den Anfang meines Referats zurück, daß die heutige Jugend eine andere ist als die frühere, daß sie religiöse Feste im Etternhause oft schmerzlich vermißt. Hier entsteht so mancher Konflikt, der sich bei gutem Willen leicht vermeiden ließe. Die Ettern, die nie mit den Zeremonim vertraut gemacht worden sivd, können natürlich die Weihe der Stunde nicht aus sich heraus schaffen, aber etwas können sie doch tun, nämlich die Kinder nicht an der Ausführung ihrer Bestrebungen hindern, sondern sie im Gegenteil nach besten Kräften fördern. Aus sich heraus, aus dem Gefühl tiefer Religiosität und jugendlicher Begeisterung. — Mag sich heute die Jugend selbst einen Sederabend gestalten. Die Freude über das, was unsere Kinder aufbauen, wird uns vergessen lassen, was wir entbehrt haben. Eine ausgezeichnete Belebung und Förderung dieser Ideen bieten die jüdischen Jugendverbände, sowett sie liberale Tendenzen verfolgen. Kurzsichtige werden den Einwand erheben, daß diese Organisationen die Knürer sehr an sich fesseln und sie damit dem Elternhause entfremden. Ich glaube eher das Gegenteil, denn durch das, was sie in diesen Verbänden lernen und pflegen, werden sie etwas von der religiösen Verkiesung in das Elternhaus bringen, ja oft den Eltern erst beweisen, was Freude am Judentum im schönsten Sinne des Wortes bedeutet. So kann das jüdische Haus im Zusammenwirken mit Unterricht, Jugendgottesdienst, Lektüre und Jugendverbänden darauf hinwirken, eine Generation von bewußten Juden zu erziehen, die stolz ist auf ihre Vergangenheit und empfänglich für alle Werte deutscher Kultur, und die dann auch im Stalwe sein wird, Angriffe energisch abzuwehren und liberales Judentum in der Zukunft zu betätigen. Wenn religiöse Feiern und Feste im Familienleben wieder den Platz einnehmen, der ihnen zukommt, dann wird unsere Jugend mit reinem Herzen und starkem Sinn das jüdische Heim wieder zu dem machen, was es früher war, nämlich zu unserem zweiten Gotteshaus. Und zur Wahrheit wird wieder der Spruch werden, das herrliche Segenswort Bileams: ,IZie schön sind deine Zelte, Jakob, deine Wohnungen Israel."!! — Kalendarium f. die Zeit v. 28.10. b. 5.11.1927 Okt.-Rov. 192? Lheschlva« 5686 Sonnabend 29 3. Wochenabschnitt: Noah Hastarah: Jesaia, Kap. 64,1—64,17: . Sonntag 30 4. 66,1—66,6 Sabbat-Ausgang: 5.28 Uhr Montag 31 5. November 1927 Dienstag 1 6. Mittwoch 2 7. Doynerstag 3 8. Freitag 4 9. Sonnabend 5 10. Wochenabschnitt: Lech l'cho Hastarah: Jesaia 40,27—40,31; 41,1—41,16 Sabbal-AnSgangr 6.15 llhr

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