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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-10-28 · 43 (28.10.1927) · page 10

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
43 (28.10.1927)
Date
1927-10-28
Page
– (sequence 10)
Language
German
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-Prägung religiöser Anschauung auf die gottesdienstliche Uebung bar. Hai der Kultus heute noch eine Existenzberechtigung'? Er könnte bei entsprechender Reform auch in der heutigen Zeit der Gemeinschaft und dem Einzelnen gegenüber wichtige - Aufgaben erfüllen. Man muß aber erkennen, daß der Kultus nicht Religion selbst ist, sondern daß er ein Mittel zum Zweck darstellt, zur Erhaltung der religiösen Gemeinschaft sowie zur Vertiefung der religiösen Persönlichkett beitragen kann. Ter Kultus, insbesondere der gemeinsame Gottesdienst, ist für den Einzelnen der notwendige äußere Anlaß, sich von den Sorgen und Mühen des Alltags zu lösen und die Stätte aufzusuchen, an der er Menschen trifft, die gleich ihm sich erheben und auf sich besinnen wollen. Diese Gemeinsamkeit des Zieles und das Beispiel der anderen bestärken ihn in, seinem Vorhaben und können die Stimmung schaffen, durch, die das Materielle verscheucht wird. Das Bewußtsein der! Gemeinschaft wirkt anregend und belebend. Der Kultus will aber noch ein zweites Ziel verfolgen, nämlich den Einzelnen amuregen, über sich selbst, fein Dasein und den Sinn seines Levens nachzudenken. Dadurch kommt er zur Erkenntnis, daß eine Gemeinschaft erstrebt werden muß, die nicht nur durch Hußere Übungen geschaffen und zusammengehalten wird, sondern die durch Steigerung seelischer, aeistiger und sittlicher Kräfte der Einzelnen zu einer höheren Stufe der Vollkommenheit emporsteigt. So hat der Kultus die Aufgabe, die reckte Gemeinschaft ru stärken und individuelle Kräfte frei zu machen zur Schaffung der idealen Gemeinschaft. Die Notwendigkeit der Existenz d«S Kultus ist durch diese Präzisierung seiner Aufgaben erwiesen. Doch es handelt sich bei dem Konflikt zwischen JnLivfouum und Gemeinschaft nicht um die Existenz, sondern um "die Form und Wertung des Kultus, um die Art der Durchführung der kulluellen Aufgaben. Dazu sollen sich Individuum und Gemeinschaft gegenseitig ergänzen, wobei Konflikte entstehen müssen, weil oer eine bei der Gestaltung des Kultus mchr Rücksicht auf das Individuum, der arwere auf die Gemeinschaft nehmen will. Das Problem „Individuum und Gemeinschaft" wird auch der Liberalismus in Bezug auf den ' Kultus nicht zur Lösung bringen können. Dennoch werden die Menschen sich stets bemühen müssen, Lösungen zu suchen, foeil dadurch bis zu einem gewissen Grade Versteinerung und Rückständigkeit vechindert wird und die Entwicklung in Fluß bleibt. Wir werden also versuchen müssen, diese Aufgabe zu lösen und werden daher die Frage stellen: Wie muß der Kultus gestaltet werden, um seine doppelte Aufgabe zu erfüllen, das Bewußtsein der realen Gemeinschaft HU beleben und Anregung für den Einzelnen zu jein, die in' , chm vorhandenen ethischen Kräfte zu wecken und zu stärken. Im Laufe unserer Betrachtung über die Stellung des modernen ' Menschen zum Kultus hatten wir erkannt, daß der Kultus im Leben des Menschen deshalb an Raum und Bedeutung ' verloren hat, weil der Mensch sich veränderte, der Gottesbegriff abstrakter wurde und daher die Aufgaben des Kultus, dem man eine viel zu große Bedeutung vermaß, unerfüllbar schienen. Diese Erkenntnis der Schwierigkeiten ist von Be- ' dentung, wenn man versucht, die Frage zu beantworren, Wie Muß der Kultus gestaltet werden, um seine Ausgaben dem Individuum und der Gemeinschaft gegenüber zu erfüllen. Die Menschen früherer Jahrhunderte empfanden die Religronsübnng als einen Teil ihres täglichen Lebens. Diese gemeinsame Pflicht, di« einen großen Raum in ihrem Dasein ' ein-nahck, stärkte das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit. ' Bei uns heutigen ist, wie wir feststellten, das Pflrchtbewußtsem dem Kultus gegenüber nur in schwacher Form vorhanden, auch das Gemernschaftsbewußtsein hat an Intensität verloren. Ter Mensch hat sich gewandelt, seine Lebensführung und seine Lebensanschauung ist eine andere geworden. Daraus ergibt sich, daß der moderne Kultus zwei Forderungen zu erfüllen hat: Er muß auf den Menschen Anziehungskraft ausüben, um die entgegengesetzten, materiellen , Kräfte für eine bestimmte Zeit zu bannen. Er muß ferner das Gemeinschaftliche jüdischen Lebens, jüdischer Vergangenheit s und Zukunft betonm.!... Rein äußerlich muß dieses Gemeinschaftsgefühl betont .werden, dadurch, daß dem Gemeindegesang auf Kosten des Kunstgesanges mehr Raum im Gottesdienst zugewiesen wird. Es wäre ferner zu erstreben, in der Synagoge die einzelnen Familienmitglieder nicht voneinander zu trennen und mit dem alten Brauch zu brechen, den Frauen einen besonderen Teile des Gotteshauses zuzuweisen. Mchr Wert müßte darauf gelegt werden, an Freitag- Abenden am Seder urrd an den Festtagen zusammenzukommen, um diese, der Familie Vorbehalte neu Feiern, denen eine große Anziehungskraft innewohnt, auch denen zugänglich zu macken, die aus irgendwelchen Gründen diese religiöse Anregung entbehren, um ihnen zum Bewußtsein zu bringen, daß. auch sie Glieder der großen jüdischen Famllie sind. Es ist selbstverständlich, daß in den Gebeten und Predigten das Gerneim same hervorgchoben werden muß.' Soll das alles wirken, dann muß der Kulms zunächst den Einzelnen von dem Treiben und Jagen des Alltags lösen. Ter Gottesdienst muß dem Menschen durch Gesang und Orgelspiel und vielleicht auch durch die bisher vernachlässigte künstlerische Rezitation.erfreuen und somit eine Anziehungskraft ausüben. Es ist natürlich notwendig, für diese Rezitation gute Uebersetzungen und geeignete Gebete zu schaffen. Tie Predigt soll belchrend und anregend wirken, den Einzelnen zum Nachdenken veranlassen. Es sind das alte Forderungen, die ich nochmals hervorheben wollte, weil sie immer noch selten erfüllt werden und tveil man die Tatsache so wenig beachtet, daß der moderne Mensch nur sehr selten aus religiösem Bedürfnis zur Synagoge eilt. Vielmehr kommt er, belastet mit allen Sorgen und Eindrücken seines Tagewerkes urib muß erst innerlich geweckt und andächtig gestimmt werden. Selbst wenn diese Vorbedingung erfüllt ist, hat der Kultus : noch eine zweite Schwierigkeit zu überwinden, weil sich die Stellung des Menschen zu Gott geändert hat. Dem modernen Menschen erscheint es kleinlich und egoistisch. Vorteile für; seine Person oder die Gemeinschaft, der er angehört, zu erflehen. Er sieht den Sinn und Zweck des Kultus darin, dem ■ Menschen zum Bewußtsein zu bringen, daß er nicht für sich alleine auf Erden lebt, sondern daß er eine Pflicht an der Gesamthett zu erfüllen hat. Im einzelnen soll über Egoismus und Materialismus die Zuversicht triumphieren, daß ihm die Möglichkeit gegeben ist, der ethischen Vollendung zuzuftreben, er soll sich, nicht als bettelnde Kreatur, sondern als ein um seine Persönlichkeit ringender Mensch fühlen. Dem hat der Kultus Rechnung zu tragen. Hier eröffnet sich der Arbeit an der Entwicklung des Kultus infolge seiner Rückständigkeit ein großes Gebiet. Um die eben geschilderte Aufgabe zu erfüllen, muß sich der Kultus hauptsächlich an das Individuum wenden. Es erhebt sich die Frage, ob dabei nicht die Gemeinschaft zu kurz kommt. Wir haben vorher bereits festgestellt, daß es eine unlösbare Aufgabe zu sein scheint, in Bezug auf den Kultus den richtigen Ausgleich zwischen Gemeinschaftsbewußtsein und Individualismus zu schaffen. Ter Versuch muß jedoch gemacht werden, den Kultus so zu gestalten, daß er soviel wie möglich gleichzeitig der Gemeinschaft und dem Individuum Rechnung tragt. Was ist also zu tun? Tie Unzufriedenheit mit dem Bestehenden ist für den Menschen oft die Anregung gewesen, an der Verbesserung und Aenherung zu arbeiten und Neues zu schaffen. Denken wir an die Propheten, die durch den Universalismus chrer Auffassung des Nationalismus überwunden, an die fortschrittlichen Pharisäer im Gegensatz zum Konservatismus der Sadduzäer, an, die Chassidem, die das Gefühlsmäßige, Mystische betonen, um die rein verstandesmäßige Religionsauffassung der Talmudisten, die ihnen nicht genügte, zu überwinden, denken wir an uns Liberale und unsere Stellung zur Orthodoxie. Wir schm daran, daß sich aus Unzufriedenheit mit dem Gegebenen von der Gesamthett Gruppen lösen, die die religiöse Anschauung und die religiöse Uebung ändern und wandeln, die Möglichkeit der Baration schaffen und damtt erreichen wollen, daß das Judentum seine Macht über die Menschen behätt. Uebertragen wir diese Erfahrungen auf unsere Frage, so ergibt sich die Forderung, durch Gruppenbildüng, Mannigfaltigkeit imb Variation der kulturellen Formen auf weite Kreise zu wirken. Es wäre demnach widersinnig, große Synagogen zu bauen, vielmchr sollen kleinere Gruppen versuchen, den Kultus nach chren Bedürfnissen zu gestalten. Dabei fällt gerade der Jugend ein großer Anteil zu. Man könnte vielleicht einwenden, daß jungen Leuten Pietät und Rücksicht fehlt, doch das darf nicht bestimmend sein, die Jugend bei dieser wichtigen Aufgabe des Liberalismus auszuschaletn. Dadurch, daß die Jugend unbekümmerter und darum freier ist, können von ihr stärkere Impulse ausgehen, unsere Aufgabe wird es sein, diese Anregungen praktisch zu verwerten. Drese Gruppenbildung bewirkt eine gewisse Berschiedenartigkett des Kultus. Tie Warwlungsfähigkert in Bezug auf Gebete, Liturgie, Melodien und auch die Person des Predigers muß betont werden, wett eine solche Abwechslung vor Veräußerlichung schützt und die Dköglichkett gibt, den religiösen Bedürfnissen weiter Kreise zu genügen. Auch die Prediger sollten wechseln, wett selbst der beste RÄner ganz bestimmte Spezialgebiete hat, die er immer wieder bchandell und wett der Redner, den man oft hört, an Wirkung verliert. In den Gottesdiensten der kleineren Gruppen würde die Heranziehung von Nicht-Theologen als Redner rm Interesse einer freieren Gestaltung wertvoll sein. Droht durch die Gruppenbildung nicht eine Auflösung der Gemeinschaft? Dann nicht, wmn das Bewußtsein einer größeren Gemeinschaft anzugchöven diese Grrrppen zusammenfaßt, da es sich nur um eine Gruppenbttdung in Bezug auf.den Kultus handelt. Ter Zusammenhang wird erreicht durch den Hinweis auf die jüdische Vergangenheit, das Gemeinsame unserer Gegenwattsaufgabe und das Ziel, das Gemeinschaft aller Menschen ist. Es dürfte von Wett sein, die Erfahrungen der einzelnen Gruppen der Allgemeinheit zugänglich zu machen und in Konferenzen — das ist ein wichtiger Punkt für die Arbei: des Liberalismus — den Ausbau des Kultus zu besprechen. Es werden durch diese Beratungen und durch den Meinungsaustausch Anregungen, vielleicht auch bestimmte Richtlinien gegeben. , So kann Auflösungsbestrebungen vorgebeugt werden, gleichzeitig wird dadurch ständig die Arbeit an der Entwicklung des Kultus fortgesührt. Unsere Bttrachtungen über Kultus, Gemeinschaft und Individuum zeigten uns, daß bis zum Beginn des vorigen Jahrhunderts der Kultus besonders stark auf das Gemein schaftsbewußtsein wirkte, dadurch die individuelle Entwicklung vernachlässigte und die Verbindung mtt den religiösen Anschauungen verlor. In unserer Zett wurde der Zusammenhang mit den Menschen immer schwächer. Das lag daran, daß der Kultus die Wandlungen oer Lebensgewöhnhetten und der Anfichten sowie der Aenderuna des Gottesbegriffs nicht genügend Rechnung trug, daß der Kultus für einen wichtigen Tett der Religion gehalten wurde, während er ein Mittel' zur Erfüllung der religiösen Aufgaben ist. Daraus ergab sich die Erkenntnis, bei der Arbett an der Entwicklung des Kultus diese Schwierigkeiten zu berücksichtigen und Formen der religiösen Uebung zu suchen, die sowett als möglich einen Ausgleich zwischen Gemeinschaftsbewußtsein und Individualismus schaffen, also das Gemeinschaftliche betonen und auch auf die Einzelpersönlichkett einwirken. Ter Kultus muß also durch, Wandlungsfähigkeit den Zusammenhang mtt dem Menschen schaffen. Das Ziel ist gegeben und für uns deutlich sichtbar. Tie Wege, die zu ihm führen, zu bahnen, ist die Aufgabe des liberal en Judentums, an der wir mtt Tatkraft und Ausdauer Mitarbeiten wollen, damtt das, was wir bei unserer Betrachtung der wechselseitigen Beziehungen von Kultus, Gemeinschaft und Individuum erkannt haben, die reale Gemeinschaft stärkt, die Entwicklung der Persönlichkett fördert und so am Aufbau der idealen Gemeinschaft mttwirkt, damtt die Theorie zur Praxis wird und die Betrachtung zur Tat führt Das 7 "Helm — unser zweites Gotteshaus Referat für die Frankfurter Hauptversammlung von Vianka Hamburger-Berlin Unsere Jugend ist in einer ernsten Zeit ausgewachsen. Sie hat die wirtschaftliche Not und den Kampf ums Dasein kennen gelernt, und an die Stelle sorglosen Frohsinns trat leider sehr bald die Notwendigkeit, ftch eine Existenz zu schaffen. Aber all diese Sorgen waren nicht imstande, die geistigen Interessen und die idealen Bestrebungen der Jugend zu verdrängen. Unsere Kinder sehnen sich nach etwas Höherem, um nicht unterzugehen im grauen Alltag, sie vereinen sich mit Gleichgesinnten/ sie suchen in der Religion, in der Kunst, in der Natur Erbauung und Anregung. Sie pflegen Kameradschaft im besten Sinne des Wortes. Was kann, was muß das liberale Judentum tun, um diese jungen Menschen für ihre Idee zu gewinnen? Das Judentum kennt als alleinige Religion neben dem öffentlichen Gottesdienste gleichberechtigte religiöse Feiern und Gebräuche in der Häuslichkeit. Während der Opfettempel noch stand, schuf es sich eine neue Stätte der Andacht, die Synagoge. So konnte der Tempel verschwinden, ohne daß die Gemeinde der Andachtstätte entbehtte. Aber gleichzeitig mit der Synagoge schuf man sich eine zweite Andachtsstätte in der Familie. Wenn wir auch das genaue Jahr dieser Epoche nicht bestimmen können, so steht doch die Tatsache fest, daß man dem häuslichen Gebete die größte Aufmerksamkeit und Berücksichtigung schenkte. Rein äußerlich versah man den Tisch des Hauses mtt den gleichen Symbolen, wie sie im Gotteshaus üblich waren. Bedeuteten doch die Sabbatlichte und der Feftstrauß gleichsam eine Wiederholung des Tempelschmucks, den man also nicht nur in die Synagoge, sondern auch in das Haus übernommen hatte. Während das Händewaschen nach der Mahlzeit hygienischen Ursprung hatte — es sollte verhüten, daß die sodonntischen Salze dem Auge zugeführt würden —, entsprach die Waschung vor dem Essen mehr einer Weihehandlung. Indem man Brot und Salz aus den Tisch stellte, machte man ihn dadurch symbolisch zu einer Art Opferstätte. Es ist bezeichnend für die geringen historischen Kenntnisse der modernen Juden, daß ihnen diese Sitte sehr selten als eine altjüdische bekannt ist. Noch mehr aber wird die Anerkennung der häuslichen Andachtsstätte durch die Einhaltung bestimmter Gebetszeiten betont. Wenn auch das Schofarblasen ursprünglich zum Tempelritus gehörte, so wurde es doch im Hause wiederholt, sofern ein Kranker es anders nicht hätte hören können. Die Sederfeier ist sogar von Anfang an eine häusliche Feier. Aus deu Namen der in der Hagadah genannten Gelehrten ersehen wir, daß sie bis in die Zett der Tanaiten hinaufreicht. Auch der Channukahleuchter ist in seiner ursprünglichen Bedeutung für das einzelne Familienhaus gedacht. Ebenso verhält es sich mtt der Laubhütte, die ihre eigentliche Erfüllung nur im Familienkreise hatte. Dies ergibt sich aus der Schilderung dieser Feier im Buche Esra. Wenn sie später auch bei der Synagoge ihren Platz sarch, so sollte sie dott lediglich dem Ortsfremden dienen. Durch diese häuslichen Feiern mußte die Stellung der Frau im Judentum, die wir am besten aus dem 31. Kapitel der Sprüche Salomos kennen, sehr erhöht werden. Indem man ihr die Pflicht der Chaloh, der Hebe vom Festbrot und das Anzünden der Lichte bei den häuslichen Feiern auferlegte, wurde ihre Persönlichkeit mtt priesterlicher Würde umkleidet. Das schöne Wort der Weisen „der Schmuck der Königstochter ist im Innern des Hauses" bezieht sich wohl auch auf diese häuslich religiösen Feiern. So besitzen wir aus jener Zeit Beweise, daß die Frau und Mutter allgemein verehrt wurde, das aber läßt auf ein inniges Familienleben schließen, als dessen Hüterin die Frau angesehen wird. Mer nicht nur tu der Stellung der Frau zeigte sich der stark ausgeprägte Familiensinn im Judentum. Wird doch die Verehrung von Vater und Mutter im 19. Kapitel des 3. Buches Mose an die Spitze der Gebote gestellt, noch vor die allgemeinen Gesetze über die Beobachtung des Sabbat. Schon in frühester Jugend lentten die Kinder damals aus dem Buche der Bücher die Pflicht der Liebe und Dankbarkeit gegen ihre Eltern kennen. Religion und Familiensinn waren im Judentum stets eng verbunden. Nur wer den Frieden des eigenen Hauses genießt und sich dieses Glücks bewußt ist, kann Verständnis für das Leid Anderer aufbttngen und die Pflicht erkennen, nach besten Kräften zu helfen. Durch die Vorschriften und Zeremonien beim Festmahl sollte dieses als Ausdruck frommer Gesinnung über den Genuß selbst erhoben werden. Aus dieser häuslichen Atmosphäre entwickelte sich das hohe soziale Verantwortungsgefühl, das bis zum heuttgen Tage ein Ruhmesblatt unserer Geschichte geblieben ist. Ich denke u. a. an die rührende Erzählung des Rabbi Nachmann Ben Jsak: „Ein Caldäer habe einst seiner Mutter prophezeit, ihr Sohn würde ein Dieb werden, doch die liebvolle Sorgfalt und die gläubige Erziehung seiner Mutter habe aus ihm eineu Beschützer fremden geistigen Eigentums gemacht." Neben dem Freitag-Abend waren andere häusliche Feste, wie der Sederabend, das Purim- und das Channukah-Fest Höhepunkte im häuslichen Kreise. Die Freude an der Behaglichkeit des Hauses war die Veranlassung, die Wohnräume zu Ehren des Sabbat mit Zweigen und die Laubhütte mit farbigen Stoffen und Laubgewinden zu schmücken. Ja, die Liebe zur Pflanzenwelt ließ oft am Gotteshause selbst einen Garten anlegen. Dem Empfinden für die Pflege der Wohnung entsprang auch der Sinn für Sauberkeit. Tatsache war jedenfalls eine verhältnismäßig geringe Sterblichkeit der Juden bei Seuchen, und durch dieses Faktum entstanden häufig die Gerüchte über die -Brunnen- Vergiftung durch die Juden. __ Trotz all der Leiden und Verfolgungen, die das Judentum durchzumachen hatte, ist der Grundzug seiner Religion nie Trauer und Verneinung gewesen. Bereits im Mittelalter war man zu der Erkenntnis ge langt, daß der Sinn für die Behaglichkeit in der Häuslichkeit im engsten Zusammenhänge stehen müsse mit dem hohen Verantwortlichkeitsgefühl der Eltern für eine sorgsame Ec^ ziehung ihrer Kinder im Geiste der Tradttion, damit das Kind schon frühzeitig mit den Sitten und Gebräuchen seiner Religion vertraut gemacht werde. So sangen die Mütter damals oft hebräische Gebete als Schlummerlieder, und die Pflicht, den Unterricht zu fördern, galt noch wichtiger, als zum Unterhalt des Gotteshauses beizutragen. Die Ghetionovellen im allgemeinen, insbesondere auch zwei der schönsten von Aron Bernstein, dem Begründer der Berliner jüdischen Reformgemeinde, Mendel Gibbor und Vögele der Maggid geben uns lebendige Schilderungen dieser häuslichen Feiern. In wahrhaft klassischer Form beschreibt uns Aron Bernstein die Sabbatruhe: „Und der Schabbos war über die Well gekommen, nicht ein Freund der Reichen allein, sondern ein Freund auch des Aermsten der Armen. Die Hand des Friedensengels fuhr über das sorgenvolle Antlitz der Männer, sie verschönend, über das frühgealterte Antlitz der Weiber, sie verjüngend. Mit reichem Segen beladen, gingen die Heerscharen des Allmächtigen von Haus zu Haus, von Stübchen zu Stübchen, von Kämmerchen zu Kämmerchen, wo auch nur zwei arme Schabboslämpchen, zwei Lichtstümpfchen brannten. Wo mehr der Flämmchen den engen Raum erleuchteten, da glänzten zumeist auch mehr der Kinderköpfe, und auf dem Haupte jedes Kindes sahen die Engel des Schabbos die Hand des Vaters und die Hand der Mutter eine kleine Weile ruhen und legten zu deren Segensspruch auch den ihrigen darauf nieder." Wer von uns empfindet nicht wehmutsvoll die Innigkeit und Sehnsucht in Heines „Prinzessin Sabbat"? Bitte 79

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