Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 17 (29.4.1927)
- Date
- 1927-04-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Bürgertums wieder durch stärkere Fruktifizieruug des antisemitischen Schlagwortö versuchen oder bestrebt sein wird, durch gänzliche Ausschaltung des Hakenkreuzlertums das j ü d i s ch e N e r t r a u e n in größerem Maste?.u erwerben, alö cS ihm diesmal geglückt ist. Deine Entscheidung für die eine oder die andere Taktik wird gewiß für die Juden in Oesterreich von einiger Bedeutung sein, doch ist die Stärke der sozialdemokratischen Partei ir, Staat und Stadt jedensalls eine sichere Gewähr dafür, datz die antisemitischen Bäume nicht in den Himmel wachsen. Klee-Blüten. 3it K öln hielt lant Bericht des dortigen jüdisch-nationalen Organs der Berliner Zionistenführer Dr. Klee eine Rede, die mit dem Dithyrambus schloß: „In dem Ga lut sind nnd werden von den Juden Hekatomben gebracht, in P a l ä st i n a keine Menschenopfer. In Palästina ist Ausbau, im Galut n n r B e r n i ch t u n g. Darum gibt es nur eine Entscheidung aller Inden: für P a l ä st i u a!' Herr Dr. Klee ist als glänzender Redner bekannt, dem man schon mit Rücksicht auf seinen Beruf ein gewisses Pathos zugute halten must. Als Rechtsanwalt kommt er sicher oft in die Zwangslage, eine faule Sache vor den Schranken des Gerichts st» möglichst vorteilhafte Beleuchtung zu rücken. Warum 'ollte er von solchem Usus gerade in bezug auf den Palästina-Aufbau, über dessen wirkliche Chancen sich berufene Schilderer in Nr 10 der „Indisch-liberalen Zeitung" wesentlich skeptischer ausgesprochen haben, abmeichen? Wenn freilich die phantastische Darstellung des heutigen Palästinas alS eines Landes, in dem Milch und Honig fließen, während die Inden außerhalb Palästinas hekatombenweise zugrunde gehen, an einem Orte gewagt wird, wo die Nötigung entfällt, einen grimmig dreinblickenden Staatsanwalt und eine anregungsbcdürstiqe Geschworenenbantzum Lachen zu bringen, dann must man sich schon die Frage gestatten: Herr Dr. Klee, wenn Sie das, was Sie da so hinreißend geschildert haben, wirklich glauben, ja warum gehen Sie dann nicht s ch l c n n i g st s e l b st hinüber ins gelobte Land » Und wenn schon ihre eigene Person durch eine tragische Verkettung widriger Umstände im fürchterlichen Elend des Galut festgehalten wird, warum sorgt ihre Väterliche nicht dafür, wenigstens ihren Kindern das Paradies im Jordantale so rasch wie möglich zugänglich zu macherl? Man bat bisher noch keine Symptome dailir bemerkt, daß Ihre Sprößlinge den dornenvollell Pfad der Palästina-Pioniere der schönen, breiten und gepflegten Straße vorziehen. in der das elterliche Heim das beruhigende Gefühl lnenschlicher und sozialer Geborgenheit verleiht. Nicht alle jüdischen Kinder sind so gut behütet. Zum Teil — welni auch sicher znm kleineren Teil — haben sie zionistische Eltern, die ans ihrer volitischen Einstellung jene Konseguenzen .sichen, die die Wortführer der Parte« für sich und ihre Familie vermissen lasten. Diese verblendeten Eltern bringen, die schwersten seelischen und materiellen Opfer, bis sie ihre Kinder dahin gebracht haben, der - englischen Mandatalrnacht di e Wege in Vorderasien ,iu ebnen, und zwar im wörtlichsten Sinne: mit der Harte, dem Spaten lmd dem kärglichen Brot des St r a st e n a r b e i te r S.... Die überwiegende Mehrheit der jüdischen Eltern ist vernünftig genug, ihre Kinder zn dem Grundsatz zu erziehen: Bleibet im Lande und nähret Euch redlich! Leider müsten sie zum Teil die Erfahrung machen, daß die vom Pubertätsdrang geweckte, in früheren Zeilen von „Lederstrnmpf"- und Karl-May-Lektüre befriedigte Abenteuerlust der jüdischen Jugend heute von politischen Rattenfängern in eine reale Richtung gedrängt wird, die mehr an Gefühlswerten als an greifbaren Gütern zn bieten hat. Schwere Konflikte im Schoß der jüdischen Familien, «ine gamz n n j ü d i s ch e Entfremdung zwischen Eltern nnd Kindern ist die Folge der zionistischen Pädagogik, die mit der, Vergiftung der jugendlichen Se'e l e n durch pyhitiiche Schlagwörter beginnt und mit der Vergiftung der jugendlichen Körper durch die Malariasümpfe Palästinas endet. Kann es eine größere Gewiffenlosigkeit geben, als diese Methodik, die von den Zionistenflihrern in Deutschland nnd Oesterreich angervendet wird? Gottfried von Bouillon hat sich, als er seine Kreuzfahrer nach Palästina führte, mit dem Rufe „Gott mit uns!" in Not und Tod an die Spitze seiner Scharen gestellt. Die moderner» Zionistcnsührer beanügen sich weise, den von ihnen Mobilisierten ein freundliches „Gott mit Euch!" auf den mühe- und gefahrvollen Weg mitzugeben. Sie selber aber bleiben zu Hanse und ruhen sich auf ihren Lorbeeren aus. Auf jenen Lvrbecern, die sie sich jahrein, jahraus mit der Beschimpfung derer erwerben, die — auch >u Hanse bleiben, aber mit dem Unterschied, haß ihnen — irn Gegensatz zu den Zionisten — der Dienst um die Heimat nicht als Verleugnung prahlerisch verkündeter Theorien gedeutet werden kann, sondern Herzenssache und f r e n d i g empfundener Se l bst zweck ist. Vorsehung. Das „Israelitische Jamilienblatt" bringt in seiner Nummer 16 folgendes Inserat: Sinheikat.M-K" sol»n,!»2 £?. olt, sell'sti». I. all. vork. Arb. b. Rind» II. <? d) ro t i n emetzgcrei, sucht in gutgeh. ühnl. betrieb einzuheiraken. uro tüchtige Kraft fehlt. Um Gottes Willen, was ist da geschehen? Wie kommt ein Sch we i n e m e tza e r in ein Blatt, dem ein Stab.religiöser Nihilisten unter Anstrengungen, von denen sich ein wirklich Frommer keine Vorstellung macken kann, einen orthodoxen Anstrich zu wahren sucht? Die Antwort ans diese Frage ist sehr einfach. Der liebe Gott hat es in seinem unerforschlicheu Ratschluß. gefügt, daß der Mensch nur vorn Augen hat. Auch der strenge Zensor, der über die rituelle Unanfechtbarkeit des „Israelitischen Familienblatts" unerbittlich wacht, kann daher nur den vorderen Teil seines Blattes, den Textteil, im Auge behalten. Was hinten — im Inseratenteil — geschieht, das kann er nicht sehen... So hat die göttliche Vorsehung, die die Tiere des Waldes nährt und die Lilien des Feldes kleidet, auch dafür gesorgt, daß dem „Israelitischen Jamilienblatt" kein Geschäft verloren zu gehen braucht . . . Die Blvßstellcr des Deutschtums. Das tschechoslowakische Postministerium hat einen Erlaß herausgegeben, der die Beförderung österreichischer und deutscher hakenkreuzlerischer Zeitschriften untersagt. Diese Regiernngsverfügung muß als eine empfindliche Beschämung des Deutschtums gewertet werden. Denn bei der politischen Ohnmacht, zu der die Nichtslawen in der Tschechoslowakei bei der derzeitigen Konstellation der Dinge verurteilt sind, kann das Deutschtum seine Ansprüche auf einen Platz in der Sonne in diesem Laude nur auf kulturellem Wege zur Geltung bringen. Das hat es ja auch kräftig genug versucht und die Tschechen bekommen immer wieder zu hören, daß sie, eingeschlossen von zwei deutschen Staaten und im eigenen Lande von einem Kranze reindeutschen Sprachgebietes ihre Kultur nnr dem Germanentum verdanken. Dieser Argumentik gegenüber wirkt das zitierte Einfuhrverbot deutscher und österreichischer Hakenkreuzzeitnngen als eine Abwehrgeste voll Ironie und Sarkasmus. Es heißt so viel wie: „Seht, wir Wilden sind doch besterc Menschen! Wir. die angeblichen Unterdrücker nationaler Minoritäten, sperren uns gegen den Import eines Geistes, der in der Unterdrückung anderer Rasten das Um und Auf der Politik erblickt. Und wenn uns Deutschland und Oesterreich keine anderen Kulturschätze zu bieten haben als die Produkte dieses Geistes, dann danken wir verbindlichst für ein-o weitere Bereicherung unseres Geisteslebens aus den angeblichen Wiegen unserer Kultur!" Die Groteske wird noch durch die Tatsache erhöht, daß das Hakenkreuz in Oesterreich und. auf dem Umweg über dieses auch in Deutschland, sich als Import aus Deutschböhmen erweist. In den Alpenländern ist die Bevölkerung in erster Linie katholisch -gläubig eingestellt und nur soweit die Kirche das antisemitische Schlagwort als Mittel zum Zweck fruktifizierte, hat dieses sich durchzusetzen vermocht. Der Antisemitismus als Selbstzweck, als zoologisches Prinzip, hat nur unter den Sudeten deutschen seine begeisterten Apostel gefunden. Und diese Begeisterung war oft im Grunde nichts anderes als der erfahrungsgemäß besondere Radikalismus des — Proselytentums. Denn die radikalsten Verfechter des Teutonentums im altösterreichischen Parlament trugen slawische Familiennamen und verrieten dadurch, daß ihr Deutschtum nicht gerade aus den Tagen Hermanns des Cheruskers datierte. Und diese „Inngdeutschen" — in jedem Sinne des Wortes — wagten es, die uralte Verbundenheit von Deutschtum und Judentum zu bestreiten und zu zerstören. Sie haben dadurch die opferfreudigsten Vorkämpfer des sndeienländischen Deutschtums vor den Kopf gestoßen, ihnen, wenn schon nicht die Treue, so doch die Kampfessreude geraubt und die junge Generation zum Teil dem Schemen einer eigenen jüdischen Natron zugetriebcn. Noch beute, da die Sudetendeutschen sich einer fremdnationalen Herrschaft auSgeliefert sehen, der gegenüber größte Einmütigkeit geboten wäre, verhindern sie durch den Arier Paragraph den Zusammenschluß aller Deutschgesinnten. Dadurch berauben sie sich nicht nur selbst der Möglichkeit ihrer politischen Erstarkung iW einer bedrohten Position, sondern sie kompromittieren das Deutschtum aus der ganzenWelt. Schließlich waren die Deutschen, lange bevor sie als kaufmännische Konkurrenten gefürchtet wurden, berühmt altz das Volk der Dichter und Denker. Deshalb sollte sie der Stolz über die Exportfähigkeit deutscher Industrie- Produkte nicht unempfindlich machen gegen die Blamage, die in der Sperrung der tschechoslowakischen Grenzen gegen den Import gewisser deutscher Geisteserzeugnisse liegt. _Dr. Hugo Spiegler. Die Schreib- und Lesekunst im alten Israel. Schreiben und Lesen gehören zu Leu ältesten Künstey i» Volke Israel, wenn sie sich auch nur in den engsten Kreise» bewegten. Ihre ersten Spuren lasten sich jedoch erst bei benjüdischen Amtleuten Nachweisen, die in Aegypten für di« einheimischer. Fronvögtc als Aufseher die Listen ihrer arbeitenden Volksgenossen zu führen hatten. Doch schon Mose verstand den Griffel so meisterhaft zu führen, wie keiner vor ihm. Zweifellos besaßen auch die Priester die Fähigkeit, und bei den vornehmen Israeliten darf man diese wohl annehmen. Zur Zeit des Richters Gideon muß die Schreibkunst schon ziemlich verbreitet gewesen sein, konnte doch selbst ein Knabe zu Suchoth, ihm die Namen von 77 Aeltesten und Obersten der Stadt aufschreiben. Während der Regierung, des Königs David bürgerte sich das Schreiben iu fast asten Schichten der Bevölkerung ein. Er selbst schickte eine» eigenhändig abgefaßten Brief an seinen Heerführer Joab, . und auch Jsebel. die Gattin Ahabs. wandte sich schriftlich an die Aeltesten von Jesreel. Bei dem Abschluste von Handelsverträgen. Kaufbriefen oder bei gerichtlichen Klagen war ■ bereits die Schriftform üblich, wenn auch der einfache Mann sich durchweg noch der öffentlichen Schreiber bediente, die ihr Handwerkszeug am Gürtel immer gleich mit sich führte». Wie die Schreibgeräte aber aussahen, läßt sich geschichtlich nicht , Nachweisen, wenn wir auch loissen, datz anfänglich steinerne " Platten. San len. dann Holz- oder Wachstäfelchen als Mä^ terial dienten, in das man die Schriftzeichen mit spitzen Metallstifteu ritzte oder eingrub. Stäbchen aus Rohr, welchen die kräftigen Schwungfedern verschiedener Bogelgattungen folgten, gehören einer viel späteren Zeit an, i» - der man schon die Felle der Esel. Ziegen. Schafe und Gazellen für Schreibzwecke besonders herrichtete. Nicht besser sah es in Israel mit der Lesefertigkeit öm& Es fehlt sogar dafür an jeder unmittelbaren Ueberlieferung; Jedenfalls unterwiesen die Eltern, wenn sie dazu überhaupt fähig waren, ihre Kinder darin: denn öffentliche Schule» , es noch nicht, und einen Hauslehrer konnten sich nur wohl-, . habende Leute halten. Erst zur Zeit des Propheten JesaiaS dürfte aus einigen Andeutungen zu schließen sein, daß auch der schlichte Mann, „der da an den Straßen vorbeiläikft". des Lesens nicht mehr unkundig war. Sicher blieben.auch die Bestrebunaen des , Königs Salomo, das Volk aus'eine höhere Bildungsstufe zu bringen, nicht ohne Einfluß auf die allgemeine Verbreitung der Lesekunst. Völlig zwecklos wäre es doch gewesen, daß die Propheten ihre Weissagungen, Sprüche und Lieder aufschrieben oder bekanntgaben. wenn sie von niemandem gelesen werden konnten. Erst während der 70jährigen babylonischen Gefangenschaft und nach der Rückkehr aus dem Exil trat in der Ausbreitung der Lesekunst ein gewaltiger Aufschwung ein. Vielfach üblich wars, daß die Eltern ihre Kinder zum Lesen der Thora unterwiesen und sie ferner mit der Geschichte ihres Volkes vertraut machten. Wilh. Wülkerling. Kalendarium für dleZelt vom 3«. i. 6.7.5.1927— April 1927 Riffan 8887 Sonnabend 30 28. Neumoudweihe Wochenabschnitt: Kedauschim Hrstarah: Amvs, Kap. 9,7—18 Mai 1887 Sabbat-Ausgang: 8,16 Uhr Sonntag 1 29. Montag 2 30. 1. Taa Rosch Ehod. Isar 5887 Dienstag S 1. 2. Tag Rosch Ehod. Mittwoch 4 2. Donnerstag r, 3. Freitag 6 4. Sonnabend 7 6. Wochenabschnitt: Emor Haftarah: Ezechiel. Kap. 47,16—81 Sabbat-Ausgang: 8,29 Uhr Abitur. OberseRii nda Vormittag-Abendschule. Private VorbereitiuiRsanstalt. Direktor Dansigcr. Berlin, Alte fakobstraßc 12-4. 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