Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 17 (29.4.1927)
- Date
- 1927-04-29
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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7. Jahrgang Nummer 17 i Beilage 29. April 1927 IWchliberaleZeckilL Aus den Gemeinden Aachen. t60. Geburtstag.) Am 2. Mat vollendet der an der hiesigen iüdischen Volksschule wirkende Lehrer Hermann Wallach sein 60 Lebensjahr. Gleichzeitig blickt er auf eine 40 jährige Dienstzeit als Lehrer zurück. Den zahlreichen Freunden, die an diesem Tage dem verdienstvollen Pädagogen mit tiefgründigster Bildung und umfassendem Wissen ihre Glückwünsche darbringen, müssen sich auch aus vollem Herzen die Anhänger der jüdisch-liberalen Bewegung anschlicßen. Gehört doch der Jubilar zu den eifrigen unmutigen Verfechtern der religiös-liberalen Anschauung, die er in Wort und Schrift wiederholt allen Anfeindungen zum Trotz bekannte. Besonders anerkannt wurde auch die von dem Jubilar verfaßte kleine Kinöerbibel. die vorzüglich geeignet ist. das Buch der Bücher dem kindlichen Gemüt nahe zu bringen. Ansbach. sN e u e F r i e d h o s s ch ä n d u n g.) Tie lange Liste der Schändungen jüdischer Friedhöfe, das häßlichste Symptom der Wirkung politischer Verhetzung, ist um einen neuen Fall erweitert worden. Ende der vergangenen Woche sind auf dem iüdischen Friedhof der jüdischen Gemeinde in Ansbach sieben Leichensteine umgeworsen und teilweise zerstört worden. Die polizeilichen Ermittelungen sind im Gange. Berlin. lVom -Hilföverein der deutschen Juden.) Der Hilfsverein der deutschen Inden hielt am Montag, den 25. April, abends, im Brüdervereinshaus seine diesjährige ordentliche Mitgliederversammlung ab. Voran ging eine Gedenkfeier für den vor einigen Wochen verstorbenen Mitbegründer und vieljährigen Vizepräsidenten des .Hilfsvereins. Dr. Paul Nathan, der an diesem Tage sein 70. Lebensjahr vollendet hätte. Aus der geplanten Festveranstaltung wurde eine Trauerseier. zu der sich neben den Mitgliedern des Hilfsvereins die Vertreter der verschiedenen jüd'jchen Draanisationeu eingefunden hatten. Die Bereinigung für bas liberale Judentum war durch ifir Hauptvorstandsmitglied, Herrn Rabbiner Dr. Salomonski. vertreten. Die Gedenkrede hielt Herr Dr. Bernhard Kahn, der fast zwei Jahrzehnte hindurch au der Seite Paul Nathans öa§ .Hilfswerk und die politischen Aktionen des Hi Isoliere ins zugunsten der leidenden Juden geführt hat. Herr Dr. James Simon, der nreiie Präsident des Hilfsvereins der deutschen Inden, gab in bewegten Worten ein Lebensbild Paul Nathans, dessen Kamps gegen die Schmach des Antisemitismus zugleich ein Kampf um die Sittlichkeit und um die Ehre des deutschen Vaterlandes war. Hieraus wrach der Generalsekretär des Hilfsvereins. Herr Dr. Mark Wischnitzcr. über „Das jüdische Wioderaufbauiverk in Rußland". Dr Wischnitzer, der als Vertreter des Hilfsvereins bei der Ozet-Kvmerem Paul Nathan ans seiner letzten Rußland-Reise begleitete und dort das jüdische Leben und die jüdischen Anfban-Bestrevimgell zum Goaenstaird eines eingehenden Studiums machte, gab ein fesselndes Bild vom jüdischen Leben und Werk im heutigen Rußland. Er skizzierte sodann eingehend den Plan der Negierungen der Sowjet-Union. 100 000 indische Familien, d. s. 500 000 Seelen, auf dem Lande anzusiedeln. Es hat sich gezeigt, daß nnge- -fähr 8000 Familien <25000 Menschen) im Jahre angesie-delt "werden können. Gewiß ist das keine Lösung des Gesamtproblems, aber ein großer Schritt vorwärts auf dem Wege zi;r Lösung. Der Redner schilderte eindrucksvoll wie die :Kolonisation mit Hille des Agrv-Joint. der Ozer. der Jca usw. vor sich geht und wie die Regierungen das Werk durch unentgeltliche Bodenzmveiiung und durch Kredite stützen. Der Hilfsverein. fuhr Dr. Wischnitzer fort, wird auch weiter seine Aufgaben dem Ostjudentum gegenüber erfüllen. Dem Hilfsverein — der repräsentativen Organisation der deutschen Juden für jüdische Auslands-Hilfe — bietet sich hier ein weites Betätigungsfeld. Wir werden die Kolonien ausbauen helfen, indem mir sie mit Baulichkeiten für hygienisch-sanitäre Einrichtungen ausstatten und für erzieherische und kulturelle Einrichtungen sorgen. Dr. Nathan hinterließ uns sein Lebensmerk, den Hilfsverein der deutschen Juden, er vermachte uns ein Arbeitsprogramm, das es zu erfüllen gilt. Dr. Wischnitzer sprach von der Anregung des Herrn Mar M. Warburg und eines Kreises der intimsten Mitarbeiter Dr. Nathans, einen Nathan-Fonds zu gründen, damit sein Name mit jüdischer .Hilfsarbeit. namentlich in Rußland, verknüpft bleibe. Er appellierte an die Anwesenden, mirzuhelfen. den Pan! Nathan-Fonds aufzubauen und die Arbeit des .Hilfsvereins im Osten im Sinne des Verstorbenen, d. h. mit aller Vcg-eiftcrung und Energie, die ihm eigen waren, anszugestalten. In dem Geschäftsbericht wurde ausgenihrt. daß die Durchwanderung durch Deutschland im Jahre 1026 stärker war als in dem vorangegangenen Jahre. Der Jüdische Bahnhofsdienst am Schlesischen Bahnhof fertigte im Berichtsjahre 33 887 Personen ab. darunter 17 888 Männer, 10 297 Frauen, 5552 Kruder. Die Ausmandercrfürsorgcstellen des Hilssvere'ns in Hamburg passierten 8200, Bremen 1050, Ttensch 12100 und Osnabrück 5248 Personen. Ferner wurden die verschiedenen Arbeitsgebiete des Hilfsvereins im besonderen auch die Fürsorge für Ukrainewaisen und ostjüdische Studierende in Deutschland eingehend geschildert. Die statutenmäßig ansscheidenden Mitglieder des Zentralkomitees und des Geschäftsführenden Ausschusses werden einstimmig wiedergewählt. In den Gcschästssührenden Ausschuß werden neu gewählt die Herren: Berthold Israel- Berlin. Prof. Dr. Eugen Mittwoch-Berlin. Rechtsanwalt Paul Salinger. Vorsitzender der jüdischen Gemeinde in Dresden.- Amtsgerichtörat Dr. Stern-Berlin. Die Revisoren. Georg Ließ und Benas Levy. werden wiedergewählt. Zum Vorsitzenden des Hilfsvereins wird Herr Dr. James Simon wieder-, zum ersten Borsitzen-den-Stellvertreter Herr Generalkonsul Engen Landau gewählt. Die Wahl erfolgte einstimmig. Dortmund. <G r ü n d u n g eines Mädchen-Erziehungsheim s.) Anläßlich der Tagung des Provinzialverbandes jüdischer Frauenvereine in Rheinland und Westfalen ist von Frau Klara Caro. Köln, der Antrag gestellt worden, ein land- und hausivirtschaftliches Erziehungsheim für sittlich gefährdete Mädchen ins Leben zu rufen. Frau Bettina Brenner, die Vorsitzende des Jüdischen Frauenbundes, hat diesen Vorschlag, -cm auch die Anwesenden einstimmig beipflichteten, nachdrücklichst unterstützt, so daß mit seiner baldigen Verwirklichung gerechnet werden kann. Das Heim, zu dessen Errichtung sämtliche dem Jüdischen Frauenbünde.angeschlossenen Frauenvereine und Ortsgruppen beitragen sollen, ist dazu bestimmt, der zunehmenden sittlichen Gefährdung der Jugend beizeiten vorzubeugen und die Fürsorgeerziehung auszuschalten, die meist dann eintreten muß. wenn Umgebung und wirtschaftliche Verhältnisse oder die durch Kriegs- und Nachkriegszeit geschaffenen besonderen Umstände eine sittliche Verwahrlosung befürchten lassen. Der hochherzige Plan verdient also weitgehende Unterstützung nnd Förderung, damit das sozial bedeutsame Werk bald zur vollendete» Tatsache wird. Güttingen. sJubiläum.) Am 1. Mai begeht der hiesige Oberkantor Heinrich Fabisch sein 40 jähriges Berufsjubilänm. Frankfurt a. M. sJ ü d i s ch c Bk u s i l.) Im Rahmen des „Sommers der Musik" finden vom 26. bis 28. Juni 1927 ans der Internationalen Ausstellung „Musik im L-eveu der Völker" Veranstaltungen statt, die der historischen Entwicklung des Synagogengesangeö nnd dem jüdischen Volkslied gewidmet sind. Es sind Konzerte nnd Vorträge unter Mitwirkung von in- und ausländischen Chören und hervorragenden Spezial- Solisten vorgesehen. Nähere Auskunft erteilt die Leitung der Ausstellung „Musik im Leben der Völker", Frankfurt a. M>, Haus Ofsenbach. Königsberg. l„F rieben nu d Ci u he i t") Unter dem Namen „Indisch-religiöse Mittelpartei" hatte sich im März gelegentlich der Wahlen zur Repräsentantenversammlung hier eine neue Partei gebildet. Die im Gemeindeverein organisierten Mittctparteiler bestritten der Partei das Recht auf den Namen „Mittelpartei" Sie strengten bei dem Landgericht in Königsberg eine Klage auf Unterlassung an, die kürzlich zur Verhandlung kam. Vor Gericht erklärte der Anwalt der im Gemeindeverein organisierten Mittelparteiler jedoch, daß er im Aufträge seiner Partei den Antrag auf Unterlassung znrückziehe, so daß die jüdisch-religiöse Mittelvartei den Namen nun unangefochten führen kann. Im Interesse des Friedens in unserer Gemeinde ist es zu begrüßen. daß es nicht zu einer gerichtlichen Auseinandersetzung über die Berechtigung, die Bezeichnung „Mittclpartei" zn führen, kam. Königsberg. lD i e W a h l v o r | ch läge f ü r d i e R e pr ä se n t a n t e n rva h l e n.) Der Vorstand der Synagogengemeinde veröffentlicht nunmehr die eingegangcnen Wahlvorschlägc. Die Liste der im iüdischen Gemeindeverein vereinigten Gruppen sowie der Vereinigung für das liberale Judentum e. B. enthält als Spitzenkandidaten Universitäts- Professor Dr. Rudolf C o h n lZivmst) und Jnslizrat Dr. Mar Licht eust ein (liberal). Von sonstigen bekannten Persönlichkeiten des Gemeindelebeus stehen ans dieser Liste Kaufmann Salln Wolfs (orthodox). die Rechtsanwälte Dr. Siegfried Holz <liberal). Dr. David Schloßbcrg lZionist) sowie Tr. Kurt Rosen ha in (liberal), weiterhin Lehrer Hermann Wolkvmski lvrtliodox). Kaufmann Dr. Kurt Lewald lZionist). Die Liste der indisch-religiösen Mittelpartei enthält als Spitzenkandidaten Rechtsanwalt Dr. Kurt Fränkcl und .Konkursverwalter Paul Groll o w s k i. Königsberg. (Ru u dfn n k konzc r t hebrä i sch c r Musik.) Zur Verbreitung der Kenntnis von Themen ans dem jüdischen Jntercssenkreise und von hebräischen Melodien ' in anders konfessionelleu Kreisen haben die Nnndfunk-Darbietungen im vergangenen Jahre in erfreulicher Weise beigetragen. Den deutschen Sendern, die bisher solche Vorträge nnd musikalische Darbietungen gebracht haben — Berlin. Frankfurt a. M. und der Westfalenfender — ist nunmehr der Ostmarkensender in Königsberg i. Pr. gefolgt. Am 11. April übertrug dieser seinen Hörern und durch Vermittlung des angeschlossenen Danziger Senders dem größten Teil Ostpreußens, Pommerns und der Grenzmark ein ausschließlich hebräischer Musik gewidmetes Abendprogramm. Nach einem Vortrag „Kulturgeschichtliche Betrachtungen über hebräische Gesänge und Melodien" des'Dirigeriten des Chores der Neuen Synagoge Berlin. Herrn Albert Kellermann, gelangten unter Mitwirkung bedeutender Kräfte Vokal- und Jnstrumentalmerke von Rossi. Sulzer. Lewandowski, Gernsheim. Birnbaum und fteffermaun zur Aufführung. An der Ausführung beteiligten sich neben Herrn Kellermanu der Oberkantvr der Königsbcrgcr Snnagogeugemeinde. Herr Dr. Pick, und mehrere Mitglieder der Königsberger Oper. Leipzig. lDer R. j. F. im Prozeß 'Wiking- Olympia.) Im Verlauf der heutigen unter Ausschluß der Oessentlichkeit geführten Verhandlung vor dem Staatsgerichtshos in der Angelegenheit des Verbotes der Rechtsverbände Wiking und Olympia gelaugte auch ein Dokument zur Verlesung, das eine Schießübung des NeiäiSbund jüdischer Frontsoldaten betraf. Hierzu gab Ministerialrat Schocnner die kolgende 'Aufklärung: „Amtlich bekannt ist nur die Anweisung für die Schießübung des Reichsbnndes jüdischer Frontsoldaten und cs hat sich herausgestellt, daß hier gänzlich unberechtigt ohne tatsächlichen Hintergrund ein Vermerk über die Verwendung des Gewehrs 98 hiuzugefügt ist. Ein Einschreiten konnte deshalb nicht erfolgen, weil der Verein gar nicht solche Gewehre besitzt. Das übrige hier verlesene Material stützt sich lediglich auf Zeitungsmcldungen und ist amtlich nicht bekannt." Wie nur weiter erfahren, handelt es sich um eine öffentliche rein sportliche Schießübung ans dem Versuchsplatz für Handfeuerwaffen in Haleusce sJta.) ffff Lersamrnlungskalender fff Berlin-Süden. (Liberaler Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zn Berlin E. B.. Bezirksgrnppe Süden.) Am Mittwoch, den 4. Mai, abends 8 Uhr. findet in der Arrgstkonditorei, SN. 68. Lindenstraße 108. ein Diskussionsabend statt. Herr Dir. Dr. Gutmann. Repräsentant der Jüdischen Gemeinde, wird ein Referat über das Thema „Einrichtungen der jüdischen Gemeinde" halten. Wir bitten um zahlreiche Beteiligung. Die Einführung von Gästen ist erwünscht. Berlin-Norden. Liberale Synagoge Norden sim Auerbachschen Waisenhaus. Schönhauser Allee 162): Gottesdienst: Freitag, den 89. April, abends 7,15 Uhr. Predigt: Rabbiner Dr. Salomonski. Sonnabend, de» 30. April, vormittags 1v Uhr. Breslau. Jli „Abraham Geiger". Sonntag, den 1. Mai: Tagesausslug Obernigk—Dyherusurth. Abfahrt 8.58 Uhr Hauptbahnhof. Treffpunkt 8^ Uhr Nordhotel. Sonnlagsfahrkarte 4. Klasse nach Dyhernfurth mit dem Vermerk: zur Rückfahrt auch von Obernigk gültig, bitten wir selbst zu lösen. Führung: Ludwig Freund; Telephon: Stephan 83 32«. Zahlreiche Beteiligung erbeten. Gäste, durch Mitglieder eingeführt. willkommen. Boranzeige: Tressahrt mit dem Jli-Liegnitz nach Malisch im Monat Mai. Sprechsaal Für diese Rubrik übernimmt die Schriftleitnng lediglich die preßgesetzlichc Verantwortung. Der Bericht über die liberale Rabbinertagung. Herr Rabbiner Dr Appel sendet uns mit der Bitte um Veröfsentlichnng Abschrift des nach, stehenden Briefes. Die. Red. Dortmund. 11. April 1927. An den Vorsitzenden des liberalen Rabbinerverbanoes Herrn Rabbiner Dr. Leligmcmn Frankfurt Sehr geehrter Herr Kollege! Gegen den Bericht über die am 29. vorigen Monats statt, gehabte Debatte muß ich Protest erheben. Derselbe ist vollkommen subjeltiv und unsachlich gehalten. Es ist schon rein äußerlich ein Unding, daß der Abdruck der Maybaumschen Ausführungen tu der liberalen Zeitnng ungefähr die Hälfte des Raumes einnimmt. der den übrigen Diskussionsreden im ganzen zngedacht ist. Die Worte von Kollegen Jacob- Saarbrücken sind in dieser einseitigen Darstellung zn einer lächerlichen Staffage für die darauffolgende Rede herabgedrückt. Kollege Dicnemann hat viel Wichtigeres und Bedentnngoollercs gesagt, als man es ans den vier Zeilen des Protokolls entnehmen kann. Fast alle nichtzionistischen Anschauungen find ungenau angegeben, su daß daraus ein falsches Bild der gesamten Verhandlungen entsteht. Auch persönlich bin ich mit dieser Art der Berichterstattung unzufrieden, weil man aus den anderthalb Zeilen, die meine Ausführungen wiedergebeit sollen, alles und nichts entnehmen kann. Der Kernpunkt meiner Meinung, daß wir in den Reihen der Zionisten religiös-liberal tätig sein müßten, um diese auf das Primat der Religion hinznweisen und sie dadurch von ihrer nationalen Einstellung abznbringen, ist überhaupt nicht erwähnt. Damit solche irreführenden Beselbst kurz skizzieren, und ans Grund dieser Angaben der jeweilige Schriftführer einen objel'ilveu Bericht der Oeffentlichkeit nbergiebt. Mit kollegialem Gruß! Ihr lgez.) Tr. Appel. Der Gottesdienst im Berliner Norden. Die Bevölkerungsschichtnrig nnd die parteipolitische Einwirkung haben in jüngster Zeit in dem jüdischen Nordostvicrtel Berlins, das von der Synagoge Byte st ratze als einzige Gemeindesynagoge versorgt wird, bei einem Teil der Besucher dieser Synagoge eine Aendernng der religiösen Einstellung Hervorrufen, die eine Aendernng der Gestaltung des Gottesdienstes zur Folge hatte. Hierauf haben außerdem noch andere Umstände Einfluß ansgeübt. so die Zusammensetzung des Synagogcnvorstaudes. die Wünschender Mitglieder des Synagogenvereins, die Eignung des dajhttyt fungierenden Kantors für diesen Zweck. Ohne Rücksicht mls die Wünsche desjenigen Teiles der Platzmieter, der mehr liberal oder gemäßigt-konservativ eingestellt ist. wurde die Gebetordnung in der Synagoge Rykestraße allmählich in strengster Form nach dem Ritus der Alten Synagoge (Heidereutergasse) nmgesraltet. Jetzt wird noch der Versuch gemacht. das „Tuchenen" auch in dieser Synagoge einzuführen. Dieses Vorgehen hat bei einem großen Teil der Platzmictcr Erregung ausgelöst, da ihnen die Möglichkeit genommen ist. einen Gottesdienst in gemäßigt religiösem Sinne irr dieser Staötgegend zu besingen, während für die Bedürfnisse der konservativen Richtung durch die nahegelegenen Gemeindesynagogen in der Heiderentcrgasie nnd Kaiserstrahe reichlich gesorgt ist. Die Dauer des Gottesdienstes au Sabbaten, mehr noch arr Festtagen, hat in der Synagoge Rykestrafte eine Länge erreich!, die der Andacht inehr schadet als nützt und die viele Besucher vor Beerrdigung znm Verlassen des Gotteshauses veranlaßt, Als markantes Beispiel sei angeführt, daß bei diesen Gottesdiensten bereits zwei volle Stunden verstrichen sind, che der Rabbiner zur Predigt die Kanzel betreten kann. Eine derartige Ausdehnung der Andacht ist fraglos der Ailsnabmesähigteit der Besnchcr abkräglich und cs ist erklärlich, daft dann die Predigt nicht mehr zn ihrem vollen Recht komme. Die liberale Richtung der Gemeindenutglieder ist somit in diesem Stadtviertel Berlins jetzt ohne religiöse Versorgung, wenn man von dem Gottesdienst des Liberalen Vereins Norden im Anerblichscheu Waisenhaus absieht, der für nur ungefähr 250 bis 300 Personen Platz bietet. Es wird hierdurch an die Vertreter der liberalen Fraktion in der Repräseutanteuversammlung wie im Grmeindevorstand die Frage gerichtet, was sie zn tun gcdenkeu. um in diesem Bezirk für ausreichende gottesdienstliche Versorgung nach libcraleiu Ritus während des ganzen Jahres zu sorgen.' Attershseim-Lollerie! Tic Asiersversorgnttgsanstalten der Berliner Jüdischen Gemeinden reichen bei der immer stärker werdenden Nachfrage hoffender Anwärter und Anwärterinnen in keiner Weise aus. Vorstand und Repräsentanten der Indischen Gemeinde haben wohl den Willen, neue, oder wenigstens eine neue Anstalt zn errichten, doch leider fehlen die Mittel dazu. Warum ober der Gedanke, diese Mittel durch Lotterien aufznbringcu, noch nicht anfgctaurht ist. ist eigentlich ein Rätsel. Und dock wäre dieses Mittel ebenso einfach wie fruchttragend, und keineswegs ungewöhnlich oder gar unfair. Der Absatz der Lotterielose würde sicher ein reißender werden und auch von Andersgläubigen stark in Anspruch genommen werden. Und dadurch tommc ich ans den Ausspruch „unfair", den vielleicht viele Glaubensgenossen glauben anwcuden zn müssen. Die vielen WohlfahrtSlottemn für verschiedene Bedürfnisse, wie Dom- und Kirchenbau, Arbeitcrwohlfahrt usw.. fanden stets Käufer „ohne Unterschied der Konfession", wenn ich in ich so cmsdrückeu darf. So wäre es also meines Erachtens nach keineswegs unfair oder beschämend, die „Jüdische Altersheim-Lotterie" auch Nichtjudcn durch allgemein öffentlichen Vertrieb der Lose zugänglich zn machen. Die Behörde würde genau so der Jüdischen Gemeinde die Konzession zur Abhaltung der Lotterie geben, wie jeder anderen evairgeliscken und katholrsckiett Kirchenbehvröe. Und die „Jüdische Altersheim-Lotterie" würde (das mutz als bestimmt angenommen werden) bei den Glaubensgenossen mit Freuden ausgenommen werden. Schon der Absatz der Lotterielose allein unter Inden innerhalb Deutschlands müßte spteleud mit 600000 Stück angenomme«