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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-04-22 · 16 (22.4.1927) · page 8

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
16 (22.4.1927)
Date
1927-04-22
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Schwer setzte sich Abraham auf die Bank vor der tTüre, sinnend blickte er dem davonjagenden Ismael nach, um den die Sonne helle Strahlen legte. Sie, um welche sein ganzes Denken Kreiste, aber stand am Fenster und sah starr zu ihm herab, sie umfaßte den grauen Kopf und die gebeugte Gestalt ihres Mannes mit brennenden, stechenden Augen. Dort saß er, müde alt und sie war von ihm entfernt, schmal aufgereckt, in einer Schlankheit, wie sie das Alter den trägen Hüften einer Unfruchtbaren aufdrückt. Still trat Sara ins Gemach zurück, und wie ihres Mannes Gedanken führten sie auch die ihren ins Land der Vergangenheit und der Zukunft: ins Land des Kindes. Aber es galt nicht dem fremden Knaben, welcher einstmals den Hof erben sollte, es galt ihrem eigenen Kind, ihrer — ungeborenen Frucht, ihrem nichterlebten Leben. Wie hatte sie sich als junges Mädchen danach gesehnt, ein Kind zu haben! Als Abraham um sie warb, hatte sie ihn geliebt und stolz auf ihn gesehen, der ihr, stark und gütig wie er war, als der Vater ihres Kindes noch liebenswerter sein würde! Gar nicht genug konnte sie ihm zeigen, wie lieb sie ihn hatte und es war ihr, als ob sie eine ganze Schar Abrahamssöhne und -iöchter haben müßte, um all die reichen Quellen ihres Innern sprudeln zu lassen. Was galt ihr Schönheit und Gesundheit; es war unendlich mehr, diese beiden Gaben andern zu geben! „Schön.bist Du, Sara!“ liebkoste sie des Mannes Stimme die Tage und Nächte der ersten Jahre der Ehe. Und sie liebte ihre Schönheit um Abrahams willen und wartete still auf die Zeit, da sie sich noch reicher Vorkommen würde: auf die des Mutter-Seins. Doch diese Zeit kam nie. Jahr um Jahr nahmen ein Stück ihrer Hoffnung weg, die nicht wieder wachsen wollte, wenn auch Gott ihnen beiden den Erben versprochen hatte. Abraham liebte sie, obgleich enttäuscht über ihre Unfruchtbarkeit — so meinte sie immer. Und sie hatte sich bemüht, in Ruhe neben ihm zu leben, ihren Gram zu verbergen. Sie durchwanderten viel Land in der ersten Zeit ihrer Gemeinsamkeit, und sic ertrug willig alle Straazen. Oftmals war es ihr Rat, der dem Manne weiter alf. So kamen sie auch nach Ägypten, der Hungersnot enteilend. Nicht wissend, ob dies Land ihnen Freund oder Feind, nur das eine sicher: dort ist kein Hunger. Da sagte Abraham zu seinem Weibe: „Siehst Du, ich weiß, daß Du ein schönes Weib bist, Wenn Dich nun die Ägypter sehen, werden sie sagen: Sie ist sein Weib! und werden mich totschlagen, Dich aber werden sie am Leben lassen. Sage doch, Du seist meine Schwester, damit es mir gut gehe — um Deinetwillen!“ Sara starrte vor sich hin, in ihrer Seele brannten die Worte noch heute wie am Tage, da sie gesprochen wurden. Sie hatte damals nicht begriffen in einem Weh, das ihr ganzes Wesen überströmt hatte und in das sie nicht tauchen konnte, wollte sie nicht untergehen. Die Tatsachen liefen wie berechnet: es ging Abraham gut in Ägypten, und als Pharao erfuhr, daß sie das Weib Abrahams sei, hatte er sie ihm zurückgegeben, unberührt und rein. Und dennoch: befleckt von ihrem eigenem .Männe. Ihr Gatte hatte sie verkauft Um einen hohen Preis: sein und — vielleicht — ihr eigenes Leben, Aber immerhin verkauft. Das wäre noch nicht das Schlimmste gewesen! Doch wie glatt waren Abrahams Worte gewesen, als er ihr vorschlug, seine Schwester zu heißen. So überlegt kommen nur Worte aus der Menschen Mund, wenn sie schon lange zuvor in ihm gereift sind! Vorbei war die Zeit, da sie dem Manne als Geliebte und Mutter seiner Kinder galt, vorbei die Jahre, da er sie Geliebte und Kamerad nannte; sie war ihm nicht mehr Gegenstand seines Begehrens, sie war ihm — Schwester. Verschmäht und entehrt hatte sie der Gatte, dem Ehe und Ehre scheinbar als Höchstes galten. Als sie ganz die Tiefe des ihr zugestoßenen Leides ermessen hatte, war es ihr, als ob sie, die sich immer nur nach dem einen gerichtet hatte, nun auch das geworden war, was Abraham iy ihr sah. Kühl und ruhig versorgte sie das Haus. Keiner sah den Schmerz ihrer Nächte, da Einsamkeit und Unfruchtbarkeit zermalmend vor ihr standen. Heller und härter wurde ihr Herz dadurch, daß es ihr schien, sie dürfe keinen Stoß mehr vom Leben oder Schicksal (Gott , nannte es Abraham) bekommen, sonst müsse sie zerbrechen. Dieser Gedanke konnte sie jedoch äußerlich nicht beugen, steif und gerade war ihre Haltung, indes Abraham sich immer tiefer der Erde zuneigte. In diesem gleichmäßigen Dahinleben war ihr plötzlich wieder bewußt geworden, daß Abrahams Gott ihnen eineu Erben verheißen hatte. Sie selbst blieb unfruchtbar: was lag näher als den Sohn einer Magd zum Erben zu machen? Abraham verstand ihre kurzen Worte und so geschah es, daß Hagar Abrahams Kind trug. Bis dahin hatte Sara alles geduldig hingenommen, sie hatte auch geglaubt, dies ertragen zu können. Doch als sie Hagar so mutterhoffnungsfroh sah, brach ihr Leid aus ihr, entlud sich in bitteren Worten. Sie haßte die Schwangere, aber sie haßte noch mehr ihren Mann, der gleichgültig auf die Magd sah. So war dies also seine eigenste Natur: selbstisch und — feig. Er wollte keine Verantwortung tragen. Sie schalt Hagar, bis diese aus dem Hofe floh. Sic dachte, daß es wohl dem Magdsohn besser fromme, in der Einöde geboren zu werden als unter den Augen eines Vaters, der nicht sein Vater sein wollte! Und dann kam er und bat um Obdach für die Mutter seines Kindes. Sie wußte damals noch nicht, ob es aus Sorge um Kind und Mutter geschah, oder weil Hagar auf den Hof gehörte und dort Heimatsrecht genoß! Nun aber sah sie: er liebte den Knaben. Das war wohl gut so, und sie gönnte dem Greise diese Freude, konnte sie auch selbst den Erben nicht lieben. Nie hatte sie, die Alternde, ein Kind geküßt. Früher wollte sie alle Süßigkeiten der Mutterliebe einst ihren eigenen zukommen lassen — jetzt konnte sie nicht mehr, denn jedes Kind erinnerte sie an ihre Enttäuschung. Warum nur Abraham den Kleinen plötzlich gehen ließ? Er saß nun allein auf der Bank am Hause. Dachte er vielleicht an den gestrigen Tag, da die drei Männer gekommen und sie und den Mann mit festen Worten vorbereitet hatten, daß sie, Sara, einen Sohn bekommen würde. Sie hatte gelacht, als ihr Abraham von seinem Gott gesprochen, der ihnen dieses verheißen. Dieser Gott, der die ganze Welt gemacht haben sollte, die Welt, die so stille und gleichmäßige Zeiten hatte! Dieser Gott sollte sie, die nun durch die NtStur, durch das Alter unfruchtbar war. fruchtbar sein lassen? Sara lachte und wandte sich dem Innern des Hauses zu, indes Abraham draußen die Abendruhe genoß. Zeiten der Unruhe kamen über den Hof. Sara hatte viel zu sorgen, neue Fahrten trieben Abraham hinaus und sie ging mit ihm. Daheim stand das Gesinde zwischen ihnen, wenn sie größere Sorgen beraten wollten, Hausvater und -mutter hatten stets viel zu tun. Jetzt aber fiel all dies fort. Hier war Abraham, der dfcS Roß Saräs führte, hinter ihnen zog wohl der Troß, doch vor ihnen war die Weite. So geschah es, daß dieses stete Schauen in die Leere vor ihnen, beide fühlen ließ, wie tief sie zusammengehörten. Sara merkte, wie ihr Gatte sie umsorgte, wie sie seinem Herzen nahe stand. Ob als Geliebte war ihr nun gleichgültig, sie war dankbar für jede Liebe. In einsamer Stunde — Abraham schlief im Zelt — dachte sie an jene Reise, da er sie als Schwester ausgab; jetzt erst horte sie sein letztes Wort: „Damit es mir gut gehe — um Deinetwillen!“ Et hatte es um sie getan, vielleicht — nein, sicher — war es ihm schwer gefallen. Sie hatte es nicht gesehen. Wußte sie denn nicht, daß die ruhige Liebe des Mannes alles in ihr umfaßte, daß sein zartestes Denken dem Menschen in seinem Weib galt? Daß Abrahms Gott Bruder und Schwester wollte! Sara sah in die Dunkelheit: Wo war dieser Gott? Sie konnte ihn nicht fassen, nicht wesenhaft war. er. Das ruhige Atmen des Mannes neben ihr gab keine Antwort. Wo war Zuflucht, wer würde ihr antworten? Sie starrte ins Ungewisse, den Kopf des Gatten als leuchtenden Mondfleck neben sich. Da spürte sie es — nicht glaubhaft schien es ihr — in ihrem Leib bewegte sich ein Kind. So konnte es nur sein, dies selige Zeichen. Und sie strich über ihren Körper, betend: „Gott, Gott, Gott!“ Abrahams Gott war wahr! Sie beugte sich über den weißen Kopf des Gatten, nun des — Vaters. Sie weckte ihn nicht, wozu auch? Den — Vater des Kindes hätte sie wecken müssen, den Bruder in Gott ließ sie schlafen. In sicherem Geb^rgen-Sein schlief sie selbst ein. Der Morgen riß sie jäh aus dem Schlaf, Abraham stand neben ihr, zum Aufbruch mahnend. Und es war ein Tag wie alle andern: sie ritt in endloses Land, den Gatten an ihrer Seite. Aber die Leere vor ihr war nicht mehr unerfüllt. Mit jedem Baum, der Früchte trug, mit jedem Tier, das sein Junges säugte, konnte sie sich freuen! Und wenn sie die prachtvolle Färbung des Himmels sah, der sich der Nacht vermählte, wuchs etwas in ihr, das sie „Gott“ nannte. In der Dunkelheit, wenn sich das Kind bewegte, verschränkte sie die Hände, flüsternd „Gott“! Eine große Dankbarkeit überkam sie gegen den Mann, der ihr Gott gezeigt und das Kind gegeben hatte, und die Mutterliebe, die ihrem Fleisch und Blut sich geben wollte, wandte sich auch Abraham zu. Bei einem weiten Ritte Öffneten sieh seine Lippen, und er sprach Sara auch von Ismael. „Er ist zu wild; mein Gut wird nicht in sicheren Händen sein — besser eignete er sich zum Jager denn zum Hirten!“ Da neigte sich Sara zu ihm herab von ihrem hohen Sitz: „Abraham, Dein Gott hat wahr gesprochen, es wird mein Sohn sein, der einst auf Deinem Hochsitz regieren wird!“ Abraham schwieg, doch Sara sah, daß seine Lippen sich bewegten, und sie wußte, daß er seinem Gotte dankte. Immer fürsorglicher wurde der Vater, und am liebsten wäre er heimgekehrt. Doch der Weg führte durch Abimelechs Land. Abraham redete von seinen Sorgen um sicheren Durchlaß, und er hatte in seinen klug überlegten Worten einen solchen Ton von Liebe für sein Weib, daß sie glaubte, an seiner Seite geborgen zu sein! Abraham grübelte, wie er die Mutter ungefährdet zu seinem Hofe bringen könne — er grübelte Tag und Nacht. Da wurde es Sara plötzlich klar, was sie zu tun hätten und sie legte ihre Arme um Abraham: „Wie wäre cs, wenn Du mich für Deine Schwester ausgeben würdest?“ An ihres Mannes leisem Armdruck merkte sie, daß er einverstanden war. Mann und Frau starrten ins Dunkel: durch einen Zeltspalt sah Sara gerade in einen Stern. „Gott wohnt dort,“ sagte Abraham nnd Sara nahm seine Hand und legte sie auf ihren Leib: „Auch hier ist Gottes Wirklichkeit!“ Friedvolle Tage kamen nach der Rückkehr ins eigene Land und Sara sehnte sich der Geburt entgegen. Isaak nannte sie den Knaben, der in frischem Lebensmut die Hände nach der Sonne ausstreckte. Und sie hielt den Knaben hoch empor, der Sonne entgegen. Abrahams Sohn lachte dem Licht zu, dem großen Licht, aus dem Abrahams Gott lächelnd und fern herahsah! RittselauMung aus voriger Rümmer. ««WjolzMitsL Gedenktag. Fahrzeit. Abitur. Obersekunda Vormittag-Abendschule. Private Vorbcreitutiusanstalt, Direktor Danziger, Berlin, Alte jakobstraßc 12t. 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