Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 16 (22.4.1927)
- Date
- 1927-04-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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7. Jahrgang Nummer 16 2. Beilage 22. April 1927 ..Verantwortung abgelehnt". Ei« Wort z«m Jnferatenunfug in der jüdische» Presse. Bor einiger Zeit habe ich an dieser Stelle Protest dagegen erhoben, daß ein jüdisches Gemeindebtatt für die Autos des Antisemiten Ford Reklame macht. Das beanstandete Inserat ist daraufhin aus dem betreffenden Gemeindeblatt verschwunden und auch andere jüdische Blätter haben sich gescheut, es aufzunehmen. Sie haben sich dessen nachträglich als eines Beweises ihres jüdischen Selbstbewußtseins gerühmt und in dieser Selbstberäucherung Trost für ein entgangenes Geschäft gesucht. Aber damit ist der Reinignngsprozeß, dessen der Inseratenteil der jüdischen Presse dringend bedarf, erst eingeleitet und nichts weniger als abgeschlossen. Soweit es sich um Blätter handelt, die als reine Geschäftsgründungen privater Verleger anzusprechen sind, kann man natürlich nichts dagegen sagen, daß sie, sich in ihrem Inseratenteil selb st als das deklarieren, was der Textteil mit ängstlicher Sorgfalt zu verschleiern bemüht ist — ja. der Ethiker muß eine solche Selbstentlarvung der Heuchelei sogar freudig begrüßen. Anders aber liegt die Sache bei solchen Blättern, die ehrlich religiöse Interessen vertreten, sei es im Dienste religiöser Parteien oder religiöser Korporationen. Eine solche Korporation ist ohne Zweifel die Berliner jüdische Gemeinde. Sie faßt ihre Pflicht als Schirmerin des jüdischen Ritus sogar so streng auf, daß sie beispielsweise verbietet, den Insassen ihres Altersheims Speisen mitzubrtngen, deren Übereinstimmung mit den mosaischen Speisegesetzen nicht ganz einwandfrei erwiesen ist. Naive Gemüter werden nun zu der Annahme neigen, dieser Nachweis könne gar nicht besser erbracht werden als durch eine Berufung darauf, daß das Geschäft, ans dem die beanstandete Speise stammt, im Inseratenteil des offiziellen Gemeindeblatts empfohlen sei. Diese guten Leute würden eine herbe Enttäuschung erleben und erfahren, daß der „gute Magen" mit seiner Fähigkeit, unrechtmäßiges Gut zu verdauen, den Mephistopheles der Kirche nachsagt, auch der jüdischen Gemeinde zugesprochen werden muß, wenn auch die Unrechtmäßigkeit besagten Gutes hier bloß im Sinne der rituellen Speisegesetze gilt. Denn die Gemeinde erlaubt ihrem Amtsblatt, was sie ihren Pflegebefohlenen untersagt: von nicht einwandfrei koscheren Speisen — fett zu werden. Diese Praxis ist um so verwerflicher, als die Gemeindeblätter, die ja aus öffentlichen Mitteln erhalten werden, es gar nicht notwendig haben, sich aus so zweifelhafte Weise zu mästen. Schon die Rücksicht auf die orthodoxen Bedenken gegen die angestrebte E i n h e i t S gemeinde müßte Protest gegen rituelle Laxheit jüdischer Gemeindeblätter auslösen — logtscherweife. Leider versagt hier aber die Logik! Denn gerade die Parteiblättcr der Orthodoxen haben sich eine eigenartige Praxis für ihre Inserate zurechtgelegt, deren Geständnis in der Ankündigung formuliert erscheint, daß das Blatt für den Kaschrut der inserierten Gennßmittel keine Verantwortung übernehme. Diese frommen Zeitungen zerschneiden einfach zwischen demText- und Inseratenteil das Tischtuch und glauben damit das Kaschrut des einen Teils auch daun gesichert, wenn aus dem anderen Teil gelegentlich trefc serviert wird. Fände man diese Methode bloß im Organ der Trennung«- orthodoxie praktiziert, dann müßte man eben an einen Paroxismus der T r e n n u n g s m a n i e glauben, die sogar vor einer Spaltung des eigenen Blattes in einen gottgefälligen und einen sündigen Teil — nach dem Muster der orthodoxen Gemeindepolitik — nicht zurückschreckt. Aber auch die A ch ö ut h bedient sich desselben Mittels, und das ist inkonsequent. Denn wo fände die Partei einen näherliegenden Boden zur Durchführung ihrer höchst löblichen E i n h e i t s b e st r e b u n g e n als — im eigenen Publikationsorgan? Es kommt uns natürlich nicht in den Sinn, den Orthodoxen aller Schattierungen religiöse Belehrungen zu erteilen, unsere Kritik beschränkt sich lediglich auf ihre journalistische Ethik. Inserate sind jedenfalls Empfehlungen, bezahlte Empfehlungen — das weiß der Leser und reguliert sein Vertrauen danach — aber doch eben E m p f e hl u n g e n, denn nur als solche werden sie bezahlt. Dem Wesen einer Empfehlung widerspricht es natürlich, wenn ihr gleichzeitig eine Warnung vor dem „empfohlenen" Gegenstand mit auf den Weg gegeben wird. Als Warnung ist jedoch die ausdrückliche Ablehnung der Verantwortung für die Vertrauenswürdigkeit des inserierten Gegenstandes zu werten. Tut dies der Leser n i ch t, dann läuft er Gefahr, Opfer seiner Leichtgläubigkeit zu werden, andernfalls ist der Inserent Opfer einer falschen Voraussetzung. die ihn zum Inserieren veranlaßte. Auf jeden Fall ist die Methode der orthodoxen Blätter nicht ganz koscher, wenn auch „bloß" im Sinne der kaufmännischen Moral. Dr. Hugo Spiegler. den Gemeinden Berlin. lBon der K a n t o r-e n v e r ei n i g u n g.) Tie Vereinigung der Kantoren von Groß-Berlin und Umgegenö hielt unlängst ihre öiesjährige Generalversammlung ab. Sic besteht zur Zeit aus 55 Mitglioderrr. Dem Vorstände gehören an die Herren Easper, Bischvfswerder, Guttmann (Vorsitzender), Kaiser, Kroll und I. Schreiber. Dem Vereinsziele, der Wahrung und Hebung der wirtschaftlichen und der Pflege der ideellen Interessen der Mitglieder entsprechend, die gesamte Jahresarbeit, sowohl in den Borstandsals in den Mitgliederversammlungen. Leider ist es immer noch nicht gelungen, eine auskömmliche Besoldung der Kantoren der subventionierten Gemeinden zu erreichen. An Bortragsstofs wird alles herangezogen, was mit dem kantoralen Fache und dem Gottesdienst in Beziehung steht. Dem galt auch das dankenswerterweise von Herrn Schulreferenten Robert Hirschfelö übernommene Referat über „Synagogen und Synagogengeräte in älterer Zeit" (mit Lichtbildern). Berlin. (Verschiedenes.) Am 25. April begeht der Freund unserer Bewegung. Herr Emil Streisand, Lutherstraße, in beneidenswerter körperlicher und geistiger Frische seinen 80. Geburtstag. Da er sich allen Aufmerksamkeiten für diesen Tag durch seine Abwesenheit von Berlin entzogen hat. können wir nur auf diesem Wege ihm wünschen, daß er zur Freude seiner Familie, seiner vielen Freunde, und zu unserer Freude sich noch recht lange bei guter Gesundheit und der bisherigen Frische sich des Lebens erfreuen Der Hilfsverein der deutschen Juden hält am Montag, den 25. Äprrl, abends 8 Uhr. im Brüdttvereinshaus, Kurfürstenstraße 115-16. seine ordentliche Mitgliederversammlung ab. Die Verhandlungen werden eingeleitet durch eine Gedenkfeier für Dr. Paul Nathan. Der Generalsekretär des Hilfsvereins der deutschen Juden, Dr. Mark Wischnitzer, wird über das jüdische Wiederaitfbauwerk in Svwjetrußland referieren. Leo Gollanin, der Oberkantor der Berliner Neue« Synagoge, Oranienburger Straße, veranstaltete am 13. d. M. einen Arien- und Liederabend und gab damit den Freunden seiner kultivierten Sangeskunst Gelegenheit, ihn als Interpreten deutscher Komponisten zu hören. Schon die Wahl des Programms zeigte, welch hohe Anforderungen der Künstler an sich stellt. Durch den Cellisten Felix Robert Mendelssohn und den Pianisten Coenraad van Bos bestens unterstützt, brachte Gollanin Werke von Händel, Beethoven, Schubert und BrahmS in vollendeter Weise zu Gehör. Der überaus starke Beifall bewog den Künstler zu wiederholten Zugaben. Dresden. (Aus dem Gemeinöeleben.) Die Dresdner Kreishauptmannschaft bestätigte den Haushaltplan der Israelitischen Religionsgemeinde, der für das Jahr 1027 in Einnahme und Ausgabe gleichlautend mit 288 000 Mark festgesetzt worden ist. Davon sind 210000 M. durch die Gemeindeeinkommensteuer auszubringen. — Um auf dem wichtigen Gebiet der offenen Fürsorge für die Klein- und Schulkinder pädagogisch umfassender als bisher wirken zu können, hat die Israelitische Religionsgemeinde beschlossen, eine zweite Fürsorgerin, die sich besonders mit den Aufgaben der Jugendwahlfahrtspflege zu befassen hat, einzustellen. — Die Ortsgruppe Dresden der Deutsch-Jüdischen Jugendgemeinschaft veranstaltete anläßlich ihres einjährigen Bestehens einen öffentlichen Vortragsabend. Rach begrüßenden Worten des Landesverbandsvorsitzenden Friedrich Borchard sprach Dr. Ludwig Tietz, Berlin, der Bundesleiter der Deutsch-Jüdischen Jugendgemeinschaft, über die Entwicklung der deutschen Jugendbewegung. Bei der DJJG. werde der Hauptwerk aus die Jüngerenarbeit gelegt, wobei man die Tcndenzarbeit nach Möglichkeit znrückstelle. Im Gegensatz zum C. SB., für den übrigens der Dresdner Ortsgruppenvorsitzende Rudolf Apt die Erschienenen begrüßt hatte, komme bei der DJJG. der Abwehrgedanke erst in zweiter Linie, weil sie auf dem Standpunkt stehe, daß positives Wissen ein besseres Schutzmittel gegen Angriffe sei. Die DJJG. sieht es alö ihre Hauptaufgabe an, die Jugend, der in deutscher Umgebung eine bewußt jüdische Erziehung zuteil werden soll, tu neutralen Vereinen von nationaljüdischer Beeinflussung fernzuhalten. Die sich aitschlicßende Debatte bestritten Kaelter (Jüdischer Jugendverein), Dankner (Kadunah), Dr. Kurt Cohn (DJJÄ., Plauen i. B.). — Seil 1. November hat Gemeindeveroröneter Siegmund Liffmann, der Mitinhaber der Firma Gebr. Alsberg, an täglich 200 Kinder und Erwachsene, vornehmlich aus den Kreisen der Erwerbslosen, fünf Monate hindurch kräftiges Mittagessen verabreichen lassen. Nachdem die bereits im vorigen Winter veranstalteten Speisungen jetzt ihr Ende gefunden haben, betonen mehrere Dresdner führende Zeitungen, daß dieses im höchsten Grade anerkennenswerte Wohltätigkeitswerk in allen Kreisen, die für praktische Gemeinnützigkeit eintreten, Beachtung und Nachahmung verdiene. — Aus Anlaß seines sechzigjährigen Bestehens gibt der Landesverein für innere Mission in Dresden einen Ueberblick über die Leistungen der freien Wohlfahrtspflege in Deutschland. Bon den sieben Spitzcnverbänden, die insgesamt 34187 Einrichtungen mit 571357 Betten. 400052 Plätzen und 133136 Pflegekrästen unterhalten, hat die Zentralwoylsahrtsstclle der deutschen Juden 2052 Einrichtungen 9614 Betten, 2600 Plätze und 5819 Pflcgekrüste. Frankfurt. (Der Kampf in der Fricdvergeranlage.) Seit dem Tode des alten Rabbiners Breuer — die Trauerzeit dürfte noch nicht vorüber gewesen sein — tobt in der Religionsgesellschaft (Trennungsgemeinde) ein heftiger Kampf um die Nachfolge. Die Familie Breuer sowie ein Teil der Gemeinde erstrebt die Wahl des Herrn Bezirksrabbiners Dr. Raphael Breuer, des Sohnes des Verstorbenen, mährend ein andrer Teil der Gemeinde die Kandidatur Dr. Klein-Nürnberg unterstützt. Ter Kampf begann in ein akuteres Stadium zu treten, als die Breueranhänger nach ihres Rabbiners Tod eine Unterschriftensammlung begannen. Der Kampf, der beiderseitig weitergeführt wurde, brachte schließlich den Gemeindemitalieöern Flugblätter ins Haus und zeigte sich in allen möglichen Variationen eines modernen Wahlkampfes. Durch die letzte Woche stattgefundene Zusatzwahl im Vorstand und Gemeinderat ist nun eine gewisse Klarheit über die voraussichtliche Rabbinerwahl geschaffen morden. Die unter großer Beteiligung stattgefundene Gemeindeversammlung gab in 70prozentiger Mehrheit ihre Ansicht, daß sie Gegner der Kandidatur Breuer ist, dadurch kund, daß sie die Herren E> Goldschmidt und M. Felsenstein in den Vorstand, die Herren L. Oppenheimer und Stndrt. Dr. M. Schüler in den Gemeinderat wählte. Neürigens hat der Aschaffenburger Rabbiner Dr. R. Breuer in einem Schreiben auf die ihm nach seiner Ansicht zustehenden Prärogativen verzichtet. Frankfurt. (G e m e i n d e s i tz n n g.) Am 13. Avril 27 beriet die Gemeinöesitzung über die Höhe deS Steuersatzes für das Jahr 1027/28. Herr Dr. Merzbach eröffnet die Sitzung und gibt Herrn Dr. Geiger als Referenten der Finanzkommission das Wort. Der Redner weist eingangs feiner Ausführungen auf die Tatsache hin, daß erfreulicherweise der ursprüngliche Steuersatz von 1858 der Reichseinkommensteuer sich schon in der zweiten Hälfte deS vergangenen Rechnungsjahres auf 165» habe verringern lassen. Ein Teil der Finanzkommission sei nun der Ansicht gewesen, man solle in der heutigen Sitzung der Steuer noch nicht endgültig bestimmen, sondern die Festsetzung der O-uote bis zur endgültigen Etatsberatung zurückstellen. Die Mehrheit des Ausschusses habe aber gemeint, gleichzeitig mit dem Staate solle man die Kultussteuer festlegen, da der Steuerzahler dann leichter und williger seinen Verpflichtungen Nachkomme. Außerdem erspare man in diesem Fall auch einige Tausend Mark Verwaltungskosten. Was die Höhe des Steuersatzes betreffe, so sei wohl ohne Frage eine Herabsetzung geboten und möglich. Die Mehreiimärige, die die Gemeinde Frankfurt zu verzeichnen habe, müßten unbedingt den Steuerzahlern in Form einer Steuerermäßigung zurückgezahlt werden. Doch müsse «ine Senkung vorsichtig erfolgen., damit nicht etwa nach einem halben Jahre eine neue Steuererhöhung zu verzeichnen sei. Die Höhe der Einkünfte einer Gemeinde könne man ja nie genau im Voraus bestimmen, leider müsse man mit Austritten, Stundungen, Verzug nach auswärts usw. rechnen. Außerdem seien aber auch Einnahmeposten im Etat, die Anlatz zu einer Kritik gäben. Aller Wahrscheinlichkeit nach habe man die Einnahmen des PhilantropinS um 30 000 M. zu hoch angeseht. Im Soll des Etats fehle ein Posten von 75 000 für die vom Staat geleisteten Vorschüsse. Des weiteren vermisse man auch einen aufzubringenden Zinsenbetrag, wenn, wie in Aussicht genommen, die Gemeinde eine Anleihe für den Bau einer Synagoge aufnähme. Bei einer solchen Unsicherheit der Etatszahlen habe es die Finanzkommission in ihrer Mehrheit für richtig gehalten, nicht, wie ursprünglich beabsichtigt einen Steuersatz von WA%, sondern von 1858 der Gemeindevertretung zur Annahme zu empfehlen. Herr Meyer (kons.) dankt Herrn Dr. Gerger für die Objektivität seines Berichtes, ist aber im Sachlichen anderer Meinung. Auf die Zahlen des Vorredners will er nicht »hcher eingehen, meint aber, daß der Gemeinderat dem Vor» standKbeschluß. der nach reiflicher Prüfung aller Umstände erfolgt sei. Leitreten solle. Schließlich weist -er Redner auf die Steuersätze anderer Großgemeinden hin, die sich zum Teil uMer den Frankfurter Sätzen bewegten. Nach kurzen Bemerkungen der Herren Mainz und Dr. Merzbach nimmt Herr Wolfs (jüd. BolkSyartei) Las Wort. Wenn däS vergangene Rechnungsjahr ein günstiges gewesen sei, so nicht zuletzt deshalb, weil Rückstände des vorigen JahreS erst in diesem Quartal eingcgauaen seien. Es sei wohl möglich, nicht sicher, -atz die Wirtschaftskurve — und damit Hic Elnkünste der Gemeinde steige. Wenn aber nachträglich die Steuer wieder erhöht werde, dann seien die Gefahren des Austrittes in einem Maße da, wie man sie bis jetzt noch mcht gekannt habe. Er beantrage deshalb namenS seiner Tfrafitoit fite Festsetzung des Steuersatzes auszusetzen, biS der Etat ein gehend geprüft worden sei. Auch Herr Stiefel (lrb.) hält es für unbedingt notwendig, zuerst Leu Etat e»d° gültig zu klären, bevor man irgendwelche Steuern dekretiere. Er warnt vor einer übereilten Beschlußfassung uyd gibt zu bedenken, -aß sich der Etat bei genauer Durchsicht noch sehr verändern könne. Er erkennt keine Möglichkeit den Steitcrsak heute definitiv sestzusetzen und bittet, sich dem Antrag Wolfs anzuschließen. Herr Werner (kons.) hält eö für seine Pflicht daran zu erinnern, -aß er sich bisher immer, wenn es notwendig mar. für Erhöhung deS Steuersatzes eingesetzt habe, müsse man unbedingt dem Steuerzahler sein Geld wieder znrückzahlen. ohne Rücksicht daraus, ob man 'pater erhöhen oder erniedrigen müsse. Dr. Merzbach stellt fest, -aß schon jetzt große Steuerzahler ausgetreten feiert. Etne derartige Politik, wie sie der Vorredner empfehle, stärke unzweifelhaft die Gemeinöepflicht. Herr Oppenheimer (lib.s steht sich außerstande über die Steuer zu bestimmen, wenn mcht die Posten des Etats eingehendst geprüft werden. ES ist ihm persönlich eine unsympathische Methode, wenn zü Balauciernngszwecken die Etatssührung 150 000 M.'einfach aus dem Extraordinarium in das Ordinärium einsetze. Es kämen auch vielleicht einmal Zeiten, wo die Gemeinde dieses Geld sehr nötig habe. Herr Dr. Meyer gibt einen allgemeinen Ueberblick über den Etat zur Begründung des VorstandSpunkteS. Ju dem Absatz Besoldung, der mit seiner halben Million allein 83% des Etats ausmache, könite man bestimmt nichts wesentliches sparen. Auch bei der zweiten Verbindlichkeit der Gemeinde — im Unterrichtswesen — könne an dem Betrag von 312 000 Mark nichts vo»t Bedeutung geändert werden. Der dritte Posten — Krankenhaus —, der mit 88 000 Mark eingesetzt sei. könne auch als stabil angesehen werden. Auch eine Erhöhung der Subventionen (7500 Mark vor dem Kriege — heute 175 000 Mark) käme wohl nicht in Frage. Als den Kern der Sache sehe er an. daß man bei aller Exaktheit in der Berechnung der Steuereinnahmeit diese eben doch nicht genau kenne. Wenn man aber jetzt den Steuersatz veröffentliche, dann kämen die Steuergclder schneller und williger in die Gemeindekassen. Wenn «s auch richtig sei, daß ein Ordina rium sich selbst decken müsse, so dürfe man vom Gemeindeglied andererseits nicht mehr Steuern als unbedingt notwendig nehmen. Herr Tr. Merzvach hält es für eine ungesunde Politik, die Steuern in wilden Sprüngen herab- und heraufzusetzen und gibt Herrn Dr. Geiger (lib.) das Schlußwort: Ueber nichts könne man mehr erstaunt sein als über fraktionsmäßige Weltanschauungen zu Steuerfragen. Im Gegensatz zu der liberalen Fraktion dächten die änderen Parteien einyeitsmätzig über den Steuersatz. Man solle-di»- selbe so niedrig wie überhaupt nur möglich feftsejM'^ abM so. daß man sie nicht wieder nach einem halben Jahre Mraufsetzen müsse. Wenn anders gewirtschastet werde, dann sei leicht alles verzehrt. Der Vorsitzende Dr. Merzbach schreitet nun zur Abstimmung. Mit 15 gegen 12 Stimmen wird der Antrag Stiefel-Wolfs auf Vertagung abgelehnt. Auf Vorschlag Gort ein (kons.) wird 5 Minuten Pause eingelegt. Die Fraktionen beraten in dieser Zeit. Danach gibt ein Teil der liberalen Fraktion nebst der jüdischen Bolkspartei Stimmenthaltung bekannt. Der Antrag, die Kultussteuer auf VP/2% der Reichseinkommensteuer festzusetzen, wird schließlich mit 14 Stimmen der konservativen und eines Teiles der liberalen Fraktion angenommen, jedoch mit dem ausdrücklichen Zusatz: Die Gemeinde behält sich vor, den Steuersatz für das 2. Halbjahr zu verändern. Auf Antrag Dr. Geiger wird der Haushaltsplan einstimmig der Jinanzkommission überwiesen. Dann wird u. a. mitgeteilt, daß in den Vorstand der Hauptsynagoge für drei ausscheidende Mitglieder,- Frau Selig. Herr Lubafch und Herr Siegmund Rotschild gewählt wurden. Weiterhin wird berichtet, daß die Absicht bestehe, den Annoncenteil des Gemeindeblaites an eine' Jnsekatensirma zu verpachten. Das Abkommen biete Vorteile und'bedeute Steigerung der Einnahmen. Außerdem habe man nur für die Dauer eines Jahres abgeschlossen. Herr Stiefel ilib,) stellt fest, daß dos Gemeind Matt, bas jetzt einen tatsächlichen prodnktiven Betrieb öarstelle. es erst geworden sei. als man mit Aquisiteuren gearbeitet habe. Am besten lasse man cs beim jetzigen Zustand. Die frühere Verpachtung an eine andere Firma hätte die geheotcn'Hoffnungen auch nicht erfüllt. Nachdem die Herren Dr. Gei-! ger, Dr. Merzbach und Wolff die Zuständigkeit der! Gemeindevertretung festgestellt haben, wird die Vorlage an die, Finanzkommission überwiesen. Herr Dr. Merzbach schließt die öffentliche Sitzung mit Worten des Dankes an Herrn Dr. Höxter für ein von ihm verfaßtes und der Gemeindebibliothek überreichtes Qucllenlesebnch. Hanau. (S ch ä ch t p r v z e ß.) Der Schächtprozeß. von Gelnhausen hat gestern das Hanauer Gericht in zweiter Instanz beschäftigt. Schlachthofdirektor Dr. Lindemann in Gelnhausen hatte in einem Briefe an den Tierschutzverein in München behauptet, daß ein non dem Metzgermeistcr Ludwig Reis in Gelnhausen zum Schächten gefesseltes niedergelegtes Jungrind nach dem von dem Schächter S. Marx in Gelnhausen vorgcuommenen Schächtschniti drei Minuten lang ausgiebig geblutet, plötzlich seine Fessel zerrissen, sich erhoben hat und umhergelaufen sei. bis es Reis gelungen sei, das Tier zu Fall zu bringen. Der Inhalt dieses Briefes ist veröftentlicht worden, woraus Marx nnd Reis im „Gelnhauserrer Tageblatt" erklärten, daß ihnen von diesem oder einem ähnlichen Vorfall nichts bekannt sei, und sie die Schilderung als eine Verleumdung bezeichnetey. Deshalb hatte Linbemann gegen sie Strafantrag gestellt. In der Verhandlung vor dem Schöffengericht hielten beide Teile an ihren Behauptungen fest. Das Schöffengericht sprach dte Angeklagten frei, da es die erheblichsten Bedenken hatte, ob sich der Sachverhalt so zugetragen hatte, wie er * von Dr. Ltndemann geschildert worden sei. Die Berufungsj instanz hob AS Urteil der ersten Instanz aus und erkannte! aus je,150 Mark Geldstrafe.! Königsberg. (Große Ge in e indew 8 hlerner - u tt S-) Die im Großblock vereinigten Parteien Orthodoxe, Zionisten, mittelparteiliche Gemeindcvereinler und Chasstdrm) hielten gemeinsam mit der Liberalen Bereinigung vor Ser überfüllten Aula der Hindenburgschule eine Wahlversammlung ab, die von Sanitätsrat Dr. Stein gx, leitet wurde. Als erster Redner sprach der liberale Repräsentant Justtzrat Dr. Lichtenstein, der eine Erklärung darfür gab, auwelchem Grunde die Parteien eine gemeinsame neue Aste ausgestellt hätten. Er ging dann aus die Aenderung des Wahlrechtes ein und betonte besonders, daß auch den Frauen 1