Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 46 (12.11.1926)
- Date
- 1926-11-12
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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'Hk-.. f ■PI.H.n" '-1 ' v”"??• ■)..■■ t al c lt 3 u ö c u o r ö a n i i i c i c u?" Ueber dieses Thema -sprach am 3. d. M. im „Deutschen Haus" in einer von den jüdiichen Gerne: rldemitgliedern gut besuchten Versammlung Rechtsanwalt Heinrich Ltern-Bcrliu. Vorsitzender der Vereinigung für das liberale Judentum. In VA ständiger Rede führte der Vortragende aus, baß das Judentum nicht nur eine Angelegenheit der jüdischen Glaubensgenossen, sondern -er menschlichen Gesamtheit >ei, weil es durch seine Propheten, durch die Bibel und durch seine sozial-ethische Idee der Menjchheit viel gegeben habe. Manches lebt in der Kirche, vieles aber auch in der Knnsr aller Zeiten fort und ebenso sei die heutige Friedensbewegung altjüdifcheS prophetisches Erbgut, während aber all diele srnchibarcn und lebens- -gestaltenden Ideen sich in der Menschheit auswirken, sei die jüdische GlauvensgemeinschasL währerld der letzten Jahrhunderte infolge des allgemeinen Judenhasses, der sich früher als Reltgivnshaß, heute aber mehr als Rassenhaß auswirke, in eine geistige Stagnation geraten. Das l iberale Judentum verwerfe zwar nicht die alten Formen. das Zeremonialgesetz, «S wünscht aber, daß dieses den zeitlichen Verhältnissen entsprechend umgestaltet werde, wobei weit mehr auf den Wesen Sgehalt als auf die Zarin gesehen werden müsse. Hierzu sei nötig, des; die Idee des Judentums unter den Glaubensgenossen wieder Gurgel schlägt und jüdischer Gemeinschaftsgeist unter ihnen erwacht. Das Judentum habe der Menschheit noch mancherlei zu sagerr in:d dürfe nicht zu einer abseits stctzen.de?: Londergruhpe werden, weder in nationalem Finne d-c Zivuisten. noch im Finne der sögenannten gesetzestrenen Orlhodorie. Die Ausführungen fanden begeisterten Widerhall bei den Bersamine-lteit. Es wn:de sofort die neue BczirkSgruppc Karlsoorst und Umgcgeud unter Vorsitz des Herrn Rechtsanwalt 3. Hauch.arger gegründet und dem Liberaler: Verein für die Augclegerrheiier: der jüdischc?t Genreinde zu Bertis c. V. angegliedcrh Bveslait. sF i'r d i i ch =f i u e v aler I n g c n ooerci lt „A b r a ij a nr G c i o c rV) Die t^rnvpe „Lüden" eröffnetc ihre Wintertäiigkeil mit einer Dislnssiou. über das Thema .„Die Mischehe", die man sachkundiger Loire durch ein eingehendes Referat eingelcilcr wurde. Der Referent behandelte zunächst historisch die Ltcltuug des Judentums zur Ehe mit Andersgläubigen, ausgehend von der biblischen Zeit und endend bei dein Beschluß der Brannschweiger Nabbinerversammlnng. Im zweiten Teil wies er auf die Feststellungen der Lt-tistik hin, vast bei Mischehen nur etwa .16 Prozent der Kinder den: Judentum erhalten bleiben und daß 12 Prozent aller Mischehen nach kurzer Zeit wieder auf- > gelost werde:! Än. das Referat knüpfte sich eine lebhafte DiLrrchswn. Der Abend ha-?e aller: Teiluehrnern reiche Anregnpgen gegeben, als die Znfavttnenkanst in vorgerückter .Stunde geschlossen wurde. Cassel. Die hiosige Ortsgruppe der Beceinignng für. das liberale Jndentnin hatte Lonntagabend erstmalig zu einer i Versammlung ein ge laden. ßtechtsanwalt Heinrich Stern, Berlirr, der Vorsitzende der Berciuignng, referierte vor einer kleineren, aber dankbare.?! Zuhörerschaft über „Das Judentum am Scheidewege". Einleitend konnte der Vorsitzende der -Ortsgruppe, Direktor Carl Gotthelft, ans den Zweck der Veram'taltnng, für den Gedanken des liberalen Judentums zu werben, und nnftläreud zu wirren, hinweiscr». Der Vortragende verbreitete sich einleitend über die Stellunguahme der verschiedenen Kategor teil unserer Glaubensgenossen, von denen manche als sogenannte Erinnerungsjndeu, andere als Noch-, Schein- oder Halb luden nur lose mit der Gemeinschaft in Verbindung stehen, weil sie den wahren Sinn der Zugebürigkeit zur.: Judentum nicht erfaßt oder falsch ansgelegt habe'!. Darum bestehe heute die Gefahr. daß am Scheidewege die groß-.: Mnss-c abseits stehe, während nur ein kleiner Kern noch erhalle?» bleibe. In -l "ausführlichen Darlegungen sucht der Rcdn-er, an das ---Bvecksche Wort anlnüpsend, das; die Juden dreimal ansgezogen '^'«ftziön (aus Aegypten, aus den? heiligen Vand und ans dem Ghetto), auf den Mangel an Führern beim dritten Anszuge hinznweisen, der im Zeichen des schrankenlosen Individualismus und der dadurch bedingten vernachlässigten Idee der großen Gemeinschaft stand. Der Stotz des Antisemitismus habe erst das Zurückgreisen zum Schutz der jüdischen Gemeinschaft gebracht, wie er im Ä. C.-Verband und Zentralverein von Inden um des Judentums willen geschaffen wurde Dem Nationalfudentum rühmt der Redner, der sich außerdem mit dieser wie der konservativen Richtung in grundsätzlicher: Fragen ernst und sachlich auseinandersetzt, es als Verdienst nach, daß es den Gemcinschaftsgedanken zuerst mit Nachdruck betont habe. Gr weist den Gegensatz des Judentums der Entwicklung, wie es dem Liberalen vorschwebt, und dein der Form, wie es für den Orthodoxen besteht, ltad), und erörtert im Zusammenhang mit der Berbalinfpiration auf der einen und der Zulässigkeit der Forschung und Kritik über jüdische Normen auf der anderen Seite, die selbst Rabbiner Dr. Nobel, Frankfurt a. M., für möglich gehalten habe, die Grundideen des Judentums, die vom Allvater der Menschen, vom Sieg des Hinten und vom stark ausgeprägten GerechtigkcitS- und Gemeinschaftlichkeitsgefühl künden und nach den Worten Abraham Geigers alS „Schwingen der Seele zur Höh-?" zun: Nachdenken über die ererbte Religion mahnen. Die Hauptsache beruhe aber darin, die Gemcinschaftsidee in die Tat nmzusetzen, d. h. sich mit Brüdern und Schwestern zur Gemeinschaft znsammen- . zufinden. De?' Rcdn».'r verneint die Notwendigkeit, die , Inden aus der Kultur der Umwelt herauszuziehen und verlangt, daß sie in und mit den Völkern leben und sich in Sprache und Gesiiinng nicht von ihnen unterscheiden sollen: Da das Geheimnis des Judentums im indischen Haus beruhe, müsse auch der liberale Jude seine häusliche Gemeinschaft zu einer jüdischen machen und bei seinen Kindern durch zeitgemäß angepaßte Sabbath- und Feftesfeicrn Sinn und Verständnis für unsere Zeremonien wecken. Auch die Gcmein-eangelegenhciten sollen unter ähnlichen Gesichtspunkten ihre auf regere Beteiligung der jüdischen Gemeinschaft fußende Regelung erfahren, trotz der Kämpfe und Meinungsverschiedenheiten, die dabei mit in Kauf genommen werden müßten. Am Scheidewege, so resümierte der Redner, laute also die Losung: „Nicht die Entwicklung ins Nichts soll die Parole sein, sondern der in liberalem Geiste ausgestaltete Gedanke muß Allgemeingut werden: „Wir betrachten es als ciu Glück, Jude zu sein!" Dem mit lebhaftem Beifall anfg-enommenen Vortrag folgt-e eine kurze Diskussion, in der — zum Bedauern des Referenten — von den Herren Richard Gotthclft und Eduard Haß — nur zustimmendc Ansichten geäußert wurden. Dem Redner wäre die Meldung anders eingestellter Herren auch erwünscht gewesen. Der Abend hat wohl dadurch erfolgreich gewirkt, daß einige Neuanmeldnngen zur Ortsgruppe zu verzeichnen waren und der liberale Gedanke festeren Boden gewann. Frankfurt a. M. < I ü d t f d) L iberale I u aendß c m <* i « f d) ö f L) Nun sind wir mitten in unserer Winterarbeit, und an viele?: Stellen zugleich wird gearbeitet. Als erfreuliches Ergebnis dürfen mir fetzt schon berichten, daß die Beteiligung eine sehr rege ist und viele neue Freunde gewonnen wurden. Die abwechslungsreiche Teilung der Arbeit hat sich bewährt, da jeder sein Gebiet findet, das ihn interessiert. Da können mir zunächst einmal von dem schönen Abend berichten, der un§ in der Laubbütte *nfommeitfUfirte, an dem Dr. Salzberger ein anschauliches Bild der jüdischen Feste entwarf und durch zahlreiche Fragen das aroße Interesse unserer Jugend an jüdischen Dingen sich bekundete, L)urch Vorträge ernster und heiterer Art wurde der Nest dieses Abends auf das Beste ausgefüllt. Dann können wir von einem sehr interessanten Bortrag berichten, den Hanna May über Kunstgewerbe in engerem Rahmen hielt, und wo wir an zahlreichen Bildern über Sinn und Schönheit von Kunstwerken und kunstgewerblichen Gegenständen belehrt wurden. Ein sehr interessanter Bortrag des Herrn Fuchs brachte uns wirtschaftliche Zusammenhänge der Gegenwart nahe, besonders auf dem Gebiet der Eisen- und Kohlenwirtschaft. Eine Arbeitsgemeinschaft wird von Dr. Gottfchalk in überaus fesselnder Weife in das Gebiet jüdischer Geschichte des Mittelalters eingeführt. Eine andere betrachtet vergleichend unter Leitung von Dr. Seligmann die Gebiete der Religion und Philosophie. Bei Frau Dr. Edinger beschäftigt man sich eifrigst mit dem Vergleich zwischen Judentum und Christentum an Hand des Neuen und des Alten Testaments. Ein Kursus für hebräische Sprache ist aut besucht. Die gesellige Zusammenkunft der einzelnen Mitglieder an besonderen Abenden bietet Austausch und Bereicherung. In nächster Zeit findet eine Chcmukah->Feier in engstem Rahmen statt, eine Führung durch das alte Frankfurt, eine Mendelsohn-Feier, und manches andere, was wir unseren Freunden an dieser Stelle bekanntgeben werden. Wünschen und Anregungen tragen wir stets weitgehendst Rechnung. Diesbezügliche Mitteilungen an den Vorsitzenden, Dr. Hoffman». Telephon: Maingau 1878, erbeten. fgj BÜCHERSCHAU fffj Eicrbega&rd-Literatur. Das gegenwärtige, immer wachsende Interesse um die Persönlichkeit Kierkegaards zeigt sich in dem sichtbaren Anschwellen der Neuerscheinungen, die sich auf diesen 1855 gestorbenen, in Deutschland bis vor wenigen Jahren fast überhaupt nicht beachteten dänischen Denker beziehen. Was er unserer Zeit geben kann, ist nicht schwer zu erkennen. Er ist als religiös wirklich tief empfindender Mensch allem oberflächlich Konservativen, allem äußerlich Konventionellen gegenüber ablehnend. Ein Feind kirchlich formulierter Religion aus Religion. Gepaart mit einem strengen Ernst, der überall die notwendigen Bindungen sieht und anerkennt. Wir bewundern heute an der Romantik ihre Hellhörigkeit für die Welt des Religiösen. Kierkegaard ist in diese Schule gegangen und diesbezüglich einer der Begabtesten der Romantiker. Und doch darf sein philosophisches Werk als Lehre zur Ueberwindung der Romantik angesehen werden. Der romantische Aesthcticismus, dieses Schwelgen im Subjektiven, das die Religion ins Interessante überträgt, rein genießerisch nur die Erlebnisseite betrachtet und in passivem Verharren sich dem Pfliehtmäßigen entzieht, wird von dem Antiroinantikcr von der moralischen Weltonsicht aus scharf kritisiert: In der Religion, so lehrt er, handelt es sich um eine Entscheidung, die sich an das Tun des Menschen wendet. Für die heutige Jugend, deren Bestrebung vielfach aus einer Romantik heraus verstanden werden kann, durchaus lesenswert. — Als gute Einführung in Kierkegaards Werk und Leben ist zu nennen: Soren Kierkegaard von D. Torsten Bohlin, Verlag von C. Bertelsmann in Gütersloh. Eine sich leicht lesende Erzählung des Lebens Kierkegaards, die hei aller Analyse der Persönlichkeit nicht in den Fehler der heute leider üblichen psychologischen Schnüffelei verfällt, wozu das Schicksal Kierkegaards besonders leicht verführen kann. Die Probleme der Schriften werden dargelegt, ein übersichtlicher Inhaltsbericht, der von den Resultaten dieser Denkarbeit Kierkegaards deutliche Verstellung gibt. — An den mit Kierkegaard bereits Vertrauten wendet sich das von Anders Gommer und August Messer gemeinsam herausgegebene Buch Soren Kierkegaard und Karl Barth bei Strecker und Schröder, Stuttgart, in dem Karl Bartb. diese so wichtige Erscheinung in der gegenwärtigen Religionsphilosophie, mit Kierkegaard verglichen wird. Daß durch diese beiden nebeneinander stehenden Monographien bei dem Vergleich viel Licht auf die zwei innerlich gleichen Standpunkte fäüt, ist durch dieses Buch bewiesen. Bartli und Kierkegaard haben gemeinsam, daß sie den religiösen Akt von allen Akten der Vernunft und des sittlichen Wollen« unterscheiden und so verständlich machen. Der intellekualistischen Ucbersuannung gegenüber fordern sie beide die Religiosität des Hiob, der nicht glaubt — weil, sondern — trotzdem. Der Selbstgerechtigkeit und Versteinerung des Kirchenglaubcns halten sie den ungeheuren Abstand der unmittelbar erlebten Frömmigkeit von der kirchlich formulierten entgegen. Aber die Unterschiede werden auch sichtbar. Kierkegaard ist doch mehr der Denker, der nicht übepsieht, wie weif die Vernunft immer noch führen kann, bevor sie endgültig vor dem Unbegreiflichen sich bescheidet. Auch ist bei ihm diese unbedingte Verneinung der weltlichen Kultur als religiöse Bewährungsform wenigstens nicht in solchem Maße wie bei Barth vorhanden. Erfrischend ist diesbezüglich, die hier sich anschließende Kritik Messers zu lesen. Messer stellt der Ueberzeugung Kierkegaards und Barths von dem „unendlich qualitativen Unterschied" zwischen Gott und Mensch den kantischen Begriff vom unendlichen „Progressus“ entgegen, er weist auf das Schöpferische des Verneinens, das seine treibende Kraft von einem Positiven hernimmt, weist darauf bin, daß alles ewig Unzulängliche ein Gleichnis ist des höchst Vollkommenen. — Die Methode, die Welt Kierkegaards durch Vergleich mit Geistesverwandten darzulegen, schlägt auch Theodor Haecker ein. Ha eck er hat durch Herausgabe einer zweibändigen Auswahl der Tagebücher Kierkegaards (Brenner - Verlag, Innsbruck) der deutschen Kierkegaardgemeinde das zur Kenntnis dieses einsamen Denkers wichtigste Dokument geliefert. Tn seiner höchst, lesenswerten Schrift: Sören Kierkegaard und die Philosophie der Innerlichkeit (Brenner-Verlag, Innsbruck) zieht ein in dem Geistesleben Europas durchaus Heimischer das Fazit seiner geistigen Wanderungen. Zu den höchsten Gipfeln dieses Europa, zu Hauptmanns Narr in Christo, zu Dostojewskis Idiot, zu Kant und Nietzsche wird Kierkegaard in Beziehung gesetzt und so sein Bild verdeutlicht." Dieses Essay von Haecker gehört zu dem Tiefsten d->r Kierkegaardliterafur. Rabbiner Dr. Ignaz Maybaum, Bingen a. R h. Pbilftnthropin. Es gereicht mir zu einer wahrhaften F re ft de, der ersten jüdischen höheren Lehranstalt in Deutschland einige Worte •wridrneu zu dürfen, und das können nur Worte der Anerkennung sein, dem Philanthropin in Frankfurt a. M., das ein Reform rcalgymnasiurn mit Realschule nebst Lyzeum und Frauenschule umfaßt, Diese Anstalt hat von je Direktoren aüfzuweisen, die eine Zierde des Judentums bildeten, und Lehrpersonen, die als Elite der jüdischen Schulmänner gelten können. Den Eindruck gewinnt man auch, wenn man nur einen Bliclc wirft in den von dem jetzigen Leiter der Anstalt, Studiendirektor Dr. Otto Driesen, erstatteten Bericht tiber die Schuljahre 1015—1926. Den vorletzten Bericht erstattete noch der unvergeßliche Geheimrat Dr. Adler, der am 26. Februar 1010 nur allzu früh das Zeitliche gesegnet hatte. (Die herrliche Ansprache, die Justizrat Dr. Ernst Auerbach bei der Gedenkfeier für den Verewigten gehalten, ist auf Seite 12 uff. abgedruckt.) Wegen häufiger Anfragen ist es für weitere Kreise von Bedeutung, darauf hinzuweiseu, daß sich das Philanthropin in die Organisation der preußischen höheren Schulen einreiht und bemerken: 1. das Abiturientenzeugnis des Reformrcalgymnasiums berechtigt zum Studium in sämtlichen Fakultäten aller Universitäten, technischen Hochschulen und Handelshochschulen Deutschlands und des Auslandes; 2. das Schulzeugnis des Lyzeums, das die Schülerinnen nach Besuch der Untersekunda erhalten, berechtigt zum Eintritt in die Obcrsekunda und die dritte wissenschaftliche Klasse eines Ober- Kzemns; es berechtigt besonders zum Eintritt in die Frauenschule; 3. das Abgangszeugnis der Frauenschule mit nachfolgender einjähriger Arbeit in «ler Wohlfahrtspflege verleiht die Berechtigung zum Eintritt in ein Frauenseminar für soziale Berufsarbeit. Den Kriegsjahren ist natürlich ein besonderes Kapitel gewidmet. Mehr als 400 ehemalige Schüler waren Kriegsteilnehmer; 56 starben den Heldentod fürs Vaterland. — Zur Zeit wird das Realgymnasium von 238 Schülern besucht. Wir brauchen nicht zu betonen, daß die Anstalt allen pädagogischen Forderungen der Jetztzeit entspricht und stetig an dem Ausbau Erarbeitet wird. Wir können es uns nicht versagen, die trefficheu, zur Andacht stimmenden Worte hierherzusetzen. die wir Seite 21 des Berichts lesen: „Es kann nur die Einstellung auf ein Ganzes helfen, von Mensch zu Mensch: Humanität. Gerade die treue Liehe zur verarmten Heimat, heute im Leid inniger denn je, führt uns in das Reich der Humanität, in das Reich Kants. Goethes, Schillers, Humboldts, Herders, iu das Reich, das wieder kommen wird, weil es wieder kommen muß, das Reich, in dessen Urboden Deutschlands stärkste Wurzeln haften. Und so sind wir Frankfurter Philanthropinistcn des Reformrcalgymnasiums mit unserer Betonung der seelischen Urgründe und Quellen, gerade, auch der jüdischen, und mit unserem felsenfesten Glauben an ein Aufwärts und an eine in Glauben und Heimat gesegnete Neublüte, im aDertiefsten Sinne heute zeitgemäß.“ Schon früher aalt dem Philanthropin als unverbrüchlicher Grundsatz, j ü a i s c h c s "Wissen und zeitgemäße Bildung miteinander zu vereinigen. Wir schließen mit den besten Wümcheii für eine weitere segensreiche Entwicklung der Anstalt zum Heile des Judentums und zum Heile der Menschheit. Dr. M. Spanier, Magdeburg. y \ Der Tod Mose«. Biblidohe Ballade, komponiert von Aron Friedmann. Das neueste Opus dieses trefflichen, unermüdlich schaffenden Synagogenkomponisten, ist abermals in Faktur oock Invention von bedeutendem Wert, zumal die Kunstform der musikalischen Ballade nur wenige Liebhaber fand. Mit einem kraftvollen F-moll-Lento setzt das Vorspiel ein, bald folgt von Weihe gefüllt ein zweites Motiv für den Sänger, das teils rezitativische, teils weit gesponnene Melodiebögen bringt; der Klavier-Part setzt nun mit einem pastoralen Solo ein, das von einer altertümlichen, fein sensiblen Diatonik durchsetzt ist, und als Jlirtenmotiv, durch eine Oboe oder englisch Horn, die Absicht des Komponisten (das primitiv Archaistische) so voll wirkend geben könnte. Mit diesen drei Hauptmotiven bestreitet Fried mann die Stiminungskunst. das Malerische, seine Federführung hat Gefühlsschwung und plastische Farbe. So zeigt auch Friedmann in dieser Ballade sein sicheres Stilgefühl, seinen seelischen und geistigen Weitblick für den „Steiger“ und eine erstaunliche Beweglichkeit seiner Phantasie; als Novum bemerkten wir verschiedene malerische Reflexe, die sicher durch den Text aus dein „Piutim“ angeregt wurden. Unter den Synagogen-Komponisten nimmt F riedmann eine exzeptionelle Stellung ein; er war immer, unter allen Umständen, ein treuer Anhänger des Ererbten, nie beherrschte ihn eine fremde Neigung; wie er die alten Tonarten verwertet hat, das war seine größte Kunstgestaliang, sie hat uns Werke von bleibendem Wert gegeben. Musikdirektor S. Singer, Halle a. 8. Hie Welt als Schöpfung und Natur. Von Isaac Breuer. (J. Kaufmann Verlag, Frankfurt n. M. 1926.) Als im Jahre 1921 Breuers Roman „Ein Kampf um Gott“ herausgekommen war, schrieb (in der Septembernummer, der Zeitschrift „Im Deutschen Reich“, 1921) Rabbiner Dr. •Felix Goldnvann: als Roman sei das Buch zwar schlecht, aber der Verfasser geize auch nicht nach literarischem Ruhm; <les Buches Bedeutung liege in seinen Gedanken über das moderne Judentum. — Jetzt hat Breuer in seinem neuen Buche „Die Welt als Schöpfung und Natur“ diese seine Gedanken der literarischen Form entkleidet und bringt sie uns als ..Prolcgomcna für ein System jüdischer Philosophie“; ausdrücklich bemerkt er im Vorwort, daß er seine Ausführungen als derartige philosophische Prolegomena gewertet wissen will. — Es muß von vornherein gesagt werden, daß die Gemeinde derer, die sich Breuers Religionsphilosophic zu eigen machen können, sehr klein sein wird. Seine uedanken sind weder philosophisch noch religiös haltbar. Wir können philosophisch nicht allzuviel1 anfangen mit einer Auffassung, die da meint, „der Schöpfungsgott habe einst stürmend dem Nichts die Schöpfung entrissen (S. 32)“, denn das Nichts ist ein für uns Undenkbares, und der hier geschilderte Vorgang (Gott im Kampf mit dem Nichts) ist eine völlige Denkunmöglichkeit, dergleichen noch viele in Breuers Buch Vorkommen. — Der religiöse Mensch wiederum wird Anstoß daran nehmen, daß Breuer wiederholt von einer „Tragik Gottes“ spricht (S. 32 und S. 101). Damit dürfte die Gottheit doch wohl gar, zu menschlich und mit menschlichen Affekten belastet dargestellt sein; die geläuterte Gottesauffassung weiß nur von einem Gotte, der über der Tragik und überhaupt gänzlich jenseits aller Affekte steht. Dies ist auch die unbezweifeloare Auffassung der jüdischen Religionsphilosophie (verf;leiche Maimomdcs: Mi sch ne Thora hilchot Jesode ha-thora ,11). — Muß man nun also den Philosophen Breuer unbedingt ablehnen, wie man den Romanschriftsteller Breuer schon abgelehnt hat, so hat das Buch dennoch einen hohen ethischen Wert. Dieser liegt in der vom Verfasser an die Leser gerichteten Aufforderung, über ihren engen Alltagskreis und dessen Leiden und Freuden hinauszustreben und geschichtlich denken zu lernen. Geschichtlich denken heißt verantwortungsbewußt denken. Indem die Menschen der Vorkriegszeit ungeschichtlich und philistermäßig dachten, haben sie alle den Krieg verschuldet; die Verantwortung für alles Unglück und Leid, für alle Grausamkeit und Gier übertrugen sie dem in Wahrheit verantwortungslosen Staat, der eine „juristische“ Person sei. Dem Kampf gegen das Philistertum gilt das Buch und gelten besonders die ersten Kapitel, die vom Flammen, ntero eines Mannes und Mahners durchweht sind, der um die. durch ihre Gedankenlosigkeit unglücklich gewordenen Menschen Leid trägt. Diese ersten Kapitel machen das Buch lesens- und beherzigenswert. Wir brauchen heute mehr als je Männer und Bücher, die gegen das Philisterium Kampf führen. Breuer führt in seinem Buche einen solchen Kampf: gegen das Philisterium, für die Ethik; also wiederum einen „Kampf um Gott“. Empfängliche und idealgesinnte Leser werden Anregung und Bereicherung daraus schöpfen. — Ein weiterer Wert des Buches liegt in den starken Worten gegen die zwei Irrwege der heutigen Judengege den jüdischen IndifFercntismus und gegen den jüdischen Nationalismus. George Goetz»