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Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-11-12 · 46 (12.11.1926) · page 8

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
46 (12.11.1926)
Date
1926-11-12
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Der tote Jude. (Forts.) Von Doris Wittner. K ich druck varbotea. — Copyright by Onflüoia * Co„ G. m. b. L, Leipsic. Des Königs Lippen hatten sich zu einem von Ekel, Abscheu und Verachtung verzerrten Munde geschürzt: „Schmutziger Lump! Fürwahr, du warst das gute Wort im letzten Brief nicht wert Noch weniger wert, daß eines Königs Sinn dies Wort in Ehren hält. Und nun zur Sache, Herr. Es gibt nichts Persönliches mehr zwischen Uns und Ihresgleichen. Sie werden Unsere Aufträge ausführen, und zwar unverzüglich. Haben Sie sie za Unserer Zufriedenheit ausgeführt, alsdann Gott befohlen, Herr! Wir wünschen Sie nicht weiter an den untergehenden Stern des Hauses Bonaparte zu fesseln.“ „Wozu Euer Majestät sich auch kaum mehr Gelegenheit bieten dürfte.“ Hämisch antworteten es die Lippen des Venezianers. „Darf ich nunmehr um die Aufträge für Ihren ergebensten Hoffaktor und Finanzagenten bitten, Sire?“ „Jawohl. Stehenden Fußes ins Rheinland! Allenthalben Münzeu hochwertigen Goldgrades aufkaufen, kurz gesagt, Geld ins Land schaffen, soviel als möglich. Wie» ist Ihre Sache, Herr. War immer Ihre Sache. Aber das Volk braucht Geld. Und wir wissen, daß unser Vorgänger, der uns gleich Ihnen, würdiger Graf, schon am Rande des Abgrundes sieht, seine unsauberen Hände im Innern dieses Landes graben läßt. Wir wollen aber »nicht, daß er sich wieder Gold durch Mcnschenschacher schafft. Also kurz und bündig: Euer Auftrag, Herr, heißt Gold, Gold und abermals Gold.“ „Zu dienen, Sire! Ich werde Sie das lctztemal bedienen, wie Sie von mir bedient zu werden erwarten! Wir sehen uns noch einmal, Majestät.“ Und ohne daß der König cs gewahrte, war der Venezianer mit geschmeidiger Verbeugung entschwunden. Bevor David Danielo ben Sonnino die ihm anbefohlene Fahrt ins Rheinland tat, hatte er auch noch eine Unterredung mit Mademoiselle de Balincours. Auch in diesem Falle hatte > Judith richtig prophezeiht. Der Mann, der im Leben nuv hatte hassen können, ohne za wissen, daß sein Haß nichts anderes war als verkehrte Liebe, suchte nunmehr alle Wege der Leidenschaft zu einer Toten. Denn erst der Tod hatte ihn das Leben begreifen gelehrt. Als darum Fräulein von Balincours, die Iluldin, die er 9ich von Standes wegen gehalten, glaubte, sich ihm mit tröstender Zärtlichkeit nähern zu dürfen, war sie mit rauher Deutlichkeit zurückgestoßen worden. Schluchzend hatte das arme und holde Geschöpf den Raum einstmaliger ebenso armer und hohler Liebkosungen verlassen. Ehe David Danielo ben Sonnino mit seinem schlauen Knechte Gasparone, wie anbefahlen, ins Herz des Rheinlandes in das heilige Köln, die Stadt der hundert Kirchen, stieß, trieb es ihn. die anderen heiligen Städte, reich durch ihre vormaligen Bistümer, aufzusuchen. Im Dekadensaal zu Trier, dem einstigen Promotionssaal der Universität, waren immer noch die Freiheitsbäume der Republik aufgepflanzt. Nur umgaben sic nicht mehr die weibliche Statue, das Sinnbild der Republik, die in ihrer Rechten ein Bündel Ruten mit dem herausragenden Beil, in ihrer Linken den Speer mit der Freiheitsmütze trug, sondern sie umstanden feierlich die lorbeergekrönte Büste des Kaisers der Franzosen. David Danielo gebrauchte seine üblichen Methoden, die reichen Bistümer auszusaugen, so gut es eben ging, ehe er zu dem Hauptschlage, gegen das heilige Köln, auszuholen gedachte. Nur daß er dieses Mal die güldenen Schätze nicht sammelte, um, laut Befehl, dem Lande und Volke Westfalens seinen König zu erhalten, sondern im Gegenteil, um Bestechungsgelder im Überfluß zur Hand zu haben, womit er den Westfalen tatsächlich verhaßten, vormaligen legitimen Kurfürsten von Hessen-Kassel auf seinen angestammten Thron zurückztifUhren beabsichtigte. Nur zwei Gedanken und zwei Gefühle beherrschten den ehedem geldgierigen und ehrsüchtigen Mann. Rache zu nehmen an König J6romc, der Im Leben Judith Gutes erwiesen und dafür ihre Dankbarkeit und ihre freiwillige Hingabe empfangen hatte, und Rache zu nehmen an dem stolzen, hoffärtigen Vater Judiths, Benjamin Cerf Pcreira zu Amsterdam, der seine Tochter gewaltsam in den Tod getrieben. Seit David Danielo erkannt hatte oder erkannt zu haben glaubte, daß er sein eigenes Leben verspielt und vertan hatte, dieweil das Motiv all seiner Handlungen nur ein weißglühender Liebcshafi wider die ihm überlegene, vornehme und schöne Patriziertocliter Judith Pereirn gewesen, hatte er alle persönlichen Eitelkeiten dieser Welt von sich getan und lebte nur noch seinem großen Werke, daß Liebe, Liebe und abermals Liebe, ausgedrückt durch Haß, Haß uud abermals Haß heißen sollte. Solange er mit Judith beisammen gelebt, hatte er sieb von ihr durchschaut und verachtet gefühlt, und der Wurm in ihm hatte sich gekrümmt. Fr hatte geglaubt, die selbstbewuste und unbeugsame Frau durch Demütigungen und Entwürdigungen in den Staub zu ziehen. Mitnichten. Immer größer, immer adliger, immer unantastbarer war sie aus dem Schmutz der Gemeinschaft mit ihm hervorgegangen. Er hatte sie Jerome, dem König von Westfalen als leichte Beute zugeworfen und hatte sich in Nächten voll namenloser Qual verzehrt vor Eifersucht, >Judith könne dem königlichen Betörer der Frauen wirklich in Liebe erliegen. Judith Pereira hatte vieles gewußt. Aber, daß ihr Gatte, David Danielo ben Sonnino, mit jeder neuen Schmach, die er ihr zugefügt, sich selbst und seine untilgbare Liebe (die er dazumal noch für redlichen Haß hielt) mit Skorpionen züchtigte, darauf wäre wohl selbst sie nicht verfallen. Ausschließlich ergriffen von der Monomanie seiner Liebe zu der ihm unwiderbringlich Entrissenen' ließ es den Besessenen darum auch eisig kalt, daß die Bevölkerung der Rheinstädte, die er jetzo mit unverhüllter Brutalität aussog und plünderte, ihm ebenfalls nicht mehr mit der gewohnten falschen Demut, sondern mit trotzigen Gebärden und fehdekündenden Mienen entgegentrat. Vergeblich hatte Gasparone bisweilen versucht, seinen Gebieter vor allzu verrufenen Quartieren oder allzu drohenden Gestalten zu warnen. Der lachte ihm ins Gesicht und wies auf seinen scharfen Damaszenerdolch, der ihm ohnedies allzeit locker in der Scheide saß. „Ruhig Blut, Gasparone, ruhig Blut! Ich sollte meinen, wir hoben schon andere Streiche bestanden. Und außerdem es steht in den Sternen geschrieben, mein wackerer Barsche, daß dieses ebenso nützliche wie unfehlbare Stilett noch zwei höchst wichtige Aufgaben zu erfüllen haben wird, ehe es irgendein Tunichtgut oder Maulaffenverkäufer dieser frommen Lande in unserem roten Venezianerblut wird kühlen dürfen. Also, nur Mut, Schelm der Schelme, und heran an die Bestie, die Kanaille der Bürger, auf daß sic mir güldeneh Segen entbiete. Wir brauchen Gold, mein Freund, viel Gold, mehr als Deine Schalksnarrenaugen jemals geschont, geschweige denn Deine törichte Phantasie sich in ihren kühnsten Visionen vorzustellen erlaubt haben dürfte.“ Gasparone schüttelte bisweilen seinen nicht sehr erleuchteten Kopf hinter dem Haupte seines Herrn. Wunderlich war er geworden, dieser Herr, höchst wunderlich! Und sah er nicht oder wollte er nicht sehen, daß rings um ihn und seinem noch so bewährten Damaszcnerdolch eine dräuende Masse sich ballte, mit der nicht eben leicht fertigzuwerden sein würde. Die Bevölkerung der rheinischen Städte nämlich — geführt von dem heiligen Köln — hatte, mit jedem neuen Unheil, das sich an den Namen des großen Kaisers knüpfte, die Wohltaten vergessen, die ihm dereinst von ihm gekommen, und verfolgte mit aufrührerischem Haß die Fremden im Lande, die man allsolange gnädigst und huldvollst über sich hatte regieren lassen. Und — je weiter die freiheitliche Bewegung alle deutschen Lande, geschürt von den verbündeten Staaten, ergriff —, neigte eben diese Bevölkerung zu dem Wahn, daß die fremden Söldner und die teils eingeborenen, teils eingewanderten Juden die Fremdherrschaft gemeinsam begünstigt, gestützt und unterstützt hätten. Umsonst hatten schon einige der mächtigen rheinischen Judengemeinden sich mit Eingaben an den Kaiser zu Wien oder an den König von Preußen gewandt, um Unbill und Ungerechtigkeit von ihrem Stamme abzuwenden. Alles vergebens. Der Kaiser zu Wien hörte sie wie die Kntz, und der König von Preußen war ein viel zu ausgesprochener Judenfeind, um auch nur einen Finger für sie zu rühren. Napoleon Bonaparte aber, ihr wirklicher Schirmherr, thronte zu Paris, im Herzen der Welt, und hatte zur Stunde andere Sorgen als die, sich der eigenen jüdischen Untertanen, es sei denn derer, der abtrünnigen deutschen Gaue zu erbarmen. Aber all diese Bewegungen und Strömungen glitten an David Danielo ab wie Regenwasser an Menschen und Dingen. Ob Jud, ob Christ, ob MuseJiuanu: ihm galt cs gleich. O ja, die tote Prophetin von San Michele behielt nicht nur Recht, zu Recht; sondern ihr Anspruch an den Lebenden wuchs von j Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde, von Minute zu Minute. Hätte es nicht noch die drei selbsterkorenen Aufgaben in der Welt gegeben: Rache an dem glücklicheren Jerome, Vergeltung an dem erbarmungslosen Benjamin Cerf Pereira, und alsdann — Rückkehr durch ein. sei es in Flammen loderndes, sei es von den Kriegsfurien aller Enden angezündetes Europa, nach Venedig, der Stadt der toten Gewässer, wo eine Tote ihm den letzten Gruß entbieten sollte, so würde Sonnino, den sie allenthalben — im Tiierischen wie im Mainzischen, im Koblenzischen wie im Framkfurtischeu — den „Würgengel Gottes“ hießen, sich ausschließlich vergraben haben in seine schmerzhafte Leidenschaft für jene, die ihm auf ewig entwichen war. Noch niemals war die gekränkte Liebe oder der gekränkte Stolz einer Frau wohl so aberwitzig gerächt worden, wie durch diesen posthumen Liebhaber. Es konnte geschehen, daß Gasparone irgendwelchen schreienden, maulenden, fluchenden Bürgern der von I ihnen heimgesuchten Städte allem Widerstreben und allen j noch so geschickt ersonnenen Verstecken zum Trotz, schwere Säckel gemünzten Feingoldes vor seinem Hern# auftiirmte, froh, eines Lobes gewärtig sein zu dürfen, und daß dieser Herr statt des erwarteten Lobes mit erloschenen Augen nur kalten Blickes über die Säckel dahinfuhr und indolent äußerte: „Verstau die Ware gut, Gasparone! Und halt’ nicht ein, das Gesindel gründlich zur Ader zu lassen! Heilige können sterben und verderben, aber die rheinischen Dickbäuche vermeinen, sich ihren Wanst nach Belieben mästen zu dürfen. Lehr es sie, Gasparone, daß sie ihre säuberliche Rechnung ohne uns, den „Grafen Sonnino“, was meinst du, Gasparone, eines Königs erlauchten Finanzverwalter und Landeshüter, gemacht haben.“ Und wenn der arme venetianische Bursche, der seinem Herrn mit einer seltsamen Gaunertreue anhing, vielleicht auch kein Wort verstand von dem, was jener, ob zu ihm, ob zu sich selbst, ob in die leere Luft hinein, spracht so fuhr doch bisweilen aus der Kehle dieses Herrn ein so höllisches Gelächter hinterher, daß der törichte Fant vermeinte, das jüngste Gericht sei schon angebrochen, und er vernehme den klappernden Tanz toter Gebeine. „Danse macabre!“ Fürwahr. Er raste und schüttelte nicht nur die Glieder der Verdammten, sondern es schien seine Musik über den gesamten europäischen Kontinent schallen lassen zu wollen. In der Völkerschlacht bei Leipzig hatte sich das Kriegsglück anscheinend endgültig von seinem großen Liebling, dem gekrönten Soldaten auf dem französischen Throne, gewendet. Die Zeit erfüllte sich. Es schloß sich der Ring, in dem die Buchstaben des Verderbens ein gegraben waren. Die napoleonische Autorität lag im Sterben. Der, dessen Namen von Völkern und Fürsten zitternd nur und unter Ehrfurchtsschauern genannt worden war, wurde heute unter Schonung und Beschönigung noch als „Chef de la France“ bezeichnet. Und wie würde er morgen heißen? Vaterlandsloser — Ehrloser — Ruchloser .... Er wußte alles. Rätselfrci, gcheimnisbar dehnte Geschick und Geschehen sich vor seinem eisenfarbenen Blick. Er wußte, daß er verspielt hatte. Aber er wußte auch, daß er, der Reiche, Throne und KronVn hatte verspielen können, eben aus seiner innersten Natur heraus ein Spieler war, und daß Spielchance launisch ist, wie der Würfel des Zufalls. Eine Dirne war Fortuna. Er hatte sie lange genug mit seinen stählernen Armen gekost, nun rächte sie sich an dem, der ihr für und für Gewalt angetan. Aber unbesorgt: über eia Kleines, und sie würde auch müde werden derer, die sie heute karessiertc, nnd würde sich nach seinen ehernen Herrenarmen znrückselmen. * Die letzte Stande. Ahnte er, daß er Paris, die vielgeliebte Lichtstadt, an der sein Herz, sein großes, grausames Herz mit der Leidenschaftlichkeit von Wahn und Wähnen hing, nicht Wiedersehen sollte nach dem schicksalsschweren Ausgang des Feldzuges, zu dem er jetzund rüstete? Ahnte er, daß Paris, seine Herrin und Sklavin zugleich, die er mit allen Kostbarkeiten der Erde überschüttet hatte, und die er sich hörig geglaubt in schmachtender Neigung, ihn aufgeben, ihn verraten, ihm die Schwüre brechen würde, der Buhlerin Glück gleich, die es ebenfalls nach Abwechslung und Zerstreuung gelüstete? Wußte er, daß auf dem Platz, auf dem man des sechzehn« ten Ludwig armen Torenkopf dem brüllenden Pöbel vorgeworfen, ehestens wieder der Ruf nach einem Bourbon erschallen würde? Wußte er, daß Freund und Feind sich schon heut —. noch ehe sein Sturz gänzlich vollendet — um die wahre Alchimie des Lebens bemühten, die aus dem Blei lästiger Treue das Gold des Erfolges münzt, indem sie das Scheidewasser des Verrates und das Ingrediens lächelnder Täuschung mengt? O ja — Er, der große Verächter wußte nur zu wohl um Niedertracht und Schamlosigkeit. Er kannte sie gut — zu gut: seine Tallcyrand und Fonehe und Murat und alle die Biederleute, die mit so dreister Glattheit logen und trogen. Kein Wundem war in ihm ob des vielen eklen Rattengezüchts, das plötzlich seinen Weg kreuzte; nur ein stilles böses Aufhorchen auf die Gesetze der Natur. * Schlag auf Schlag. Dramatisch knatterte es durch <Se Weltgeschichte. Niederlagen — Siege — Siege — Niederlagen. Die apokalyptischen Reiter auf Frankreichs Fluren. Der Hauptstadt nahend die Schrecken der Invasion. Bei Cbampaubert und Montmirail schenkte Mars seinem Liebling noch einmal Glück. Und flugs zuckte aller Hochmut empor. Auf Friedensvorschläge der Besiegten schmetterte cs höhnend zurück: „Mit meinen Gefangenen pflege ich nicht au unterhandeln.“ Und dennoch, das Gesetz, nach dem er angetreten, war nicht aufzuhalten. Der Rheinbund war langst in Atome zersprengt. Die Verbündeten, ehemals Gegner, schweißte gemeinsamer Erfolg zusammen. Die Juden Europas, denen er, wenn auch zaghaft und zaudernd, so doch endgültig, bürgerliche Freiheit geschenkt, waren die ersten Opfer seines Unter-* ganges. In dem heiligen Köln, das Frankreich im ersten Pariser Frieden 1814 zum größeren Teil an Preußen hatte abtreten müssen, läuteten die vielhundert ehernen Glocken, seiner unzählbaren Kirchen Tod und Verrat dessen, der es vor etwa zwei Jahrzehnten mit dem fragwürdigen Geschenke der Freiheit bedacht hatte. Tag und Nacht sprachen die erzenen Zungen und beteten zu Gott dem Allmächtigen um Sterben uud Verderben jenes, der ihnen dereinst ein gütiger and großmütiger Schirmherr gewesen. Und die erste Errungenschaft der neuen Weltordnung war die Wiedergeburt jenes Erlasses, den, gleichfalls vor mannigfachen Jaliresläuften, die schöne Judith Pereira aus Amsterdam und der emporgekommene 1 lof jude David Danielo ben Sonnino aus Venedig in dem frommen, gläubigen und zuversichtlichen Hanse Scmtheimer zu Worms weidlich verspottet hatten: nämlich, daß kein Jude oder J udenstammling auch nur eine Nacht innerhalb der Mauern der gottgetreuen und heiligen Staflt Köln am Rhein betroffen werden dürfe, widrigenfalls sein Hals dem tödlichen Block verfallen wäre. Der korsische Usurpator hatte diese Anordnung als erste aufgehoben. Aber was wollen zwanzig Jahre besagen vor der Weltgeschichte und dem Weltgericht! Die Juden Europas, aufs neue in alten Schrecken gestürzt, trachteten teils, sich so unsichtbar zu machen wie nur angängig — („Stelle dich tot und —» du wirst leben“!) —: teils suchten sie im Gegenteil die Persönlichkeiten der neuen Machthaber zu erreichen, und von ihnen eine Bestätigung der Napoleon verdankten Staatsbürgerrechte zu erlangen. Aber alles vergebens! Die lange unterbundene Freiheit der noch bei weitem nicht freiheitsmündigen Völker entlud sich zuvörderst — wie immer — in einem Taumel entfesselter Sinne und einem Blutrausch, der nach Stillung um jeden Preis verlangte. Um jeden Preis! Und der wohlfeilste war immer noch der herkömmliche, in Traditionen verankerte des Judenblutes. Der Hetzruf „hepp, he pp“ scholl durch alle Lande, insbesondere aber längs des Rheines und Maines, der herrschenden Stromläufe. David Danielos harrten noch die selbstgesetzten Aufgaben seines Lebens. Reichbeladen mit gewichtigsten und wertvollsten Münzsorten, kehrten die Wagen des allgehaßten Mannes nach Westfalen zurück. Vielleicht war es gerade die Todesverachtung, die offensichtlich aus allen seinen Mienen und Handlungen sprach und die ihm jede Vorsicht und Rücksicht beiseite setzen hieß, daß just ihm, dem gefürchietsten Blutsauger und Halsabschneider der westdeutschen Gaue, niemand auch nur ein Härchen zu krümmen, geschweige denn ein Leides zu tun wagte. Gasparone betete immerdar fromme Sprüche vor sich hin, vieweil er meinte, solches könne nicht mit rechten Dingen zugehen, und sein Herr müsse mit dem leibhaftigen Satan in Verbindung stehen. Und David Danielo lachte, wenn er den schlotterrichten Wicht also zittern und bangen sah, ein befremdend krankes, man hätte vermeinen können, schon nicht mehr diesseitiges Lächeln. (Schluß folgt.) Kalendarium für die Zeit dom 13.11.6.20.11.1926 November 1926 Ais!« 5687 Sonnabend 13 7. Wochenabschniit: Waile-e Haftarah: Hosea 12 (18-—15) 13, 14 (1—10) Sabbat-Ausgang: 5,08 Sonntag 14 8. Montag 15 9. Dienstag 16 10. Mittwoch 17 11. Donnerstag 18 12. Freitag 19 13. Sonnabend 20 14. Wochenabschnitt: Wajischlach Haftarah: OVabja 1 (1—21) Sabbat-Ausgang: 4,54 Werbt neue Mitglieder!

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