Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 26 (25.6.1926)
- Date
- 1926-06-25
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Hochmut nennt, wie viele gute, mit viele nichtirrende. wie viele nichtsün-ige Juden zählte noch Las Judentum? Ach. die armen, irrenden, sündigen Leopold Zrinz und Steinschneider, Moritz Lazarus und Cyajtm Steinthal, Hermann Cohen. Gabriel Rietzer. Adolphe Cremicux. DerenSurg, Laster, Bamberger. Bernstein, Kompert, Berthold Auerbach. Mosenthal, Franzos. Ludwig August Frankl, Charles Hallgarten. Jakob Schiff, die armen irreführenden Geiger, Stein. Mannheimer. Jclltnck, vVod, Philippson. ja selbst Zacharias Frankel und Gractz bis herab auf Claude Pftmtefiore! Das waren Männer, die den Nu hm des Judentums und seine Größe im neunzehnten Jahrhundert, bis zur Schwelle des zwanzigsten Jahrhunderts verkörpern. Nicht, daß das orthodoxe Judentum nicht auch seinen Anteil zu dem Aufbau des neueren Judentums bcigetragen hätte. Samson Raphael Hirsch. Hildesheimer. Markus Horovitz und viele andere gehören als große Persönlichkeiten der Geschichte an; ihre Bedeutung und ihre Verdienste sciey gebührend anerkannt. Es handelt sich ja auch gar nicht darum, den Wert und die Berechtigung der einen oder anderen religiösen Richtung nach der Zahl und Bedeutung ihrer Vertreter und Anhänger abzuschätzen. Sondern darum handelt es sich, die schöpferische Kraft des liberalen Judentums, seine positiv-erhaltcnde Macht, seine Bedeuturrg für die Selbstcrhaltung des Judentums, gegenüber haltlosen Verdächtigungen und Gcschichtsfälschungen. aufznzeigen. Als es vor hundert Jahren an Führern fehlte irr Israel, als die ehrwürdigen Rabbiner der alten Generation auf den Trümmern der Vergangenheit saßen und gegen europäische Bildung, gegen neue Schulen und Synagogen ihre Bannftrahlen schleuderten, als die Jugend, die Frauen, die Gebildeten in Scharen das Judentum verließen — wer hat sich damals der Leuche des Abfalls, der die Altfrommen hilflos zusahen, entgegengestellt'? Wer hat. als nxne Schutzwehr des bedrohten Judentums, als neuen Zaun gegen den Abfall, ein neues indisches Selbstgefühl geschaffen'? Wer hat den Glauben an die messianische Mission Israels, der im hintersten Winkel des Gedächtnisses unseres Volkes schlummerte, aus dem Dornröschenschlaf erweckt und dem Judentum so den Glauben an sich selbst wiedcrgegeben? Wer hat die Wissenschaft des Judentums neu aus den Trümmertl der Vergangenheit aufgebaut und so dem Judentum eine neue geistige Heimat, eine neue seelische Kraft erschlossen? Wer hat der Jndeuheit. in Deutschland vor allem, die menschenwürdige Stellung, die Emanzipation erkämpft, wer die großen neuzeitlichen Organisationen und Institutionen des Judentums geischaffen und mit gigantischen Opfern an Kraft, Zeit, Geld, persönlicher Hingabe erhalten? Wer hat den .jüdischen Gottesdienst veredelt, die jüdischen Schulen zuerst gegründet, den Religionsunterricht organisiert, tausend «Synagogen als ragende Denkmäler indischer Treue und jüdischer Frömmigkeit gegründet? Waren das nicht diejenigen, die heute von ver- Nendetem Parteistaiudpunkt aus als Hcillenisten. als irrende Brüder hingestellt werden, denen man beileibe keine Gleichberechtigung einräume? „Die geflissentlich verbreitete Behauptung, Laß die Achduth die Meichberechtigung der Richtungen' im Judentum proklamiere, ist eine tendenziöse Unwahrheit. Sie betrachtet die Andersdenkenden nicht als Abtrünnige, sondern als Irrende.", so ist in der erwähnten offiziellen Ailfklärnngs- und Werbeschrift der Achduth zu lesen. Wir bedanken uns für diese .Klassifizierung und fragen: Wer vermag Brief und Siegel vorzuwoisen, daß seine Richtung die alleinige Wahrheit ist, daß seine Richtung dem Judentum eine gesicherte Zukunft verbürgt? Wer will aufstchcn und sprechen: Ich allein bin im Besitz der vollen, reinen, ungetrübten göttlichen Wahrheit, und ihr andere« seid allesamt Verblendete und Verirrte? Wem fyit sich Gott so deutlich und unzweifelhaft aeoffenbart, daß er vor dem Angesicht des wahrhaftigen Gottes hintreten kann und sich brüsten, daß seine Wahrheit unfehlbar sei und alles andere Irrtum und Sünde? Es gibt eine Auffassung des Judentums, wie sie die Propheten und eine grundlegend verschiedene, wie sic die Priester vertreten haben. Die Schulen Hillels und Schammais, die Maimnnisten und Antimaft munisten, die Cyassidnn und die Talmudisten, Mendelssohn' und Moses Sophor, die bildungsfeindttche ungarische Orthodoxie und die bildungsfreurrd'liche Orthodoxie Samson Raphael Hirschs — sind sie nicht alle, ebenso wie die liberale Auffassung des Judentums, berechtigt und gehören zum Gesamtbild des Judentums? Haben wir Juden es nicht am eigenen Leibe verspürt, was es heißt, sich als alleinigen Besitzer der Wahrheit zu bezeichnen und olle andern als Sünder zu verdammen? Die Geschichte der Religionen ist ein blutiger Weg. der hindurchsührt durch Scheiterhaufen und blutige Kriege, durch ein Tal von Tränen und Jammer, durch himmelschreiende Frevel, den die Menschen einander angetan haben, weil sie sich als die alleinigen Großsiegelbewahrer der göttlichen Wahrheit angesehen haben. ES ist nicht wahr, was so oft gesagt wird, daß der wahre Glaube, der von sich überzeugt sei. unduldsam sein müsse. Die Unduldsamkeit ist nicht eine Notwendigkeit des Glaubens, sondern ein Fehler des Charakters. Der wahre fromme Glaube bringt nicht das Schwert sondern den Frieden, ist nicht voll Anmaßung, sondern voll Bescheidenheit. Wir alle wollen die Erhaltung des Judentums. Unsere Wege sind verschieden, wie die Gedanken und Gefühle, wie der Gesichtskreis und das Temperament der Menschen verschieden sind.?Mge jeder den andern seinen Weg zu dem gemeinsamen Ziele gehen lassem ohne geistliche Anmaßung, die nur Verbitterung auf der Gegenseite Hervorrufen muß. Wie die politische Sehnsucht der Völker Europas heute nach tausendjährigem Kriege, eilt in Frieden geeintes Europa erstrebt, in welchem alle Völker ihre Sprache sprechen, ihre Individualität bewahren sollen, so möge endlich das religiöse Streben der Menschen und im besonderen das religiöse Streben des von äußeren Feinden neu nmdränaten Judentums nach innerer Einheit und Duldsamkeit, nach seelischen Verstehenwollen und Verständigung innerhalb der (Gemeinschaft gehen. Platz für alle mutz das Judentum haben. Platz für alle, die sich feine Kinder nennen und die ihm Treue wahren. Das liberale Judentum steht auf vorgeschobenem Posten. Es kämpft einen schwereren und verantwortungsvolleren Kampf als diejenigen, die sich auf die autoritätsglänbigen geschlossenen Massen stützen, auf die Massen freilich, die immer lichter, immer dünner werden. Das liberale Judentum kämpft um die Erhaltung und Wiedergewinnung der Entfremdeten, denen es wie eine liebende Mutter nachgeht, um sie wiederzugewinnen, wiederzugewinnen für einen jüdischen Lebensweg, für den sie zu gewinnen sind, den sie in der heutigen Zeit gehen können, gehen wollen. Dieser Aufgabe will die internationale Zusammenkunft der liberalen Juden in London und der beabsichtigte Zusammenschluß der liberalen Jndeuheit zu einem jüdisch-religiösen Weltbund dienen. Und so sei diese Versammlung von unS begrüßt mit warmem Herzen und in froher Zuversicht als eine Versammlung, die Zusammentritt l e s ch e m schomaiim ans heiligem Antrieb, um, nach des Propheten Wort, jahrelange Oeden aufzubauen. Trümmer der Vergangenheit anfzurichten. auf daß sie genannt werde: Rissevermanrer, Wie der Hersteller der Pfade zur jüdischen Heimat. Umschau. Die »umchBche Presse bringt in ihren letzten Nummern die große Eingabe der zionistischen Organisation an. die MandatSkomMission und den Begleitbrief von Weidmann an de» englische» Oeneralgouverneur, Feld mar schall Plnmer, gerichtet. Man mutz anerkennen, datz die zionistische Organisation selbst hie Schmierigkeiten keineswegs verschleiert, die dem Aufbauwerk in Palästina entgegen sie den. Es mutz auch den Nichtzionisten eigenartig trübe stimmen, wenn er sieht, wie den Juden selbst in diesem Lande, das ihnen doch durch die „Balsour-Deklaration" in feierlicher Weise zugesprochen -worden ist. allerlei politische und kulturelle Hindere niste von der eigentlichen politischen Herrin von Palästina, England, entgegengesetzt werden. Man liest, datz das Versprechen bezüglich der Einstellung von Juden in den Grenzschutz nicht in der gewünschten Weift gehalten worden sei, hört die Kllageu»,über Zurücksetzung in finanzieller Bezielsting. insbesondere dem Schulwerk gegenüber, u. a. m. Aus allem geht hervor, daß gerade die Grundlage des gesamten Werkes, die politische Sicherheit in Palästina, keinesweas gegeben ist. Mau kann cs nur schwer verstehen, daß eine Unsumme von Material, Geld, Arbeit und ein noch viel größerer Aufwand an Menschenkrast und menschlichem Idealismus auf derart schwankendem Boden ausgebaut wird. Es ist keiner unter uns. der nicht wünscht, datz unsere Befürchtungen grundlos seien: aber immer wieder drängt sich unS das Gefühl auf, datz wir doppelt', dreifach, hundertfach auf der Wacht sein müssen, um hier in den Ländern der Zerstreuung, in unserem Vaterland, unsere jüdische Pflicht zu tun. Wir vermögen uns bei objektiver Betrachtung nicht zu dem Glauben dirrchzuringeri. datz in Palästina, wo so viele AlltagSäusgaben zu lösen sind, sich jetzt das große geistig-seelische Zentrum bilden kann, von dem die jüdische Gemeinschaft entscheidend befruchtet werden soll. Immer wieder müsse» wir darauf Hinweisen, datz. mögen die Zionisten ihre Paläftinaarbeit für unerlätzlich halten und fortsetzen, wir die Verantwortung haben für die Ausrechterhaltung jüdischen Lebens in den Teilen der Jubenlieit. die noch auf lange Zeit hindurch das lvahre Zentrum jüdischen Lebens sein werden, in der Diaspora. Es ist natürlich sehr schwer, dos wirkliche Verhältnis zu .Palästina vom Arbeitstisch in Berlin aus zu finden. Man müßte einmal als Harun al Raschid Wochen und Monate lang dieses Palästina durchziehen, um sich aus eigener An-- schauung ein Bild zu formen von dem, was lebenskräftig ist. und von dem. was sich nicht halten kann. Würden mir finanziell tzazu in der Lage sein, so wäre ich längst dafür eingetreten, daß einmal ein weitblickender, politisch und wirtschaftlich geschulter und religiös empfindender Liberaler, unbeeinflußt von den üblichen zionistischen „Führungen" durch Palästina, sich ein eigenes Bild der Lage schafft. Hoffen wir, datz die Zeit nicht fern ist, wo dies möglich sein kann. Es ist sicher^ daß die Schaffung einer eigenen Meinung. uvag sie auch noch so aufbaugegnerisch sein, zu einer ernsthaften Auseinandersetzung eher beiträgt und das Verständnis zwischen Palästinafreunden und Palästinagegnern eher ermöglicht als die schärfste theoretische Abhandlung. Vorläufig hat es mit dem Verständnis noch gute Weile: denn wer heute nicht in das Horn der Palästinabegeisterung mit vollen Backen cinstimmt ld. h., wenn er Nichtzionist ist. — Zionisten dürfen kritisieren), der ist entweder ein Tor oder ein Verbrecher. Die Angst des „Israelit", die sich in einem Leitartikel der vorletzten Nummer ausprägt, als würde Nationalismus und Liberalismus in kurzer Zeit sich in inniger Freundschaft in die Arme sinken und geeint nicht nur eine „Listenverbindung", sondern eine „Gcsinmrngsgemeinschast" miteinander abschließen, ist durchaus unbegründet. Einer derartigen Gesiunungsgemeinschaft. einer Verschmelzung von Nationalismus und Liberalismus, ist hier und auf keiner Seite, wie wohl nicht hcrvorgehoben zu werden braucht, irgendwas das Wort geredet worden. Der .Israelit" weiß genau so gut wie wir. daß Nationalismus und liberales Judentum in ihrer Grundcinstellung absolut we-sensverschieden sind. Wesensverschieden darum, weil sie die indische Gemeinschaft zwar bejahen, ihr Charakteristikum aber verschieden auffasten: jene wollen eine nationale. wir bleiben bei der religiösen Gemeinschaft. Worüber manche Zionisten mit uns einig sind, und zwar vielleicht mehr als es laut bekennen, das ist. was der „Israelit" auch ganz richtig erkennt, hie Tatsache der Entwicklungsfähigkeit der Religion, insbesondere der religiösen Form. Es ist vom Schreiber dieser Zeilen immer nur darauf hingewiesen worden, daß von dieser Gemeinsamkeit der Ansichten aus ein gemeinschaftliches Arbeiten auf religiösem Gebiet möglich wäre, wenn die Zionisten nämlich nicht aus politischen Gründen fauch das erkennt der „Israelit" ganz richtig) die Der Urahne Hugo v. Hofmannsthals. Der Begründer einer jüdische» Patriziersanrilie. Von H e r m a n n B l u m cnthal. Zur Gedenkfeier des Wiener Stadttempels veröffentlicht Dr. Bernhard Wachstein das Statut und die Namen der Urheber desselben, unter denen der Großindustrielle I. L. Hosmcmn. der Urahne des Dichters Hugo von Hosmannsthal, eine hervorragende Rolle spielte. Die Lebensgeschichte I. L. Hofmanns liest sich wie ein spannender Roman. Es ist das Empvrfteigcn eines Grvßlausmanns aus den ärmlichsten Anfängen zn Glanz. Ansehen und Reichtum. Jsak Löw Hofmann wurde am 1ö. Juni 17.zu im Dorse Prostibar im Pilsener Kreise geboren. Frühzeitig verlor er seinen Vater. Die Gemeinde nahm sich des armen Knaben an und ließ ihn sowohl sm Talmud als auch in den profanen Wissenschaften! unterrichten. Als er das dreizehnte Jahr zurückgelegt hatte, brachte ihn seine Mutter nach Prag, damit er dort seine Talmudstudicn fortsetze. Der Knabe war genötigt, den weiten Weg per Pedcs znrückzulcgen. und er ging barfuß. um das Schuhwerl zn schonen. Das Lehrgeld brachte seine Mutter in der Weise ans, daß sie einen Dukaten, den sic an einem Bande am Halse trug, dem Rabbi übergab. Jetzt bekommt das Schicksal I. L. Hofmanus Aehnlichkcit mit dem Moses Mendelssohns: cs ist das Schicksal des begabten armen jüdischen Knaben. Auch Mendelssohn ging mit 1:1 Jahren zn Fuß nach Berlin, um seine Lernbegierde zu stillen, und wurde nach einigen Jahren Hauslehrer und spater Buchhalter beim Fabrikanten Bernhard. Hofmann mackst in Prag denselben Kampf durch wie Mendelssohn in Berlin. Nach einigen Hungerjahrcu nimmt ihn der reiche Kaufmann Joel Barnch Königswart in seinem Hanse als Erzieher ans. und jetzt ist Hofmann auf dem Wege, sein Glück zu machen. Königswart findet Gefallen an dem jungen Manne, und stellt ihn bald darauf als Sekretär des Tabakkonsortiums, denen Gesellschafter er ist. an. Hofmann führt eine Zcitlang die -Handlungsbücher und die Korrespondenz zur vollsten Zufriedenheit seines Chefs. Als der Sitz der Firma nach einiger Zeit nach Wien verlegt wird, erhält Hofmann den Titel eines Geschäftsführers und nun bietet sich ihm als Leiter deS Konsortiums in der Residenz ein weites Tätigkeitsfeld. Im Jahre 1787 starb Joel Barnch Königswart und hinter- Uetz seinem treuen Mitarbeiter Hofmann 1000 Gulden in österreichischer Währung. Ein Jahr später heiratete er die Enkelin seines Cbess. Hofmann war einer der ersten Wiener Juden, denen die Toleranz verliehen wurde und der sich als .K. Ä. priv. Grohhändler etablieren durfte. Seine Umsicht und Tüchtigkeit verschafften ihm bald einen ersten Platz in der Wiener Geschäftswelt. Im Jahre 1801 wurde er Inventur- und Schähungskommissär, zwei Jahre später Vorsteher der israelitischen Knltnsgcmeiudc und Armenbezirksdirektor. Die Gründung des Wiener Siadttempels ist sein Werk. Er blieb auch ans der Höhe des Lebens, als er mit Glücksgütern reich gesegnet war. ein einfacher, hilfsbereiter Mensch, dem das Wohl seiner Glaubensgenosten am Herzen lag, und die wohltätigen Stiftungen der Gemeinde hatten in ihm einen ihrer ersten Förderer. Viele Ehrungen wurden ihm zuteil. Im Jahre 1835 wurde er wegen seiner großen Verdienste um die Volksivirtschast in den Adelstand erhoben und durste von nun ab den Namen von Hofnrannsthal führen. Das Prager Rabbinat ehrte ihn durch Verleihung des ..Chabcr"-Titels. Edler von Hofmannothal war vielen aufstrebenden Talenten ein Förderer. Als er im Jahre 1839 seine goldene Hochzeit feierte, suchten ihn Abordnungen vieler Vereine und Stiftungen ans. und er zeigte ihnen ein Bild des Dorfes Prostibar mit der elenden Hütte, in der er das Licht der Welt erblickt hatte, indem er die weisen Worte sprach: „Es war ein weiter Weg von meinem Heimatsdorfc bis zu diesem Palaste. Der Mensch muß das Ziel, das er einmal für richtig erkannt hat. jederzeit verfolgen und vieles tun. was auch keinen augenblicklichen Nutzen bringt: jedes Streben findet seinen Lohn." Edler von Hofmannstbal erreichte ein Alter von 90 Jahren. Er hatte unter sechs Regenten gelebt und hinterließ st! Kinder. Er hatte noch den gelben Fleck getragen, doch bei seinem Lebensende batte er die Genugtuung. feiste Glaubcnsbrüder als gleichberechtigte Staatsbürger anerkannt zu sehen. Albert Schweitzer. Der auch jn weiteren jüdischen Kreisen bekannte und verehrte Professor August Mesier in Gießen würdigt den in der Ueberschrift genannten Gelehrten in seiner Zeitschrift „Philosophie und Leben" und hebt hervor, daß er auf dem Gebiete der Theologie und Philosophie Bahnbrechendes geleistet habe. Wir möchten hier auf Schweitzers Schrift: „Ans meiner Kindheit undJugendzeit (München 1925) Hinweisen, worin er folgendes Erlebnis erzählt: „Ein Jude aus einem Nachbardorse, Mansche genannt, der Vieh- und Länderhandcl trieb, kam mit seinem Eselskarren zuweilen durch Günsbach. Da bei uns damals keine Inden wohnten, mar dies jedesmal ein Ereignis für die Dorfjungen. Sie liefen ihm nach und verspotteten ihn. Um zu bekunden, das; ich anfing, mich als erwachsen zu fühlen, konnte ich nicht anders, als eines Tages auch mitzumachen, obwohl ich eigentlich nicht verstand, was das sollte. So lies ich mit den anderen hinter ihm und seinem Esel her und schrie wie sie: „Mansche. Mansche!" Die Mutigsten falteten den Zipfel ihrer Schürze oder ihrer Jacke zu einem Schweinsohr zusammen und sprangen damit bis nahe an ihn heran. So verfolgten wir ihn vors Dorf hinaus bis an die Brücke. Mansche aber, mit seinen Sommersprossen und dem grauen Bart, ging so gelasten fürbaß wie sein Esel. Nur manchmal drehte er sich um und lächelte verlegen und gütig zu uns zurück. Dieses Lächeln überwältigte mich. Bon Mansche habe ich zum ersten Male gelernt, was es heißt, in Verfolgung stille schweigen. Er ist ein großer Erzieher für mich geworden. Von da an grüßte ich ihn ehrerbietig. Später, als Gymnasiast, nahm ich die Gewohnheit an, ihm die Hand zu geben und ein Stückchen Wegs mit ihm zu gehen. Aber nie hat er erfahren, was er ffstr mich bedeutete-für mich ist er der Mansche mit dem verzeihenden Lächeln geblieben, der mich noch heute zur Geduld zwingt, wo ick zürnen und toben möchte." Sv., M. Die Ohrfeige. Der alte Vater gab seinem jungen Sohn eine Ohrfeige. Seinem zwanzigjährigen Sohn. Vor allen Leuten. Mitten im Spnagogenhof. Am Sabbatvormittag gerade als der Gottesdienst zu Ende war und die ganze Gemeinde beieinander stand. Gerade da gab er sie ihm. Schlug ihn mitten ins Gesicht. In das freche Gesicht des verlogenen Sohnes schlug der Vater. Der Sohn hielt »die feuerrote Wange und alle umstanden ihn und — gaben laut und leise dem Vater unrecht. Nein — so durfte sich keiner hinreißcn lassen, so vor allen Leuten. Wenn auch der Sohn ihm frech ins Gesicht hineingelogen halte, dieser schlimme Junge, dieser Tunichtgut, aber dennoch — nein, nein, das hätte nicht Vorkommen sollen. So sprachen sie miteinander über den Vater. Ucber de? SohneS freche Lüge sprachen sie schließlich — wie sic sonst getan haben würden — nicht mehr. Und der alte Vater hatte genau das erreicht, was er erreichen wollte. Clemeutine Krämer.