Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-06-25 · 26 (25.6.1926) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
26 (25.6.1926)
Date
1926-06-25
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2613366-2613841-2613867--1849-2619256
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

konservative Schale um ihres vatiovalen Kern leg« «ürden. Es ist absolut richtig -atz -er KonservotiLmrs der Aguöoh. ia selbst der Achduth, ein anderer ist alS der Zweckkonservatismus vieler Nationaljuden (die MtSrachi natürlich ausgenommen). Interessant abxJ ist die Folgerung, die der „Israelit" aus seiner unrichtigen Prämisse zieht. Eine Verschmelzung von Liberalismus und Nationalismus «rvon keiner der beiden Seiten gewünscht oder für möglich gehalten. Jur ihn aber folgt schon heut daraus, daß. wenn jener neue National-Liberalismus einmal geschaffen sein wird. das; dann alle wahrhaft konservativen Juden reuig zurückkchrcn werden in die geöffneten Arme der Trennungsorthodoxie. Nun. damit hat es noch gute Weil«! Air sind auch Optimisten genug. zu glauben, daß der Zwang zur jüdischen Gemeinschaft für die überwiegende MWrheit aller Juden, insbesondere der deutschen Juden, so stark ist. datz nichts sie dazu bewegen kann, das oberste Grundgesetz zu verletzen, das die Absonderung von seiner Gemeinschaft verbietet. Wir glauben zwar, daß der nichtzionistische Gemeindekouservatismus stark geschwächt ist, gerade wegen seiner schwankenden Haltung dem Nationaljudentum «egenüber. Wenn er sich aber behaupten und Zweck haben soll, dann ist es der. durch die Tat zu beweisen, daß bei aller Verschiedenheit der Anschauungen über den Charakter unserer jüdischen Neligionsgcmeinde und -gemeinschaft doch das große Prinzip dieser Gemeinschaft selbst ein unerschütterliches Erfordernis unseres jüdischen Lebens bleibt. H. S. § m Die jüdische Gegenwart j||| Die Mischehen der deutschen Juden. Das statistische Jahrbuch des Deutschen Reiches veröffentlicht vom Jahre 1901 an regelmäßig eine konfessionelle Statistik der eingegangenen Ehen. Bon dieser Zeit her liegen genaue Angaben über die in Deutschland abgeschlossenen Ehen innerhalb der jüdischen Bevölkerung, wie über die eingegangenen Mischehen vor. Will man daS prozentuale Verhältnis über den Anteil der Mischehen an den jüdischen Ehen überhaupt erfassen, so muß man sich von vornherein klar darüber sein, daß in diesen beiden Rubriken nur solche Eheschließungen erfaßt sind, von denen einer der Angehörigen zur Zeit der Eheschließung der jüdischen Konfession nicht angehörte. Demgemäß sind die Ehen beispielsweise zwischen jüdischen Männern und deren Frauen, die erst vor der Eheschließung zum Judentum übergetreten sind, nicht in der Rubrik Mischehen, sondern unter den rein jüdischen Ehen aufgeführt. Andererseits sind unter den Mischehen solche Eheverbindungen miterfatzt, bei deren Abschluß ein Beteiligter aus der jüdischen Religionsgemeinschaft bereits ausgetreten war. Von 100 jüdischen Männern, von 100 jüdischen Frauen, die heirateten, gingen eine Mischehe ein: 1901 8 Prozent 8 Prozent 1902 8 7 1903 9 7 1904 9 8 1905 10 9 1906 10 9 ,, 1907 11 10 *f 1908 12 10 1909 12 10 1910 13 10 „ 1911 14 11 1912 1 j 11 1913 15 „ 12 1914 23 18 1915 40 27 1916 32 22 „ 1917 32 22 1918 27 17 1919 15 » 12 1920 15 11 1921 17 12 1922 20 13 1923 21 13 Aus dieser Aufstellung geht hervor, daß bei den Männern die Anteile an Mischehen von 8 Prozent im Jahre 1901 auf "1 Prozent im Jahre 1928 gestiegen ist. Bei den Frauen von 8 Prozent im Jahre 1901 auf 13 Prozent im Jahre 1923. Der besonders erhebliche Anteil der Mischehen im Kriege steht vielleicht mit den vielen Kriegstrauungen im Zusammenhang. Herr Dr. Julius Rothholz meint in einem Aufsatz über die Mischehen in Preußen IC. V. Zeit, Nr. 6 v. 1625): „Gleichmäßig bei allen drei Konfessionen Preußens steigen . die Anteile der Mischehen in den beiden ersten Kriegsjahren. * als die Begeisterung über die Waffenerfolge die Schranken, die sonst die Schichten und Klassen trennen, fallen ließ. Bei den Juden, sowohl bei Männern wie Frauen, nehmen die Anteilsätze stärker zu als bei den Evangelischen und Katholischen, weil während der Kriegsjahre die Heiraten bei den Juden überhaupt auf einen Tiefstand sauten, der den Bestand des deutschen Judentums in Frage stellte. Bei den Mischehen fielen eine Reihe von Hindernissen fort, die bei Eingehung von reinjüdischen Ehen eine Rolle spielten." Die erbebliche Steigung der Mischehen nach dem Kriege gegen die Vorkriegszeit ist zum Teil aus der stärkeren Konzentration der jüdischen Bevölkerung in die Großstädte zu erklären, in denen der Anteil von Mischehen an den jüdischen Ehen ein erheblich höherer ist. Nähere Schlußfolgerungen können erst dann gezogen werden, wenn die endgültigen Ergebnisse der Volkszählung vom Juni 1925 vorliegen. Um festzustellen, inwieweit die Steigerung der Mischehen in den Nachkricgsjahren ohne die ostjüdische Einwanderung noch größer wäre, müßten genaue Zahlen über die Einwanderung der Ostjuden nach Deutschland in der Vor- und Nachkriegszeit zur Verfügung stehen. Im Zusammenhang steht jedoch die Zunahme von Mischehen mit dem erheblich größeren Anteil der Reichshauptstadt an der jüdischen gesamten Bevölkerung Deutschlands im Vergleich zur Vorkriegszeit. Es heirateten beispielsweise in Berlin im Jahre 1923 breimül soviel jüdische Männer als im Jahre 1813. Im gesamten Deutschen Reiche nur anderthalbmal mehr als im Jahre 1918. Die in Berlin abgeschlossenen Mischehen waren jedoch stets erheblich höher als im gesamten Reich. Es gingen beispielsweise Mischehen ein: Von 1000 jüdischen Männern, die heirateten: Im Jahre 1901 17Proz. in Berlin, 8 Proz. in Deutschland Im Jahre 1913 27 Proz. in Berlin, 15 Proz. in Deutschland Im Jahre 19S3 27 Proz. in Berlin, 21 Proz. in Deutschland Für 1924 fallen auf Berlin unter den heiratenden Männern 31 Prozent Mischehen, deswegen muß für das Reich auch wieder mit einer weiteren Steigerung des Mischehen-Anteils gerechnet werden, da dort zur Zeit doppelt soviel Juden wohnen als in Bayern» Baden, Württemberg, Hessen zusammen, worauf kürzlich in der Tagespreffe hinaerviesen wurde. Fassen wir die Zahlen für das Reich noch einmal kurz zusammen, so kommen wir zu folgendem Schlußergebnis: Von den indischen Männern, die heirateten, gingen im Jahre 1901 jeder 12. bis 13., im Jahre 1613 jeder ij. biS 7., im Jahre 1923 jeder 4. bis 5. Mann eine Mischehe ein. Von den jüdischen Frauen gingen im Jahre 1901 jede 12. biS 13., im Jahre 1913 jede 8. bis 9.. im Jahre 1923 jede 7. bis 8. ein Mischehe ein. Berücksichtigt man jedoch noch, datz in der obigen Tabelle alle die vor Eingang der Ehe aus dem Judentum ausgetretenen, oder zum Judentum übergetretenen Personen unter den Mifcheheu-Äuteil nicht berücksichtigt find — abgesehen von de» Personen natürlich, die zur Zeit der Eheschließung bereitaudem Judentum ausgetreten waren, aber einen Jude» bzw. eine Jüdin heirateten — so kan« zweifellos die Schlußfolgerung gezogen werden, daß die Mischung zwischen der jüdischen und der nichtjüdischen Bevölkerung in Deutschland eine viel größere ist, als aus der obigen Tabelle hervorgeht. (I. Z.) Geheimrat Dr. B. Holz. Im Alter von 74 Jahren ist ein markanter Vertreter des Berliner Judentums vor kurzem gestorben: Geh. Sanitätsrat Dr. Benno Holz Mit ihm ist eine tiefreligiöse und zugleich wahrhaft liberal gestaute Persönlichkeit dahin - gegangen, die für das jüdische Leben der Reichshauptstadt in hervorragendem Maße wirksam gewesen ist. In zahlreichen Humanitären und wissenschaftlichen Bereinigungen hat er verständnisvoll und eifrig mitgearbcitet und der Repräsentanz der Jüdischen Gemeinde seine Kräfte gewidmet. Seine besondere Liebe galt der Jüdischen Reform-Gemeinde. in deren Verwaltung er lange Jahre hindurch tätig war und in der er das Amt des Vorsitzenden der Re vräsentanten-Versammlung bis zu seinem Tode bekleidete. Geheimrat Dr. Holz hatte in seiner Jugend eine über das normale Matz weit hinausreichende jüdisch-religiöse Bildung erhalten: auch auf rabbinifchem Gebiet war er bewandert. Sv sehr er aber seinem Herkommen nach im überlieferten Judentum wurzelte, so sehr ist er doch auf dem Wege kritischer Erkenntnis fortgeschritten: er fühlte sich im innerste» Wesen als liberaler Jude. Je tiefer sein Wissen vom Judentum war. desto zielbewußter wirkte er für den kraftvollen Ausbau des jüdischen Liberalismus. Seine religiösen und jüdisch-politischen Anschauungen hat er in zahlreichen Aufsätzen in den „Mitteilungen der Jüdischen Reformgemeinde" ntedergelegt. Leidenschaftlich wehrt er sich gegen die Verkennung des Reform-Gcüankens im Judentum: er weist darauf hin. „daß die Reformbewegung. zumal in Deutschland, vor hundert Jahren nicht ihren Ausgang genommen hat von einem zeitlichen und leidenschaftslosen Rationalismus des Glaubens, auch nicht in einer Zeit der Befreiung aus dem Ghetto. Seiner mittelalterlichen Fesseln ledig" schreibt Holz, „atmete der Jude auf im Lichte seines wiedergewonnenen Menschen, und Staatsbürgertums und in der erfrischenden Lust humaner Bildung. Aber das Glaubensghetto in Mystik und abergläubischer Tradition bestand für ihn fort, trotz Mendelssohns Aufklärung, in seinen Synagogen und Rabbinern, und trieb ihn heraus aus den Andachtsstätten, in denen ein deutsches Wort und ein deutsches Buch als eine Sünde wider den heiligen Geist unseres Gottes verpönt war. Damals traten in den Hauptstädten unseres Landes einflußreiche, gebildete und fromme Juden auf. um die Fesseln starrer Orthodoxie zu svrengen und ein im Geiste un d in den Formen freies Jude nt um zu üben, konform moderner Wissenschaft und Kunst, in Andacht und Leben, in Freiheit und Freisinn." — Was damals die Gründer der Berliner Reformgemeinde erstrebten, gilt, wie Holz noch vor Jahresfrist gelegentlich der Amtseinführung des Predigers Dr. Rosenthal aussührte. als die Aufgabe auch der Gegenwart: „das Judentum in reinster und freiester Form sio zu lehren, wie es die Gründer unserer nunmehr achtzig Jahre bestehenden Gemeinde geplant und wie die in liberalem Sinne in Wissenschaft und Kunst fortschreitende Entwicklung unserer Glaubensgemeinschaft es gestattet und gebietet: freilich nur mit der Bedingung, daß wir zwar die mit jeder Generation sich wandelnde, in Bolkssitten und Gebräuchen schwankende Tradition als «inen unnötigen Ballast obschütteln, aber unerschütterlich fest halten ander jahrtausendealten Ueberzeugung unserer Väter, an ihrem Ewigkeitswert fiir die gesamte Menschheit." Mit Stolz weist Holz daraufhin, daß seit Gründung der Reformgemeinde deren Grundsätze durch Generationen innerhalb derselben Familien treu bewahrt wurden; so schrieb er anläßlich des 70. Geburtstags von Geheimrat Dr. Minden, des früheren Vorsitzenden und heutigen Ehrenpräsidenten der Gemeinde: „Tiefe Religiosität und echte Pietät sind nicht nur das sichere Fundament unserer Gemeinde, sondern auch ein fester Kitt unserer Berwaltungskörper, die sich von den Vätern auf die Sohne übertragen und die Dauer unserer Institutionen sichern." Nun hat der Tod diesen begeisterten und wackeren Führer der Reformgeinein.de hinweggenommen. Aber sein Werk, seine Arbeit in den verschiedensten Kommissionen, ganz besonders in derjenigen für gottesdienstliche Angelegenheiten, lebt unvergessen fort. Was Geheimrat Dr. Holz in prophetischem Geiste einmal schrieb, bewahrheitet sich an seinem Werk: „Wenn Alter oder Tod unsere Reihen lichtet, dann tritt eine frische, tatkräftige, fromme Jugend in die Bresche, um den Glauben, den sie von den Altvordern übernommen, in Treue zu bewahren, ihn zu erwerben und ihn als einen sicheren Besitz auf ihre Kinder zu vererben."- Tie Einäscherung des verdienten Mannes fand im Beisein nur der nächsten Angehörigen und seiner Freunde im Krematorium Wttnrersdorf statt. Vorstand, Repräsentanten und Prediger-Kollegium der Reform-Gemeinde, sowie führende Männer als Vertreter der Berwaltuua und des Rabbinats der Jüdischen Gemeinde Berlin nahmen au der Feier teil. Herr Dr. Jelski widmete dem Entschlafenen einen warmherzigen Nachruf, den alle Anwesenden in tiefer Ergriffenheit aubörten. Unter den Klängen weihevoller Musik, die der Entschlafene so sehr liebte, sank der Sarg in die Tiefe. —- Das Andenken des trefflichen Mannes wird unvergessen bleiben. Tr. K. Rosenthal. Berlin. Delegierlenlag des jüdischen Frauenbundes. Der Tagung der Zentralwohlfahrtsstellc schloß sich der zehnte Delcgierteutag des Jüdischen Frauenbundes au, der vom 8. bis 10. Juni in Düsseldorf stattfand. Am Dienstagabend fand der Begrüßungsabend statt, zu dem die jüdischen Frauen Düsseldorfs eingeladen hatten. Frau Bertha Eschelbacher hielt die Begrüßungsansprache, worauf Frau Bergel-Gronemann-Berlin, ein mit großer Aufmerksamkeit angehörterS Referat über „Der Wert des Neutralitäts gedankens" hielt. Die zwei folgenden Tage galten den eigentlichen Beratungen, denen 146 Delegierte und etwa 300 Gäste der 21 Ortsgruppen, der nenn Provinzial- und Landesverbände und der zirka 350 angeschlossencn Vereine beiwohnten. Geleitet wurden die Versammlungen abwechselnd von Frau Bettina Brenner und Frau Paula Ollendvrff. Den Tätigkeitsbericht erstattete Frau Henriette May-Berlin, die eine Schilderung des sehr umfangreichen charitativen Werkes des Bundes gab. Den Finanzbericht erstattete Frau Helene Meyer-Stargarö. lieber „Bundesarbeit in den Ortsgruppen und Lanöesverbändmi" referierte Frau Grete Bial-Breslau, über „Frauenvereiiisarbeit" Frau Anna Levn-Stettin, über „Tätigkeit des Frauenverbandes für Kulturarbeit in Palästina" Frau Leoy-Salz- Berlin. über «Arbeit der Schwefternloacn" Frau Minna Schwarz-Berlin. Als Resultat der regen Diskussion wurde eine Entschließung angenommen, die besagt, datz der Jüdische Frauenbund die notwendige Berbinduua aller Eiuzelorga«- satwneu darstellt und daß der Gin» des Bundes am beste» durch die Gründung möglichst vieler Ortsgruppen erfüllt wird. Die Ortsgruppe» haben inSVesoudere die Aufgabe, die religiösen, erzieherischen und kulturellen Aufgaben für die Familie und das öffentliche Leben zu verwirklichen. Im Rahmen der Tagung fand eine Sitzung der Arbeitsgemeinschaft für GefährdeterMrsorae statt, in der Frau Paula Ollendvrff Über Hilfe an Gefangene und Strafentlassene referierte. Ein Antrag aus besondere Ausaestaltung der Gefangenenfürsorge durch eine Kvmmifsion de- Bundes kam zur Annahme. Frau Landau-Lübeck referierte über Tuberkulosenfürsorge, ferner wnrde über Adoptionswesen, Arbeitsvermittlung. Haushaltungsschule, über das Organ .Blätter des Jüdischen Frauenbundes" Bericht erstattet. Frau Selma Cohn-Magnus, die dem Frauenstimmrechtskongreß in Paris beigewohnt hat. erstattete Bericht über den Verlauf des Kongresses. Das Schlußreserat über „Nachgehenbe Fürsorge für Anstaltskinder" hielt Frau Hanna Karminski-Berlin. Mit einer eindringlichen Ansprache der Frau Paula Ollendorsf schloß die erfolgreich verlaufene Tagung. Die Breslauer Rilualrnordhehe. In der Repräsentantenversammlung der Breslauer jüdischen Gemeinde gab der Vorsitzende de- Vorstandes, Geh. Rat Goldfeld, dem Bedauern über das Vorkommnis des Mordes an sich Ausdruck. Die Lüge von dem Ritualmord sei geeignet, die Erregung in der Bevölkerung noch mehr zu steigern und die Ruhe und Sicherheit zu gefährden. DieHetze habe sich nicht nur auf gewisse Veröffentlichungen in der Presse beschränkt, dem Borstande sei auch die Mitteilung geworden. daß z. B. am Freiburger Bahnhof das amtliche Plakat des Polizeipräsidiums mit Blaustift überstrichen wurde, in dem Sinne, daß es sich um einen Ritualmord handele und ein Ostjude der Täter sei. Um insbesondere der Oeffentlichkeit das Sinnwidrige der Ritualmord lüge vor Augen zu führen, hatte der GemeindLLorstand di« beiden Gemeinderabbmer veranlaßt, Ausführungen über die Geschichte dieses Vorwurfs zu machen und gleichzeitig darzulegen, daß die jüdischen Religionsgesetze in jeder Weise eine derartige Tat verabscheuen. Gemeinderabbiner Dr. Hoffmann ging in Verfolg dieser Aufgabe bis in das Altertum zurück, wo der törichte Borwurf des Mordes zu religiösen Zwecken nicht die Juden, sondern die Christen traf. Nach Dr. Hoffmann sprach Rabbiner Dr. Bogelstein. der besonders auf das Beschämende der Tatsache hinwie's, sich in diesem Zeitalter der fortgeschrittenen Kultur mit der Widerlegung derartiger mittelalterlicher Ansichten besaffen zu müssen. Vorstand und Gemeindeversammlung weisen mit Empörung und Entrüstung die Ausführungen der antisemitischen Presse zurück, die sich auf die Voraussetzung aufbanen. datz es überhaupt einen jüdischen Ritualmord gebe, — und bedauern aufs tiefste, daß selbst führende Zeitungen großer Parteien nicht sofort und mit Endschiedcnheit den von der antisemitischen Schlesischen BolkSstimme wieder ausgegrabenen mittelalterlichen Wähn eines jüdischen Ritualmordes zurückgewiesen haben, wie es^ die wissenschaftliche Wahrheit und die Ehre deutscher Kultur erfordert hätte. Diese Resolution wurde einstimmig angenommen. * * * * Die „Jüdische Zeitung für Ostdeutschland" enthält in ihrer letzten Nummer folgende treffende Ausführungen: „Die Blutbeschuldigung erschien als ein so wirksames Mittel, die Volksmasscn aufzureizen. daß der Rasseuantisemitismus in beständiger Versuchung war, wieder damit Mißbrauch zu treiben" — schreibt der berühmte christliche Theologe Professor Hermann L. Strack zur Begründung der Neuauflage seiner bekannten Schrift, in der er dem Ritualmordmärchen endgültig den Garaus machte. Da aber Politiker kleinen Formats häufig glauben, sich als Politiker zu geriercn. wenn sie mit unwahren Methoden ihnen zweckdienliche Wirkungen erzielen, so ist die Breslauer Bevölkerung in der letzten Woche mit einer kleinen Ritualmordhetz.e beglückt worden. Die kam etwas zu spät im Kalender, denn das Pessachfest ist lange vorbei, schien aber bei geschickter journalistischer Ausmachung doch nicht aussichtslos. Deun die Bevölkerung Breslaus mar mit Recht über den grauenhaften Lustmord an zwei Kindern — die dritte in der Reihe noch nicht aufgeklärter Mordtaten in den letzten Monaten — aufs tiefste erregt. Jedoch mutzte diese Ritnalmordyetze bald im Sande verlausen. In den zirka siebzig Fällen von Ritualmordanklagen. die die antisemitische Bewegung der achtziger Jahre auö der Geschichte zusammewgeklaubt hatte und von denen kein einziger — man lese das obenerwähnte Buch von Strack — einer unvoreingenommenen wissenschaftlichen Untersuchung stanühält. hat sich doch immerhin sozusagen ein Schema für Ritualmoröhetzen herausgebildet. Und trotz aller, geschickten Anfmachung entsprach der Fall diesem Schema nicht. In der Tagespresse ist das ausführlich genug behandelt morden und ebenso die Ansicht aller Sachverständigen, daß es sich hier um einen typischen psychopathischen Lustmord handle. Inzwischen hat auf unsere Anfrage am Donnerötagvormittag die Kriminalpolizei nochmals ausdrücklich erklärt, dß der jüdische Selbstmörder Hase mit dem Kindermord in keinen irgendwie gearteten Zusammenhang gebracht werden kann. Wir wollen auf diese Seite der Augelgeuheit nicht weiter eingehen, denn sie ist, wie schon gesagt, bis zum Ueberdruß in der Oefsentlichkeit abgehandelt worden. Mer noch ein prinzipielles Wort, das wir bisher in den Kundmachungen des Polizeipräsidiums und in der Presse von links vis rechts vergeblich suchen. Wir wollen kuxz und offen sagen: wir empfinden cs als einen ungeheuerlichen Skandal, daß in den Pressekonferenzen des Polizeipräsidiums und in der Tages^- preffe, vom Hakenkreuzlervlatt bis zur „Breslauer Zeitung" und „Bolkswacht" inklusive die Möglichkeit eines Ritualmorües ernsthaft zur Debatte gestanden hat, als ob es so etwas wirklich gäbe. Ueberall die Ueberschriften: Ritual - mord oder Lustmord? ufw. — Und niemand ist auf die Idee gekommen, auszusprechen, daß daS Märchen vom Ritnalmvrd der Inden, im Mittelalter, in schlechter Nachahmung" der gegen die Christen in den ersten Jahrhunderten der Zeitrechnung erhobenen Beschuldigungen, ein aus Fanatismus geborener phantastischer Aberglaube, heute ein plumper politischer Schwindel ist. Sollen wir hier noch einmal all die Gründe anseinandcrsetzen. die kritischen, historischen Untersuchungen aufzählen, deretwegen heute kein Historiker, kein Theologe, kein in dieser Richtung wissenschaftlich tätiger Gelehrter, mehr daran glaubt, daß die Juden oder auch einzelne Juden, oder eine jüdische Sekte die liebliche Gewohn-i heit hätten. Christenblut als Zutat zur Bereitung ihrer „Osterkuchen" oder zu irgendeinem sonstigen Zweck zu ge-! brauchen? Sollen wir hier die Anfangsgrünöe der Historik und Logik lehren? Wir lehnen das ab. Aber warum müssen wir, das jüdische Blatt, die ersten sein, die gegen die ungeheuerliche Verunglimpfung des Judentums protestieren, die in dieser ganzen öffentlichen Debatte lag? Wir wollen nicht auf die Eirrzel-s heilen eingehen, nicht darauf, daß die .Schlesische Zeitung" die Aussprache in der Pressekonferenz, in der die Polizei erstmalig erklärte, daß der Fall Hase nichts mit dem Kindermord zu tun hätte, so ausmachte, daß jeder Ahnungslose glauben mutzte, es wäre möglicherweise doch etwas an Her- Sache dran. Ist das deuMnatipnale -^PoMk?,d<Mch^nichtz /

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.