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Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-06-25 · 26 (25.6.1926) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
26 (25.6.1926)
Date
1926-06-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
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IWchMevEewng Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Bezugspreis durch die «eschLfisfleve ^jährlich M. 2.50 Linzelnummer 0.20. Bei freier Lufeuduug i. Inland 0.2S Für die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis rr im Mlgliedsbeitrage enthalte». :r s r: Chefredakteur: Dipl.'3ng. Druuo Dspda. vis „Jüdisch-Nvsralv Zeitung" erscheint jeden Sreitag. Nedaktion u. Seschüttsflells: veriin S>V, WUbelmftr. 147. ffernrut: ßafenfyei&e 3358, 3359 Poftfd)«cfcfeonto: Berlin ÜW7 nr.13700» (Vereinigung für Vas liberale Judentum Nadjbruck fAmtlidjer Originat-Beitrage nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion gestattet. Anzeigenpreise: Die 12gespaltene Nonpareillezeile 0.45 Goldmark, die Rrklamezeile 3.00 Goldmark, bei :: :: :: Wiederholungen Rabatt. :: u s Anzeigenannahme: „jüdisch-liberale Zeitung" Änseratenabteilung: Berlin ED 48, Dilhelmstrahe 147 (Hasenheide: 3358-59). sowie sämtl. Anuoncen-Lxped. Nr. 26 Berlin. 25. Juni 1926 6. Jahrgang Vor der Londoner Velllonserenz. Die Internationale Zusammenkunft liberaler Juden. in London vom 10. bis 12. Juli. Bon Rabbiner Dr. Selig mann-Frankfurt. Bor mir liegt ein Aktenstück aus den Jahren 1913/14. Es war die Zeit vor dem Weltkrieg, von der uns ein traumhaft weiter Abgrund trennt. Damals stand ich in regem Gedankenaustausch mit englischen und amerilanrschelt Freunden und Kollegen. In London sollte im August 1913 eine Besprechung in engerem Kveise stattfinden, an der Stephen Wise aus New Work, Louis Germain Levy aus Paris, ich selbst und die hervorragendsten Vertreter des liberalen Judentums in England teilnehmen sollten. Aus der Besprechung, die aus äußeren Gründen nicht in dem geplanten Umfang zustande kam, ging eiu von Stephen Wise entworfenes Zirkularschreiben hervor, das, unterzeichnet von Claude G. Montesiore-London, Professor Abrahams-Cambridge. Emil Hirsch-Chicago. Kaufmann Köhler-Cincinnati. Stephen Wise- New Bork. Louis Germain Levy-Pariö, Professor Klein-Stockholm, Ziegler-Karlsbad und von mir. sich an weitere 20 bis 30 bekannte Vertreter des liberalen Judentums in den verschiedensten Ländern wandte, um einen internationalen Zusammenschluß des religiös-liberalen Judentums herbeizuführen. Da das Schriftstück historische Bedeutung hat, sei es hier im Wortlaut mitgeteilt: „The outstanding fact with regard to the Liberal movement in Judaism is the clear revival and deepening of interest in it throughout the world. It therefore becomes the morc necessary that the various efforts which are being made in many lands to promote the Liberal Cause should be organised. There are many jpröblems which can best be met by United counsel. lherc are questions, theological and historical, the cöii^ideration of which needs the combined thought of the leaders of Liberal Judaism. It has occured to the undersigned that an International Conference of Liberal Judaism, to be held at intervals, perhaps, of three or five years, should be constituted, the first meeting io be held in Europe in the summer of 1914. A Committee of 15 to 20 is to be formed, charged with the duty of ealling the first Conference together, and preparing its Programme. Of this Committee, you are asked to become a member, and we have every confidence that you will accept this invitation.“*) Neben dieser geplanten Weltkonferenz des liberalen Judentums ging ein zwischen Pros. Abrahamö- Cambrrdge, Claude G. Montesiore-London und mir, als Schriftleiter der Monatsschrift „Liberales Judentum", erörterter Gedanke an eine internationale jüdisch-liberale Zeitschrift einher, die zur Verbreitung und wissenschaftlichen Vertiefung wie auch zur Popularisierung religiös-liberaler Ideen dienen sollte. Die Zeitschrift sollte nicht abonniert, sondern durch Mitgliedschaft der zu errichtenden internationalen Gesellschaft zugänglich gemacht werden. Die Zeitschrift sollte zugleich in drei Sprachen, deutsch, englisch und französisch erscheinen. Aus allen diesen Plänen und Vorbereitungen ging die für den 31. Oktober bis 2. November 1914 in Aussicht genommene erste internationale Tagung des libe- *) Die bemerkenswerte Tatsache hinsichtlick der liberalen Bewegung innerhalb des Judentums ist die deutliche Neubelebung und Vertiefung ihres. Einflusses über die ganze Welt. Um so notwendiger ist es deshalb, daß die verschiedenen Bemühungen, die in vielen Ländern gemacht werden, um die liberale Sache zu fördern, organisiert werden. Es gibt eine Reihe von Problemen, die am besten durch gemeinsame Beratungen gelöst werden können. Es gibt Fragen, theologische und historische, deren Erwägung des gemeinsamen Nachdenkens der Führer des liberalen Judentums bedarf. So kam den Unterzeichneten der Gedanke, daß eine internationale Konferenz des liberalen Judentums, die in Zwischenräumen von etwa drei bis fünf Jahren abzuhalten sei. geschaffen werden solle. Die «rste Zusammenkunft soll in Europa im Sommer 1914 abgehalten werden. Ein Komitee von 15 bis 20 Persönlichkeiten ist zu bilden, das die Aufgabe übernimmt, aemeinschastlich die erste Konferenz einzubernfen und das Programm vorzuberciten. Diesem Komitee als Mitglied beizutreten werden Sie gebeten, und wir haben das sicher« Vertrauen, daß Sie diese Einladung annehmen werden. ralen Judentums in Elberfeld hervor. Eine große internationale Kundgebung des zu neuem Lebenswillen erwachten religiös-liberalen Judentums sollte es werden. Aus den Vereinigten Staaten, ans Südamerika, aus Südafrika, aus den englischen Kolonien, aus fast allen europäischen Ländern, England. Frankreich, Italien, Oesterreich-Ungarn, den Balkanländern, Rußland, Schweden, Dänemark hatten Delegierte ihr Erscheinen zugesagt oder in Aussicht gestellt. Als Redner ans der Tagung waren in Aussicht genommen und hatten ihre Bereitwilligkeit größtenteils schon zugesagt Claude G. Montefiore für England, Köhler für Amerika, Germain Levy für Frankreich. Ziegler für Oesterreich-Ungarn und Baeck für Deutschland. Aus England waren, außer Montefiore» Rabbi I. Mattuck, Professor Abrahams, Rev. M. Joseph, aus Paris außer Germain Levy der Präsident der Union liberale, ans den Bereinigten Staaten Deutsch-Cincinnati, Schnlman-New Aork, Stephen Wise- New Dort ltitö viele andere aus vielen Ländern angemeldet. Da brach die Katastrophe des Weltkriegs herein und zerriß auf lange Zeit alle Fäden internationaler Vereinigung. Aber geistige Notwendigkeiten lassen sich wohl eine Zeitlang zurückdämmen, doch nicht aus der Welt schaffen. Und so wird im Juli dieses Jahres, was in Deutschland geplant ivar, in England zur Wirklichkeit werden! Wehmutvolle Stimmung will uns beschleichen, daß der für Deutschland verlorene Krieg auch in diese Regionen religiös-kulturellen Lebens seine Auswirkungen entsendet. Nach Spaniens Glanzperiode war es Deutschland gewesen, von dem die neue Blüte geistigen Lebens im Judentum — nach einem dreihundertjährigcn Mittelalter — seinen Ausgang nahm. Moses Mendelssohn, Leopold Zunz, Abraham Geiger und nach ihnen und neben ihnen eine unübersehbare Reihe glänzender Größen, wissenschaftliche Forscher. Theologen. Künstler, Politiker haben Deutschland zu dem Ruhme einer neuen geistigen Hegemonie der jüdischen Diaspora erhoben. Von Deutschland ging die Erneuerung des Judentums ans. In Deutschland wurden die theologischen Schlachten des neuen Rabbinismus geschlagen. In Deutschland entstanden Reform und Neu-Orthodoxie und haben von Deutschland aus ihren Siegeszng durch die jüdische Welt angetreten. Und so ist es letzten Endes ein deutscher Blütentraum, der in London zur Erfüllung reist. Wohin die Wellen des neuen Geistes, der von Deutschland ansgegangeu. nicht schlugen, wo die Altorthodoxie unbeeinflußt von dem neuen Leben, das von Deutschland seinen Ausgang nahm, die Dinge gehen und treiben ließ, wie sie wollten, da herrscht an religiösen Tod grenzende Stille. Kirchhofsfrieden. Eine Dolchstoßlegende ist es, wenn von fanatischen Gegnern des liberalen Judentums behauptet wird, die Erneuerung des Judentums in Deutschland, das was man Reform oder liberales Judentum nennt, habe den Abfall gefördert, habe den Jndifferentismus großgezogen. Umgekehrt ist es: Der Abfall, die Massentaufen, der Jndifferentismus der oberen Zehntausend ist der Reform vorangegangen. Die Reform war geradezu das Kampfmittel gegen die immer weiter fortschreitende Auflösung des Judentums. Ans dieser Auflösung des jüdischen Lebens innerhalb der Altorthodoxie. aus der Tatsache, daß die alten Synagogen verödeten, die alten Rabbiner ihren Einfluß verloren, daß die Kinder der Altorthodoxie — unbeeinflußt von der damals noch gar nicht existierenden Reform — mit der erlangten Bildung und dem wirtschaftlichen Ausstieg geraden Weges in die Kirche Uesen oder der Aufklärung, dem blutleeren Freidenkertum, sich in die Arme warfen, ist die neue Gestaltung des Judentums entstanden, die in Deutschland die Hunderttausende dem jüdischen Leben und Denken erhalten hat, wo in airderen vom neuen Leben des Judentums unberührten Ländern, mit der Bildung und dem wirtschaftlichen Aufstieg, religiöse Assimilation und Jndifferentismus ihre traurigen Triumphe feiern. Bon Deutschland ausgehend hielt die Reform ihren siegreichen Einzug in Nordamerika und weckte dort ein jüdisches Leben voll unvergleichlicher Fruchtbarkeit. Bon Deutschland zog die Reform neuerdings nach Frankreich und England und weckte auch dort in Kreisen, die dem Judentum sonst sich entfremdet hätten, neues Leben aus den Ruinen. 'Nicht aus den Häusern der Reformer sind Jne englischen D'Jsraelr, die deutschen Mendelssohn- Bartholdy, Michael Bernays. Selig Capel, Emil Frensdorf und — bis in die allerneueste Zeit hinern — die abtrünnigen oder indifferenten Kinder und Enkel der Altgläubigen hervorgegangen! „Seit dem Aufkommen des Reformjndcntnms". so klagt der evangelische Missionar de le Roi, „ist das Bekehrungsgeschäft schlechter geworden." lind Lazar Riester, -der orthodoxe Schwiegersohn des Hanrburger Oberrabbiners Raphael Cohen, stellt, gegenüber den Verketzerern des Hamburger Tempels, fest, daß der Tempel von solchen gegründet worden sei. die „zur Huld des Vaters znrücktehren wollen". Dies fei dem neuesten Rufer im Streit gegen das liberale Judentum, der ans entlegenen Winkeln belangloser Autoren oder ans vereinzelten Aeußerungen einseitig eingestellter Gelehrten seine stumpfen Waffen znsammensncht, Herrn Chief Rabbi Dr. I. H. Herst in London ins Stammbuch geschrieben. Wie einst iu Hamburg der Chacham Bernaus das erstarkende Leben des Hamburger Tempels, dem die alten Räume zu eug geworden waren und der sich ein neues großes Gotteshaus zu bauen im Begriffe stand, mit Verketzerung zu ersticken versuchte, so sieht sich der Oberrabbiner Dr. Hertz, angesichts der bevorstehenden Weltkonferenz des liberalen Judentums in London, angesichts bet Tatsache, daß die Einberufung dieser Konferenz von der Londoner Jewifh ReligiouS Union ausgeht, die, aus kleinsten Anfängen entstanden, sich vor kurzem die größte Synagoge Englands bauen Surfte — ganz ähnlich jenen: fast um hundert Jahre zurückliegenden Vorgehen von Bernays. sieht sich jetzt Herr Dr. Hertz bemüßigt, in einer Streitschrift: THENEWPÄTHS Whither do they lead? Three Sermons über die neuen Hellenisten Londons seinen Wehernf zu erheben und sic schwarz in schnmrz und noch schwärzer zu malen. Aber die Hellenisten der Makkabäerzeit lv-aren Verräter an ihrem Judentum. Sic waren Ueberläufer, die ihre Brüder im Stiche ließen, und Zeus und Aphrodite opferten. Sie waren Abtrünnige, die von ihrem Judentum als Religion nichts wissen wollten. Wer. wie die Londoner Reformgemeinde und wie das gesamte liberal-religiöse Judentum, die Entfremdeten um die Fahne des Judentums sammeln, wer die Vttterrcligion wieder zu einer Lebensmacht für diejenigen erheben will, denen cs nichts mehr oder kaum noch etwas wert war, wer dem Judentum und seiner Religion Gotteshäuser und Religionsschulen grürrdet, wer, inmitten der gewaltigen Umwandlungen. die die neuen Generationen des Judentums durch die Bildung der Zeit, durch die wirtschaftliche Umwälzung, durch das ganze Heraustreten aus dem geistigen, sozialen und wirtschaftlichen Ghetto erfahren haben, einen neuen Weg sucht, um die überlieferten religiösen Gedanken und' Satzungen, Formen und Institutionen mit dem Denken, Empfinden und den Lebensmöglichkeitcn unserer Zeit pietätvoll auszugleichen. der dient dem Judentum mehr, als wer nichts weiter vermag, als wehklagen und jammern über den Verfall; er dient ihm mehr als diejenigen, die fatalistisch zusehen, wie ein Geschlecht nach dem andern dem altfrommen Judentum verloren geht, um sich — wenn kein liberales Judentum wäre — dem Nichts in die Arme zu werfen. Wenn kein liberales Judentum wäre. wie viele Juden zählte dann noch das deutsche, das europäische, das amerikanische Judentum? Wenn jeder, der nicht „traditiouell-gesctzestreu" ist. kein Jude mehr wäre, oder ein minderwertiger, ein sündiger Jude, ein „irrender Brnder", wie ihn die neueste Ausklärungs¬ und Werbeschrift der „Achdnth" in selbstgefälligem gDDranmraanxnmnDDDnira 8 Tage vor Ihrer Reise müssen Sie bei Ihrem zuständigen Postamt die Ueberweisung beantragen, wenn Ihnen die „Jüdisch-liberale Zeitung" auf kürzere oder längere Zeit in die Sommerfrische nachgesaudt werden soll. rrmüULOXiJUünnnnr^^

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