Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 48 (27.11.1925)
- Date
- 1925-11-27
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Provinz zahlreich besucht war. Auch die jüdischen Wohl- EahrtSorganisationen der angrenzenden Gebiete hatten Vertreter entsandt. ... , Die Tagung beschäftigte sich vornehmlich mit zwei Fragen. einmalmit -er Frage der Organisation der jüdischen Provinziellen Fürsorge. über die die Herren. Dr. Segall- Berlin (Thema: Die gegenwärtig« Situation der jüdischen Wohlfahrtspflege) und Dr. »ofef Frank Htrankfurt (Thema: Die Arbeit des Landesverbandes und die Fortbildung der provinziellen Wohlfahrtspflege) referierten, ferner mit der Regelung der jüdischen Wandersürsorge. sowie der Bekämpfung des Wanderdettels, über welche die Herren Rudel- Berlin lThema: Ueber die Organisation der Wandersürsforge) und Dr. BeatuS-Frankfurt (Thema: Ueber die Tätigkeit der Beratungsstelle und ihre speziellen Aufgaben) sprachen. In der sich an die Vorträge anschließenden Diskussion wurden die Ausführungen der Referenten noch un, terstrichen. Die dargelegten Resolutionen, die auf strafferes «organisatorisches Zusammenarbeiten der jüdischen Wohlfahrtspflege in der Provinz Hinzielen, und' die des ferneren bezweckten, die WanderfürsorLe von dem Prinzip« der Verschickung auf möglichst große Strecken ausgehend eine einheitliche Organisation der jüdischen Wohlfahrtspflege im ganzen Reiche zu erzielen, fanden einstimmig Annahme. Die noch notwendigen organisatorischen Arbeiten sollen auf einer Lemnächstigen Besprechung in Harburg festgelegt werden. GSttingeu. (Tod des Lehrers Blumenfeld.) Im 84. Lebensjahr« verstarb der hier im Ruhestand lebende Lehrer S. Blumenfeld. Ein halbes Jahrhundert hat der Verewigt« im naben Adelebsen als Lehrer und Kantor segensreich gewirkt und durch sein freundliches Wesen überall Achtung und Liebe gefunden. Dem Verein jüdischer Lehrer der Provinz Hannover stand er viele Jahre als Voristtzenber vor. und auch in dieser Eigenschaft hat er treu und gewissenhaft seines Amtes gewaltet. Seinen Bcrufsgenossen war er ein umsichtiger Führer und Väterlicher Berater, der Li« StandeSinteressen mit Würde und Geschick zu vertreten wußte. Sein Leichenbegängnis, das in Adelebsen stattfand, legte Zeugnis ab von der allgemeinen Wertschätzung, deren sich her Verstorbene in wetten Kreisen erfreute. An der Lrauerfeier im Sterbe hause beteiligten sich neben den Göttinger Freunden viele ehemalige Schüler und Bekannte aus dem Ort« seiner früheren Wirksamkeit. Auch zahlreiche Amtsgenossen gaben dem Nestor der jüdischen Lehrerschaft der Provinz Hannover das letzte Geleit. Landrabbiner Dr. Lewinsky. Hildesheim, entwarf an der Bahre ein Charakterbild des Entschlafenen, der Liebe aesät und Achtung und Ehre geerntet hatte. LudwigSburg. (Aus st erben einer alten jüdisch « n G e m e i n d e.) In Höchberg bei Ludwigsburg wurde in der letzten Woche die letzt« jüdische Frau, die durch ihren heiteren Ginn und ihr Wohltun weithin bekannte Karoline Falk, bestattet. Am Grase schilderten Lehrer Metzger-Ludwigsbuoa und Oberlehrer Erlebacher-Oberdorf deren treffliche Eigenschaften. Da der Gatte voraussichtlich zu seiner Tochter nach Baisingen überfiedelt, so ist dann die altchrwürdige Gemeinde Höchberg ausgestorben. Rheine (Erhaltungder j ü d i s ch e n S ch u l e.) Die Bestimmung, nach welcher die jüdische Schule hier aufgehoben werden sollt«, ist dem Vernehmen nach zurückgenommen. Das vorläufige Weiterbestehen der konfessionellen Schule erscheint somit gesichert und ruft in der jüdischen Gcweinde eine giewisse Beruhigung hervor. Wetzlar. (Aufklärung eines Synagogenieinbruchs.) Einer der Einbrecher, welche im Juli MS Ä«s der Geschichte der jüdische» Schule in Märkisch-^rtedland. Von A. Strukat. Zu den ältesten Städten der Ostmark gehört Märkisch- Friedland in der heutigen Provinz Grenzmark. Noch vor Hundert Jahren war mehr als die Hälfte der Einwohner jüdisch, und den Juden verdankte die Stadt auch ihre damalige wirtschaftliche Höhe. Durch den Ausweisungsbefehl des Kurfürsten Georg vom Jahre 1588 wurden sie aus Brandenburg vertrieben, und die ersten kamen etwa im Jahre 1850 in Märkisch-Friedland an. wo sie Neustadt und die Vorstädte vom Lobitzer-Damm und Mühlentor erbauten, denn in der eigentlichen Stadt wollte man sie nicht dulden. Im Jahre 1717 brachte ein neuer Ausweisungsbefehl wieder einen größeren Zuschub aus Brandenburg, so daß im Jahre 1778 schon 133 Judenfamilien in der Stadt wohnten. Im Jahre 1783 waren es 872 Einwohner und 1804 schon 859, also die Hälfte der Einwohner der ganzen Stadt. Nun fing die Zahl der Juden an. langsam aber sicher zu sinken, denn die reichen Familien zogen fort, besonders nach Berlin. Zu Anfang des 19. Jahrhunderts war der Rabbiner Akiba Eger der Führer der jüdischen Gemeinde. Er stand in dem Ruse eines großen Gelehrten und halben Heiligen. Seine kleine Gestalt und sein blasses Gesicht widersprachen der Sage nicht, daß er wöchentlich mehrere Tage faste und auf bloßer Diele schlafe. Ueberaus gewissenhaft war er in der Befolgung aller talmudischen Vorschriften und Gesetze, und man kann es sich heute kaum vorstellen, welche ungeheure Last auf feinen Schultern lag. Von Nah und Fern strömten die jungen Leute zu ihm, um sich von ihm im Talmud unterrichten zu lassen. Gr gründete ein Seminar, und di« Schüler desselben mußten die jüdischen Kinder unterrichten. Eger kam als Oberrabbiner nach Posen, aber schon zu seiner.Zeit waren mehrere Privatschulen entstanden, von denen die Antonsche mit drei Lehrkräften die längste Lebensdauer hatte. Nun erfolgte 1818 eine königliche Kabinettsorder. welche bestimmte, daß die Privatschulen ganz aushörcn sollten. In der Stadt entstand nun ein Streit in der Schulfrage. Behörde und Magistrat wünschten die Unterbringung der jüdischen Schüler in der Stadtschule, an der man einen jüdischen Lehrer anstellen wollte, dagegen waren die Juden für eine öffentliche jüdische Schul«, und nach längeren Verhandlungen ging die Regierung auch darauf ein. So entstand eine vierklassige jüdische Schule, an welcher die Lehrer Friedländer und Cohn angestellt wurden. Um einen recht tüchtigen Rektor zu erhalten, wandte sich der Vorstand der jüdischen Gemeinde an den Kanzler der Universität Halle, den berühmten Vädaaoaen Niemeyer. der einen seiner Schüler. Dessau, empfahl. Trotzdem er ein Christ war, wurde er gewählt und von der Negierung bestätigt, denn er hatte sich bereits als Pädagoge und Naturforscher einen Namen gemacht und ein Werk geschrieben: „Ueber ein neues System der natürlichen Körper". — Lehrer Frieölänöer erhielt den Titel Konrektor. Er stammte aus Friedland in Sachsen und war vorübergehend Hauslehrer in Spechtsdorf. Die Liebe seiner Glaubensgenossen konnte er sich nicht erwerben, da er unjttdii'ch lebte. Er starb 1844 und ruht auf Hem jüdischen Friedhof. — Cohn, der sich Suk. rektor nannte, kam 1814 aus Stolv. Er war technischer Lehrer, und durch sein ruhiges und stilles Wesen war er recht beliebt und blieb auch allen Streitiakeiten fern, die später zwischen Rektor und Konrektor entstanden. — Botten, ^er vierte Lehrer, war Kantor und unterrichtete HebräiH und de» Talmud. Er war aus Bottky in Rußland gekommen. den Einbruchsöiebstahl in die hiesige Synagoge ausführten, hat sich gestern in Würzburg selbst der Kriminalpolizei gestellt. ES handelt sich um den 20 jährigen Heinrich Seelig von Würzburg. Aufzuklären bleibt noch, wie der Einbruchs, diebstahl ausgeführt ivurde und wer dt« übrigen Mittäter sind. Bekanntlich wurdeki die aus der Synagoge gestohlenen Messegeräte einige Zeit nach dem Einbruchsdiebstahl bei einem Althändler in Hamburg von der Hamburger Kriminal, polizei beschlagnahmt, ohne daß es möglich war, die Diebe festzunehmen. Würzburg. (Arbeitsnachweis für jüdisch« Frauen.) Der israelitische Frauenverein Würzburg hat einen Arbeitsnachweis mit Berufsberatung eingerichtet. Der. selbe bat sich zur Ausgabe gesetzt, jüdischen Frauen und Mädchen. deren Unterkommen durch die augenblickliche Wirtschaftliche Lage besonders erschwert ist. Erwerbsmöglichkeiten: zu verschaffen. Der Arbeitsnachweis wird Stellen benötigen für kaufmännische, gewerbliche, hauswirtschaftliche und pädagogische Kräfte, für Schwestern. Heimarbeiterinnen usw. Anfragen sind zu richten an: Arbeitsnachweis und Berufs, beratung für jüdische Frauen und Mädchen Würzburg. Kettengasse 26. Aus der Bewegung Berlin. (Liberaler Verein. Bezirksgruppe Steglitz, Friedenau und südwestliche Bororte.) Einen überaus anregenden und für die liberale Bewegung erfolgreichen Verlauf hatte die Versammlung am 18. d. M.. in welcher Herr Robert Hirschfeld über das Thema „Die Bibel als Grundlage des religiösen Liberalismus" sprach. Nach einer Erläuterung des Begriffes „liberales Judentum" ging der Redner auf die Entstehung, Bedeutung und Auffassung des Bibeltextes ein und erläuterte an zahlreichen Beispielen die Uebereinstimmung der liberalen Anschauung mit der der Bibel. Aus der Versammlung wurden dann noch zahlreiche Anfragen an den Referenten gestellt, die diesem Veranlassung gaben, in interessanten und eingehenden Aussübrungen den liberalen Standpunkt darzulegen. Reicher Beifall lohnte den Redner, und die Schlußworte des Vorsitzenden, in welchem er zum Beitritt zum liberalen Verein aufforderte, hatten einen vollen Erfolg, so daß die Bezirksgruppe mit Befriedigung auf diese Veranstaltung zurückblicken kann. Berlin. (Liberaler Verein. Bezirksgruppe Charlottenburg.) Die Bezirksgruppe Charlottenburg hielt am 11. November im Anschlntz an eine Mitgliederversammlung eine ziemlich gut besuchte öffentliche Versammlung ab, in welcher der Syndikus der Bereinigung für das liberale Judentum. Herr Rechtsanwalt Dr. Mayer, über das Thema „Falscher und wahrer Liberalismus in Theorie und Praxis" sprach. Die Ausführungen waren bei aller Sachlichkeit, Gründlichkeit und Klarheit von tiefstem religiösen Empfinden getragen und hätten vor allem den Gegnern des liberalen Judentums — Orthodoxen und Indifferenten — zeigen können, welche positiven Werte der wahre religiöse Liberalismus in sich schließt und wie ein Judentum in unserem Sinne moderne Weltanschauung und echte Religiosität in sich vereinigt uuö so die uneingeschränkte Einheit zwischen Leben und Lehre verwirklicht. Leider war von denjenigen, die an der Möglichkeit dieser Synthese noch immer zweifeln und durch Herrn Dr. Mayer eines Besseren hätten belehrt werden können, niemand erschienen. Der ungeteilte und lebhafte Beifall, der dem Vortrage folgte, bewies, baß mmmm nm „ ■ mim iii ii r wmmutommmmmmmmmmmm Im Jahre 1825 starb er in hohem Alter nn.d hinterließ eine Witwe und vier Kinder in den dürftigsten Verhältnissen. Es machte sich das Bedürfnis nach einem eigenen Schulhause geltend, und durch die Stiftung von B. Markwald aus Berlin war es möglich, im April 1819 den Bau eines zweistöckigen Schulcham'es zu beginnen und im Herbste desselben Jahres zu vollenden. Der Rest der Baukosten wurde 1825 durch einen Zuschuß der jüdischen Gemeinde bezahlt. Am 24. Oktober 1819 wurde die neue Anstalt mit den vier Lehrern unter großen Feierlichkeiten eingeweiht. Die Schulkinder gingen paarweise aus dem bisherigen vorläufigen Schulzimmer in das mit Kränzen und Lanbgewinden geschmückte neuerbaute Haus. Die Rektoren beider Schulen, der Magistrat, die Stadtverordneten und der Landrat sowie eine Menge anderer Gäste nahmen an der Feier teil. Aus dem Schulhause bewegte sich der Zug nach der Synagoge, wo der um das jüdische Schulwesen so verdienstvolle Arzt Dr. Phöbus eine Rede hielt. Die Knaben sangen vassende Psalmen, und die so würdig verlaufene Feier schien von guter Bedeutung für die Schule zu sein. Das Ansehen der Schule wuchs, und in einer Schülerliste des Lehrers Lindenberg aus dem Jahre 1855 findet man Schüler aus Deutsch-Krone, Tust. Jastrow, Tempelburg, Rummelsburg. Kallies, Driesen, Reetz. Filehne, Bromberg, Fordon. Zirke. Bernstein u. a. Die Leistungen waren hervorragende, und Lehrer, Eltern und Schüler lebten in schönster Harmonie. Tüchtige Gelehrte sind aus der Schule hernorgeaangen, so der berühmte Arzt Dr. I. Phöbus, später Professor der Universität Gießen. Wenn Rektor Dessau die Schule auch als eine höhere ansah, so erkannte die Negierung ihr durch eine Verfügung vom 26. Oktober 1822 nur den Rang einer höheren Elementarschule zu und unterstellte sie der Aufsicht des Superintendenten Kirsch in Neugolz, der am 5. Juli desselben Jahres eine Revision abgehalten hatte. Nach einem Bericht des Rektors wurden di« Klassen in folgender Weise verwaltet: I. Knabenklasie — Rektor Dessau. II. Knabenklasse und I. Mädchenklasie — Konrektor Friedländer. III. Knabenklasse und II. Mädchenklasie — Subrektor Cohn. IV. Knabenklasie und III. Mädchenklasie — Kantor Bottky. In den Parallelklassen wa,- der Stoff kombiniert: der Rektor gab 26. die anderen Lehrer 82 Stunden. Beispielsweise hatte die erste Knabenklasie 10 Stunden Religion, 4 Stunden, französisch. 3 Stunden Latein. 2 Stunden Erdkunde, 1 Stunde Geschichte. 1 Stunde deutsche Grammatik, 2 Stunden deutsche Analysis und Lektüre, 1 Stunde deutsche Ausarbeitung. 1 Stunde Naturkunde, 2 Stunden Rechnen. 2 Stunden Kalligraphie. 1 Stunde Zeichnen, zusammen 30 Stunden. Als Bottky im Jahre 1825 starb, kam an seine Stelle der Lehrer Stenzel, der in Oppeln seine Anstellungsprüfung abgelegt hatte. In diesem Jahre hatte die Schule 160 Schüler, davon in der I. Klasse 18. in der II. 36, in der III. 45 und in der IV. Klaffe 61 Schüler. Zwischen dem Rektor und dem Superintendenten Kirsch entstand bald ein gespanntes Verhältnis, denn letzterer hatte einmal für eine Revision statt zwei vier Taler aus unbekannten Gründen erhoben, was Desiau der Regierung heimlich gemeldet hatte. Diese verlangte von dem Superintendenten die Rückzahlung der zuviel erhobenen zwei Taler. Mit der Freundschaft beider war es nun vorbei. Dessau weigerte sich, den Superintendenten als seinen Vorgesetzten anzverkennen und verlangte, der Regierung direkt unterstellt zu werden. woraus diese aber nicht einging. Da trat der Rektor auch gegen die Negierung auf. bis diese das ganze Material nur Anhänger der Gebankengänge des Referenten anwesend waren. Herr Dr. Mayer beleuchtete das schwierige und interessante Thema nach den verschiedensten Seiten, er zeigte» wie weit vom wahren Liberalismus die verschiedenen Spielarten des falschen Liberalismus entfernt find: der sog. Liberalismus der vielen Indifferenten, die nur Lei den Wahlen liberal stimmen, der rein politisch eingestellte Liberalismus ohne religiöse Grundlage, der Assimilationsltberalismus derer, die im Aufsehen des modernen Judentums in der deutschen Kultur ohne Rücksicht auf seinen inneren religiösen Gehalt und seine Geschichte das einzige Ziel des jüdischen Liberalismus erblicken, und der Pseudoliberalismus derjenigen, die nur von deu anderen Beobachtung der Zeremonialgesetze verlangen und sich selbst nicht daran gebunden halten. Der Vortragende wies auf die ebenso schwere wie dankbare Aufgabe hin, all diese Mitläufer als aufrichtige Anhänger und Mitkämpfer unserer Sache zu gewinnen, er bezeichnete als Grundlage des wahren religiösen Liberalismus tiefes religiöses Empfinden des einzelnen und hierauf fußend seine Erfüllung mit positiver Disposition zum religiösen Gemeinschaftsleben, dieses wieder solle sich — in HauS, Gemeindeleben, Gottesdienst — auswirken in der Üebung derjenigen überlieferten schönen Gebräuche, die mit der inneren Wahrhaftigkeit des modernen Menschen im Einklang stehen. An den Vortrag schloß sich eine sehr lebhafte und au8* gedehnte Diskussion. Die einzelnen Redner stellten sich auf den Boden der vom Referenten entwickelten Anschauungen. Hervorgehoben werden muß, daß von verschiedenen Seiten als besonders hinderlich für die Ausbreitung unserer Ideen betont wurde die zu geringe Zahl wirklich liberaler Gemeinderabbiner und deren noch geringere Beteiligung an unseren Veranstaltungen: die allgemeine Hintansetzung liberaler Forderungen durch die Gemeindebehörden, die zu geringe Zahl liberaler Synagogen und die dadurch lhervorgeruseuen Mißstände aus dem Gebiete der Synagogenplätzevernichtung wurden aufs schärfste gegeißelt, es wurde mit Recht betont, daß gerade wir Liberalen verpflichtet seien, in bezug auf Liesen Punkt für Abhilfe zu sorgen. Berlin. (Jüdisch-liberaler Jugendverein ,Jli" zu Berlin.) Am Donnerstag, den 19. November, hielt unser Ili-Mitglied Rita Scherk einen Vortrag über die Mythologie in den ersten Kapiteln der Genesis. In der Einleitung führte die Rednerin die Quellen an, aus welchen die Erzählungen des ersten Buches Mose stammen könnten« Da die Juden in enger Beziehung zu Len Babyloniern standen, besonders während des Exils, so ließe sich annehmen, daß die Sage über die Entstehung der Welt sowie die darauffolgenden Erzählungen über das Paradies, Kain, die Sintflut und den Turmbau zu Babel von den Babyloniern übernommen find, aber die weiteren Ausführungen der Referentin bewiesen, daß dies trotz aller Aehnlichkeit nicht der Fall sein kann, da sich viele mehr oder minder starke Widersprüche in den Einzelheiten zeigten. Im folgenden verglich Rita Scherk die Tradition der andern Völker der alten Welt (Perser, Aegypter, Babylonier, Inder) betreffs Entstehungsgeschichte der Welt, und auch hier wurde festgestellt, daß alle Sagen sich sehr ähneln und doch etwas Verschiedenes sind. Ueberall folgt auf ein paradiesisches Leben die ständige Verschlechterung der Lebenslage der Menschen, und wenn stets von einer Sintflut die Rede war, so handelte es sich vielleicht um eine gemeinsame Erinnerung an eine große Ueberschwemmung, die durch die geographische Lage der Gegenden bedingt war. Auch die Erzählung vom Turmbau zu Babel und der Sprachverwirrung spiegelt sich bei den verschiedensten Völkern wieder (sogar in Mexiko), und man glaubt. Ueberreste dieses Turmes in Babylonien gefunden zu haben, zumal jenes Land überhaupt die Heimat der Stufentürme ist. Zum Schluß folgerte Rita Scherk auS dem Oberverivaltungsgericht übergab, und der Rektor würde wegen Widerstand gegen Vorgesetzte gerichtlich bestraft. Leider wurde auch das Verhältnis der Lehrer untereinander immer schlechter, besonders zwischen Dessau und Friedländer. Die Streitigkeiten, aus kleinen Ursachen hervor« gegangen, breiteten sich weiter aus. Alle Instanzen wurden mit Gesuchen überhäuft, und man wandte sich sogar an den König. Dieses Schreiben ging aber ungelesen dem „Ministerium des Innern und der Polizei" zu. Von dort wurde mitgeteilt, daß die Schule eine öffentliche sei und Dessau nur abzugehen brauche, wenn er es freiwilligtüte. Das lehnte er aber ab. und als man ihn nach einer Abfindungssumme fragte, verlangte er 2000 Taler und das rückständige Gehalt. Nun fingen die Verhandlungen wieder an, und endlich zahlte ihm die jüdische Gemeinde die Summe von 2851 Talern 7 Silbergroschen und 6 Pfennigen. Beide Teile waren mit dem Erfolge zufrieden. Dessau ging nach Tempelburg, wo er als Privatmann lebte. Bei der Gründung der Schule hatte man vergessen, ihr eine Zukunft zu sichern. Damals waren die Juden recht zahlreich und wohlhabend, und die Ansammlung eines großen Fonds wäre sehr leicht gewesen. Aber schon un: 1830 zogen viele reiche Juden nach Berlin, und die Schule wurde immex kleiner. Es wurde immer schwerer, aus dem Schulgelde den Schuletat, der 1500 Taler erforderte, aufzubringen. Doch fanden sich noch ab und zu Gönner, die über Zeiten der Not hinmeghalfen. Mit Dessau ging auch Stenzel ab, den man schon von Ans fang an nicht fest angestellt hatte, und die Schule wurde zweiklassig mit Friedlander und Cohn. Elfterer war zeit-« weise kränklich und dachte an seine Pensionierung. Zum 1. August 1840 wollte er entlassen sein, aber man wollte ihn gern behalten. Er bekam einen längeren Urlaub und wurde durch Hirsch Anton vertreten. Fricdländer wurde nicht mehr gesund: 1843 erhielt er noch Unterstützung für einen Kuraufenthalt in Polzin, aber Ende des Jahres starb er. Die Schülerzahl betrug zu dieser Zeit in der I. Klasse 34, in der II. Klasse S1 Schüler. Als Nachfolger Friedläuders beschäftigte mau zunächst Aron Moses Barasch aus Köln am Rhein, dann wurde Bernhard Lindenberg aus Stolp berufen. Er wurde aber nur vertraglich angestellt, erhielt ein kleineres Gehalt und den Titel Lehrer. Gegen die Anstellung auf Zeit protestierte er vergeblich, auch die gerichtliche Entscheidung, die er anrief, konnte ihm nicht viel helfen. Man sah wohl voraus, daß die Schule immer kleiner wurde und wollte sich nicht binden. Die jüdische Gemeinde glaubte sogar besser zu fahren, wenn sie die Schule zu einer Prioatschule umgestaltete. Die Behörde lehnte diesen Antrag aber ab, weil sie fürchtete, daß die Schule dann noch kleiner würde, weil wegen des erhöhten Schulgeldes sicher eine größere Schülerzahl abgehen würde: sie hatte nur 82 Schüler. Nach dem Tode öeS Rabbiners Wolfs hatte man dessen Nachfolger Dr. Frankel aus Köslin 20 Stunden wöchentlichen Unterricht übertragen. Da er sich aber mit der Gemeinde entzweite, ging er bald ab, und es trat 1847 ein Dr. Coßmann an seine Stelle. Wie groß die Liebe war, die er sich in kurzer Zeit erwarb, zeigte sich in der herzlichen Anteilnahme während seiner Krankheit. Die Gemeinde ließ die tüchtigsten Aerzte kommen, aber die Krankheit, ein Herzleiden, zwang ihn. den Unterricht aufzugeben. Das verlangte auch die Negierung, weil der Rabbiner keine lehramtliche Prüfung abgelegt hatte. Der Lateinunterricht wurde nun durch den französischen ersetzt und von dem Kandidaten Bröse übernommen, der aber hier nur 1853 und 1834 verblieb. Im folgenden Jahre starb Dr. Coßmann und wurde unter großer Antellnahrne der jüdischen Gemeinde zu Grabe getragen, Von seine»