Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 48 (27.11.1925)
- Date
- 1925-11-27
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Ihren Ausführungen, daß die jüdische Ueberlieferung doch vollkommen ihre Eigenheiten in diese» mythologischen Erzählungen aufweist. — Die anschließende Diskussion fand unter -reger Beteiligung aller Anwesenden statt. GS kamhauptsachlich die Sintflut im Vergleich zu der Parallelerzählung der germanischen Ebda zur Aussprache, sowie die Vertreibung aus dem Paradies, was man sowohl als Wohltat als auch als Strafe betrachten kann. Erst zu vorgerückter Stunde trennten wir uns nach diesem zugleich belehrenden und interessanten Bortrag, dessen Thema nicht ganz leicht zu bearbeiten war. Berlin. (Jüdisch-liberaler Juaendverein «I l t".) Aus der Gruppe Südwesten (Führer Ludwig Lewin, Charlottenburg 5. Riehlstr. 9) berichtet ein Mitglied: „An unserem, letzten Heimabend sprachen wir über das Buch Hiob. Es ist das Buch der Bibel, in dem die Frage auf- Sirfen wird: Warum geht es dem Guten schlecht und dem echten gut auf der Welt? Hiob, der fromme Mann, wird plötzlich von grobem Unheil betroffen, seine Kinder sterben, er selbst wird vom Aussatz befallen. Da erhebt er die Frage: Warum trifft mich dieses ganze Unheil? Seine Freunde sind schnell fertig mit der Antwort: Du hast sicher eine Sünde begangen, sonst könnte dich solch Unglück ja gar nicht treffen, denn Gott verläßt den Schuldlosen nicht. Hiob aber fühlt sich schuldlos, Unglück träfe auch Schuldlose, und auch Frevlern gehe es manchmal gut. Er fühlt sich so weit seines Rechtes bewußt, daß er schließlich den großartigen Ausspruch tut: „Gott wird Recht verschaffen dem Manne bet Gott, im Himmel ist mein Zeuge!" Dieser Satz — das war das Ergebnis unserer Aussprache — ist grundlegend, es gibt etwas im Menschen, das für ihn bei Gott und den Menschen zeugt, auch wenn er selber schon zur Grube gefahren ist, seine Taten als Ausfluß seiner sittlichen Persönlichkeit. In diesem Sinne gibt es auch bei uns eine Unsterblichkeit deL sittlichen Strebens, der sittlichen Tat." Die Gruppe Ollen (Führerin Betty Markus, N58, Schönhauser Allee 152) erörterte auf Wunsch ihrer Mitglieder das Problem der „jüdischen Schule" an ihrem letzten Heimabend. Der Bericht eines Gruppenmitgliedes lautet: „Ein Mitglied unserer Gruppe hatte das einleitende Referat übernommen und sagte: „Der Liberalismus betont den Gedanken der Entwicklung und muß die jüdische Schule als etwas Rückschrittliches ablehnen. Sie bedeutet eine konfessionelle Absonderung und steht im Gegensatz zu allen interkonfessionellen Strömungen zum rein Menschlichen hin. Viele Eltern aber sagen sich, ihr Kind werde schon früh genug den Antisemitismus spüren, es solle wenigstens während seiner Schulzeit davon verschont bleiben, und so schicken sie es irr eine jüdische Schule. Sie bedenken nicht, daß sich das sechsjährige Kind verhältnismäßig leicht an die christliche Umgebung gewöhnt, andererseits daß es im Verkehr mit den Mitschülern diesen wenigstens etwas Achtung vor dem Judentum beibringen kann. Viel schwieriger ist cs doch für einen der Schule entwachsenen jungen Menschen, sich dann erst in die Umwelt einzufinden. Den Religionsunterricht sollen die Kinder in den Religionsschulen nehmen, die natürlich weiter bestehen sollen. Wir nahmen alle Stellung zu dieser Frage. Zwei Möglichkeiten gibt es — so fanden wir — die die jüdische Schule trotzdem notwendig machen oder machen könnten: Ostjüdische Kinder, die noch kein Deutsch können, sollen in jüdischen Schulen für die deutschen vorbereitet werden. Falls es in Deutschland überhaupt nur noch konfessionelle Schulen geben sollte, so müßten die jüdischen Kinder natürlich auch jüdische Schulen haben. Im allgemeinen stimmten wir fast alle dem Referat darin zu, ' jüdische Schulen ebenso wie konfessionelle Schulen überhaupt abzulehnen." Gruppe Süden (Führer HanS Rosenberger. Steglitz, Friedrichsruher Straße dtzs hatte zufällia auch als Thema eines Heimabends Moses Mendelssohn gewählt. Der leider nur sehr kurze Bericht eines Mitgliedes lautet: „Au unserem letzten Heimabend sprach ein Gruppenmitglied über das Thema Moses Mendelssohn. Gr wies auf die große Bedeutung Mendelssohns als deutscher Jude bin. Weiter schilderte er die freundschaftlichen Beziehungen Mendelssohns zu Lessing, als deren Produkt „Nathan der Weise" anzusehen sei. Unser Führer behandelte dann Mendelssohns Philosophie, nur in kurzen Zügen, denn in einem späteren Bortraa will er ausführlich darüber sprechen." Breslau. (Ili „Abraham Geiger") Unter der bewährten Leitung unseres Bervinsmttgliedes Herrn Kantor Wartenberger fand am 8. November ein Vereinsabend statt, an dem vornehmlich musikalisch-deklamatorische Darbietungen Mboten wurden. Wie glücklich der Rahmen dieser Veranstaltung gewählt war. bewies der erfreulich starke Besuch des Abends und der herzliche Beifall aller Anwesenden für alle Vorträge. Alfred unh Bruno Fuchs erfreuten uns durch ein Flöteusolo mit Klavierbegleitung. Ruth. Pollack rezitiert „Ghetto" und „Die Landstreicher", Hermann Sachs „Alexan. der und Poros" und „Was der Lehrer erzählt" und Kanior Wartenberger reißt die Zuhörer durch seinen Gesang „Harre Israel" mit sich fort. In einer kurzen Pause findet Berger Gelegenheit auf unsere Arbeit und Ziele hinzuweisen. Unser jüngstes Mitglied, Dorothea Glücksmann, las mit feinem Verständnis ,/Glaube" und „Gottsucher". Gedichte von Ludwig Franz Meyer. Bruno Fuchs solgite mit Liedern zur Laute ,Heruscholajim" und „Zehn Brüder sind wir gewesen", die stürmischen Beifall fanden. Ein Duett von Hendel und ein Menuett von Bocheri von Alfred und Bruno Fuchs zum Bortrag gebracht, zeigte, wie diese Brüder die Instrumente beherrschen und zum Abschluß singt mit lebhaftem Beifall begrüßt Kantor Wartenberger, der verdienstvolle Leiter deS Abends ein Jargon Lied „Marizza". Für den Dank an alle Mitwirkenden findet Lotte Rosenthal Worte, die gleichzeitig auf den Wert dieser Abende Hinweisen und unsere Mitglieder zu jeder Art Betätigung auffordern. Eine große Anzahl nuferer Mitglieder und unser gesamter Vorstand nahm an der Gründung des schlesischen Landesverbandes am Sonntag, den 8. November, teil. Es ist uns ein Herzensbedürfnis, unseren lieben Liegnitzer Freunden auch an dieser Stelle für die so freundliche Aufnahme und die anregenden Stunden, die leider nur zu schnell verstrichen, zu danken. Es bleibt nur zu wünschen, daß Zusammenkünfte dieser Art recht oft stattfinden, um weiten Kreisen Gelegenheit zur Aussprache und zu einer engen persönlichen Fühlungnahme zu geben. Es freut uns feststellen zu können daß der Breslauer Jli die Notwendigkeit des schlesischen Landesverbandes bereits seit langer Zeit erkannt und nach besten Kräften sein Zustandekommen gefördert hat. Dte Gruppe ,-Süöen" unter Leitung von Alfred Berger ist regelmäßig vierzehntagig zusammengetreten. Zuerst wurde die Ausgabe dieser Gruppe vom Leiter genau dargelegt und dann folgten jedes Mal mit freier sehr interessanter Aussprache Referate von Günther Goldblum „Meine Stellungnahme zum Zionismus" und „Warum bin ich liberaler Jude", Ludwig Freund sprach an einem besonderen Abend über „Zionismus" und für den nächsten Abend hat Hermann Sachs ein Referat über den deutschen Erziehungs¬ und Entwicklungsgedanken in Aussicht genommen. Tank des Entgegenkommens unserer Mitglieder konnten alle Zusammenkünfte in Privatwohnungen stattfinden. Der Vortragsabend am Bußtag-Abend, an dem unser Ehrenmitglied Herr Gemeinderabbiner Dr.Goldmaun-Leipzig' über „National. International. Uebernational". in einer sehr stark besuchten öffentlichen Versammlung sprach, gestaltete sich zu einer machtvollen Kundgebung. Wir laßen einen besonderen Bericht über diese sehr interessant verlaufene Versammlung folgen. Cottbus. Die für Sonntag, den 18. d. M.. im Namen hiesiger rühriger Freunde der religiösen liberalen Bewegung anberaumte Versammlung hiesiger Gemeindemitglieder war gut besucht. In wohlgefügten und überlegten Worten sprach Herr Rechtsanwalt Dr. Mayer über „Grundlagen. Ziele und Gegenwartsaufgaben des religiösen Liberalismus", fesselte das Publikum mehr als eine Stunde und löste reichen Beifall aus, der auch noch durch den Leiter der Versammlung, Herrn Studienrat Fleischer, zum Ausdruck gebracht wurde. Die sich daran anschließende Debatte wurde von zwei Herren, welche dem Zionismus angehören, zu Angriffen gegen liberale Juden benützt. ES war von den Herren übersehen worden, daß eS sich um religiösen Liberalismus handelte. Sie mußten sich gefallen lassen, baß sie selbst als Inden gekennzeichnet wurden, welche sich vom Zeremonialgesetz selbst nicht mehr beeinflussen laßen. In einem schönen Schlußwort ging Herr Dr. Mayer auf das Verhältnis von Zionismus und liberalem Judentum ein und kenn zeichnete damit auch die Ansichten der Anwesenden darüber, was die allgemeine Zustimmung zu den neuen Ausführungen bekundete. Eine Stätte des liberalen Judentums war Cottbus schon immer; jetzt gilt es aber auch, den Zusammenschluß de, Gleichgesinnten herbeizuführen, wie es sich bestens in der Zugehörigkeit zur Vereinigung für das liberale Judentum offenbart. Dafür war der Vortrag gute Vorarbeit. Forst i. L. Auf Veranlassung eines Komitees non drei Farster Mitgliedern hielt am 15. November 1925, nachmittags 4 Ubr der Syndikus der Vereinigung für das liberale Judentum, Herr Rechtsanwalt Dr. Max Mayer, im Saale des Hotels Mohr einen Vortrag. DaS Thema lautete: „Was ist und was will der religiöse Liberalismus?" Der Redner brachte den andächtig Lauschenden Altes und Neues, wie das religiöse Leben sich gestaltet hat und gestalten soll, zum vollen Verständnis. Durch Witte, Ziel und Tat solle die jüdische Gemeinschaft zufammengefaht werden. Jeder sei für die Ausübung seiner Religiosität allein verantwortlich, aber diese müsse sich in der Gesamtheit auswirken. Nach dem formvollendeten Vortrage nahm ein Herr, der sich auch liberal nannte, das Wort zu Entgegnungen, die aber durch andere Redner und schließlich zum Schluß von dem Herrn Referenten vollends widerlegt wurden. Die mittels Rundschreiben geladenen Gemeindemitglieöer mit ihren Angehörigen waren zahlreich erschienen und spendeten dem Redner nach seinen Ausführungen wiederholt reichen Beifall. Die Zukunft wird sicher neue Beitritte bringen. Der Anfang dazu wurde gleich nach der Versammlung gemacht. Frankfurt a. M. (Jüdisch-liberale Jugendg e m e i n >s ch a f t.) An unserem letzten Heimabend bericht tcte Herr Dr. Hosfmann über die Ratifbkatton der Konferenz von Locarno, über die Aufstände von Syrien und Heb sch as, über die schwierige Lage der dortigen Inden, die sowohl von den Englänbern, als auch von den Arabern abhängig sind unk» es mit beiden nicht verderben dürfen. Hierbei wurde» auch jüdisch-politische Probleme im allgemeinen erörtert. Alsdann folgte eine Besprechung des 1. Artikels von Dr, Jacob im „Morgen" über das 1. Buch Mose. Die treffenden Ansfüh-runmil Dr. Jacobs gaben reiche Gelegenheit zur Aussprache über allgemein-religiöse Fragen. Der Unterschied! Nachfolgern hat man keinen mehr zum Unterricht heranc zogen. , Am 2. Oktober 1868 wurde einstweilig angestellt der L« rer Pinkrrs Kunz, nachdem Cohn abgeganqen war, dai trat Gustav Simon an seine Stelle. Am 22. April 1873 trat Hermann Geisenberg und am 1. Mai 1676 Moritz Beer ei Sie waren die letzten Lehrer der jüdischen Schule. Nach dem Abgang von Geisenberg, im Jahre 1882, wur die Schule sogar einklassig, und die Schülerzahl sank imm mehr. Geisenberg war in diesem Jahre in das Kollecü der evangelischen Stadtschule eingetreten und unterricht» an den konfessionell gemischten Klassen derselben. Bc führte nun die jüdische Schule, die nur ans drei Unterstufe Jahrgängen bestand, im Verbände der evangelisch Schule weiter. Am 1. Januar 1897 wurde die jüdische Kta aufgelöst, und Neer trat, wie schon norsier Geisenbera. ne ständig in die Stadtschule über. Er starb später nnd Geisc berg wurde versetzt. Daß jüdische SchulhauZ wurde nun v der Stadtschule mttbenutzt und später von der Synagoge gemeinde verkauft. Es steht noch heute. Wie schnell die Schülerzahl der jüdischen Schule sw zeigt folgende Ausstellung: Es waren 1818: 210 SÄüler und 4 Lehrer 4 04 A * 1819: 870 1825: 160 184f: 95 1845: 90 1851: 81 1884: 15 1885: 19 1897: 11 iovi: n „ 1 „ So war eine Schuleinrichtung, die segensreich ger hatte, in kaum 80 Jahren zu hoher Blüte gelangt und schwunden. Der Einsiedler von der Pavillonsgra In der schönen malerischen Residenz Hollands, Haag, lebte im Jahre 1670, also im Zeitalter LudwigS ) die greise Witwe Johanna van de Werve. Sie war Rotterdam gebürtig. Nach dem Tode ihres Mannes, Advokaten Willem van de Werve, war sie aus dem Zent der Stadt in eine abseits gelegene Straße gezogen, dem Hause Nr. 32 der „Stillen Beerkade" bewohnte sie paar Zimmer, wovon sie eines, es war nach hinten auf Hof gelegen, einem etwa 38jährigen Manne vermietet h Aber schon nach einigen Monaten hatte bieser den mit se Wirtin abgeschlossenen Mietsvertrag gekündigt, weil Aufenthalt bei der Witwe ihm bei seinen kärglichen (§ Mitteln zu teuer kam. Schnell hatte er seine wenigen Lilien zusammengetragen und auf einen Karren gela den er Anfang Mai des Jahres 1674, nicht weit von „Stillen Beerkade", in die Pavillonsgracht brachte, w> sich nieberlietz zu ruhigem, beschaulichem Leben. S neuen Wirtsleute, ein ehrbares Handwerkerpaar, Namen van der Spyck, waren froh darob, einen zu lästigen und — berühmten Mann als Dauermieter ge den zu haben. Für achtzig Gulden jährlich hatte der neue Einwo — Barnch Spinoza war sein Name — bei den biederen -er Spycks eine große, leere Hinterstube, auf der Rück des HanseS gelegen, bezogen. Ein paar Stühle unkleiner Tisch aus Eichenholz standen in der Mitte Zimmers. Ein einfaches Holzbett, das er von seinem T Michael Spinoza geerbt hatte, mit Decken und Gard belegt und verhängt, wenige, doch kostbare, aber ein Kleider, dazu noch einen lackierten alten Koffer, das m seinen spärlichen Hausrat ans. An der Wand Hins einem großen, schwarzen Rahmen bas Bild seiner Mutter Hannah Deborah Spinoza, das einzige Porträt, welches er überhaupt sein eigen nennen konnte. Oft saß er an seinem kleinen Schachbrett, auf dem er zum Vergnügen oder zum Ausruhen mit einem seiner Freunde Schach spielte. Nicht weit von seinem Bett stand eine Drehbank zum Schleifen von Linsen mit den dazu gehörigen Werkzeugen. Der inzwischen zur Berühmtheit gelangte jüdische Denker war überzeugt von der talmudischen Wahrheit, die besagt, dah ein Gelehrtenleben ohne Verbindung mit einem Brotberuf unwürdig sei. Und so ward er denn Vrillenglasschleifer. Pünktlich an jedem Quartalsende zahlte er seine Rechnung, indem er -es öfteren zu seinen Wirtslcuten sich äußerte: ,.Jch mache eS wie die Schlange, die am Ende des Jahres sich in den Schwanz beißt: ich will nur soviel übrig behalten, wie zu einem ehrlichen Begräbnis hin reicht. Meine Verwandten sollen nichts von mir erben: sie haben es nicht danach getrieben." Sparsam und genügsam war sein Leben. Nur um nicht anderer Leute Brot anzunehmen, schränkte er seine Lebensweise auf das Notwendigste ein. Fast regelmäßig aß er Milchbrei mit Butter und trank dazu ein wenig Bier. Zuweilen auch nährte er sich von Grütze mit Butter und Rosinen. Wochen-, ja monatelang saß er zu Hause, den überwiegenden Teil des Tages mit Linsenschleifen beschäftigt. Ab und zu besuchten ihn Freunde, mit denen er in wissenschaftlichen Gesprächen verweilte. In stillen, einsamen Abend« und Nachtstunden saß er in Gedanken vertieft an seinem Tisch und schrieb seine Werke nieder. Niemandem fiel er zur Last, da er still in seiner Kammer Llieb. Es kam vor, wenn van Betrachtungen ermüdet, daß er in die Stube zu seinen Hauslenien trat, wo er, sich an den Herd setzend, Tagesereignisse besprach nnd zu seinem Vergnügen sich gern eine Pfeife Tabak anzündete. Wenn er in seiner Kammer hin und her ging, blieb er zuweilen vor seinem auS Fichtenholz verfertigten Bücherschrank stehen. Auf fünf Fächern war seine umfangreiche Bibliothek verteilt. Unter den aus allen Völkerliteraturen stammenden Büchern ragte besonders seine jüdische Bibliothek hervor. Hier fand sich u. a. die große Bibelausgabe von Buxtars, die hebräischen Bibelkommentare des Abraham ibn Esra und des Levi ben Gerson (Ralbag.j, die hebräische Konkordanz des Rabbi Isaak Nathan, der More Nebnchim des Maimonides und die Werke des Flanius Joseyhus. Daneben standen kabbalistische Werke des Joseph öel Medigo und Manasse ben Israel „Hoffnung Israel". Letzteres war u. a. gewidmet „dem sehr edlen,* verständigen und berühmten Herrn Abgeordneten und Parnes der Heiligen Talmud Tora Gemeinde Michael Spinoza". Besonders bemerkenswert war eine Pessach-Haggaöa und eine Beschreibung des salomonischen Tempels ... Es war im Februar des Jahres 1673. Baruch Spinoza saß, in seinem „Japonsche rok" gehüllt, mit Linsenschleifen beschäftigt. Und hereintrat Margareta van der Spyck, seine Wirtin, ihm einen Brief überreichend, um sich dann wieder zu entfernen. Er öffnete den Brief und las: „Sehr berühmter Herr! Seine Durchlaucht der Kurfürst von der Pfalz, mein gnädiger Herr, hat mir aufgetragen, Ihnen, der Sie mir bis henie noch unbekannt sind, der aber bei seiner Durchlaucht in hoher Gunst steht, zu schreiben und Sie zu fragen, vb Sie geneigt wären, eine Berufung zum ordentlichen Professor der Philosophie an seiner Universität anzunehmen. Das Gehalt wirb dasselbe sein wie bas der anderen ordentlichen Professoren. Sie werden nirgends einen Fürsten finden, der gegen ausgezeichnete Talente, unter die er auch Sie zählt, wohlgesinnter ist. Es soll Ihnen die größtmögliche Freiheit des Philosophierens zugestanden werden, und er baut darauf, daß Sie dieselbe nicht zum Umsturz des öffentlichen Gottesdienstes mißbrauchen werden. Ich erfülle meinerseits den Auftrag meincs^hpryweisen Fürsten und ersuche Sie sehr bringend, mir mÜLMst schnell zu antworten und Ihre Antwort entweden^an Dr. Grotius, den Residenten des Kurfürsten im Haag, oder an Herrn Gillis van der Hek zu adressieren, damit sie dieselbe in das Paket Briefe einschlietzen, das man gewöhnlich an unseren Hof schickt, oder vielleicht wollen Sie noch eine andere, Ihnen besser zusagende Gelegenheit benützen. Nur noch eines will ich hinzufügen, daß, wenn Sie hierherkommen. Sie ein eines Philosophen würdiges Leben führen können, wenn nicht alles anders ausfällt, wie wir hoffen und erwarten. Hiermit, hochgeehrter Herr, leben Sie wohl Ihr dienstwilliger I. Ludwig Fabrieius, Professor der Universität Heidelberg und Rat des Kurfürsten von der Pfalz. Heidelberg, den 16. Februar 1673. Spinoza hatte in seiner Klugheit sogleich durchschaut, wie es. kommen kann, falls er die Berufung annehmen würde. Und nach Wochen der Erwägungen und Ueberlegungen sandte er nachstehende Zeilen an FabricillL: „Hochgeehrter Herr! Wenn es je mein Wunsch gewesen wäre, eine Professur, an irgendeiner Fakultät anzunehmen, daun hätte ich nur die wünschen können, die mir durch Sie im Namen des Durchlauchtigsten Kurfürsten von der Pfalz angeboten wird, zumal wegen der Freiheit des Philosophierens, die der gnädige Herr mir gütig zugesteht: ganz zu schweigen von der Tatsache, baß ich schon lange unter der Negierung eines Fürsten zu leben wünschte, dessen Weisheit alle bewundern. Doch weil es niemals mein Plan war, öffentlich als Lehrer aufzutreten, konnte ich es nicht über mich gewinnen, diese ausgezeichnete Gelegenheit zu ergreifen, obgleich ich die Sache lange bei mir erwogen habe. Denn ich bedenke erstens, daß ich mit der Förderung der Philosophie aufhören muß, wenn ich mich dem Unterricht der Jugend widmen will. Zweitens weiß ich nicht, in welchen Grenzen die Freiheit des Philosophierens sich abschließen muß, damit ich nicht den Schein erweckte, als wollte ich ben öffentlich festgestellten Gottesdienst stören, da Spaltungen ja nicht sowohl aus innigem Religionseifer Herkommen, als vielmehr aus der Meinungsverschiedenheit der Menschen und aus ihrer Sucht zu widersprechen, womit mau alles» wie gut es immer gesagt sei, zu verdrehen und zu verdammen pflegt. Da ich dies in meinem einsamen Privatleben schon erfahren habe, wie vielmehr ist es dann zu befürchten, wenn ich zu dieser Stufe der Würdigkeit emporsteige. Sie sehen also, werter Herr, daß ich nicht zögere, weil ich auf ein größeres Gut hoffe, sondern aus Liebe zur Rnhe, die ich mir noch zu erhalten hoffe, wenn ich mich von öffentlichen Vorlesungen fernhalte. Deshalb ersuche ich Sie dringend, den Durchlauchtigen Kurfürsten zu bitten, daß er mir erlaube, die Sache noch etwas zu überlegen, sowie auch, daß Sie fortsahren mögen, mir die Gunst des Kurfürsten zu gewinnen, womit Sie, hochgeehrter Herr, immer mehr verpflichten werden Ihren öienstvollen B. de Spinoza. Den Haag, den 80. März 1673. Spinoza hatte seine Antwort sehr richtig in BorauSahnung des Kommenden abgefaßt. Denn kurze Zeit darauf sielen die Franzosen sengend und mordend in die Rhein- Pfalz ein. Die Universität Heidelberg wurde geschloffen, sämtliche Professoren in die unwirtliche Fremde verbannt, wo sie jahrelang umherirren mußten. Spinoza, der Einsiedler von der PavtllonSgracht, stieg fortan immer mehr zu Ansehen und Ehre empor. Er ward einer der Größten, den die Erde je getragen hat. Willy Äron-HamSurg»